Schacholympiade (8): Zweimal 2,5:1,5 – Deutsche Männer besiegen Spitzenreiter Usbekistan, Frauen besiegen Österreich / Jetzt gegen Indien und Indonesien
Jedes Match hatten die Usbeken gewonnen. Nicht eine Partie verloren. Dann kamen die Svane-Brüder. Mit 2,5:1,5 hat die deutsche Nationalmannschaft ihr Achtrundenduell gegen den Gastgeber und bis dahin einsamen Tabellenführer Usbekistan für sich entschieden. Die Frauen siegten ebenfalls mit 2,5:1,5 gegen Österreich.

Frederik Svane und Rasmus Svane waren bei den Männern die Gewinner des Tages. Frederik schaffte einen Start-Ziel-Sieg gegen den bis dahin mit einer 2933-Performance überragenden Spieler des usbekischen Teams Nodirbek Yakubboev. Rasmus profitierte von einem taktischen Missgeschick seines Gegners, gewann Material und absolvierte den technischen Part tadellos. Auf Seiten der Frauen darf sich Lara Schulze nach ihrem Endspielsieg als Matchwinnerin fühlen.

Runde 9 am Freitag: Indien und Indonesien
Nachdem sich die deutsche Mannschaft nun komplett durch das usbekische Aufgebot gespielt hat (Siege über Usbekistan III, II und I), erwartet sie gleich das nächste Schwergewicht des Denksports. Am Freitag geht es gegen das an zwei gesetzte Indien mit Weltmeister Gukesh Dommaraju am vierten (!) Brett. Danach werden die Svanes und ihre Mitstreiter gegen alle vier höher gewerteten Teams gespielt haben: USA, Indien, Usbekistan, China. Nummer fünf der Setzliste sind sie selbst.
Die Frauen treffen in der neunten Runde auf das an 35 gesetzte Indonesien, eine Chance, zwei Runden vor Schluss mit einem Sieg in die Top 10 des Feldes aus 189 Mannschaften zurückzukehren.

Usbekistans goldene Generation?
Auch bei der Schacholympiade 2022 in Chennai traf Deutschland in der achten Runde auf Usbekistan. Damals gewannen die Usbeken 2,5:1,5 – und marschierten anschließend sensationell zum Olympiasieg. “Wir erleben goldene Zeiten”, hatte schon kurz vorher der heutige Usbekistan-Coach Rustam Kasimdzhanov im Gespräch mit dieser Seite gesagt. Ganz vorn stehe Nodirbek Abdusattorov, erklärte er – und ergänzte: “Aber Abdusattorov ist nicht alleine, es gibt weitere sehr begabte junge Spieler. In Usbekistan bewegt sich einiges, und ich trage dazu bei, was ich kann.”
Vier Jahre später führt Kasimdzhanov diese Generation als Kapitän in Samarkand, und die seinerzeit ungenannten “begabten jungen Spieler” sind längst keine Namenlosen mehr, allen voran WM-Herausforderer Javokhir Sindarov. Bei ihrer Heimolympiade waren die Usbeken bislang unwiderstehlich. Sieben Siege am Stück, zwei Punkte Vorsprung vor der Konkurrenz, 2800-Performances, sogar eine 2900-Performance der Einzelspieler. Aus Sicht der anderen Top-Teams drohte ein einsamer Durchmarsch zum zweiten Schacholympia-Gold der zentralasiatischen Republik.
Die Männer: 2,5:1,5 gegen Usbekistan

In der achten Runde geriet erstmals Sand ins usbekische Getriebe, recht früh schon, als Shamsiddin Vokhidov am vierten Brett gegen Rasmus Svane ohne Not Material einbüßte. Fortan mussten die Usbeken damit rechnen, dass dieses Brett verlorengeht.
Vielleicht ging deswegen Nodirbek Yakubboev am dritten Brett seine Schwarzpartie gegen Frederik Svane unternehmungslustiger an, als gut für ihn war. “Er machte einen Punch, ich musste zurückpunchen”, erklärte Svane laut Bild nach der Partie. Dieses Punch-Bonmot war wahrscheinlich auf die Zugfolge 15.g4! g5?! gemünzt, wo der Usbeke in schon semikritischer Lage besser beraten gewesen wäre, sich keine Blößen zu geben. In der Folge punchte sich Svane effektvoll durch die schwarze Formation (sehenswert!), bis Yakubboev resignierte – 1:0.
Dank Javokhir Sindarov kamen die Usbeken noch einmal zurück. Im kritischen Moment der Partie hatte Sindarov Matthias Blübaum vor die Wahl gestellt, entweder einen Bauern für freies Spiel zu opfern oder materiellen Gleichstand auf dem Brett zu behalten, aber um den Preis eines offenen Königs. Blübaum überlegte zehn Minuten und ließ sich auf die riskantere Variante ein, ein Fehler. “Hässlich” nannte Kommentator Peter Svidler, was dabei herauskam, und prophezeite, dass selbst ein Blübaum den folgenden Königsangriff kaum werde abwehren können. Und so kam es – 1:1.

Rasmus Svane steckte derweil viel Zeit in ein Endspiel, das gewonnen sein sollte. Wahrscheinlich sei er auch damit beschäftigt, sein Glück fassen zu können, mutmaßte Svidler. Der Lübecker nahm nicht den kürzesten Weg zum Sieg, aber einen, der an keiner Stelle Luft reinließ. Was sich mit dem Einsteller in Zug 16 angekündigt hatte, war mit der Aufgabe des Usbeken in Zug 51 (drei Züge vor dem Matt) besiegelt – 2:1.

Und da war sogar ein 3:1 drin. In einem positionell-strategischen Najdorf-Sizilianer spielte Vincent Keymer gegen Nodirbek Abdusattorov weite Teile der Partie risikofrei auf Gewinn. Weiß hatte Optionen in Form potenzieller Durchbrüche und anzuvisierender Ziele, Schwarz hatte das nicht. Aus dieser Gemengelage ergab sich später die Option, die die Partie gewinnen sollte: Keymer schaffte sich im Leichtfigurenendspiel einen entfernten Freibauern. Auf Gewinn stand er zwischenzeitlich, scheiterte aber an der heroischen Verteidigung Abdusattorovs. Mit einem tief und exakt kalkulierten Figurenopfer gelang es der usbekischen Nummer eins, das Brett zu räumen – 2,5:1,5.

Die Frauen: 2,5:1,5 gegen Österreich
Der österreichischen Nationalmannschaft der Frauen fehlte seit dem frühen Tod von Eva Moser ein international konkurrenzfähiges Spitzenbrett – bis, unter nie öffentlich gemachten Umständen, die Belarussin Olga Badelka in Linz landete. Badelka hatte über mangelnde Unterstützung in Belarus geklagt und wechselte nach Russland. Den ihr dort angeblich zugesagten persönlichen Trainer soll sie nicht bekommen haben. Über ÖSB-Coach David Shengelia soll der Kontakt nach Österreich entstanden sein. Nach der Team-EM 2025 vertritt die amtierende Staatsmeisterin nun zum ersten Mal Österreich bei einer Schacholympiade.
Im Match gegen Deutschland musste sie sich gegen Dinara Wagner einer weißen Bauernmajorität am Damenflügel erwehren. Als die entschärft war und der weiße König einen rechtzeitigen Marsch ins Zentrum verpasst hatte, war auf schwarzer Seite alles okay. Noch vor der Zeitkontrolle mündete die Partie in ein Remis, kein schlechtes Ergebnis für die an den verbleibenden drei Brettern nominell überlegenen Deutschen.
Jana Schneider strauchelte gegen Chiara Polterauer ausgangs der Eröffnung. Angesichts eines Minusbauern musste sie nach Wegen suchen, dafür ausreichendes Spiel zu bekommen. Das gelang, aber mehr als ein halber Punkt war auch hier nicht drin – 1:1.
Am zweiten Brett hatte sich Jasmin-Denis Schloffer vorgenommen, die favorisierte Elisabeth Pähtz zu überrumpeln. Das schlug fehl. Schon nach 15 Zügen schien Pähtz mit den schwarzen Steinen einem Sieg entgegenzusegeln. Dann ließ sie die Luft raus, wo sie noch ein wenig Öl ins Feuer hätte gießen sollen, und bekam ein zwar angenehmes, aber lange nicht gewonnenes Endspiel. Und das endete unentschieden – 1,5:1,5.

Nun drohte ein 2:2, da in Lara Schulzes Läuferendspiel mit 3 versus 3 Bauern zwar ein entfernter Freibauer für Schulze sprach, aber allzu viel war das nicht. Es bedurfte eines Fehlgriffs von Emilia Deak-Sala im 55. Zug, um diesen Arbeitssieg unter Dach und Fach zu bringen.
Alle Infos zum Verlauf der Schacholympiade stets hier.
(Titelfoto: Finn Engesser/DSB)









