Dossiers, Drohungen, Disqualifikation: Wie die Kandidaten um die FIDE-Präsidentschaft ringen
Ein Präsident, der sich zurückzieht und trotzdem weitermacht. Eine anonyme Kampagne. Ein Kandidat, der einen anderen disqualifiziert sehen will. Eine Kontinentalwahl, die mit einem Bestechungsverdacht endet. Ende September wählen rund 200 Delegierte in Samarkand den nächsten FIDE-Präsidenten. Bis dahin läuft das mit harten Bandagen geführte Ringen um die FIDE-Präsidentschaftswahl.

Wer präsidiert jetzt eigentlich?
Formal hat sich Arkady Dvorkovich seit dem 23. Juli zurückgezogen – EU-Sanktionen, Amtsruhe. Sein Stellvertreter Viswanathan Anand ist jetzt Interimspräsident und Timur Turlov neuer Präsidentschaftskandidat an seiner Stelle. Nur: Dvorkovich macht einfach weiter.
Kurz nach der Amtsniederlegung steht er bei der Generalversammlung der African Chess Confederation in Addis Abeba auf der Bühne – und spricht im Wir-Modus der FIDE-Führung: „We just took a decision“, sagt er und verkündet einen direkten World-Cup-Startplatz für jede Kontinentalzone. Großmeister Peter Heine Nielsen dokumentiert wenig später ein weiteres Treffen im äthiopischen Sportministerium – Dvorkovich und Turlov mit dem Sportminister. „Warum agiert Dvorkovich immer noch, als würde er die FIDE repräsentieren?“, fragt Nielsen und bekommt, wie üblich, keine Antwort.
Turlov tritt derweil wiederholt auf offiziellen FIDE-Bühnen auf. Anlässlich eines „Capacity Building Seminar“ in Afrika präsentiert er seinen kasachischen Verband als Erfolgsmodell. Bei der FIDE-Universitäts-WM in Almaty ist seine Freedom Holding als Mitveranstalter gelistet. An den Brettern sitzt ein russisches Team, das hier trotz Suspendierung des Verbands antritt.
Gekaufte Stimmen in Afrika?
Bei den afrikanischen Kontinentalwahlen am 27. Juli sind die von den FIDE-Kandidaten umworbenen afrikanischen Delegierten nicht unter sich. Turlov und Dvorkovich reisen nach Afrika, Jan Henric Buettner und sein Vize Malcolm Pein ebenso. Mit 25 zu 24 gewinnt Benard Wanjala aus Kenia die Wahl zum Präsidenten der African Chess Confederation (ACC) gegen die Amtsinhaberin Tshepiso Lopang. Noch am selben Tag reicht Lopang Beschwerde bei der Wahlkommission ein. Ihr Vorwurf: Gegen ein Uhr nachts habe Wanjala einem Delegierten in der Lobby des Hotels in Addis Abeba einen Umschlag mit 1.500 Dollar überreicht – Geld für eine Stimme.
Wanjala äußert sich zum Bestechungsvorwurf nicht öffentlich, gibt sich stattdessen versöhnlich gegenüber seiner Gegnerin. Aber die lenkt nicht ein: Anfang August erklärt Lopang sich zur Interimspräsidentin in Afrika, bis die Wahlkommission entschieden hat, und sie droht Wanjala mit der Ethikkommission, sollte er die Amtsgeschäfte übernehmen. Aber der tritt derweil längst als amtierender Präsident auf.
Einem unbestätigten Gerücht zufolge soll Lopang nun doch die Wahl ihres Widersachers anerkannt haben. Sollte sich der Streit bis September nicht auflösen, könnten bei der FIDE-Wahl zwei rivalisierende ACC-Delegationen die Führung der afrikanischen Delegierten für sich beanspruchen.
Turlovs Privatverband
2024 stellt Timur Turlov der FIDE-Generalversammlung in Budapest eine neue Organisation vor: die International School Chess Federation, ISCF. „Am Anfang wird es eine private Gesellschaft sein“, sagt er. Später solle daraus eine mitgliederbasierte Föderation werden. Dvorkovich erklärt, die Details könnten später beschlossen werden. Die Generalversammlung nimmt die ISCF sofort als angeschlossene FIDE-Organisation auf.
Zwei Jahre später stellt der ehemalige FIDE-Kommunikationschef David Llada fest, dass sich bis heute auf der ISCF-Website keine Angabe zu Satzung, Vorstand, Mitgliederversammlung oder Rechnungslegung findet. Die ISCF operiert demnach ohne erkennbare Rechtsform. Wer intern die Führung oder die Finanzen kontrolliert, ist unklar.
Die FIDE-Wahlordnung verbietet Kandidaten, Delegierten größere Geschenke oder Vergünstigungen zukommen zu lassen. Umso nützlicher ist diese wilde Organisation unter der Kontrolle eines Kandidaten. Turlov kann damit Delegierten und Verbandspräsidenten Vorteile gewähren, ohne dass diese als Wahlkampfleistungen erscheinen. Im Juli, zwei Wochen vor der ACC-Wahl, richtet die ISCF in Stellenbosch bei Kapstadt die afrikanische Etappe ihrer Schulschach-Weltmeisterschaft aus. Mittendrin: Dvorkovich und Turlov.

Buettner mahnt ab
Der FIDE-Apparat soll neutral sein. Jan Henric Buettner bezweifelt, dass er es ist. Der Präsidentschaftskandidat wirft der Verbandsspitze vor, offene Wahlwerbung für Turlov zu betreiben: FIDE-Personal begleite ihn bei Kampagnenauftritten, organisiere Delegiertentreffen über FIDE-Telefone. Der Verband finanziere möglicherweise Gehälter und Reisen der Beteiligten. Als Schauplätze nennt Buettner in einem Brief an den FIDE-Rat vom 6. August Kapstadt, Bukarest, Addis Abeba – weitere seien in Costa Rica, Aruba, Panama und New York geplant. Der Brief trägt den Betreff „Cease and Desist“, eine Unterlassungsaufforderung: Sofort aufhören, sonst folgen rechtliche Schritte.
Konkret wird Buettner bei einem Detail: Für ein bevorstehendes Turnier in Aruba habe sein Team angeboten, den Preisfonds von 8.000 auf 18.000 Dollar zu erhöhen, um dort ebenfalls Zugang zu den Delegierten zu bekommen. Abgelehnt. Der Unterschied zu Turlov, moniert Buettner: sein Geld sei privates Kampagnenbudget, Turlovs Zugang laufe über FIDE-Personal und FIDE-Ressourcen.
Beweise liefert Buettner nicht, aber das Versprechen, sie auf Wunsch zu liefern. Er verlangt von der FIDE binnen sieben Tagen die schriftliche Zusage, Personal und Mittel künftig aus jedem Wahlkampf herauszuhalten.
Attacken auf Rosenstein
Der Angriff auf Wadim Rosenstein beginnt Ende Juli mit einem anonymen Dossier an Delegierte, das ausgewählte Unternehmensdaten mit offenbar erfundenen Details verbindet: „The Rosenstein File“, das diese Seite eingesehen hat. Darin geht es unter anderem um seine WR-Gruppe und deren weiter existenten russischen Ableger. Eine Reihe der genannten Unternehmenszahlen lässt sich nachvollziehen. Die Zuspitzung zeigt, welches Bild erzeugt werden soll. Ein russischer Telegram-Kanal, spezialisiert auf kompromittierendes Material gegen Prominente, flankiert sogleich das Dokument mit einer Reihe von Vorwürfen: Oligarchennähe, zweifelhafte Verbindungen der Verwandtschaft, eine weiterhin auf Russland fokussierte Geschäftstätigkeit. Zeitgleich schlägt ein ukrainisches Portal unter dem Titel „Kreml-Gambit“ in dieselbe Kerbe.
Die Betreiber des Telegram-Kanals werden per Haftbefehl gesucht – Erpressung und Verleumdung. Das Portal gehört zum Medienimperium des ukrainischen Oligarchen Ihor Kolomojskyj, der seit 2023 wegen Betrugs- und Geldwäschevorwürfen in Untersuchungshaft sitzt.
Rosenstein sieht das Dvorkovich-Turlov-Lager hinter diesen Attacken. Er lässt mitteilen, Turlov und Dvorkovich hätten durchblicken lassen, Angriffe dieser Art würden aufhören, wenn er sich „dem Dvorkovich nahestehenden“ Lager anschließt. Zur Sache lässt Rosenstein unter anderem erklären, ein von der Gegenseite aufgeführter angeblicher Verwandter sei seit neun Jahren tot, und die kolportierten Geschäfte eines anderen Verwandten mit ihm gebe es nicht.
Mit Rosensteins Kandidatur ist in russischen Medien wiederholt das Foto mit Putins PR-Großmeister Sergey Karjakin aus dem Mai 2022 aufgetaucht. Es soll wahrscheinlich das Narrativ von den Kreml-Verbindungen des deutschen Kandidaten stützen. Auch in der jüngsten Wahlkampf-Attacke spielt es eine prominente Rolle. Karjakin allerdings entkräftet den Versuch wenige Tage später selbst, indem er gegenüber TASS Turlov als „ressourcenstarken“ Mann preist, der als FIDE-Präsident viel für das Schach tun könne. Rosenstein erwähnt er gar nicht.
Rosensteins Riposte
Disqualifikation Turlovs – das fordert Rosenstein am 6. August in einem offenen Brief an die FIDE-Wahlkommission und den Sportgerichtshof CAS, sollten sich seine Erkenntnisse bestätigen. Rosenstein stellt vier Forderungen: Turlov solle belegen, dass er tatsächlich aus der russischen Staatsbürgerschaft entlassen wurde. Er solle die Ukraine-Sanktionen gegen ihn offenlegen und deren Risiko für FIDE bewerten lassen. Er solle erklären, ob der FIDE ähnliche Bankprobleme drohen wie ChessBase nach der Übernahme durch Turlov. Und er solle seine angebliche 75-Millionen-Dollar-Schach-Investition im Detail belegen.
Zur Pass-Frage verweist Rosenstein auf ein 2021 veröffentlichtes Dokument, das Turlov zum Zeitpunkt der Ausstellung als „Bürger der Russischen Föderation“ mit Passnummer und Ausstellungsdatum führt. Wenige Tage zuvor hatte Ex-FIDE-Kommunikationschef Llada öffentlich erklärt, Turlov sei noch im Besitz eines 2018 ausgestellten russischen Passes.
Nach Turlovs eigener Darstellung hat er 2022 die russische Staatsbürgerschaft abgelegt. Jetzt antwortet er ausführlich – nicht auf die gestellten Fragen. In einem langen Statement betont er Kasachstans außenpolitische Neutralität, seine eigene Unabhängigkeit und die strengen Offenlegungspflichten seines börsennotierten Unternehmens. Auf Sanktionen, Kontosperrung oder die 75 Millionen geht er nicht ein. Stattdessen präsentiert er einen kasachischen Pass. Dass er einen solchen besitzt, hatte nie jemand bezweifelt.
Das Bedrohungsszenario baut wieder Turlovs Freedom-Kommunikationschef Bulat Latypov auf. Der hatte schon Llada rechtliche Schritte angedroht, wenn er seine Aussage nicht zurückzieht (hat er nicht), und nun verfährt er auf dieselbe Weise. Rosensteins Behauptung sei „komplett unwahr“, und man behalte sich Schritte wegen Verleumdung vor. Latypov präsentiert eine im August 2023 abgelaufene Bescheinigung des russischen Generalkonsulats in Almaty, wonach Turlov nach russischem Recht am 16. Februar 2023 kein Staatsbürger war. Unbeantwortet bleibt die Frage, was mit seinem Pass geschehen ist und wie es um den vermeintlichen Zusammenhang mit dem ChessBase-Bankproblemen steht.
Samarkand wartet
Um die Frage, was gut für den Schachsport wäre, ist es bislang kaum gegangen. Und so verbissen, wie es läuft, wird sich das bis zur Wahl am 26. September kaum ändern. Erst einmal bleibt offen, ob Wanjala oder Lopang für Afrika spricht. Ob Dvorkovichs und Turlovs Unterstellungen verfangen. Ob Turlov alle Pässe gezeigt hat. Ob Buettners Beschwerde je beantwortet wird. Ob Rosensteins Disqualifikationsantrag je geprüft wird. Ob die FIDE-Belegschaft aufhören kann, Partei zu sein.
Sicher ist, vor der Wahl wird Schach gespielt. Am Mittwoch, 16. September, um 12 Uhr deutscher Zeit beginnt die erste Runde der Schacholympiade.


