Erst die Pflichtaufgaben lösen, dann die „knackigen Matches“: DSB-Sportdirektor Kevin Högy vor der Schacholympiade

“Es wird wichtig sein, erstmal die Pflichtaufgaben zu lösen”, sagt DSB-Sportdirektor Kevin Högy, der in Samarkand die deutsche Delegation leitet. Faröer-Inseln und Malta heißen diese ersten Pflichtaufgaben zum Auftakt am Mittwoch, der ersten von elf Runden im Nationenturnier, das größer ist denn je. An die 400 Nationalmannschaften messen sich beim Nationenwettbewerb des Schachs. Fast jedes Land der Welt hat mindestens eine Mannschaft entsandt. 

399 Mannschaften (so sich denn alle in Samarkand materialisieren), 208 im offenen Wettbewerb, 191 bei den Frauen, Surinam etwa, das mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht um die Medaillen spielen wird. | Foto: Michal Walusza/FIDE

Obwohl die Deutschen es als Mannschaft seit 26 Jahren (Silber in Istanbul 2000) nicht auf das Podium geschafft haben, verweist Högy auf eine Erfolgsserie: In Budapest 2024 gewann Frederik Svane Einzelgold, Elisabeth Pähtz Einzelsilber. 2022 räumte Jana Schneider am fünften Brett mit 9/10 ab – Gold. Und 2018 (2020 fiel aus, Pandemie) war Daniel Fridman mit 7,5/9 und einer 2814-Performance am vierten Brett kaum zu stoppen – Gold. “Aus purer Lust an der Fortsetzung der Serie”, so Högy, wünsche er den Spielerinnen und Spielern, dass sie auch 2026 individuell brillieren.

Für eine Medaille reichte es nicht, aber das stark aufspielende Team Deutschland blieb 2018 als einzige Mannschaft unbesiegt, getragen vom unbezwingbaren Dieter Nisipeanu an eins und Daniel Fridmans 2814-Fabelleistung am vierten Brett. Darüber wurde sogar im ansonsten dem Spitzensport wenig zugeneigten Hauptausschuss des Deutschen Schachbunds geredet. Im Protokoll steht unter anderem dieser denkwürdige Satz: „Diana Skibbe möchte anmerken, dass ihrer Ansicht nach die Spieler der Nationalmannschaften unter ihrem Niveau gespielt haben.“

Als Team zu brillieren, wäre noch wichtiger, ist aber an die Bedingung geknüpft, dass einzelne Akteure groß aufspielen und niemand abfällt. Högy zieht den unberechenbaren Alexander Donchenko als Beispiel heran: “Wenn Alex gut drauf ist und seine Galaform abruft, ist er ein Schrecken für jeden, der ihm gegenübersitzt.” Ein Donchenko, der in einen Lauf findet, könne die Mannschaft durchs Turnier tragen. Auch die Unbesiegbarkeit eines Rasmus Svane könne ein wichtiger Faktor werden. 

Kevin Högy hat nach der Ankunft am frühen Sonntagmorgen die erste Pflichtaufgabe gelöst: seine Schäfchen in Hotelzimmern unterbringen, keine Selbstverständlichkeit. Die Eloriesen von Team Indien etwa, Titelverteidiger im offenen Turnier und bei den Frauen, mussten nach ihrer Ankunft stundenlang warten, bis sie einquartiert waren. Anderen erging es ähnlich, den Deutschen nicht. Högy rechnet damit, jetzt gut zwei Wochen lang “Mädchen für alles” zu sein, um denen, die Schach spielen, den uneingeschränkten Fokus aufs Brett zu ermöglichen. Und er hofft, nicht zu oft als Kapitän einspringen zu müssen, “weil ich diese Neigung habe, kritische Matches zu verlieren”.

DSB-Sportdirektor Kevin Högy, Leiter der fast 20-köpfigen deutschen Delegation. | Foto: privat

Der Sportdirektor im Interview, geführt am Montag wenige Stunden nach seiner Ankunft in Samarkand: 

Kevin, du bist in den Morgenstunden angekommen, hast jetzt einmal in Samarkand geschlafen. Wie war die Reise, was sind deine ersten Eindrücke?

Die Anreise über Istanbul nach Samarkand lief einwandfrei. Ein bisschen tricky war der Bustransfer ins Hotel. Wenn man morgens um sieben ankommt und endlich ins Bett möchte, aber noch zwei Stunden warten muss, nagt das an den Nerven. Aber nach einmal Schlafen kann ich sagen: alles okay. Das Hotel ist super, das Einchecken hat geklappt. Es kann losgehen. 

Seid ihr weit entfernt vom Spiellokal?

Etwas mehr als einen Kilometer, das erledigen wir zu Fuß. Jan Gustafsson hat schon gesagt, dass ihm das sehr zupass kommt, weil ein bisschen Sauerstoff nicht schaden kann. In Budapest vor zwei Jahren hatten wir manchmal das Problem, dass vor der Runde das vorletzte oder letzte Shuttle nicht kam, und dann standest du da. Hier laufen wir 15 Minuten, in denen sich noch über Dinge reden lässt, in denen Spielerinnen und Spieler vor wichtigen Matches den Fokus finden können.  

Wer bildet die Delegation? 

Spielerinnen und Spieler allen voran. Jede Mannschaft hat neben dem Bundestrainer einen Co-Trainer dabei, und der DSB schickt sein Medienteam, Jonas Jansen und Finn Engesser. Ich mache die Delegationsleitung, und über das “ChessMom Project” der FIDE ist noch die Mutter von Elisabeth dabei. Sie passt auf die kleine Lavinia auf.

Elisabeth Pähtz hat seit 1998, damals 13-jährig!, keine Schacholympiade verpasst. 2026 wird sie wieder mit von der Partie sein. An der Seitenlinie steht als neuer Bundestrainer mittlerweile Zahar Efimenko. Dessen Vorgänger Yuri Yakovich (Bild, rechts) hat den Verband vor gut einem Jahr verlassen (müssen). | Foto: Maria Emelianova/chess.com
Lavinia ist mit von der Partie?! 

Dank dieses Programms, das ich sehr sinnvoll finde. Die FIDE beziehungsweise der Ausrichter übernehmen die Kosten für die Reise einer Begleitperson und des Kindes. So wird es für junge Mütter einfacher, Kind und Olympiade unter einen Hut zu bringen. 

Bei den Männern ist zuletzt derjenige aus den sechs Kandidaten, der nicht im Team ist, als Eröffnungshelfer mitgefahren. Bleibt es dabei? 

Ja, Dmitrij Kollars und Vladimir Baklan sind die Co-Trainer. Ich glaube, das ist ein gutes Modell. Bei den Frauen hat es bei der EM schon zu einer Medaille geführt, und bei den Männern hat es sich auch bewährt. Wenn du sechs Nationalspieler hast, die sich um fünf Plätze kabbeln, dann ist es im Sinne des Mannschaftsgefühls nicht zielführend, einen zu Hause zu lassen. Und für diejenigen, die spielen, ist ohnehin jede Hilfe willkommen. 

Von “großer Erwartung” in Deutschland, will ich wegen der vielen Unwägbarkeiten während so eines Wettbewerbs nicht reden, aber große Hoffnung gibt es bestimmt. Auch in den Reihen derjenigen, die es am Brett reißen sollen?

Wenn du in ein Turnier gehst, sagst du ja nicht: Ich möchte auf meinem Setzlistenplatz landen und bin dann happy. Das eint uns wohl alle, ob Amateur oder Profi. Wir sind im offenen Wettbewerb an fünf gesetzt, von daher ist schon der Wunsch und die Hoffnung da, Richtung Podest zu gehen, auch wenn das natürlich brutal schwierig wird. Und du hast richtig gesagt, es gibt diverse Unwägbarkeiten. Das fängt mit den Pflichtaufgaben in den ersten Runden an. Ich erinnere mich an ein schreckliches Match gegen Österreich.

1,5:2,5, dritte Runde 2022, die “Schmach von Chennai” laut Perlen vom Bodensee. Und zwei Jahre später ging das Drittrundenmatch gegen Litauen verloren. 

Mit mir als Kapitän. Ich habe Jan schon gesagt, dass er mich besser nicht als Captain einsetzt, weil ich diese Neigung habe, kritische Matches zu verlieren. 

Schacholympia 2024: Ein ärgerliches 1,5:2,5 in der dritten Runde gegen Litauen.
Captain ist generell kein besonders beliebter Job, nehme ich an.

Du kommst hin, unterschreibst einmal, dass du da bist, und am Ende unterschreibst du das Ergebnis. Mehr musst und darfst du nicht machen, nicht einmal mit den Spielern reden. Im Vergleich zu früher ist die Rolle des Captains stark zusammengestrichen. Eigentlich sitzt du nur da und liest dein Buch. Unabhängig davon, wer daneben sitzt und sein Buch liest, es wird wichtig sein, dass wir erstmal die Pflichtaufgaben lösen, um an die knackigen Matches zu kommen: gegen Indien, die USA, China, Usbekistan und so weiter. 

Ich habe noch Frederik Svane vor zwei Jahren im Ohr. Der freute sich zwar über sein Einzelgold, aber fand es vor allem schade, dass es nicht für ein Match gegen die besten Teams der Welt gereicht hatte. Und wir reden ja seit Jahren über das junge deutsche Team, sein Potenzial, und dass Großes möglich sein wird. Eigentlich sind mittlerweile alle nahe am Zenit. Man könnte sagen, jetzt ist die Zeit. 

Auf jeden Fall sind wir im Lauf der Jahre immer stärker geworden, ob Vincent, Matthias oder Frederik. Sie können es alle, und nun müssen sie es zusammen auf die Straße bringen. Um bei so einem Turnier oben zu landen, brauchst du zwei, drei Spieler in Galaform und keinen, der unter Normalform spielt. In der Kombination hat das zuletzt noch nicht ganz geklappt. Und es lässt sich auch nicht auf den Punkt bestellen, aber die Voraussetzungen sind heute besser als noch vor einigen Jahren. Das gilt nicht nur für die Männer. Unsere Frauen sind zwar “nur” an zehn gesetzt, aber bei der Europameisterschaft haben sie ja gezeigt, dass sie oben mitspielen können. Unter anderem haben sie die topgesetzten Georgierinnen besiegt. Wenn unsere Frauen ein gutes Turnier erwischen, sehe ich nicht, warum sie nicht auch die Top fünf anpeilen sollten. 

Warum nicht die Top 5 anpeilen? Team Deutschland mit (von links) Zahar Efimenko, Hanna Marie Klek, Dinara Wagner, Lara Schulze und Jana Schneider. | Foto: Michal Walusza/FIDE
Nach 150 Jahren sickert beim Verband langsam ein, dass Sichtbarkeit ein wichtiger Faktor für die Entwicklung und das Wohlergehen des Sports ist. Vincent hat jetzt in den Interviews bei Welt und Bild angemerkt, wie wichtig sportlicher Erfolg ist, um aus der Nische zu kommen. Und er sagt: “Ich arbeite daran.” Das gilt auch für ihn als Teamspieler, nehme ich an? 

Das gilt für alle. Auch wir drumherum arbeiten nach Kräften, um unsere Spielerinnen und -spieler so zu unterstützen, dass etwas Gutes herauskommt. Es ist halt nur nicht planbar. Auch bei dieser Schacholympiade wird wieder sehr viel vom letzten Match abhängen. Denk nur an die Frauen vor zwei Jahren in Budapest. Nach neun Runden segelten sie auf Medaillenkurs. Dann haben wir uns intern darauf geeinigt, zum Schluss Risiko zu nehmen, weil wir die große Medaille wollten. Und was haben wir bekommen? Zwei Niederlagen, und am Ende Platz 22. So einem Ergebnis ist dann schwer anzusehen, dass 80 Prozent des Turniers richtig gut und klar über Erwartung waren. 

Überaus erfolgreich war schon die Medienoffensive des DSB vor Turnierbeginn. Vincent Keymer als gefragtester Gesprächspartner gab eine Reihe von Interviews, unter anderem dieses in der Welt*. Am heutigen Mittwoch berichtet DSB-Präsident Paul Meyer-Dunker in der Bild einmal mehr von den 100.000 Mitgliedern und den 3,5 Millionen Spieler:innen pro Woche, laut Bild „unglaubliche Zahlen“, über die an dieser Stelle noch zu reden sein wird – nach der Schacholympiade.
Welche Stimmung nimmst du wahr?

Fokussiert, aber auch locker, eine gute Kombination. Ich war gerade beim Mittagessen, und die Männer haben viel miteinander geflachst, da wurde viel gelacht. Vincent hat selbst gesagt, sie wollen etwas erreichen, sie fahren nicht als Touristen hin. Diese Mannschaft harmoniert menschlich, auch das kann helfen. Alexander Donchenko hat gerade im DSB-Interview betont, wie viel es bedeutet, sich mit den anderen zu verstehen, sich aufeinander verlassen zu können und jedem nur das Beste zu gönnen. 

Gegenüber dem DOSB habt ihr die Schacholympiade als “Zielwettbewerb” angegeben. Wie würde sich eine Medaille auswirken?  

Aktuell zählen nur Mannschaftsmedaillen. Einzelmedaillen werden nicht angerechnet. Daran arbeite ich seit vier Jahren, das Bundeskanzleramt steht dem wohlwollend gegenüber, aber beim DOSB hakt es noch. Für uns würde eine Mannschaftsmedaille bedeuten, dass wir vom untersten in ein höheres Förder-Cluster aufsteigen können. Das würde uns Fördergeld für mehr Lehrgänge und Trainingswettkämpfe ermöglichen. Dafür muss der DSB zwar einen Eigenanteil aufbringen, es hätte also unter Umständen höhere Kosten für den Verband zur Folge, aber vor allem könnten wir für Spielerinnen und Spieler mehr tun.

Ist das ein Anreiz für die Aktiven?

Und ob. Es macht schon einen Unterschied, ob ich zweimal mehr im Jahr zum Beispiel Peter Leko einfliegen kann, oder wie zuletzt in Bad Blankenburg Peter Svidler. Wir holen für Lehrgänge ja nicht einfach irgendwelche Trainer, sondern wollen möglichst weit oben ins Regal greifen. Wir hatten Leko, wir hatten Gelfand, Ramesh, jetzt haben wir mit Peter Svidler gearbeitet. Es müssen schon führende Fachleute sein, die unseren Teams helfen können, bei Olympiaden um Medaillen mitzuspielen. Ich will nicht sagen, dass unsere Spielerinnen und Spieler für solche Lehrgänge alles stehen und liegen lassen, aber weit davon entfernt ist es nicht. Sie merken, dass das viel bringt.

Wie ist das mit dem Honorar? An die Platzierung geknüpft?

Stärker an Erfolg geknüpft als zuvor. Wir zahlen den Aktiven ein Basishonorar, und falls wir es in die Medaillen schaffen, gibt es noch kräftig etwas dazu. Das gilt auch für Einzelmedaillen. 

Das deutsche Para-Team in Samarkand. | Foto: FIDE
Zwei Tage, dann geht es los. Was hast du bis dahin zu tun? 

Ein paar organisatorische Sachen habe ich zu erledigen, aber ich will auch Schach gucken. Die Schacholympiade für Menschen mit Behinderung läuft ja schon, da werde ich gleich vorbeischauen, als Zuschauer, auch als Helfer, falls unsere Leute Unterstützung brauchen. Generell bin ich als Delegationsleiter hier der Kümmerer und das Mädchen für alles, einfach damit sich Jan und Zahar aufs Schachliche konzentrieren können. Das kann dann mal bedeuten, dass ich Medikamente aus der Apotheke hole, wenn jemand schwächelt. Oder dass ich nachts Namensschilder aus dem Spielsaal holen muss, die die Spieler vergessen haben – aber am nächsten Tag brauchen, um reinzukommen. 

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