„Moment mal, ich kann ja einfach den Turm ziehen“: Vincent Keymer nach seinem Auftaktsieg in Wijk an Zee

Wegen der Demonstration vor dem Eingang begann die 2026er-Auflage des Superturniers in Wijk an Zee am Samstag mit 90-minütiger Verspätung. Sportlich lief der Auftakt für die beiden deutschen Teilnehmer solide bis sehr gut. Matthias Blübaum ließ mit Schwarz gegen den Inder Aravindh Chitambaram nichts anbrennen und sicherte sich einen halben Punkt. Vincent Keymer besiegte Anish Giri dank eines groben Fehlers des Lokalmatadors und Weltranglistensiebten.

Erstmal reinkommen: Vincent Keymer war Teil der Menge, die vor dem blockierten Turniergebäude ausharrte. Wie es dort zuging, ist in diesem Reddit-Thread beschrieben, dem obiges Foto entstammt.

In Abwesenheit der Schachfreunde Carlsen, Nakamura und Caruana geht der Weltranglistenvierte Vincent Keymer als Topgesetzter in die 88. Auflage des Traditionswettbewerbs im Küstenort. Dank seines Sieges bestreitet er am heutigen Sonntag auch die zweite Runde als Weltranglistenvierter – mit 2780,8 Elo, deutscher Rekord. Ein Elopünktchen dahinter lauert als Nummer fünf der Welt Arjun Erigaisi, der zum Auftakt in Wijk seinen von einem Formknick geplagten Landsmann Praggnanandhaa besiegte. „Extrem eng“ gehe es an der Spitze der Weltrangliste zu, stellte Keymer jetzt zum Beginn des Marathonturniers in Wijk fest und will daher seinen vierten Platz nicht überbewertet wissen. Der dokumentiere vor allem, dass es zuletzt sehr gut gelaufen ist. Nun beginnt ein neues Jahr, und auch das lässt sich gut an.

Vincent Keymer im Interview nach seinem Auftaktsieg.

Nach der Auftaktrunde stellte sich Vincent Keymer im Interview den Fragen von Fiona Steil-Antoni. Das Gespräch, übersetzt und redaktionell leicht bearbeitet:

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Vincent, Glückwunsch. Deine Partie gegen Anish Giri endete ziemlich abrupt.

Die Eröffnung war sehr solide. Er hat mich ein bisschen überrascht mit dem angenommenen Damengambit. Andererseits rechne ich bei Anish damit, überrascht zu werden. Ich habe mich für diese Variante entschieden, in der das Endspiel nahe am Ausgleich ist, aber Weiß hat ein wenig Druck. Etwas vorbereitet war ich durchaus, ich kannte die Stellung nach 17.Txd8 und 18.Tc1. Die Engine gibt an der Stelle so etwas wie plus 0,1, das ist natürlich nicht viel, aber im heutigen Schach heißt das zumindest, dass ich eine Partie bekomme. Außerdem hatte ich eine Stunde mehr auf der Uhr, insofern dachte ich nicht, dass die Lage im Sinne von Gewinnchancen hoffnungslos ist.

„Ich kannte die Stellung nach 17.Txd8 und 18.Tc1“: Die (Kurz-)Partie gegen Anish Giri zum Auftakt in Wijk an Zee.

Dann ging es plötzlich sehr schnell.

Nach 19…Sd4 wurde es sehr konkret. Entweder löst er sofort alle Probleme, oder er muss Fragen beantworten. Was nach 21.Tc7 für ihn am besten ist, da bin ich mir nicht sicher. Er hat mehrere Möglichkeiten. Nach 21…Lc6 wollte ich die Qualität geben (und zwei verbundene Freibauern am Damenflügel bekommen, Anm.d.Red.), das könnte ziemlich gefährlich für ihn werden. Keine einfache Lage für ihn, und ich war froh, dass er wenig Zeit hatte. Den Doppelangriff 23.Tc4 hat er wahrscheinlich einfach übersehen. Ein typischer Fall, mein Turm, der gerade auf die siebte Reihe gezogen ist, zieht zurück, das ist schwierig zu sehen.

Was ging dir durch den Kopf, als er im 22. Zug auf d4 nahm und damit die Partie einstellte?

Ich war natürlich sehr glücklich. Erst hatte auch ich gedacht, dass ich 22…Lxd4 mit 23.b3 beantworte, und wir landen in diesem Endspiel, das schwierig für ihn ist, aber weit davon entfernt, verloren zu sein. Dann dachte ich: „Moment mal, ich kann ja einfach den Turm zurückziehen.“ Das war dann mehr oder weniger sofort gewonnen für mich. Ein sehr ungewöhnlicher Fehler von ihm, aber für mich ein großartiger Start ins Turnier.

Vincent Keymer, nachdem Anish Giri mit 23…Lxd4 die Partie eingestellt hatte.

Auch Hans Niemann hatte einen starken Start wegen eines groben Fehlers von Vladimir Fedoseev. Glaubst du, dass beim ersten großen klassischen Turnier des Jahres ein besonderer Druck herrscht, der solche Fehler begünstigt?

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Ich habe das nie so empfunden. Zuletzt war ich froh, dass ich zwei Wochen frei hatte, endlich etwas Pause. Jetzt bin ich mit großer Vorfreude hergekommen, um wieder zu spielen, und ich freue mich auf den Rest des Turniers.

Du hast hier schon öfter gespielt, aber bist diesmal in einer neuen Rolle hier: als Nummer eins des Masters. Setzt dich das unter Druck?

Daran habe ich mich noch nicht wirklich gewöhnt. Natürlich ist es eine schöne Situation, weil es zeigt, dass ich ein sehr gutes Jahr 2025 hatte, sodass ich jetzt Nummer vier der Welt bin, hinter Magnus, Hikaru und Fabiano. Aber wie man an der Weltrangliste sieht, ist das alles extrem eng. Für das Turnier bedeutet das nicht viel, es garantiert gar nichts. Ich habe mich vorher gut gefühlt, und mit diesem Start bin ich sehr einverstanden.

„Ein sehr gutes Jahr 2025“.

Hattest du zuletzt Zeit zur Reflexion? Wie hast du die zwei freien Wochen verbracht?

Fast gar kein Schach. Ich habe versucht runterzukommen, mich zu entspannen, neu zu fokussieren und Energie für dieses Turnier zu sammeln. Wir wissen alle, dass Wijk aan Zee wahrscheinlich das längste und anstrengendste Turnier im Kalender ist. Man muss frisch herkommen, sonst werden die letzten Runden sehr hart. Das war mein Fokus. Natürlich habe ich gelegentlich das Laptop geöffnet, ein paar Online-Turniere gespielt und mir ein paar Eröffnungen angeschaut, aber deutlich weniger als sonst. Es waren ziemlich ruhige Wochen.

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