Schacholympiade (3): Zwei Arbeitssiege für die Nationalmannschaften, jetzt gegen Polen und Israel
Die Nationalmannschaften siegen weiter. In der dritten Runde der Schacholympiade bezwangen die Männer die Zweitvertretung Usbekistans 2,5:1,5. Die Frauen besiegten Belarus 2,5:1,5. Beide Mannschaften stehen jetzt bei 6:0 Punkten. In der vierten Runde spielen die Männer gegen Polen, die Frauen gegen Israel.

Im offenen Turnier liegen 21 Mannschaften mit 6:0 Punkten an der Spitze, bei den Frauen 19, hier wie dort inklusive der deutschen Viertrundengegner. Auch in der vierten Runde werden beide deutschen Teams nominell favorisiert sein, aber der Elo-Abstand zu den Gegenspieler:innen wird von Sieg zu Sieg geringer. Vincent Keymer oder Matthias Blübaum könnten am ersten Brett erstmals auf einen 2700er treffen, den WM-Kandidaten (2022) Jan-Krzysztof Duda.
Wie wenig die Favoritenrolle bei einer Schacholympiade wert sein kann, wissen die Deutschen seit Chennai 2022 und Budapest 2024, wo die Männer jeweils ihr Drittrundenduell verloren (gegen Österreich und Litauen). Jan Gustafsson sprach vor dem Match am Freitag gegen Usbekistan II sogar von einem „Trauma” – das nun überwunden ist. Vielleicht auch wegen einer Personalentscheidung abseits der Bretter? Der als Ersatzkapitän bereitstehende Delegationsleiter Kevin Högy hatte vor zwei Jahren gegen Litauen an der Seitenlinie gesessen. Damit die Mannschaft kein zweites Litauen erlebt, musste Högy diesmal nicht für Gustafsson in den Spielsaal rochieren.
Erst Usbekistan III, tags darauf Usbekistan II. Die Männer arbeiten sich durch das Aufgebot der Gastgeber. Schon vor dem Match war Gustafssons erklärtes Ziel, auch einen Vergleich mit der ersten usbekischen Garde zu bekommen, die zu besiegen einer deutschen Mannschaft in sechs Versuchen nie gelungen ist. Aber vor der ersten usbekischen Mannschaft musste erst einmal die zweite bezwungen werden, „ein richtiger Test“, wie Co-Trainer Dmitrij Kollars sagte. Coach Kollars erwartete „ein ganz anderes Match“ als am Tag zuvor. Hart umkämpft werde es sein, „aber wir haben sehr gute Chancen“.

Wie die Männer das Drittrundentrauma überwanden
Es bedarf keiner 2650 Elo, um zu verstehen, warum die zweite usbekische Mannschaft auch für ein Spitzenteam wie das deutsche eine Herausforderung repräsentiert. Wer den ehemaligen Weltranglistensechsten Pavel Eljanov als Coach anheuert, schickt keine Thekenmannschaft an die Bretter. Fünf Großmeister sind für Usbekistan II nominiert, darunter ein Olympiasieger und ein Juniorenweltmeister im Schnellschach, angeführt von jenem Mann, der vor vier Jahren den entscheidenden Punkt zum größten Mannschaftserfolg des usbekischen Schachs beisteuerte: Olympiagold.
Dieser Triumph wird Jakhongir Vakhidov anno 2026 verwehrt bleiben, aber individuell kann der ins zweite Glied versetzte Goldgewinner sich am ersten Brett über Duelle gegen Elitegroßmeister wie Keymer freuen. Und über die Zusammenarbeit mit einem Top-Coach wie Eljanov.
Dass es für die Deutschen diesmal deutlich schwieriger wird, war allein daran zu erkennen, dass sich bei den Frauen wie den Männern so bald keine Tendenz abzeichnete. Wo sich an den beiden Tagen zuvor nach zweieinhalb Stunden deutsche Siege prognostizieren ließen, schwankten die Waagschalen diesmal kaum – bis Keymers Gegner im frühen Mittelspiel die Partie wegschenkte und, dazu später, Jana Schneider plötzlich platt stand.

Eigentlich sah es aus, als würde am ehesten Rasmus Svane dem vollen Punkt nahe sein. Der Lübecker knetete eine dem Zeitverbrauch nach vorbereitete Rasmus-Svane-Stellung, ein etwas besseres Endspiel von der Art, wie er es regelmäßig im 70. oder 80. Zug zu gewinnen pflegt. Diese Perspektive mag der Grund gewesen sein, warum Matthias Blübaum, dem die Eröffnung nicht recht gelungen war, die andere Weißpartie früh zum zwischenzeitlichen 0,5:0,5 remis gab.
Dann der das Match entscheidende Zug am ersten Brett, 19.a4?, der Vincent Keymer unmittelbar eine gewonnene Stellung bescherte. Der Usbeke büßte zwei Bauern ein, kämpfte zwar noch bis zum 43. Zug, aber in aussichtsloser Lage.
Für Frederik Svane hatte vor der Partie die Statistik gesprochen. Beim Grand Swiss 2025 wie beim Schachfestival auf Sardinien 2026 waren ihm gegen Schachfreund Suyarov Siege gelungen. Diesmal sah es nicht nach Sieg, aber immerhin unverlierbar aus. Was dann nach der Zeitkontrolle passierte, ist nicht ganz klar. Entweder standen beide Kontrahenten plötzlich neben sich und stellten wechselseitig die Partie ein, oder, wahrscheinlicher, es handelt sich um einen Übertragungsfehler. Sicher ist, die Partie endete so, wie es vor der Zeitkontrolle ausgesehen hatte: unentschieden.
Beim Stand von 2:1 war nur die Frage offen, ob Rasmus Svane seine Massage mit einem Happy Ending krönt und auf 3:1 stellt. Als sich die Engineleiste den plus zwei näherte, sah es danach aus, aber eine Ungenauigkeit auf deutscher Seite, gefolgt von präziser Verteidigung auf usbekischer, führte auch hier zur Punkteteilung.
Belarus: Wenig Elo, viele Medaillen
Auch die Weißrussinnen waren keine Laufkundschaft, sondern eine junge Truppe, die eine Reihe internationaler Nachwuchserfolge vorzuweisen hat. Moderate Elozahlen, ja, noch, aber viele Titel: Elisabeth Pähtz etwa traf auf Aliaksandra Tarasenka, die 2024 die U20-WM im Schnellschach und die im Blitz gewann. Hanna Marie Klek bekam es mit der amtierenden U16-Weltmeisterin Veranika Abramkina zu tun. Jana Schneiders Gegnerin Nika Venskaya hat 2022 die klassische U10-WM gewonnen und in diesem Frühjahr zwei Jugend-WM-Titel im Schnellschach und Blitz nachgelegt. Lara Schulzes Gegnerin Yuliya Liavonava fiel dagegen etwas ab. Sie hat 2025 „nur“ Silber bei der U18-Weltmeisterschaft im Schnellschach geholt. Auch der belarussische Kapitän fügte sich in diese Reihe junger Medaillengewinnerinnen trefflich ein. Jurij Tihonov ist 1992 in Duisburg U14-Weltmeister geworden.

Gleichwohl haben die deutschen Frauen nie gegen eine weißrussische Mannschaft ein Olympiaduell verloren. Die letzten Vergleiche endeten unentschieden: 2006 in Turin 1,5:1,5 an damals drei Brettern, 2010 in Chanty-Mansijsk 2:2. Elisabeth Pähtz war beide Male dabei. 1994 und 1998 siegten die Deutschen, 1998 ohne Pähtz, die damals 13-jährig ihre Olympiapremiere feierte, aber gegen Belarus aussetzte.
2026 spielte sie, anders als Dinara Wagner, die, etwas überraschend, zum zweiten Mal in Folge draußen blieb. Was an Pähtz’ Brett passierte, ähnelte dem Geschehen am ersten Brett der Männer. Ein einziger Zug in etwa ausgeglichener Lage, ein schlechter, ließ das Geschehen fast schon entscheidend zugunsten der Deutschen kippen. Die belarussische Doppelweltmeisterin verteidigte ein Endspiel mit Minusbauer und schlechterer Stellung zwar noch eine Weile, aber zu retten war es nicht.
Ein Glück, denn anfangs sah es aus, als würde der abzusehende volle Punkt am ersten Brett der Mannschaft einen Mannschaftspunkt retten. Im 17. Zug war Jana Schneider ein arger Fehlgriff unterlaufen, der sie zwei Figuren für einen Turm kostete. „Plus 3,5“ meldete die Maschine nach 18 Zügen. 25 Züge später meldete sie das immer noch. Gegen Schneiders aktive, hartnäckige Verteidigung war es der Belarussin nicht gelungen, Fortschritte zu machen. Obwohl es nun an ihr gewesen wäre, ihrer Mannschaft einen Punkt zu retten, ließ sie sich in besagter Plus-3,5-Stellung auf eine Zugwiederholung ein – 1,5:0,5.

Lara Schulze hatte zwischenzeitlich einen Maschinen-Elfmeter nicht gefunden und insofern nicht verwandelt, aber sie ebenso wie Hanna Marie Klek verwalteten recht angenehme Endspiele. Mit der überraschenden Punkteteilung an Schneiders Brett mussten beide nichts Halsbrecherisches unternehmen, um irgendwie einen vollen Zähler zu ergattern. Zwei ungefährdete Remis führten zum 2,5:1,5.
(Titelfoto: Finn Engesser/DSB)








„Entweder standen beide Kontrahenten plötzlich neben sich und stellten wechselseitig die Partie ein, oder, wahrscheinlicher, es handelt sich um einen Übertragungsfehler.“
Es war kein Übertragungsfehler, man kann im Livestream des Matches sehen, dass sie genau diese Züge gemacht haben. Aber auch während dieser Phase gefühlt häufiger auf Keymers Brett als auf ihr eigenes schauten. Und ich saß gestern mit meinen Kiddies beim Training und konnte nicht erklären, warum beide mehrfach Fehler machten, die eigentlich noch nicht eimal einem Verbandspatzer wie mir in einer Turnierpartie passieren.