„Im Grunde ein Spiel der Zahlen“: Warum Russland über Jahrzehnte das Schach dominierte

Die vielzitierte „russische Schachschule“ gab es nicht in Form einer Institution. „Schach war in Russland immer Teil der Kultur“, erklärt Peter Svidler jetzt in einem Video, in dem er die Entwicklung des Sports in seiner Heimat skizziert. Einige Vorkämpfer hätten das Spiel über Generationen getragen und das Fundament für ihre Nachfolger gelegt. Daraus sei ein sich selbst erneuernder Organismus entstanden. In der Sowjetzeit erkannte der Staat zusätzlich einen politischen Nutzen und betrachtete das Spiel als „ein sehr gutes Propagandawerkzeug“.

WM-Kandidat, achtfacher russischer Meister: Peter Svidler über die russische Schachschule.

Eine zentrale Figur war aus Svidlers Sicht Michail Tschigorin (1850-1908), der in der frühen Phase des modernen Schachs eine eigene Sicht auf das Spiel entwickelte. Während Wilhelm Steinitz (1836-1900) eine positionsorientierte Lehre vertrat – solide Figurenentwicklung, stabile Bauernstruktur, methodisches Spiel –, setzte Tschigorin auf Dynamik und Initiative, eine prägende Gegenposition. Später brachte Alexander Aljechin (1892-1946) neue Ideen ein. Svidler beschreibt ihn als Spieler, dessen Verständnis dynamischer Stellungen „seiner Zeit weit voraus“ war. Einzelne Persönlichkeiten wie Tschigorin und Aljechin hätten eine Grundlage geschaffen, indem sie ihr Wissen in Büchern und Artikeln verewigten.

Alexander Aljechin, hier auf der Verliererseite gegen Klaus Junge, war in Sachen Dynamik seiner Zeit voraus.

Gleichzeitig war das Spiel bereits im Alltag vieler Menschen präsent. Historische Berichte zeigen laut Svidler, dass Schach besonders in der gebildeten Mittelschicht verbreitet war. Es gehörte zur Freizeitkultur, ohne dass jeder Spieler ernsthafte Ambitionen verfolgte. Auf dieser Basis etablierte der Staat nach und nach ein Sichtungssystem.

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Svidler, geboren 1976, erinnert sich an seine Schulzeit: „Zwischen der ersten und etwa der vierten Klasse gingen wahrscheinlich rund 75 Prozent der Jungen in meiner Klasse in dasselbe Pionierhaus wie ich.“ Dort lernten sie Schach. Die meisten hörten später wieder auf. Entscheidend blieb für ihn, dass viele Kinder das Spiel zumindest ausprobierten. Einige packte der Ehrgeiz, sie wollten gut werden. Und generell gilt laut Svidler: „Wenn Schach dich erst einmal gefesselt hat, ist es kaum möglich, ganz davon zu lassen.“

Pionierhaus und Großmeisterschule

Aus einer breiten Basis, die aus den Schulen hervorging, entwickelte sich eine Struktur mit mehreren Ebenen. Unten standen lokale Einrichtungen wie Pionierhäuser, die heute etwa Jugendzentren entsprechen würden. Darüber gab es zentrale Institutionen mit stärkeren Trainern. An der Spitze standen Großmeisterschulen, die besonders talentierte Spieler aufnahmen und intensiver betreuten.

Eine russische Gabe fürs Schach gibt es laut Svidler nicht, keinen besonderen nationalen Charakterzug, der russische Spieler stärker macht. Entscheidend sei vielmehr die Kombination aus kultureller Verankerung und einem System, das viele Menschen früh mit dem Spiel in Kontakt brachte und Wissen über Generationen hinweg weitergab.

Moskau 1925, als Schach zum ersten Mal Staatsangelegenheit war.

„Im Grunde ist es einfach ein Spiel der Zahlen“, sagt Svidler zur Dominanz des Sowjet-Schachs in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Viele Kinder beginnen mit Schach, ein kleiner Teil bleibt dabei und entwickelt sich weiter. Gleichzeitig entsteht eine Kontinuität: Spieler, die ihre Karriere beenden, werden Trainer, schreiben Bücher oder arbeiten weiter im Schach. Dadurch entsteht, wie Svidler formuliert, „eine Art sich selbst erneuernder Organismus, in dem Wissen nicht verloren geht“.

Im Spitzenschach erlebt Russland derzeit eine Phase des Rückgangs und des Exodus. Ende 2025 fiel Ian Nepomniachtchi, zweimal Herausforderer um die Weltmeisterschaft, aus den Top 20 der FIDE-Weltrangliste. Erstmals seit Beginn der Ranglisten im Jahr 1971 steht damit kein russischer Spieler mehr unter den zwanzig Besten der Welt. Im Jahr zuvor hatte Nepomniachtchi letzter Russe die Top 10 verlassen. Heute schickt sich Indien an, das Schach so zu dominieren, wie es einst die Sowjets vorexerzierten.

Botwinnik, der Patriarch

Eine zentrale Figur der Entwicklung im Sowjetschach war Exweltmeister Michail Botwinnik. Der „Patriarch“ betrachtete Schach als eine Art Wissenschaft. Für ihn ließ sich nahezu jeder Aspekt des Spiels analysieren, in einzelne Elemente zerlegen und systematisch untersuchen. Botwinniks Ansatz habe das Denken vieler Trainer geprägt.

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Die Ausbildung sowjetischer und später russischer Spieler begann mit einem starken Fokus auf Fundamentalem. Spieler sollten zunächst verstehen, wie Figuren entwickelt werden, wie Stellungselemente funktionieren und wie grobe Fehler vermieden werden. Erst danach entstand Raum für Individualität. Svidler beschreibt diesen Prozess so: „Zuerst lernst du die Grundlagen. Du verinnerlichst sie. Und wenn du gut genug bist, lernst du, sie wieder zu verlernen.“ Regeln galten nicht als starre Gesetze, sondern als Leitlinien. Als Beispiel nennt Svidler Mikhail Tal, einen seiner persönlichen Helden. Tal spielte oft taktisch und risikoreich. Viele seiner Ideen wirkten objektiv fragwürdig. Doch diese Freiheit beruhte auf einem tiefen Verständnis der Grundlagen.

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Svidler hat noch an einigen Sitzungen der Botwinnik-Kasparow-Schule teilgenommen. Botwinnik erschien dort wegen seines hohen Alters kaum noch, und Garri Kasparow zeigte sich nur für kurze Zeit. Dennoch beschreibt Svidler das Training als außergewöhnlich. Am Ende der Lehrgänge erhielten die Teilnehmer konkrete Aufgaben für die Zeit zwischen den Sitzungen. Eine der Empfehlungen lautete: „Du musst die Partien von Rubinstein studieren“, also die Partien von Akiba Rubinstein. Rubinstein galt als Spieler mit „vielleicht dem reinsten natürlichen Stil“. Seine Partien wurden als Lehrmaterial für grundlegendes Schachverständnis betrachtet.

Akiba Rubinstein. | Foto: Wilhelm Willinger/Bildarchiv Austria

Der achtfache russische Meister Svidler empfand diese Empfehlung gerade für sich passend. In seiner Jugend sei er ein Spieler ohne strukturierte Eröffnungsvorbereitung gewesen: „Nach der Eröffnung stand ich schlecht, potenziell mit beiden Farben.“ Svidler improvisierte notgedrungen, lernte, in schwierigen Stellungen zu überleben und Chancen zu finden. Für einen solchen Spieler sei das Studium eines klaren und sauberen Stils besonders hilfreich gewesen – genau deshalb passte Rubinstein für ihn.

Neben dieser Schule prägten weitere Trainer die Ausbildung junger Spieler. Svidler besuchte etwa Kurse von Mark Dvoretsky, in dessen Umfeld Artur Jussupow schon zu einer wichtigen Figur geworden war. Diese Trainingsumgebung versuchte stärker, einen strukturierten Tagesablauf umzusetzen – mit klarer Aufteilung zwischen Training, Analyse und körperlicher Aktivität.

https://youtu.be/xjfBob01TPw
Artur Jussupow führt das Werk von Star-Trainer Mark Dvorektsky weiter.

Svidler beschreibt den Einfluss Dvoretskys mit großer Wertschätzung. „Ich fühle mich privilegiert, ihn gekannt zu haben.“ Seine Bücher über Schachtraining hält Svidler für besonders wertvoll. Gleichzeitig erkennt er an, dass sie nicht für jeden Spieler gleichermaßen geeignet sein könnten. Für ihn persönlich hätten sie jedoch viel bedeutet.

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