Der Stabilisator und der Mittelstürmer: Jussupow und Kasparow beim Fußball

Den soeben von einem Gegenspieler stibitzten Ball vor sich hertreibend, prescht Artur Jussupow nach vorn. Eigentlich ist der Großmeister, der schon in jungen Jahren (auch) am Schachbrett für seine herausragenden Defensivkünste bekannt ist, bei diesem Promi-Fußballspiel – mutmaßlich Ende der 70er- oder Anfang der 80er-Jahre – wie gewohnt als defensiver Stabilisator der Mannschaft aufgestellt. Nun aber befindet er sich weit hinter der Mittellinie und steuert rasant aufs gegnerische Tor zu.

Mittelstürmer Garri Kasparow fuchtelt aufgeregt mit den Armen und fordert eindringlich den Ball. Doch sein Teamkollege steht klar im Abseits – ein Zuspiel würde unweigerlich abgepfiffen werden.

Garri Kasparow weiß, wo das Tor steht. Nur bekommt er nicht immer den Ball, um ihn in Selbigem zu versenken. | Foto via Tass

Soll Artur trotzdem abspielen? Soll er sich allein durch die gegnerische Abwehr zu dribbeln versuchen? Oder gar einen Fernschuss wagen – und damit riskieren, den Zorn des 13. Schachweltmeisters auf sich zu ziehen? Die Auflösung dieses „Fußballproblems“ gibt’s weiter unten.

Bereits zu Beginn seines vormittäglichen Vortrags beim ersten Bopfinger Schachtag hingen die Gäste gebannt an den Lippen des Ehrengastes und (ehemaligen) Weltklassegroßmeisters – und fanden sich zu ihrer Überraschung gedanklich mitten auf einem Fußballplatz wieder.

Nahbar und bescheiden: Begrüßung von Artur Jussupow in Bopfingen. | Fotos via Martin Hahn

Wie der erste Bopfinger Schachtag zustande kam, wurde bereits hier erzählt. Am Samstag des dritten Novemberwochenendes 2025 war es schließlich so weit: Schon ab dem frühen Morgen liefen in der denkmalgeschützten Bopfinger Schranne die letzten Vorbereitungen, die teilweise schon am Vorabend begonnen hatten. Zahlreiche Helfer bauten die Technik, den Tombola-Stand und den Bewirtungsbereich auf, sorgten außerdem dafür, dass trotz zahlreicher kurzfristiger Anmeldungen alle Teilnehmer einen Platz fanden. (Die ursprünglich geplante Teilnehmerzahl des auf den Nachmittag terminierten Ipf-Turniers musste in den letzten Tagen vor dem Event mehrfach aufgestockt werden!)

Auch der Schreiber dieser Zeilen hatte auf den letzten Drücker gut zu tun, da der lang hinausgeschobene eigene Vortrag über Artur Jussupow nun endlich vorbereitet werden wollte (und am Vorabend endlich wurde) – inklusive passender Bilder und einer kleinen Biografie.

Nicht nur der Ankunft des Stargastes und des angekündigten TV-Teams vom Südwestrundfunk (SWR) galt in Bopfingen im äußersten Osten Baden-Württembergs am Morgen die gespannte Erwartung, auch der Hoffnung, dass sich möglichst viele Zuschauer einfinden würden.

Das SWR-Team sagte aufgrund eines kurzfristig angesetzten anderweitigen Dreheinsatzes am Turniertag wieder ab – wobei man sich auf Bopfinger Seite schwer vorstellen konnte, was für das Fernsehen wichtiger hätte sein können als der erste Bopfinger Schachtag mit dem Ipf-Turnier und der angekündigten Schachlegende Artur Jussupow. 😉

Der guten Stimmung tat dies keinen Abbruch. Bereits vor dem auf 9:30 Uhr festgelegten Beginn, der in der ganzen Stadt auf Plakaten angekündigt war und über Flyer auch auf anderen Schachturnieren beworben wurde, begannen sich die Sitzplätze in der Schranne zu füllen. Nach den angenehm kurz gehaltenen Grußworten des ersten Vorsitzenden des Schachclubs Bopfingen, Mario Bossert, sowie eines Vertreters der Stadt eröffnete auch Ehrengast Artur Jussupow seinen Vortrag ohne lange Vorrede mit einigen durchaus anspruchsvollen Schachaufgaben der US-amerikanischen Problemkomponisten Loyd und Shinkman („meine Lieblingskomponisten“ – Artur Jussupow) zum Aufwärmen der Zuhörer.

Artur Jussupow mit Clubchef Mario Bossert.

Als alle Schachgehirne auf Betriebstemperatur waren, leitete er nahtlos auf die Präsentation seiner einzigen je erzielten Gewinnpartie gegen Garri Kasparow über, der für viele als stärkster Spieler aller Zeiten gilt. Diese wurde beim GMA-Weltcup 1989 in Barcelona gespielt und war auf vorige „Bestellung“ des Bopfinger Vereinsvorsitzenden Mario Bossert „geliefert“ worden.

Gleich zu Beginn merkte Jussupow an, dass er diese Partie zum ersten Mal überhaupt öffentlich vorführe. Sein Sieg sei nämlich äußerst schmeichelhaft gewesen und eher groben Zeitnotfehlern Kasparows zu verdanken als seiner eigenen Leistung, ergänzte der ehemalige Schachweltranglistendritte und dreimalige Weltmeisterschaftskandidat bescheiden.

Der Maestro ermunterte sein Publikum auch gleich, nicht schüchtern zu sein und sich aktiv einzubringen – Fragen seien jederzeit willkommen. Sogleich machte ein erster davon Gebrauch und wollte wissen, ob ihn mit Garri Kasparow über das Schachspielen hinaus eine persönliche Freundschaft verbinde.

Jussupow erläuterte, er sei drei Jahre älter als Garri – ein Unterschied, der in jungen Jahren stärker ins Gewicht falle als später. Bei ihren ersten Begegnungen habe man diese Differenz noch gespürt. Zugleich sei aber schnell sichtbar geworden, wie rasch der jüngere Kasparow zu ihm aufschloss – und bereits auf Augenhöhe mit ihm Schach spielte.

Über die Jahre seien sie sich immer wieder begegnet – bei Jugendturnieren, in Auswahlmannschaften und später im internationalen Turnierbetrieb. Eine enge Freundschaft habe sich jedoch nicht entwickelt – auch weil sie in verschiedenen Städten lebten (Kasparow in Baku, Jussupow in Moskau). „Wir sind aber immer gut miteinander ausgekommen“, so Jussupow, der sich auch heute noch über jedes Wiedersehen mit Kasparow freue. Gleichzeitig sei klar gewesen, dass sie über lange Phasen ihrer wichtigsten sportlichen Jahre Rivalen gewesen seien.

Nach kurzer Denkpause packte Artur die bereits eingangs des Artikels erwähnte Fußball-Anekdote aus – zur ganzen Freude des Fragestellers (der gleichzeitig Bruder des Schreibers und außerdem ohnehin mehr dem Fußball als dem Schach zugetan ist 😉).

Bei dem geschilderten Freundschaftspiel, das im Umfeld eines Schachturniers stattfand, trat eine Mannschaft von Schachspielern gegen eine Auswahl von Journalisten an, zu der auch ehemalige Profisportler, etwa Eishockeyspieler, gehörten.

Wann und wo die geschilderte Szene genau stattfand, ob Kasparow zu diesem Zeitpunkt bereits Weltmeister war (er wurde das am 9. November 1985, also fast auf den Tag genau 40 Jahre vor dem Bopfinger Schachtag), kam nicht zur Sprache. Dafür ließ Artur uns wissen, wie er das am Anfang des Artikels geschilderte „Ball-am-Fuß-Problem“ gelöst hat:

„Ich habe einen Querpass auf einen anderen Mitspieler gespielt, wollte den Ball nicht an das Gegnerteam verlieren. Unsere mögliche Torchance war damit allerdings vertan.“ Mitspieler Kasparow, der sich seiner Abseitsstellung offensichtlich nicht bewusst war, habe das mit einer deutlich erkennbaren Geste der Verärgerung kommentiert.

Schmunzelnd fügte Artur hinzu, dass Garri möglicherweise genau aufgrund dieser einen Szene damals auf dem Fußballplatz keine besondere Neigung zu einer engeren freundschaftlichen Beziehung mit ihm entwickelt habe – was im Saal für Gelächter sorgte.

Jussupows Mutmaßung war offensichtlich nur halb ernst gemeint und von seiner wohlwollenden Haltung gegenüber seinem jahrzehntelangen Kontrahenten, aber auch Mannschaftskollegen in der sowjetischen Nationalmannschaft geprägt. Gleichzeitig schwang darin eine charakterliche Beobachtung Kasparows mit, die im 1991 erschienenen Buch „Aus erster Hand*“ des Schachautors Jules Welling in einer auf das Interpolis-Schachturnier 1981 im niederländischen Tilburg zurückgehenden Passage deutlich drastischer formuliert wird:

„Ich darf von mir selbst behaupten, dass ich ziemlich gut sprinten und anständig Flanken kann. Bei Kasparow funktionierte das nicht. Er spielte Mittelstürmer, vernachlässigte die Flanken, um sich mit dem Ball am Fuß direkt durch die Mitte Richtung Tor durchzuschlagen. Sicherlich ein begabter Fußballer, aber kein Mannschaftsspieler.“

Jussupows Partievorführung bot faszinierende Einblicke in seine Denkweise und Turnierpraxis, sowie spannende Hintergründe aus seiner Karriere, was später auch zahlreiche Besucher begeistert bestätigten.

Für den Schreiber dieser Zeilen blieb insbesondere Arturs Fußball-Anekdote als Highlight des ersten Bopfinger Schachtages im Gedächtnis.

Martin Hahn (rechts), Autor dieses Beitrags.
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