Schacholympiade (2): Sicheres 3,5:0,5 der Männer gegen Usbekistan III, Frauen überrollen Irland 4:0

Zwei Kantersiege für die Nationalmannschaften in der zweiten Runde der Schacholympiade: Die Männer besiegten das stark eingeschätzte Usbekistan III mit 3,5:0,5. Die Frauen gaben mit einem 4:0 über Irland die passende Antwort auf den wackeligen Turniereinstieg gegen den krassen Außenseiter Malta. 

Dritte Runde: Wieder gegen Usbekistan

Jetzt geht es für beide Teams mit Rückenwind in die dritte Runde, in der erfahrungsgemäß zum ersten Mal mit ernsthaftem Widerstand zu rechnen sein wird. Speziell die Männer werden versuchen, nach Drittrundenniederlagen 2022 und 2024 (gegen Österreich und Litauen) keine Drittrunden-Stolper-Serie entstehen zu lassen. Die Männer treffen wieder auf Usbekistan, die mit fünf GM bestückte zweite Mannschaft diesmal (Nummer 30 der Setzliste), die Frauen auf Weißrussland (Nummer 32).

Leider ist die Trennlinie zwischen „Pflichtaufgabe“ und „knackig“ nicht ganz scharf. In der dritten Runde treffen beide Deutschlandvierer auf Mannschaften, die durchaus ein wenig knackig sind, aber dennoch besiegt werden sollten, wenn es normal läuft.

In der zweiten Runde tauschten die Bundestrainer Jan Gustafsson (Männer) und Zahar Efimenko (Frauen) jeweils das erste Brett. Bei den Männern setzte Matthias Blübaum aus, und Vincent Keymer kam zu seinem Olympia-Einstand 2026. Bei den Frauen spielte Elisabeth Pähtz ihre erste klassische Partie seit dem 19. April nach fünfmonatiger Babypause. Dinara Wagner, nach eigener Aussage “etwas traurig” über ihr Remis am Vortag, setzte aus.

Der während der Matches unbeschäftigte Gustafsson hat jetzt dem DSB offenbart, was er am Rande der Bretter seiner Schützlinge liest: “The Secret History*”, den 1992 erschienenen Debütroman der Pulitzerpreisträgerin Donna Tartt – auf Englisch. “Gar nicht so leicht” sei die Lektüre, sagt Gustafsson. Obwohl sein Englisch vorzeigbar ist, bleibt er gelegentlich an Wörtern hängen, die es noch nicht in sein Vokabular geschafft haben. Und so fragte Gustafsson sich während der ersten Runde, was wohl “Ravine” bedeutet. “Schlucht” wäre die Antwort gewesen.

Bundestrainerlektüre.

Deutschland vs. Usbekistan III 3,5:0,5

In eine solche zu stürzen, drohte gegen die usbekische Drittvertretung nicht. Die, besetzt mit fünf aufstrebenden IM, sei “ein sehr ernster Gegner“, hatte Gustafsson vor dem Match gewarnt, wahrscheinlich der schwierigste Gegner von denen, die es hätten werden können. Tatsächlich haben einige junge Usbeken schon die Skalps von Eloriesen erbeutet, allen voran Alexander Donchenkos Gegenüber. Almas Rakhmatullaev hatte beim Titled Tuesday im Januar 2025 mit acht Siegen begonnen, anschließend gegen Alireza Firouzja remisiert und Magnus Carlsen besiegt. Eine Niederlage in der Schlussrunde kostete ihn den Turniersieg. 

Zu den starken Spielern kam ein Kapitän mit Deutschland-Erfahrung. GM Murtas Kazhgaleyev spielte 1996 bei der Olympiade in Jerewan gegen Deutschland, damals für Kasachstan. Seine Partie gegen Christopher Lutz endete remis, ebenso wie die anderen drei Begegnungen des 2:2. Drei Jahrzehnte später saß er nun als Betreuer von Usbekistan III wieder auf der anderen Seite eines Mannschaftskampfs mit deutscher Beteiligung.

Der Deutschlandvierer gegen Usbekistan III. | Foto: Rafal Oleksiewicz/FIDE

All das half nicht, die Usbeken wurden den Vorschusslorbeeren nicht gerecht, auch wenn es zwischenzeitlich 0,5:0,5 stand. Rasmus Svane mit den schwarzen Steinen am vierten Brett saß bald vor einer symmetrischen Stellung, in der Weiß sich zwar eines kleinen Aktivitätsplus erfreute, aber ansonsten nicht viel vorzuweisen hatte, schon gar nicht gegen den solidesten Spieler im deutschen Team. Was schon ausgangs der Eröffnung remisverdächtig aussah, mündete nach 30 Zügen in eine Punkteteilung.

Da hatte Alexander Donchenko gegen Carlsenbesieger Rakhmatullaev die einzig kritische Phase dieses Matches längst überstanden. Als Donchenko in einem unorthodox vorgetragenen London-System seinen weißfeldrigen Läufer zur Passivität verdammte, anstatt ihn gegen die schwarze Königsbastion in Stellung zu bringen, gefiel der Maschine überhaupt nicht, was der deutsche Nationalspieler anstellt. Noch weniger gefiel allerdings die überstürzte Herangehensweise des Usbeken. Er spuckte erst einen Bauern, dann einen zweiten und einen dritten noch dazu, ohne dass sich offenbarte, was das bringt (außer drei Minusbauern).

Vincent Keymers Sieg am ersten Brett gegen Usbekistan III.

Die Führung für Deutschland erzielte Einwechselspieler Vincent Keymer, gegen dessen in aller Ruhe heruntergespieltes Colle-Zukertort der Usbeke kein Mittel fand. Plötzlich waren derart dunkle Wolken über seinem König aufgezogen, dass er zu radikalen Maßnahmen griff (19…f5?!), was seine Lage noch verschlimmerte. Zehn Züge später ließ er sich von einer kleinen Keymerschen Provokation hinreißen, und dann schlug es auch schon tödlich ein – 1,5:0,5.

Die einzige von Beginn an scharfe Partie war das Damengambit auf dem Brett von Frederik Svane. Als der Usbeke im 14. Zug eine dringend angezeigte Prophylaxe verpasste, fuhr Svane schon auf einer Einbahnstraße dem Ziel entgegen. Mit einer hübschen Kombi krönte der Einzelgold-Gewinner von 2024 seine Partie – 2,5:0,5. Danach musste nur noch Donchenko im Endspiel seine drei Mehrbauern verwerten, und der souveräne Sieg über einen vermeintlich gefährlichen Gegner war vollbracht.

Schwarz zieht und gewinnt. Frederik Svane hat gesehen, wie das geht.

Deutschland vs. Irland 4:0

Für Deutschlands Frauen war es das erste Olympiaduell mit Irland seit 40 Jahren. Zuletzt gewann die Bundesrepublik 1986 in Dubai mit 2:1, als noch an drei Brettern gespielt wurde. Auch die drei früheren Begegnungen 1969, 1974 und 1976 hatte Deutschland für sich entschieden. Die Serie hielt.

Am ersten Brett stellte sich Elisabeth Pähtz eine Spielerin, die gerade irische Schachgeschichte geschrieben hat. Trisha Kanyamarala ist die erste Frauengroßmeisterin von der grünen Insel. Die 20-Jährige aus Portlaoise entstammt einer Schachfamilie. Ihr Bruder Tarun war 2022 in Chennai mit von der Partie, als die irischen Männer drauf und dran waren, die hochfavorisierten Deutschen zu ärgern. Beim 1,5:2,5 gegen Germany verdaddelte er gegen Rasmus Svane eine Gewinnstellung zum Remis. 

Elisabeth Pähtz‘ Sieg gegen Irland.

Die Irinnen in Samarkand 2026 konnten von Gewinnstellungen allenfalls träumen. GM Pähtz stand schon ausgangs der Eröffnung riesig. WGM Kanyamarala hatte es versäumt, sich zu entlasten, und saß nun vor einem verknoteten, kaum koordinierbaren Figurenknäuel. Pähtz gab ihr die Chance, sich per Bauernopfer etwas Gegenspiel zu erkämpfen, aber das versiegte schnell. Sehenswert: der effektvolle Schluss 30.Txf6! nebst 1:0 für Deutschland.

Wenn jemand nach dem Auftaktmatch etwas richtigzustellen hatte, dann Hanna Marie Klek. Gegen Irland zeigte sie mit den schwarzen Steinen in einem spanisch anmutenden Sizilianer* ihr wahres Gesicht. Es bedurfte nicht viel mehr als eines falschen Plans der irischen Meisterin von 2025, um auch diese Partie in eine Einbahnstraße zu verwandeln. Klek kam nicht vom Weg ab, sondern zog die Angelegenheit souverän durch – 2:0.

Hier ist noch nichts angebrannt für Weiß, aber die Wurzel allen Übels schon sichtbar. Sf3-h4-f5 war der falsche Plan. Nach 20.Sf5 Lxf5 21.exf6 d5 steht Schwarz prächtig. Das weiße Läuferpaar ist nichts wert, und obendrein liegt …d4 in der Luft, was den Lb1 endgültig von der Partie ausschließt.

Den Sieg brachte die amtierende deutsche Meisterin Jana Schneider unter Dach und Fach. Ausgangs eines positionellen Winawer-Franzosen hatte sie sich mehr Raum und Perspektiven an beiden Flügeln erspielt. Schneider lavierte geduldig, sammelte nach einem taktischen Schnitzer der Irin einen Bauern ein und gewann schließlich das Endspiel – 3:0.

Was die irische Meisterin von 2023 Antonina Gora gegen Lara Schulze anstellte, war mutig, aber nicht gut. Auf Entwicklung verzichtete sie, stürmte stattdessen am Damenflügel voran, ohne dass sich jemals ein günstiges Szenario abzeichnete, zu dem dieses Ungestüm hätte führen können. Allenfalls als Lehrbuchbeispiel für Disharmonie und Unterentwicklung taugte die weiße Stellung, die Schulze bald demontierte – 4:0.

Alle Entwicklungen rund um die Schacholympiade stets hier.

(Titelfoto: Rafal Oleksiewicz/FIDE)

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