Der Snob, der Kaputte und das Glück: Die deutschen Medaillengewinner vor dem Abflug aus Samarkand
„Wir profitieren von der seltenen Konstellation, dass unsere Spieler einander mögen.“ Das sagte der usbekische Coach Rustam Kasimdzhanov nach der Schacholympiade 2026, um deutlich zu machen, dass der Teamgeist ein Vater des Erfolgs ist. Einen ähnlichen Vortrag könnte Jan Gustafsson halten. Aber der neigt zur liebevollen Neckerei und sagt darum im Gespräch mit Chessbase-India-Chef Sagar Shah ganz andere Sachen. Nachtarbeiter Dmitrij Kollars sei ein Wrack („broken human being“), Vincent Keymer ein Snob – zwei der augenzwinkernden Frotzeleien, die Zuschauer im Verlauf von denkwürdig-charmanten knapp 27 Minuten zu hören bekommen.
„Banter Blitz“ hieß einst das zugleich instruktive wie unterhaltsame Format beim von Gustafsson mitgegründeten, Ende 2023 eingestellten chess24. Das Format gibt es (leider leider!) nicht mehr, chess24 auch nicht, aber die Frotzeleien („Banter“) leben in der deutschen Nationalmannschaft weiter. Das bekommt insbesondere deren Anführer zu spüren. Vincent Keymer kann noch so oft darauf hinweisen, dass er ja eigentlich das Nesthäkchen der Truppe ist. Wenn bei den Mitspielern die Sprache auf ihre Nummer eins kommt, ist vom weisen alten Mann die Rede und dem großen Wert seiner Ratschläge fürs Leben und fürs Schach.
Vordergründig ging es natürlich um den Bronze-Erfolg in Samarkand. Im ChessBase-India-Gespräch scheint durch, dass auch aus Sicht der Spieler mehr drin war und erst die unglückliche Niederlage gegen Indien Bronze zum Ziel gemacht hat. Keymer nennt die Medaille trotzdem einen riesigen Erfolg – die erste Olympiamedaille, seit er für Deutschland spielt, und die erste für alle im Team.
Freunde, seit sie zehn waren
Woher der Teamgeist kommt, erklärt Rasmus Svane mit einem Blick zwanzig Jahre zurück: die Prinzengruppe. Er, Matthias Blübaum und Alexander Donchenko, fast gleich alt, kennen sich seit ihrem zehnten Lebensjahr – gemeinsame Trainingslager, gemeinsame Turniere. Seither sind sie befreundet. Frederik Svane und Vincent Keymer sind ebenfalls ein Jahrgang. Auch sie kennen einander seit Kindertagen. Dmitrij Kollars stieß etwas später zu diesem Kreis, aus dem sich eine vertraute Gemeinschaft gebildet hat. „Irgendwie ist das automatisch passiert.“

Jan Gustafsson, der Trainer, hat viele Mannschaften betreut. Diese findet er anders: Schachspieler in Teams seien normalerweise freundlich zueinander. Hier gehe das Miteinander weit darüber hinaus. Anderswo sei etwa üblich, dass man für jemanden arbeite, dann beim nächsten Turnier die Seiten wechsle. Die deutschen Jungs dagegen seien bei jedem Turnier zusammen.
Der Sekundant, der nachts nicht schlief
Kollars war der einzige, der nicht spielte. Sein Rhythmus: „Wenn sie wach waren, habe ich geschlafen. Wenn ich wach war, haben sie geschlafen.“ Er selbst spielt seine Rolle klein. Der Trainer widerspricht: Kollars habe jede Nacht um neun angefangen; um halb acht saß man beim Frühstück, und manchmal arbeitete er dann weiter. Koffeintabletten und Energydrinks gab es dazu. „Wir haben Glück, dass er ein kaputter Mensch ist, der nachts normalerweise nicht schläft“, erklärt Gustafsson. Und ergänzt, ernstgemeint diesmal: „Sich so für das Team aufzuopfern, war schon besonders.“

In jedem Match lieferte einer
Frederik Svane holte mit 8,5 aus 11 Gold an seinem Brett. Nicht allein wegen der Performance nennt er es eines seiner besten Turniere. Die Bedeutung des Events und der auf den Spielern lastende Druck machen eine solche Leistung umso bedeutender. Stolz ist Svane auf den Sieg gegen Nodirbek Yakubboev und die kreativen Lösungen, die er fand. Keymer sieht in Svanes Lauf einen Hauptgrund für das gute Abschneiden: Er selbst habe Gewinnstellungen nicht verwertet, Frederik habe das erledigt. Und dann war da noch der entscheidende Partiegewinn zum Abschluss gegen Jorden van Foreest. Der dafür zuständige Matthias Blübaum erklärt ihn, wie nur Blübaum Partien erklärt: „Er hat geblundert. Das war die Partie.“
Ohne Glück in den entscheidenden Momenten geht es nicht. Und auch das stand den Deutschen zur Seite, nicht nur bei van Foreests Aussetzer in der letzten Runde. All das Glück, das ihm früher fehlte, sei hier zusammengekommen, erklärt Rasmus Svane. Manchmal brauche man nur einen, der Glück hat – und in den meisten Matches habe es diesen einen gegeben, sagt dazu Alexander Donchenko, dessen Niederlage gegen Weltmeister Gukesh den wohl unglücklichsten deutschen Moment des Turnierverlaufs repräsentiert.

Die Niederlage, die Silber kostete
Solche Dinge passierten, sagt er, sie täten im Moment weh, sagt Donchenko. Im Mannschaftskampf habe er den Luxus, am nächsten Tag nicht spielen zu müssen. Bei einem Sieg hätte das Team gute Chancen auf mindestens Silber gehabt. So habe die Indien-Niederlage wohl einen Platz gekostet – „und, okay, mich eine Partie“. Man könne aus so einer Partie das Positive oder das Negative ziehen: „Manchmal lohnt es sich, beides zu nehmen.“
Für Gustafsson war die Aufstellung an den hinteren Brettern das Ergebnis von Rästselraten. Gegen Indien Donchenko zu bringen, sei die Zockervariante, hat diese Seite geschrieben. Gustafsson bestätigt das. Vor der jeweiligen Nominierung fragte sich der Pokerspieler: Wolle man mehr Varianz oder mehr Stabilität? Gewinne man mit der Varianz-Variante, sehe das schlau aus, verliere man, eben nicht.
Rasmus Svane habe gepunktet, ohne dass alle Partien saubere Kunst gewesen seien, Donchenko habe großartig gespielt und verloren. Fazit des Trainers: Sie hätten fünf starke Spieler gehabt. Die Bereitschaft aller, auszusetzen und stattdessen bei der Vorbereitung zu helfen, habe ihm die Arbeit leicht gemacht.
Brett eins als Ruhepol
Keymer verlor nur gegen Ding Liren. Gustafsson beschreibt den Effekt aufs Team: Bei Keymer sei fast immer die Frage gewesen, ob er gewinnt oder der Gegner sich rettet – egal, wer gegenüber sitze. Diese Sicherheit gebe den anderen Stabilität. Und, dann wieder augenzwinkernd: Keymer sei auch ein großartiger Anführer im Umgang mit den anderen. Donchenko nimmt den Ball auf: Keymers Präsenz allein helfe den Mitspielern. Schon ein Blick von ihm auf die anderen Bretter sei wertvoll. Frederik Svane assisitiert: Er schätze an Keymer die Verlässlichkeit und die Ratschläge fürs Leben.

Keymer, der sonst Superturniere spielt, hat diese Wochen hörbar genossen – auch, weil es 2023 bei der Europameisterschaft nur die Feinwertung war, die dem Team Gold nahm. Das habe geschmerzt. Nun habe man die besten Mannschaften der Welt geschlagen.
Gustafsson stimmt zu, dass diese Generation besonders ist, mit einer Einschränkung: „Niemand wird jünger.“ Nächstes Jahr werden Matthias Blübaum und Rasmus Svane 30. Abzusehen ist, dass sie 2037 schon 40 werden. „Wir müssen die Zeit nutzen, die wir haben“, sagt Gustafsson.









