WM-Herausforderer Javokhir Sindarov

Nach seinem famosen Lauf beim Kandidatenturnier steht Javokhir Sindarov eine Runde vor Schluss als WM-Herausforderer fest. Voraussichtlich Ende des Jahres wird er an einem noch zu bestimmenden Ort Weltmeister Gukesh herausfordern. Sindarov, 20, jüngster Teilnehmer des Kandidatenturniers, trifft auf den 19-jährigen Titelverteidiger. Nie haben sich zwei so junge Spieler um den höchsten Titel im Schach duelliert.

WM-Herausforderer Javokhir Sindarov. | Foto: Michal Walusza/FIDE

Sindarov wurde am 8. Dezember 2005 in Taschkent geboren. Sein Vater ist Geschäftsmann, seine Mutter Lehrerin – beide ohne Schachbezug. Das Spiel lernte er von seinem Großvater Kamil, ein Jurist, der seinem Enkel mit viereinhalb Jahren die ersten Züge zeigte und ihn jahrelang zu Turnieren begleitete. Als Sindarov im Oktober 2018 in Budapest seine dritte GM-Norm erfüllte, saß Opa Kamil auf der Tribüne.

Bericht über Sindarovs Triumph im Spiegel.

Die Familie schickte Javokhir und seinen jüngeren Bruder Islombek in den Klub „Sehrli Shahmat“ in Taschkent, wo beide von Anfang an viel Schnellschach gegen Erwachsene spielten. Bei Schulweltmeisterschaften in Griechenland holte Javokhir Gold in der U9, Islombek in der U7. Den Großmeistertitel erarbeitete sich Javokhir Sindarov 2018 binnen vier Monaten: im Juni die erste Norm, im September die zweite, im Oktober die dritte beim First-Saturday-Turnier in Budapest. Sindarov war 12 Jahre, 10 Monate und 8 Tage alt – zum damaligen Zeitpunkt der zweitjüngste Großmeister der Geschichte.

Werbung

Nach dem GM-Titel saß Sindarov für einige Zeit auf einem Ratingplateau fest. Jahrelang pendelte seine Elo in den mittleren 2500ern. Indische Altersgenossen – Praggnanandhaa, Gukesh, Nihal Sarin – überholten ihn, und auch sein ein Jahr älterer Landsmann Nodirbek Abdusattorov setzte sich deutlich ab. Sindarov beschreibt diese Phase selbstkritisch: Er habe nach dem GM-Titel die Motivation verloren. Erst 2023/24 änderte sich das grundlegend, als er mit dem ukrainisch-deutschen Trainer Roman Vidonyak zu arbeiten begann.

Ausnahmecoach Roman Vidonyak. | Foto via DSB

Roman Vidonyak, Internationaler Meister, in München ansässig und 2023 mit dem Trainerpreis des Deutschen Schachbundes ausgezeichnet, hat ein eigenes System entwickelt, das 17 Leistungsfaktoren berücksichtigt – von Konzentrationsausdauer bis Zeitmanagement. Er hatte zuvor unter anderem mit Anish Giri, Vladimir Fedoseev und Jorden van Foreest gearbeitet. Mit Sindarov trainierte er bis zu zehn Stunden täglich. Ende 2023 kletterte dessen Elo erstmals über 2700.

Als Sekundant bei Turnieren dient Sindarov der gleichaltrige usbekische Großmeister Mukhiddin Madaminov, ein Freund seit Kindheitstagen. Als Vidonyak zum World Cup 2025 in Goa nicht reisen konnte, übernahm Madaminov für fast zwei Monate. Sindarov beschreibt die täglichen Trainingspartien mit ihm – viel 2+2-Blitz – als entscheidenden Beitrag zur Verbesserung seiner Entscheidungsgeschwindigkeit in K.-o.-Matches.

2021 schrieb Sindarov erste internationale Schlagzeilen, als er beim World Cup den topgesetzten Alireza Firouzja im Tiebreak eliminierte. 2022 gewann Usbekistan als einziges ungeschlagenes Team die Schacholympiade in Chennai. Sindarov spielte an Brett drei und erzielte 6,5 aus 10 – als Schüler, der noch nicht seinen ganzen Fokus aufs Schach gelegt hatte. Im November 2025 dann der Durchbruch in Goa: Sindarov gewann den World Cup 2025 als jüngster Sieger der Turniergeschichte. Im Finale besiegte er Wei Yi mit 1,5:0,5. Präsident Shavkat Mirziyoyev rief an, der Staat schenkte seinem WM-Kandidaten eine Dreizimmerwohnung.

Im Perlen-Interview mit Rustam Kasimdzhanov vor vier Jahren ging es beim Thema „Schach in Usbekistan“ noch weitgehend um Nodirbek Abdusattorov. Aber schon damals sagte der Exweltmeister: „Abdusattorov ist nicht alleine, es gibt weitere sehr begabte junge Spieler. In Usbekistan bewegt sich einiges, und ich trage dazu bei, was ich kann.“

Sindarovs Aufstieg ist auch Ergebnis eines staatlichen Schachprogramms. Seitdem Rustam Kasimdzhanov 2004 Weltmeister geworden ist, investiert Usbekistan systematisch in Schach: Schulprogramme, neue Klubs, staatliche Förderung. Der Verband des 37-Millionen-Einwohner-Landes zählt über 168.000 Mitglieder; Samarkand richtet 2026 die Schacholympiade aus. Die usbekische Nationalmannschaft wird favorisiert sein, noch vor den Indern.

Matthias Blübaum hat beide Partien gegen Sindarov remisiert – und alle anderen Partien bis auf eine auch. Mit einem sicheren Schwarzremis gegen Hikaru Nakamura in Runde 13 demonstrierte Blübaum einmal mehr, dass er auf höchstem Level mitspielen kann. Die Chance auf den Turniergewinn war schon früh für ihn wie für die anderen WM-Kandidaten sehr klein. | Foto: Michal Walusza/FIDE

Beim Kandidatenturnier startete Sindarov mit 5,5/6, „und das Turnier war praktisch vorbei“, wie Matthias Blübaum nach der zwölften Runde anmerkte. In Runde fünf gegen Hikaru Nakamura bereitete Sindarov im Marshall-Gambit die Überraschung 12…0-0 vor. Nakamura dachte 67 Minuten über seinen 13. Zug nach – zweitlängste Bedenkzeit in der Kandidatengeschichte – und griff trotzdem daneben. Während Nakamura grübelte, filmte die Kamera Sindarov, wie er gähnend den nächsten Zug erwartet. Als Sindarov in der zehnten Runde seinen sechsten Sieg schaffte, war das ein Rekord. Kein Spieler hat jemals mehr Partien in einem Kandidatenturnier gewonnen.

Ella Victoria Carlsen fragte ihren Gatten Magnus, ob er in all den Jahren jemals eine ähnliche Leistung vollbracht hat. Leider nein, musste der einräumen. Allerdings ist nach 4 Punkten aus den vergangenen 7 Partien Sindarovs Kandidaten-Performance auf menschliche 2900 abgefallen. In der Weltrangliste ist er gleichwohl auf Rang fünf geklettert, hat Vincent Keymer überholt und schickt sich an, seinen Freund und Landsmann Nodirbek Abdusattorov als usbekische Nummer eins abzulösen.

Werbung
Die Top 16 der Welt nach der 13. Runde des Kandidatenturniers.

Spätestens in Runde 11 gelang Sindarov gegen Fabiano Caruana die Vorentscheidung. Der US-Großmeister, vor dem Turnier fast einhellig zum Favoriten erklärt, überspielte seinen jungen Kontrahenten. Am Ende war es trotzdem remis.  Sindarov nannte es die härteste Partie des Turniers und eine der besten Verteidigungsleistungen seiner Karriere.

Die FIDE hat Sindarov als „Pacer“ bezeichnet, jemand der zwischen den Zügen selbstsicher durch den Saal läuft, als gehe ihn das alles wenig an. Zur Druckfrage vor dem Turnier hatte er gesagt: Er spüre keinen Druck, weil er sehr jung sei, und hoffe, es werde nicht sein letztes Kandidatenturnier.

Dass er vielleicht kein weiteres Kandidatenturnier braucht, war ihm nicht in den Sinn gekommen. Beim WM-Match voraussichtlich im November/Dezember wird der usbekische WM-Kandidat favorisiert sein – außer, es gelingt Weltmeister Gukesh, sich zu fangen. Der 19-Jährige ist nach einer Reihe bescheidener Ergebnisse bis auf Rang 16 der Weltrangliste abgesackt. „Meine Ergebnisse in den letzten Turnieren waren sehr enttäuschend – nicht nur für mich, auch für alle, die mich unterstützen“, teilte Gukesh mit. Gemeinsam mit seinem Team habe er entschieden, die Wettkampfintensität zu reduzieren, um mehr Zeit für gezieltes Training zu gewinnen.

4.3 15 Bewertungen
Beitragsbewertung
Werbung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest

1 Kommentar
Meistbewertet
Neueste Älteste
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
joschi
joschi
28 Tage vor

Wäre es nun ketzerisch (oder falsch), wenn man feststellt, dass sich Blübaum gut geschlagen hat, aber letztlich keine Chance hatte?
Sindarov hat mehr als überzeugt, was sich allerdings bereits in Wijk abgezeichnet hat. Caruana und Giri im Rahmen ihrer Möglichkeiten; von Nakamura hätte ich mir mehr erwartet.