Schacholympiade (4): Vierter Doppelsieg für Deutschland! Jetzt geht’s gegen die USA und Kasachstan
Die Männer besiegen Polen 2,5:1,5, die Frauen Israel 3:1. Zum vierten Mal in Folge haben beide Nationalmannschaften bei der Schacholympiade 2026 ihre Matches gewonnen. Gegen Israel lief das erstaunlich glatt, gegen Polen war es der erwartet harte Kampf.

In der Tabelle haben sich jetzt beide Mannschaften Spitzenpositionen gesichert – und Fünftrundenmatches gegen die Creme der Denksportnationen. Die Männer treffen am Sonntag auf die topgesetzten USA, die Frauen auf die an drei gesetzten Kasachinnen. In beiden Begegnungen werden die Deutschen erstmals in diesem Turnier Außenseiter sein.

Drei Auftaktsiege, dann Polen in Runde vier: Diese Konstellation kannten die Deutschen aus Budva. Bei der Mannschafts-Europameisterschaft 2023 hatten ebenfalls beide Teams ihre ersten drei Kämpfe gewonnen, ehe sie sich in der vierten 2:2 trennten. Alle vier Partien endeten unentschieden, und am Ende gewannen die Deutschen Silber, hauchdünn hinter den punktgleichen Serben.
Die Männer: 2,5:1,5 gegen Polen
“Die erste Top-Mannschaft, jetzt geht’s richtig los”, hatte Bundestrainer Jan Gustafsson vor dem Polen-Match im DSB-Gespräch gesagt. Und festgestellt: “Das sind die Matches, in denen wir etwas reißen müssen, wenn wir vorne landen wollen bei dieser Olympiade.”

Diesmal rochierte Rasmus Svane aus der Mannschaft und Alexander Donchenko hinein, verbunden mit der Hoffnung aller Beteiligten, dass sich am Brett der bestmögliche Donchenko materialisiert, der in einen Lauf findet und dann am vierten Brett Massaker anrichtet. Will die Mannschaft oben landen, wird sie zwei oder drei Spieler in Galaform brauchen. Jemand, der unten zuverlässig durchpunktet, würde es den Mitspielern leichter machen.
Ob es dazu kommt, ist offen, aber ein Anfang ist gemacht. Donchenko kam mit Vorteil aus der Eröffnung, dann wurde es kritisch, dann war er wieder am Drücker. Und es war abzusehen, dass sich am vierten Brett entscheidet, ob dieser Mannschaftskampf 2:2 endet oder 2,5:1,5.

Ein Unterschied zu Nationalmannschaften früherer Jahre ist, dass die Deutschen ganz oben gegen die gegnerischen Topleute nicht mehr nur überleben müssen (und das dank „Beton-Dieter“ Nisipeanu oft schafften), sondern volle Punkte anpeilen können. Gustafsson hatte angekündigt, dass das auch diesmal so sein würde. Mit Weiß werde Vincent auch gegen einen Riesen wie Jan-Krzysztof Duda Druck machen. Und gegen einen guten Bekannten: Keymer und Duda waren Teil des Teams, das vor zwei Jahren Schachfreund Gukesh bei der Vorbereitung auf den WM-Kampf gegen Titelverteidiger Ding Liren half.
Das in diesem Mikenas-Abspiel bislang kaum gewählte 11.Kf1 repräsentierte den Versuch, Druck zu machen. Der weiße König rochiert zu Fuß, und der Turm bleibt auf der h-Linie, wo sich bald der h-Bauer in Bewegung setzen wird, gefolgt von einem Turmschwenk auf die dritte Reihe und potenziell gegen die schwarze Rochadestellung. Für den 960-Liebhaber Vincent Keymer wird sich dieses im Freestyle geläufigere Motiv ganz natürlich angefühlt haben.
Zu etwas Druck führte es durchaus, aber zu keinem, der dem polnischen Coach und langjährigen Duda-Mentor Kamil Miton Schweißperlen auf die Stirn trieb. Der Weltklassemann aus Wieliczka bei Krakau verteidigte sich präzise, und die Partie trudelte in ein Endspiel aus, in dem Keymers Vorteil symbolischer Natur war. Am Ende spielte Keymer pflichtgemäß ein Turmendspiel 3 vs 2 Bauern am Königsflügel, aber die nach 69 Zügen besiegelte Punkteteilung hatte sich lange vorher abgezeichnet.
Ähnlich lief es in der anderen Weißpartie am Brett von Frederik Svane. Was angesichts von entgegengesetzten Rochaden erst nach einem Hauen und Stechen aussah, verflachte zu einem Endspiel – das Großmeister Malek ein wenig zu passiv anging. Aber die Hoffnung, dass Svane einen vollen Punkt herauskneten kann, versiegte bald. Auch hier lief es auf ein Remis hinaus, auch wenn es ein wenig dauerte, bis es vereinbart war.
Matthias Blübaum moderierte seine Schwarzpartie souverän ab, sodass es an Alexander Donchenko hing, der ebenso wie sein Gegner mit einem rechenintensiven Endspiel und der schwindenden Bedenkzeit zu kämpfen hatte. Aus Maschinensicht betrachtet, verflüchtigte sich der Gewinnvorteil zeitweise, aber kam dann wieder und blieb schließlich bestehen, bis das Turmendspiel mit zwei Minusbauern den Polen zur Resignation veranlasste – 2,5:1,5.
Die Frauen: 3:1 gegen Israel
Die deutschen Frauen waren gegen Israel nominell leicht favorisiert. Dass das nichts heißen muss, wissen sie aus eigener Erfahrung. 2022 in Chennai trafen sie in der sechsten Runde auf Israel, und das Eloplus half ihnen nicht. 1:3 ging das Match verloren.
Dass es diesmal andersherum ausgehen könnte, deutete sich zuerst am Brett von Elisabeth Pähtz an. Nach der jungen belarussischen Doppelweltmeisterin Aliaksandra Tarasenka am Vortag wartete auf Pähtz die nächste Gegnerin mit internationalem Nachwuchstitel: Noga Orian gewann 2024 in Prag die U18-Europameisterschaft der Mädchen. Dort wird sie ihren Katalanen wahrscheinlich nicht derart verkorkst haben wie am Samstag in Samarkand. Mit einem gesunden Mehrbauern kam Pähtz aus der Eröffnung.
Fast hätten die Deutschen an beiden oberen Brettern früh signifikanten Vorteil gehabt. Dinara Wagner am ersten Brett traf auf eine IM, mit der sie gelegentlich Seite an Seite kämpft. Marsel Efroimski und Wagner sind Teil des Europacup-Teams des rumänischen Clubs SuperChess, für den sie 2023 den Europa-Titel gewannen.
Diesmal folgten beide lange einer Partie Blübaum-Nakamura, beiderseits nicht der schlechteste Ansatz, aber dann kam der verflixte 16. Zug, an dem Wagner den Moment verpasste, innezuhalten und genauer hinzuschauen. Stattdessen spielte sie den schnellen Schemazug, und die Chance auf veritablen Vorteil war dahin. Einen kleinen Vorteil in Form des Läuferpaars hielt sie zwar fest, aber das war in einer ansonsten symmetrischen und zunehmend blutleeren Stellung für nicht mehr als einen halben Punkt gut.

Aber was soll’s, Pähtz stand nahe am Gewinn, und da war ja noch Hanna Marie Klek. Die hatte ihren wackeligen Auftakt abgeschüttelt und vor der Partie zu Protokoll gegeben, dass sie gegen starke Gegner:innen in aller Regel besser aussieht als gegen schwache. Insofern kam ihr IM Masha Klimova gerade recht. Die Veteranin der israelischen Mannschaft, 57 Jahre jung, hat schon 1999 beim Zonenturnier in Dresden gegen die damals 14-jährige Elisabeth Pähtz gespielt – und das Zonenturnier gewonnen (geteilte Erste).
Gegen Klek anno 2026 hatte sie nichts zu bestellen. Die Deutsche rollte munter am Königsflügel gegen die schwarze Bastion, und Klimova schaffte es nicht, Gegenspiel aufzuziehen und den sich über ihrem Monarchen zusammenbrauenden Sturm einzudämmen. Nach Engine-Maßstäben wurde es etwas komplizierter als nötig, aber nach menschlichen darf sich Klek über einen Start-Ziel-Sieg freuen.
Zeitweilige Probleme hatte an diesem Tag nur Lara Schulze, hielt aber den halben Punkt fest. Und damit gilt für alle deutschen Spielerinnen und Spieler, dass sie diesen Wettbewerb bislang unbesiegt absolviert haben.
Alle Infos zum Verlauf der Schacholympiade stets hier.
(Titelfoto: Finn Engesser/DSB)









