Schacholympiade: 4:0 kampflos gegen Israel – ein Bonus für die Niederlande und Bulgarien im Kampf um die Medaillen

Vier niederländische Großmeister auf der einen Seite, auf der anderen vier leere Stühle. 4:0 ging der Vergleich gegen Israel aus, ohne dass ein Zug gespielt worden wäre. Ein paar Meter weiter dasselbe: Israels Frauen traten gegen Bulgarien nicht an. 4:0, kampflos.

Die Niederländer auf dem Weg zum Match, das nicht stattfand.

Israel trat nicht an, weil die sechste Runde während Jom Kippur angesetzt war, dem höchsten jüdischen Feiertag. Der Haken: Die FIDE hatte dem israelischen Schachverband bereits im Januar schriftlich zugesagt, dass dessen Partien am 21. September erst nach Ende des Feiertags beginnen würden, nicht vor 19.30 Uhr. Diese Zusage galt offenbar nicht mehr. Stattdessen fragte die FIDE nach der Auslosung die jeweiligen Gegner, ob sie einer Verlegung zustimmen würden. Die Niederlande und Bulgarien lehnten ab. Sie wollten lieber 4:0 gewinnen als verlegen.

Der Streit um Jom Kippur kann den Kampf um die Medaillen beeinflussen. Die Niederlande und Bulgarien erhielten jeweils vier Brettpunkte, die in die Feinwertung einfließen. „Eine Zweit- und Drittwertungsbank“, sagt DSB-Sportdirektor Kevin Högy gegenüber dieser Seite. Carlsen-Coach Peter Heine Nielsen spricht von einem „erheblichen Vorteil“ gegenüber anderen Medaillenkandidaten.

Bald nach den beiden 4:0 kursierte das Schreiben vom Januar, unterzeichnet von FIDE-Justiziar Aleksandr Martynov. Der Terminplan werde angepasst, heißt es darin. Der israelische Schachverband veröffentlichte das Schreiben nach den beiden kampflosen Niederlagen. In seiner Stellungnahme wirft er der FIDE vor, ihre Selbstverpflichtung gebrochen zu haben. Die sportlichen Folgen seien den Teams nicht durch ihre Leistungen am Brett entstanden, sondern weil die FIDE „die Vereinbarung nicht eingehalten hat“. Der Verband will Erklärungen und eine Korrektur des entstandenen sportlichen Schadens.

Die FIDE stellt den Vorgang anders dar. In ihrem Rundenbericht erwähnt sie die frühere schriftliche Zusage nicht. Israel habe für Montag entweder um einen späteren Beginn oder um eine Verlegung auf den spielfreien Dienstag gebeten. Daraufhin habe die FIDE die Gegner gefragt. Weder Niederlande noch Bulgarien hätten zugestimmt. Dazu seien beide berechtigt gewesen. Deshalb seien die beiden Begegnungen gemäß Reglement kampflos gewertet worden.

Einen Tag zuvor hatte das Verfahren noch funktioniert. Wegen des Beginns von Jom Kippur mussten Israels Partien der fünften Runde früher beendet sein. Singapur im Open und Kolumbien bei den Frauen stimmten einem früheren Beginn zu. Die Matches wurden um 75 Minuten vorgezogen. Die FIDE lobte danach selbst „sportsmanship and mutual respect“ und betonte, dass die Partien unter Einhaltung der Turnier- und Fairplay-Regeln stattgefunden hätten.

Team Israel am Sonntag, als die Matches 75 Minuten eher und abseits des Spielsaal ausgetragen wurden. | Foto: FIDE

Am Montag waren die Gegner weniger entgegenkommend. Eine öffentliche Begründung des niederländischen Teams gibt es bislang nicht. Die niederländische Schachseite Schaaksite stellt den Vorgang so dar: „Israel hatte darum gebeten, dieses Match auf morgen zu verlegen, aber daran wollten die Niederlande nicht mitwirken“, schrieb Richard Vedder. Sein Bericht trägt die Überschrift: „4-0 dankzij Jom Kippoer!“ – „4:0 dank Jom Kippur!“ Vedder erinnerte an Samuel Reshevsky, für den wegen seines jüdischen Glaubens immer wieder andere Spielzeiten gefunden worden seien. „Aber die Zeiten haben sich geändert …“

Nun sind alle Medaillenkandidaten, darunter die deutschen Teams, gegenüber den Niederländern (an 6 gesetzt) und den Bulgarinnen (an 11 gesetzt) im Nachteil. Bei Punktgleichheit entscheiden in Samarkand drei Feinwertungen. Für den zweiten Tie-Break zählen die insgesamt erzielten Brettpunkte, auch die kampflos gegen Israel erzielten. Auch der erste Tie-Break kann durch das 4:0 erheblich steigen. Vereinfacht werden dafür die gegen einen Gegner erzielten Brettpunkte mit dessen Mannschaftspunkten multipliziert.

Die Medaillenchancen von Anish Giri und seinen Niederländern sind dank des 4:0 über Israel gestiegen. | Foto: Rafal Oleksiewicz/FIDE

Dass diese Konstellation droht, war anderen Teams nicht bewusst. Högy kritisiert, dass die FIDE diese Situation überhaupt entstehen ließ. Wenn sie Israel eine solche Ausnahme zusage, müsse sie diese durchsetzen und Matches zu den zugesicherten Zeiten durchführen. Zudem müsse eine solche Ausnahme im Regelwerk stehen oder spätestens beim Technical beziehungsweise Captains Meeting angekündigt werden. Dann hätten alle Mannschaften vor Turnierbeginn gewusst, worauf sie sich einstellen müssen.

DSB-Sportdirektor Kevin Högy im Interview unmittelbar vor Beginn der Schacholympiade.

Israels Verbandsgeschäftsführer Gil Borochovsky kündigt an, dass die Sache aus israelischer Sicht nicht erledigt ist. Verbandspräsident Zvika Barkai bekräftigte gegenüber der Times of India, Israel habe die FIDE Monate vor der Olympiade auf den Konflikt mit Jom Kippur hingewiesen. Dann sei die Regelung schriftlich vereinbart worden. „Jetzt sind wir wütend.“

Das Schreiben der FIDE enthält einen zweiten bemerkenswerten Punkt. Die zugesagte Ausnahme wird darin unter anderem mit Israels „significant contributions to the chess community“ begründet. Damit stellt sich eine Frage, die über diesen Fall hinausgeht: Warum hängen Abweichungen vom Spielplan davon ab, ob ein Verband nach Einschätzung der FIDE „bedeutende Beiträge“ zum Schach geleistet hat? Was gilt als bedeutend – und wer entscheidet das?

Die FIDE geht in ihrer öffentlichen Darstellung auf diesen Teil ihres eigenen Schreibens ebenso wenig ein wie auf die darin zugesagte Startzeit. Nach acht Monaten, in denen sich der Fall hätte regeln lassen, übertrug sie die Entscheidung den israelischen Gegnern.

Kampflose 4:0 sind für Israel bei dieser Olympiade nichts Neues – nur stand das Team beim ersten Mal auf der anderen Seite. In der ersten Runde hatte Pakistan die Begegnung mit Israel verweigert. Der pakistanische Schachverband begründete das ausdrücklich mit der Haltung seines Landes zu Israel und der Solidarität mit den Palästinensern. Israel gewann 4:0, ohne einen Zug zu spielen. Fünf Runden später folgte nun das umgekehrte Ergebnis. Die Ursachen sind allerdings grundverschieden: Pakistan trat aus politischen Gründen nicht gegen Israel an. Israel blieb an Jom Kippur fern, nachdem ihm die FIDE Monate zuvor schriftlich einen späteren Spielbeginn zugesagt hatte.

Alle Infos zum Verlauf der Schacholympiade stets hier.

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8 Kommentare
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Vereinsloser
21 Tage vor

Sie hätten nach Ablehnung der Verschiebung auch einfach spielen können.

Ingo Althöfer
22 Tage vor

Tja, welche Kommunikationsfehler sind da vorher gemacht worden? Mir scheint, der Skandal war völlig unnötig.

GLorscheid
20 Tage vor

Man sollte sich daran erinnern, dass vor einem Jahr die angemeldeten Israelis aus dem Turnier in Sestao bei Bilbao einer Linie des sozialistischen Ministerpräsidenten folgend heraus geekelt wurden und die Niederländer mit den Israelis nicht singen wollten. Wenn man mit vier Punkten belohnt wird fällt Antisemitismus leicht.

Jürgen Kleinert
18 Tage vor

Der. Vorgang hat gleich mehrere Ebenen, auf denen einiges schieflief: 1. haben Terrorstaaten wie Russland und Israel, gegen deren oberste Repräsentanten der Internationale Strafgerichtshof wegen massiver Kriegsverbrechen ermittelt, auf einer Schacholympiade grundsätzlich nichts zu suchen. 2. stellt sich die Frage, ob es wirklich noch in die heutige Zeit passt, wenn Religion den Sportkalender bestimmt. Wer dies bejaht, müsste dann aber konsequenterweise auch allen drei Weltreligionen einen Tag zugestehen, an dem der internationale Sportkalender von Veranstaltungen frei bleibt. 3. geht es natürlich überhaupt nicht, wenn sich die FIDE an ihre eigenen Zusagen nicht hält. Die Verärgerung der Israelis ist deshalb berechtigt.… Weiterlesen »