Die FIDE hat Vladimir Kramnik gesperrt. Sein alter Rivale Wesselin Topalow hätte ihn zum Psychiater geschickt.
Kaum war die Sperre der FIDE gegen Vladimir Kramnik veröffentlicht, meldete sich sein einstiger WM-Gegner Weselin Topalow zu Wort: Kramnik hätte nicht von der Ethik-, sondern von der „medizinischen Kommission“ untersucht werden müssen, schrieb der bulgarische Großmeister auf Instagram. Kramnik habe „eindeutig psychische Probleme“. Schon die Existenz einer Ethikkommission beim Weltverband findet Topalow seltsam. Gäbe es eine „echte“ Ethikkommission, hätte die FIDE längst zahlreiche eigene Funktionäre gesperrt, meint der Exweltmeister.
Der Weltschachverband hatte Kramnik tags zuvor für zwei Jahre von allen FIDE-Veranstaltungen und offiziellen Schach-Ämtern ausgeschlossen. Die Ethik- und Disziplinarkommission (EDC) befand ihn für schuldig, andere Spieler gemobbt, belästigt und unbegründet des Betrugs bezichtigt zu haben. Kramnik nannte das Urteil „unrechtmäßig“. Er kündigte an, dagegen vorzugehen.
Kramnik führt seit Jahren eine Kampagne gegen das, was er als Betrugsepidemie im Schach ansieht. Der 51-Jährige besteht darauf, nie jemanden direkt des Betrugs bezichtigt, sondern nur „Fragen gestellt“ zu haben. Ende 2023 schaltete Chess.com Kramniks Konto stumm, eine Folge von wiederholten Anschuldigungen gegen andere Spieler. Chess.com schloss ihn später von Preisgeld-Turnieren aus und hat ihn inzwischen dauerhaft gesperrt.
Achtmal schuldig, dreimal nicht
Elf Anklagepunkte gab es. Die EDC sprach Kramnik in acht davon schuldig. Einstimmig entschied das Gremium bei „Mobbing und Cybermobbing“ sowie „Verantwortung und Vorbildfunktion“. In sechs weiteren Punkten entschied das dreiköpfige Gremium mit 2:1 Stimmen. Die Kommission betonte Kramniks Status als früherer Weltmeister und seine „außergewöhnliche Stellung in der Schach-Gemeinschaft“, die seine Reichweite und die Wirkung seiner Aussagen verstärkt habe. Kramnik habe versäumt, sein Verhalten seiner Vorbildfunktion anzupassen.
Laut Urteil begegnete Kramnik dem Untersuchungsgremium zunächst kooperationsbereit. Später stellte er dessen Zuständigkeit infrage und beantwortete daraufhin keine Fragen mehr. Die Kammer wertete diese Verweigerung als unentschuldigt und begründete damit den Schuldspruch im Punkt „mangelnde Kooperation“.
Die letzten zwölf Monate der zweijährigen Sperre setzte die EDC auf Bewährung aus, Bewährungsfrist: drei Jahre. Hinzu kommt eine zusätzliche Sanktion von zwölf Monaten unbezahlter Arbeit für die Schach-Gemeinschaft, ein Passus, der offen lässt, wie und wo Kramnik ein Jahr unbezahlte Arbeit fürs Schach leisten könnte.

Kramnik zog sich 2019 aus dem klassischen Schach zurück und spielt seither nur noch gelegentlich Schnell- und Blitzpartien; die FIDE-Sperre dürfte seine Karriere daher wenig beeinträchtigen. Aber sie wird Kramnik unter anderem daran hindern, erneut Kapitän der usbekischen Mannschaft bei der Schacholympiade zu werden – ein Amt, das er 2024 innehatte, als das Team in Budapest Bronze gewann.
Kramnik kündigt Berufung an
Kramnik hat mit dem Urteil offenbar gerechnet. Der in Genf lebende Russe erklärte, er habe den Text seiner Berufung vorab vorbereitet und wolle ihn in den kommenden Tagen einreichen, ergänzt um neue Punkte zu „zahlreichen Verfahrens- und anderen Verstößen“ in der Entscheidung. „Ohne ins Detail zu gehen: Die Zahl der groben Verstöße der Ethikkommission gegen wesentliche Artikel der FIDE-Bestimmungen geht in diesem Fall in die Dutzende“, schrieb Kramnik. Er sei „absolut überzeugt, dass dieses unrechtmäßige Urteil letztlich aufgehoben wird“, und werde alle Instanzen ausschöpfen, um Gerechtigkeit und insbesondere seinen Ruf wiederherzustellen. Er endete seine Erklärung mit den Worten, offene und unverhohlene Rechtlosigkeit müsse und werde bestraft werden.

Naroditsky und Navara
Der Fall trug den Titel „Alleged Bullying by GM Vladimir Kramnik“. Er fasste Beschwerden des FIDE-Management-Boards und der Fair-Play-Kommission zusammen, die Kramnik ein „zweijähriges Verhaltensmuster“ aus Belästigung und Angriffen auf die Würde anderer vorwarfen.
Ein zentraler Bestandteil war ein offener Brief, den David Navara im Mai 2025 veröffentlicht hatte: Darin schrieb der tschechische Großmeister, er habe nach der Lektüre von Kramniks Kommentaren nicht mehr schlafen können, sei in eine Depression verfallen und habe professionelle Hilfe von einem Psychiater und einem Psychotherapeuten in Anspruch genommen. Er habe zeitweise mit dem Gedanken gespielt, sich das Leben zu nehmen. Kramniks Anschuldigungen hätten ihn „völlig aus dem Gleichgewicht gebracht“.

Kramnik reagierte auf Navaras offenen Brief, indem er ihn als „Beschuldigungskampagne“ wertete. Im Fall weiterer öffentlicher Äußerungen gegen ihn drohte er mit „Konsequenzen“.
Die Beschwerde behandelte auch Aussagen aus dem Umfeld des im Oktober 2025 im Alter von 29 Jahren gestorbenen Daniel Naroditsky. Der US-Großmeister hatte in seinem letzten Livestream über die psychische Belastung durch Kramniks anhaltende Cheating-Vorwürfe gesprochen.
Kramnik wies während des gesamten Verfahrens alle Vorwürfe zurück. Laut dem Urteil argumentierte er, seine Beiträge seien Aufforderungen zur Untersuchung gewesen, keine Betrugsvorwürfe, man habe seine statistische Arbeit falsch dargestellt, und die FIDE sowie Chess.com hätten seine gutgläubigen Versuche ignoriert, ein aus seiner Sicht ernsthaftes Betrugsproblem im Online-Schach anzugehen. Er bestritt zudem, Naroditsky und Navara belästigt oder falsche Anschuldigungen erhoben zu haben.
Experten widersprechen Kramniks Statistik
Ein anderer zentraler Teil des Verfahrens betraf einen Bericht des Fair-Play-Panels, das die statistischen Methoden untersuchte, auf denen Kramnik öffentlich seinen Verdacht auf Online-Betrug begründete. Professor Kenneth Regan, Großmeister David Smerdon, Statistiker Jeff Sonas und Statistikprofessor Jeffrey S. Rosenthal prüften die von Kramnik angeführten Kennzahlen wie Siegesserien, Genauigkeitswerte und Performances.
Rosenthal hatte 2024 Kramniks Behauptung untersucht, die Siegesserien Nakamuras seien „mathematisch extrem unwahrscheinlich“. Laut der Entscheidung stützten die Experten Rosenthals Analyse, wonach die Serien „keine Hinweise auf irreguläres Verhalten“ lieferten und „vollständig mit normalem menschlichem Spiel vereinbar“ seien.
Als erschwerende Umstände nannte der Fair-Play-Bericht, dass Kramnik gezielt Minderjährige – bis hinunter zu zehn Jahren – ins Visier genommen, bestimmte Personen wiederholt belästigt und der Gegenseite mit rechtlichen Schritten gedroht habe.
Reaktionen aus der Szene
Kramniks Umgang mit Naroditsky und Navara zog seinerzeit breite Kritik nach sich. Magnus Carlsen bezeichnete das Verhalten seines früheren Kollegen als „furchtbar“, Levon Aronian riet ihm zu „professioneller Hilfe“, und Hikaru Nakamura sowie Nihal Sarin sprachen von Belästigung. Der in München lebende ukrainische Großmeister Pavel Eljanov erklärte, er habe schon vor einiger Zeit den Respekt vor Kramniks Handlungen verloren. Er kenne keinen einzigen Kollegen, der Kramniks „sogenannte statistische Analyse“ ernst nehme.

Auch die deutschen Großmeister Matthias Blübaum und Frederik Svane sowie Vincent Keymer waren schon Ziel von Kramniks Attacken. Blübaum äußerte sich dazu im (zwischenzeitlich eingestellten) Schachglatzen-Podcast: Als Betroffener beschleiche ihn ein ungutes Gefühl, wenn Kramnik „komische Statistiken“ veröffentliche, „man kann sich nicht dagegen wehren“. Kramniks Vorgehen hält Blübaum für kontraproduktiv. Es führe eher dazu, dass niemand mehr Cheating-Vorwürfe ernst nehme. Kramnik agiere „völlig an der Realität vorbei“.
Klagen, Klagen, Klagen
Kramnik verfolgt inzwischen mehrere Rechtswege gleichzeitig, gegen unterschiedliche Gegner. Bereits am 24. Juni 2025, einen Tag vor seinem 50. Geburtstag, verkündete er über Twitter, in Genf eine Verleumdungsklage gegen die Online-Schachplattform Chess.com, die Schachnachrichtenseite Chessdom und gegen Navara persönlich eingereicht zu haben. Chessdom hatte Kramniks Wortmeldungen und die Reaktionen darauf über längere Zeit dokumentiert. Bis zur Eröffnung eines Verfahrens werde es dauern, schrieb Kramnik, „aber es wird definitiv kommen“.
Ein zweites, separates Verfahren betrifft die FIDE: Ende 2025 reichte Kramnik Klage beim Zivilgericht in Lausanne ein, dem Sitz der FIDE. Er wirft dem Verband Verleumdung sowie „illegale und unmoralische Äußerungen“ vor, nachdem dieser seine Cheating-Kommentare an die Ethikkommission verwiesen hatte, und fordert finanzielle Entschädigung. Am selben Tag stellte er einen Antrag auf Beweissicherung, der die FIDE zur Aufbewahrung sämtlicher relevanter Unterlagen verpflichtet.
Topalows alte Rechnung

Topalows Anmerkungen zur Verurteilung sind das vorerst letzte Kapitel einer anhaltenden Antipathie, die die beiden Exweltmeister pflegen, seitdem sie einander 2006 beim WM-Vereinigungsmatch in Elista gegenübersaßen. Das Match ist vor allem wegen „Toiletgate“ in Erinnerung: Topalows Delegation hielt Kramniks häufige Besuche im privaten Ruheraum für verdächtig und legte Einspruch ein.
Topalow bezeichnet den Fall bis heute als ungeklärt: In einem Podcast im August 2024 erneuerte er seine Vorwürfe, Kramniks Aussagen hätten nicht mit den Videoaufzeichnungen übereingestimmt, „er hat einfach gelogen“, und die Aufnahmen seien danach verschwunden.


Wer mit welchen Vorwürfen Recht hat, kann ich nicht beurteilen.
Aber ein Missbrauch der Psychiatrie für persönliche Zwecke sollte nicht stattfinden.
Traurig, das alles. Um es positiv klingen zu lassen: das derzeitige Verhalten von Kramnik ist nicht so schlimm wie das von Bobby Fischer in seinen späten Jahren.