Beginnen wir mit der Zahl der Landesverbände im deutschen Schach, die es an diesem Sonntag für angemessen halten, ihre zahlenden Mitglieder über das neueste Resultat ihres Wirkens zu informieren: 0. Im Wort: Null. Traurig ist das, überraschend ganz und gar nicht. Die Peinlichkeit des dysfunktionalen Apparats ist die eine Konstante im organisierten Schach. Auch die andere kam an diesem Wochenende zum Vorschein: Sportlich läuft es.
Beim Sardinia World Chess Festival 2026 im italienischen Orosei gewann Frederik Svane mit 7,5 Punkten aus 9 Partien das Open-A – sein erstes Turnier nach monatelanger Sekundantenarbeit für WM-Kandidat Matthias Blübaum. Von Januar bis April hatte Svane gemeinsam mit Dmitrij Kollars Eröffnungsanalysen für den Nationalmannschaftskollegen erarbeitet, Nächte durchanalysiert. „Drei, vier Monate nonstop Schach analysieren geht auf den Kopf“, sagte er danach. Jetzt hat er gezeigt, dass sein Kopf wieder funktioniert.

Das Festival auf Sardinien
Das Sardinia World Chess Festival, inzwischen in seiner dritten Ausgabe, fand vom 3. bis 10. Mai im Club Hotel Marina Beach in Orosei statt. 160 Spieler:innen nahmen teil, das Gesamtpreisgeld betrug 50.100 Euro. Hinter Svane belegten Haik Martirosyan, der zweimalige WM-Herausforderer Ian Nepomniachtchi und der Armenier Mamikon Gharibyan mit je 7 Punkten die Plätze zwei bis vier.
Über neun Runden ließ Svane wenig anbrennen. Drei Remis gab er ab: in Runde zwei gegen den niederländischen IM Edwin Van Haastert, in Runde sechs gegen den US-Amerikaner Brandon Jacobson und in Runde sieben gegen den Armenier Haik Martirosyan. Diesen Punkteteilungen standen sechs Siege gegenüber. Eine Schlüsselpartie spielte Svane in Runde acht: Mit Schwarz bezwang er den Usbeken Mukhammadzokhid Suyarov in einer scharfen Ruy-Lopez-Partie und schob sich damit an die Tabellenspitze.

Die musste er allerdings noch teilen mit dem Inder Murali Karthikeyan (Elo 2648). Mit 6,5/8 standen die beiden einen halben Punkt vor dem Feld. In der letzten Runde trafen sie aufeinander. Ein Remis hätte beiden den geteilten Turniersieg gesichert. Svane spielte auf Gewinn. Und gewann in einem zum Zungeschnalzen präzise geführten Turmendspiel, das eine Maschine gehalten hätte, nicht aber ein 2650-GM. Svane fand reihenweise beste Züge und zwang derweil seinen Gegner so lange, einzige Verteidigungen zu finden, bis es keine Verteidigung mehr gab.

Frederik Svanes Turnierperformance lag über 2700 Elo-Punkten. Er gewinnt gut 11 Ratingpunkte und kassiert 10.000 Euro Preisgeld. Dazu kommen Punkte für den FIDE Circuit 2026/27 – der Qualifikationsreihe für das Kandidatenturnier 2028. Dort belegt Svane jetzt mit 15,16 Punkten aus diesem einen Turnier Rang 12. In dieser Momentaufnahme ist er bester Deutscher im Circuit, knapp vor Vincent Keymer (14,06).
Faustino Oro (12), zweitjüngster Großmeister der Geschichte
Das zweite große Ereignis des Turniers: Faustino Oro sicherte sich die dritte und letzte erforderliche GM-Norm. Der Argentinier besiegte in Runde acht den polnischen IM Bartlomiej Niedbala mit Schwarz in der Caro-Kann-Vorstoßvariante nach 58 Zügen. Oro ist zu diesem Zeitpunkt 12 Jahre, 6 Monate und 26 Tage alt – zweijüngster Großmeister der Schachgeschichte. Der Weltrekord des US-Amerikaners Abhimanyu Mishra (12 Jahre, 4 Monate, 25 Tage) bleibt bestehen. Allerdings hat Oro seinen Titel unter dem Anfang 2024 verschärften Reglement errungen. Für Mishra hatte noch das alte gegolten.
In Sardinien hatte Oro die Norm bereits vor der letzten Runde sicher, da ihm die Auslosung für die neunten Runde den topgesetzten Ian Nepomniachtchi bescherte, der einzige mögliche Gegner mit einer Elo, die hoch genug war, dass sich Oro eine Niederlage erlauben konnte und trotzdem GM wird. Oro beendete das Turnier mit 6/9. Auch der usbekische IM Mukhammadzokhid Suyarov, den Svane in Runde acht bezwang, erfüllte in Sardinien die Voraussetzungen für den GM-Titel. Suyarov konnte sich nach einen Blitzstart mit 5,5/7 sogar zwei Niederlagen zum Abschluss erlauben.



Ich paraphrasiere aus der geäußerten Philosophie „meines Fürstentums“:
„Alle für die Mitglieder des Schachbund NRW relevanten Informationen werden weiterhin in gewohnter Weise auf der Webseite des Schachbund veröffentlicht.“
Das Sardininien-Festival werde ich mir für das kommende Jahr merken, es scheint eine Reise wert zu sein.
Na wenn der Einstieg in den Artikel nicht perfekt für ein Interview mit Michael S. Langer wäre …
Zum Turmendspiel in Svane-Karthikeyan: „zwang derweil seinen Gegner so lange, einzige Verteidigungen zu finden, bis es keine Verteidigung mehr gab“ ist ja für derlei Endspiele analytischer Quatsch: entweder es ist remis, dann gibt es immer mindestens einen Zug der Remis hält, oder es ist nicht remis. Bei Mattangriffen mag gelten: man kann zwei, drei oder fünf Mattdrohungen parieren bevor eine unparierbar ist. Konkret fand Karthikeyan einen einzigen Zug (48.-Kd5), den zweiten (50.-Tg2) fand er dann nicht – 50.-Th1?? war eventuell ein Panikzug mit noch zwei Sekunden auf der Uhr. Dann musste Svane, der anfangs noch etwas mehr Bedenkzeit hatte und… Weiterlesen »