Schacholympiade (5): Männer besiegen das topgesetzte US-Team 2,5:1,5 – jetzt gegen China / Frauen unterliegen Kasachstan 1,5:2,5
Fünf Siege zum Auftakt! Die deutsche Nationalmannschaft (Männer) hat in der fünften Runde der Schacholympiade 2026 das an eins gesetzte Team USA 2,5:1,5 besiegt. Die Frauen verloren nach vier Auftaktsiegen gegen die an drei gesetzten Kasachinnen 1,5:2,5, ein Match, in dem mehr möglich war.

Tagessieger ist Frederik Svane, dessen voller Punkt den Mannschaftssieg gegen den bislang stärksten Gegner sicherstellte. Gegen Hans Niemann gelang ihm aus einer spanischen Eröffnung heraus eine annähernd makellose Demonstration. Der US-Großmeister ging unter, ohne zu Gegenspiel zu kommen.

Mit diesem Erfolg haben sich die Deutschen als eines von drei Teams mit makelloser Bilanz an die dreigeteilte Spitze des Feldes von 206 Mannschaften gesetzt. Nach dem Setzlistenersten USA treffen sie nun auf den -vierten, Team China mit Exweltmeister Ding Liren am ersten Brett. Die Frauen bleiben mit 8:2 Punkten in Reichweite der Spitze. Sie treffen am Montag auf Rumänien, angeführt von IM und Schachbloggerin Irina Bulmaga, Nummer 23 der Setzliste.
Vier Runden, acht Mannschaftssiege: 50 Jahre nach der Premiere 1976, als offenes Turnier und Frauenolympiade zum ersten Mal gemeinsam ausgetragen wurden, hatten erstmals beide deutschen Nationalmannschaften ihre ersten vier Begegnungen gewonnen. Eine andere Konstellation ist kein Novum in der deutschen Olympiageschichte: vier Siege zum Auftakt, dann die USA in Runde fünf. 1990 in Novi Sad endete die Siegesserie gegen die Amerikaner mit einer 1,5:2,5-Niederlage.

Vor dem Match
Der einzige Deutsche, der an diesem Sonntag vom US-Team etwas lernen konnte, war Bundestrainer Jan Gustafsson. Der schaute sich bei US-Captain John Donaldson ab, wo sich der Kapitänsstuhl am besten platzieren lässt, um möglichst viel Platz und zugleich die vier Bretter im Blick zu haben. Gustafsson setzte dem Anschein nach die Lektüre seines 640-Seiten-Wälzers* fort, offenbarte aber hinterher, er habe nur so getan. Zu groß war die Anspannung in diesem richtungsweisenden Match – bis Frederik Svane gewonnen hatte und das 2,5:1,5 sich abzeichnete.

Die Männer: 2,5:1,5 gegen die USA
Nur an einem der vier Bretter hatten die Amerikaner keine Probleme, am ersten. Zwischen Vincent Keymer und Fabiano Caruana ergab sich ausgangs der Eröffnung eine symmetrische, fast spiegelbildliche Stellung ohne Damen. Es war nichts los, und das sollte so bleiben, bis nach 23 Zügen der Friedensschluss vereinbart war. Damit war zwar eine Weißpartie weggegeben, aber Keymer konnte angesichts der beiden noch laufenden Partien trotzdem zufrieden sein.

Noch eher war es bei Alexander Donchenko und Levon Aronian vorbei gewesen. Donchenko hatte keine Probleme, stand sogar bis zum Schluss etwas besser. Aber der von Aronian angestrebten Zugwiederholung auszuweichen, wäre haarig gewesen. Donchenko hätte “Schweine” zulassen müssen, verdoppelte weiße Türme auf seiner siebten Reihe. Laut Maschine wäre dieses Doppelturmendspiel etwas besser für Schwarz, aber welcher Mensch will das abschätzen? Und da ein sicheres Remis mit Schwarz gegen den langjährigen Weltranglistenzweiten auch im Sinne der Mannschaft ein ordentliches Ergebnis ist, ließ sich Donchenko darauf ein.

Matthias Blübaum hatte anfangs ein wenig zu leiden. In einem dem Zeitverbrauch nach von Wesley So vorbereiteten Katalanen tat Blübaum das, was er tut, wenn man ihm einen Bauern anbietet: Er nahm ihn weg. Und saß nach 15 Zügen mit 45 Minuten weniger auf der Uhr vor einer unterkoordinierten Stellung, die kritisch zu werden drohte. Dann das Damenopfer im 20. Zug, das So übersehen oder unterschätzt haben mag. Tatsächlich war es so stark, dass sich das Blatt hätte wenden können:

Aber da war Blübaum angesichts des Geschehens auf dem Nachbarbrett und angesichts von 8 gegen 43 Minuten auf der Uhr schon im Remis-Modus. Er wählte die Abwicklung, die mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Punkteteilung führt, wissend, dass Frederik Svane nebenan auf dem Weg ist, einen ganzen Punkt und damit den Mannschaftssieg einzuheimsen.
Der Lübecker konnte sein Glück kaum fassen: Er durfte gegen Hans Niemann die nach eigener Einschätzung beste Partie seines Lebens noch einmal spielen. Die beiden Kontrahenten folgten Svane-Adams, Bundesliga 2022, und als sie davon abwichen, stand Svane schon gut.
Ein Versuch Niemanns, zu Gegenspiel zu kommen, führte zum Verlust eines Bauern, sonst zu nichts. Als es dann aus Svanes Sicht nur noch darum ging, den Vorteil zu verwerten, sei er mit dem Mannschaftssieg vor Augen ein wenig zittrig geworden, gestand Svane dem an US-Matches besonders interessierten chess.com-Reporter Mike Klein. Aber der Deutsche ließ nichts mehr anbrennen.
Beim Stand von 2:1 war Blübaums Plan aufgegangen. Er hatte sich eine Festung gebaut, und Wesley So musste eingestehen, dass sie nicht zu knacken ist. Der Weltranglistenfünfte versuchte nicht allzu lange, was ohnehin gescheitert wäre. Nach 54 Zügen war die Partie remis und das Match für Deutschland gewonnen.
Der fünfte Sieg in Folge, kein Novum. 1998 in Elista und 2000 in Istanbul gewannen die Männer ihre ersten fünf Wettkämpfe. In Istanbul wurde es am Ende Silber, aber derartige Andeutungen moderiert Gustafsson flugs ab. Es seien noch sechs Runden zu spielen, sich früh in die Spitze zu spielen sei gut, aber die Zeit zu rechnen oder zu spekulieren sei noch lange nicht gekommen, erklärte er Klein. Sicher ist: Würde am Montag auch China geschlagen, das wäre Rekord. Sechs Siege zum Auftakt sind einer deutschen Mannschaft nie gelungen. Auch gegen China wird gelten, was schon gegen die USA galt: “Wir sind leichte Außenseiter, aber wir können gegen diese Teams bestehen, wenn es läuft.”
Vor dem Match
Die fünfte Runde zeigte, dass es zwei Arten von Mannschaftskapitänen gibt: Die, die mit einem Buch auf den Knien die Stunden verbringen, und die, die Schach gucken und die Atmosphäre aufsaugen. Zur zweiten Kategorie gehört Zahar Efimenko, wie er vor der Runde im DSB-Gespräch erklärte. Langweilig sei ihm gar nicht, vor Begeisterung über das Geschehen “läuft die Zeit sehr schnell für mich”.
Es ist ja so viel zu tun: Die anderen Teams im Blick haben, erkunden, was sie spielen und wie sie sich fühlen. “Das kann man merken”, sagt Efimenko. Außerdem gelte es, die eigene Mannschaft zu unterstützen, positive Energie zu übertragen. Für ihn als Schachprofi sei die Zeit an den Brettern viel zu interessant, um sie mit dem Lesen von Büchern zu verbringen. Wenn er bei den Frauen alles erkundet hat, schaut Efimenko sich im offenen Turnier um. Auf seinem Kapitänsstuhl sei er selten zu finden.
Für das schwierige Match gegen die Kasachinnen hatte Efimenko einen einfachen Plan entwickelt: “Mit Weiß etwas Druck, mit Schwarz solide, und 2,5 Punkte holen.” Die Kasachinnen seien natürlich favorisiert, aber seine Schützlinge würden ihre Chance suchen, erklärte Efimenko. Und stellte bald fest, dass diese Chance real war.
Das hängt mit einem anderen Plan zusammen, den jetzt Elisabeth Pähtz erklärt hat. Die stets solide Dinara Wagner habe am ersten Brett den Auftrag “zu blocken”, die gegnerischen Topfrauen zu neutralisieren. Sie wiederum mit ihrem unternehmungslustigen Stil habe den Job, am zweiten Brett die etwas schwächeren zweiten Bretter der anderen Teams zu rupfen. “Dinara blockt, ich gewinne”, eine einfache Formel, deren erste Hälfte gegen Kasachstan aufging.

Am ersten Brett schickten die Kasachinnen ihre Topfrau Bibisara Assaubayava ins Gefecht, die in jüngster Vergangenheit eher abseits des Brettes Schlagzeilen geschrieben hat, nicht zuletzt wegen ihrer öffentlich zelebrierten Freundschaft mit WM-Herausforderer Javokhir Sindarov. Die zweimalige Teilnehmerin der Karjakin-Z-Turniere in Moskau (2023 und 2025; 2026 war sie angekündigt, aber spielte dann doch nicht) hat sich im Juni per Videobotschaft an ihren Staatspräsidenten Kassym-Schomart Tokajew gewandt und über mangelnde finanzielle Unterstützung geklagt. Noch am selben Tag antwortete der stellvertretende Sportminister. Er rechnete ihr vor, dass sie allein 2026 mehr als 400.000 Euro Fördergeld bekommen hat.
Das hätte schon gereicht, um in dieser Angelegenheit nicht gut auszusehen. Dazu kommt noch ihre Neigung und die ihrer in der Schachszene berüchtigten Mutter, mit Chanel- und Hermès-Taschen, mit Schmuck oder Designerschuhen in den sozialen Medien zu posieren. Und das sieht in Verbindung mit einem Klagevideo über unzureichende Unterstützung richtig schlecht aus. In Samarkand ist Assaubayeva gut beraten, ausschließlich das zu tun, was sie kann: Schach spielen.
Die Frauen: 1,5:2,5 gegen Kasachstan

Das kann allerdings Dinara Wagner auch. Die Partie der beiden bestand darin, dass sie einander Theorie abfragten. Assaubayeva musste feststellen, dass die deutsche Nummer eins präpariert ist. Das Geschehen mündete in ein Endspiel, in dem Weiß zwar einen Bauern mehr, aber keine Gewinnchancen hat. Nach 31 Zügen war Wagners Mission “Blocken” erfolgreich abgeschlossen.

Nur hatte sich da an anderer Stelle Unheil ereignet, ein taktischer unforced Error. Am dritten Brett stellte Hanna Marie Klek ihre Partie ein. Für den Preis eines Turms waren zwei Figuren weg, und die bessere Stellung hatte Meruert Kamalidenova noch dazu. Zehn Züge später war die Partie vorbei, Deutschland lag 0,5:1,5 zurück und hatte sich die erste individuelle Niederlage des Turniers eingehandelt.

Da zeichnete sich schon ab, dass Pähtz Teil zwei des deutschen Plans, “Ich gewinne”, diesmal nicht würde umsetzen können. In einer Botvinnik-Struktur hatte sie gegen Alua Nurman den Moment des günstigen e3-e4-Vorstoßes verpasst. Der Bauer blieb auf e3 rückständig und wurde zunehmend zum Ziel der schwarzen Kräfte. Pähtz bot sich in dieser misslichen Lage nur eine Perspektive: halten und zumindest den halben Punkt sichern. Das gelang.
Und es wäre ja für ein Unentschieden genug gewesen, hätte am vierten Brett Jana Schneider eine der sich ihr bietenden Gelegenheiten genutzt. Gegen die an diesem Tag wackelig aufgelegte Elnaz Kaliakhmet war ein voller Punkt drin, aber das ist freilich leichter zu schreiben als am Brett umzusetzen. Schneider versuchte es, bis nach 54 Zügen im Turmendspiel das Brett weitgehend leergefegt und nicht mehr als ein halber Punkt zu holen war.
Alle Infos zum Verlauf der Schacholympiade stets hier.
(Titelfoto: Rafael Oleksiewicz/FIDE)









