Frankreich streicht Firouzja aus der Nationalmannschaft

Der französische Schachverband FFE hat Alireza Firouzja aus dem Nationalkader gestrichen, der vorläufige Höhepunkt einer seit Jahren schwelenden Entfremdung. Mit der Bekanntgabe der französischen Olympiamannschaft für Samarkand (15.–28. September 2026) teilte der Verband jetzt mit, Firouzja werde künftig nicht mehr nominiert, „solange er nicht klar seinen Willen ausdrückt, sich dauerhaft in die Mannschaft zu reintegrieren“. Gleichzeitig betonten die Verantwortlichen, damit weder sein Talent noch seine Freiheit, die persönliche Karriere zu priorisieren, in Frage zu stellen.

Bei Einzelturnieren spielt Alireza Firouzja unter französischer Flagge. Für die französische Nationalmannschaft hat er bislang einmal gespielt. | Foto: Michal Walusza/FIDE

Firouzja, geboren 2003 im Iran, verließ 2019 den iranischen Verband aus Protest gegen den Boykott israelischer Spieler. 2021 wurde er französischer Staatsbürger. Seine bislang letzte Olympiade bestritt er 2018 für den Iran. Für Frankreich spielte er genau einmal in einem Mannschaftswettbewerb: bei der Europameisterschaft 2021, wo er mit 8 Punkten aus 9 Partien und einer Performance von über 3000 Elo eine außerordentliche Leistung zeigte und Frankreich zur Silbermedaille führte. Seitdem hat er nicht mehr gespielt. Für Samarkand habe er die Einladung ohne Angabe von Gründen abgelehnt, berichtet chess.com.

Als sich Firouzjas Wechsel nach Frankreich ankündigte.

MVL bat ihn – er wollte nicht

Wie tief die Frustration bei seinen (potenziellen) Mitspielern sitzt, zeigte laut einem Bericht von chess.com Maxime Vachier-Lagrave unfreiwillig in einem Lügendetektorvideo mit Levon Aronian im Jahr 2025. Auf die Frage, ob er froh sei, dass Firouzja Frankreich vertrete, antwortete MVL zunächst „Ja“ – und der Lügendetektor schlug an. MVL erklärte: „Ich habe ihn gebeten, für uns bei der Olympiade zu spielen, und er wollte nicht.“

Werbung
„Spiele, bis ich nicht mehr mag oder bis ich auf dem Top-Level nicht mehr mithalten kann“: MVL träumt mit 35 immer noch vom Weltmeistertitel.

MVL selbst ist nun der Kopf des Teams in Samarkand. Auch seine Präsenz war in den vergangenen Jahren nicht selbstverständlich: Die Mannschafts-EM 2025 verpasste er wegen einer Terminüberschneidung mit den Grand Chess Tour Finals in São Paulo, woraufhin Frankreich ohne seine beiden stärksten Spieler auf Platz 24 landete.

Nationaltrainer Laurent Fressinet, der inzwischen für Leistungssport bei der FFE tätig ist, schrieb auf Twitter, er sei „einer von Alirezas größten Fans“ und bedaure dessen Entscheidung, Frankreich fünf Jahre lang in keinem Mannschaftswettbewerb vertreten zu haben – lasse aber eine Tür offen: „Eine Veränderung in der Zukunft würde ich begrüßen.“

Firouzja über sich selbst

Firouzja hat sich zu seiner Nationalmannschafts-Abstinenz nie direkt geäußert. Einen Hinweis auf seine Haltung gab er 2023, als er seine Absage beim FIDE World Cup begründete: „Einen Monat lang jeden Tag Schach zu spielen, das war einfach zu viel.“ Er habe Interessen außerhalb des Schachs; er nannte Mode. Durch das Fehlen beim World Cup 2025, nachdem er im Grand Swiss knapp an der Qualifikation gescheitert war, verpasste er zudem jeden Weg ins Kandidatenturnier, das Javokhir Sindarov gewann. An den beiden vorherigen Kandidatenturnieren hatte er teilgenommen.

Grand Swiss 2025, letzte Runde, Firouzja versus Blübaum. Der Franzose hätte einen Sieg gebraucht, um ins Kandidatenturnier einzuziehen, vermochte aber nicht, Blübaums Widerstand zu brechen. Der Deutsche wurde WM-Kandidat, und der enttäuschte Franzose schwänzte die Siegerehrung. | Foto: Michal Walusza/FIDE

Firouzja, jüngster 2800er jemals, ist aktuell die Nummer neun der Weltrangliste und der stärkste Franzose. Beim ersten Grand-Chess-Tour-Turnier der Saison in Warschau belegte er Platz fünf. Seit diesem Donnerstag spielt er beim Super Chess Classic Romania in Bukarest, wo er unter anderem auf Vincent Keymer trifft.

Arbeitgeber, Marke, Ausbildungsweg, Projekte? Dazu hält sich Alireza Firouzja bedeckt, betont aber dennoch, dass er parallel zum Schach an einer Mode-Karriere bastelt.

Das Team für Samarkand

Ohne Firouzja schickt Frankreich Vachier-Lagrave, Étienne Bacrot, Maxime Lagarde, Jules Moussard und Marc’Andria Maurizzi ins Rennen, unter Kapitän Sébastien Mazé. Bacrots Rückkehr ist bemerkenswert: Der achtfache französische Meister war für die EM 2025 nicht nominiert worden, legte erfolgreich Berufung beim Nationalen Olympischen Komitee ein und klagte anschließend vor dem Verwaltungsgericht. Das Verfahren läuft noch. Bei den Frauen kehrt Marie Sebag zurück, 2008 die erste Französin mit GM-Titel. Ihre bislang letzte Olympiade war Chennai 2022.

Etienne Bacrot ist wieder im Team.

Frankreichs Top vier kommen ohne Firouzja auf einen Schnitt von 2644 Punkten, Gastgeber Usbekistan auf 2721. Würde Firouzja ins Team rutschen, stiege der französische Schnitt auf rund 2667, und das Team hätte eine veritable Doppelspitze, die sich vor keiner anderen Mannschaft verstecken müsste. – der Abstand zu Usbekistan halbierte sich damit fast. Bacrot sagte gegenüber dem Magazin Europe-Echecs: „Ein einziger Spieler kann der Schlüssel sein, um alles zu verändern. Das haben wir 2021 mit Alireza Firouzja erlebt.“

3.9 7 Bewertungen
Beitragsbewertung
Werbung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest

1 Kommentar
Meistbewertet
Neueste Älteste
Oliver Dunne
Oliver Dunne
17 Tage vor

Nakamura spielt nicht fuer die Amerikanische Nationalmannschaft. Steckt auch fuer Firouja Geld im Spiel?