Während Spieler einreisen dürfen, stehen Delegierte ohne Visum da. Jetzt erwägt die FIDE-Führung, die Präsidentschaftswahl zu verschieben.
Am 26. September sollen rund 200 Delegierte in Samarkand den neuen FIDE-Präsidenten wählen. Allerdings sieht es aus, als dürften insbesondere afrikanische Delegierte nicht in Usbekistan einreisen. Wie kommt das? Und was folgt daraus?
Die drei Tickets liefern sich einen Wahlkampf, der intensiv und hart geführt wird: Dossiers gegen Kandidaten, eine Flut von Schmähgeschichten, gegenseitige Disqualifikationsanträge, Bestechungsvorwürfe. Und nun, wenige Tage vor der Wahl, trifft die im Endspurt befindlichen Kampagnen ein Novum: Es steht im Raum, die Wahl zu verschieben.
Was öffentlich bekannt ist
Am 16. September, dem Tag der Eröffnung der Schacholympiade, veröffentlichte der FIDE-Rat eine Erklärung: Mehreren stimmberechtigten Delegierten fehle weiterhin das Visum für Usbekistan – darunter ein Mitglied des Councils, der Kenianer Benard Wanjala. Der Kongress könne, so die Erklärung, nur unter Bedingungen stattfinden, „in denen alle Berechtigten ihr Recht ausüben können“. Sollte das nicht gewährleistet sein, werde der Rat gemäß der FIDE-Charta eine Verlegung auf einen anderen Termin und an einen anderen Ort in Betracht ziehen.
Das klingt nach einer bürokratischen Notlösung. Auffällig ist der Zeitpunkt. Und das Muster bei der Visa-Vergabe.
Der Wechsel, der die Dynamik änderte
Stunden vor der Council-Erklärung hatte Zurab Azmaiparashvili, unlängst wiedergewählter Präsident des Europaverbands und FIDE-Council-Mitglied, öffentlich gemacht, wen er unterstützt: nicht mehr das Lager um Timur Turlov, sondern Wadim Rosenstein. Der Wechsel dieses schachpolitischen Schwergewichts kurz vor der Wahl verschiebt das Kräfteverhältnis.
In diesem Zusammenhang hat der ehemalige FIDE-Kommunikationschef und Kandidat für die FIDE-Rat-Vizepräsidentschaft David Llada “null Transparenz” festgestellt. Er sagt, seit 2020 würden keine Protokolle der FIDE-Council-Sitzungen mehr veröffentlicht. Sogar Angelegenheiten von der Tragweite einer Wahlverschiebung würden in einer WhatsApp-Gruppe diskutiert.
Das stimmt tatsächlich. Diese Seite hat die WhatsApp-Diskussion führender FIDE-Funktionäre eingesehen. Sie zeigt: Die Verschiebung wird ernsthaft, kontrovers und entlang der Wahlkampf-Lager debattiert. Interimspräsident und Turlov-Vize Viswanathan Anand drängt auf Unterstützung für die öffentliche Linie des Rats. Widerspruch kommt am deutlichsten von Azmaiparashvili, der vor einem gefährlichen Präzedenzfall und Klagen der Kandidaten warnt, die in die Kampagne investiert haben. Auch andere Ratsmitglieder mahnen zur Vorsicht: Eine Verschiebung so kurz vor der Wahl wäre beispiellos.
Der Verdacht
Würde eine Verschiebung einem der Lager nutzen? Dazu Llada: In der langen Geschichte der Demokratie habe nie jemand ernsthaft erwogen, eine Wahl abzusagen, die er zu gewinnen glaubte.
Am schnellsten in die Öffentlichkeit ging Wadim Rosenstein. Schon bevor die Council-Erklärung veröffentlicht wurde, warnte er in einem Statement, die FIDE dürfe den Wahlprozess „nicht stören“. Jede Änderung an Ort, Zulassungsverfahren oder Zeitplan dürfe keinem Kandidaten einen Vor- oder Nachteil verschaffen.
Auch Jan Henric Buettners Lager positionierte sich klar: Einen Tag nach der Council-Erklärung erklärten er und sein Vize-Kandidat Malcolm Pein, die Visa-Probleme dürften kein Grund sein, die Wahlen zu verschieben. Man bleibe „fully committed to the scheduled electoral process“ und behalte sich rechtliche Schritte vor, sollte die Integrität der Wahl beeinträchtigt werden.
Der Deutsche Schachbund lehnt eine Verschiebung ab. Auf Anfrage dieser Seite nannte DSB-Präsident Paul Meyer-Dunker eine Verlegung der Wahlen „das falsche Signal“, das „zusätzliche Unsicherheit“ schaffe und „das bestehende Problem nicht löse, sondern lediglich vertage“. Der DSB ist keine neutrale Stimme in dieser Frage. Rosenstein ist sein FIDE-Delegierter und FIDE-Wunschpräsident.
Damit stellen sich die beiden deutschen Tickets klar gegen eine Verschiebung, während Turlov/Anand eine Positionierung bislang vermeiden.

Wer betroffen ist
Hinter all dem steht das Visa-Problem in Usbekistan. Die Afrikanische Schachkonföderation (ACC) protestierte in einem Brief an FIDE, die Organisatoren und die Wahlkommission: Betroffen seien überproportional nicht Spieler, sondern die Führungsebene: ACC-Präsident Wanjala, sein Vizepräsident, Generalsekretär und Schatzmeister, dazu mehrere Verbandspräsidenten, darunter der Kandidat für das FIDE-Schatzmeisteramt auf dem Buettner-Pein-Ticket. Während Spielerinnen und Spieler längst eingereist seien, blieben die stimmberechtigten Funktionäre aus denselben Ländern außen vor. Die ACC droht mit einer Klage vor dem Sportgerichtshof CAS, sollte gewählt werden, ohne dass diese Delegierten ihr Stimmrecht ausüben konnten.
Wanjala selbst, erst im Juli mit einer Stimme Vorsprung und unter Bestechungsvorwürfen zum ACC-Präsidenten gewählt, verbindet mit Turlov eine längere Beziehung: Bereits 2025 dankte er ihm öffentlich für eine Einladung im Rahmen von dessen International School Chess Federation (ISCF). Turlov gratulierte nach der knappen ACC-Wahl als einer der Ersten öffentlich.
Auch Buettner meldete sich zur Visa-Frage zu Wort: Man solle sich jetzt auf Lösungen konzentrieren, schrieb er, die FIDE solle mit der ACC zusammenarbeiten.
Was man weiß und was nicht
Belegt ist: Der FIDE-Rat hat öffentlich eine Verschiebung erwogen. Belegt ist: Die interne Debatte dazu verläuft entlang der Lager, mit dem amtierenden Interimspräsidenten und Turlov-Stellvertreter Anand auf der einen, dem Rosenstein-Lager auf der anderen Seite. Die Vermutung liegt nahe, dass Wanjala und weitere afrikanische Funktionäre in erster Linie dem Turlov-Lager Stimmen bringen würden. Der frühere FIDE-Geschäftsführer Ignatius Leong, Teil von Team Rosenstein, hielt auf Facebook dagegen: Auch Delegierte, die Rosenstein unterstützen, hätten keine Visa erhalten.
Sicher ist, dass afrikanische Delegationen im Schach und im Sport generell immer wieder Visa-Hindernisse überwinden müssen. Erstaunlich ist in diesem Fall das Muster, dass es gezielt Führungspersonal trifft. Wie es passieren konnte, dass Funktionäre keine Visa bekommen, Spielerinnen und Spieler durchaus, ist ungeklärt. Auch das ist Gegenstand der internen Debatte, ohne dass jemand eine Antwort hätte.
Bislang gilt weiter: Am 26. September soll gewählt werden.










Wie kommt es eigentlich, dass Azmaiparashvili plötzlich Rosenstein unterstützt? Bei der ECU Wahl wurde doch noch Azmais Gegner unterstützt?