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Der kasachische Milliardär Timur Turlov hat ChessBase gekauft. Jetzt kündigt die Sparkasse dem Unternehmen das Geschäftskonto.

Die Hamburger Sparkasse hat ChessBase das Geschäftskonto gekündigt. Nach Informationen dieser Seite erfolgt die Kündigung zum 1. Oktober 2026. Die Entscheidung des Instituts fiel kurz nach dem Verkauf des Hamburger Schachsoftwareunternehmens an den kasachischen Milliardär Timur Turlov – einen Mann, dessen Finanzimperium weltweit bei Finanzaufsehern, Banken und Medien unter Beobachtung steht.

Auf Anfrage dieser Seite wollte die Haspa sich zum konkreten Fall nicht äußern. Ein Sprecher der Sparkasse verwies im ChessBase-Kontext auf einen allgemeinen Grundsatz: Wenn eine Geschäftsbeziehung unter aktuell bestehende Sanktionen gegenüber Ländern wie Russland, Belarus oder dem Iran falle, könne dies dazu führen, dass die Bank einzelne Verbindungen nicht fortführen dürfe.

ChessBase-Eigentümer Timur Turlov. | Fotomontage, Foto: Michal Walusza/FIDE

Ursprung in Moskau, Probleme in New York

Das ursprüngliche Geschäftsmodell des 1987 in einem Vorort von Moskau geborenen Turlov war es, russischen Anlegern den Weg an die Wall Street zu ebnen. Der US-amerikanische Leerverkäufer Hindenburg Research warf Freedom 2023 vor, dieses Modell auch nach dem Überfall auf die Ukraine über undurchsichtige Strukturen weiterzuführen, an Geldwäsche-Kontrollen vorbei. Freedom hat die Vorwürfe bestritten und ließ sie durch eine Kanzlei prüfen. Die Prüfung ergab nach Unternehmensangaben keine Belege für die zentralen Vorwürfe – bezog sich aber nur auf die börsennotierte Freedom Holding, nicht auf externe Strukturen außerhalb des Konzerns.

Nach einem Bericht des russischen Mediums Versia verfügt Turlov über ein weitverzweigtes Netzwerk von Gesellschaften, die es ermöglichen könnten, das alte Modell weiterhin zu verfolgen. Genannt werden unter anderem „FFIN Belize“, eine persönliche Gesellschaft Turlovs außerhalb der börsennotierten Freedom Holding, sowie die russische Gesellschaft „Perviy Magazin Aktsiy“, über die laut Versia eine Verbindung zum internationalen Geschäft bestehen könnte.

Skizze des weitverzweigten Turlov-Netzwerks. | Grafik via versia.ru

Nach eigenen Angaben hat Turlov Anfang 2023 sein Russland-Geschäft abgestoßen. Käufer war Maxim Povalishin – der frühere stellvertretende Direktor von Freedom Finance Russia. Die übernommenen Unternehmen wurden umbenannt. Aber Freedoms eigene Börsenberichte belegen, dass russische Personen lange nach dem Verkauf Kunden nicht-russischer Gruppentöchter blieben. Im Jahresbericht 2023, den Freedom bei der US-Börsenaufsicht SEC einreichte, räumte das Unternehmen ein, Kunden zu bedienen, die unter US-amerikanischen, europäischen oder britischen Sanktionen stehen.

In seinem neuesten Jahresbericht weist Freedom aus, dass 188 Millionen Dollar an Kundengeldern mit sanktionierten Personen oder Einrichtungen zusammenhängen (oder solchen, deren Sanktionsstatus geprüft wird) – Gelder, die Freedom aufgrund von Sanktionsvorschriften blockiert hat. Die Summe ist zuletzt gewachsen. 2023 waren es noch knapp 18 Millionen Dollar.

Börsenaufsicht, Justizministerium, offene Fragen

Die US-Börsenaufsicht SEC, der Freedom als NASDAQ-gelistetes Unternehmen untersteht, hat Turlov und Freedom Holding einen sogenannten Wells Notice zugestellt. Das ist eine formelle Warnung: Die Behörde hat vorläufig entschieden, eine Zivilklage zu empfehlen. Freedom selbst hat das im eigenen Jahresbericht offengelegt. Es geht um Buchführungspraktiken im Zusammenhang mit internen Handelsgeschäften, eine Untersuchung, die seit 2021 läuft.

Seit Oktober 2023 ist öffentlich bekannt, dass außerdem das US-Justizministerium gegen Freedom ermittelt. Ob die Ermittlungen weiterhin laufen, hat diese Seite beim US-Justizministerium angefragt. Die Antwort: Man werde das weder bestätigen noch dementieren.

Arkady Dvorkovich will zum dritten Mal FIDE-Präsident werden, Timur Turlov sein Vize. | Foto via timurturlov.com

Turlovs öffentliche Distanzierung von Russland – er hat die Invasion verurteilt und nach eigenen Angaben seine russische Staatsbürgerschaft aufgegeben – macht ihn aus Sicht von Versia zur „toxischen“ Figur für russische Schachinteressen in der FIDE, wo Turlov an der Seite von FIDE-Präsident Arkady Dvorkovich kandidiert. Das Blatt skizziert ein Tandem, in dem der eine, Dvorkovich, einen Finanzier von Turlovs Format als äußerst nützlich empfinden könnte, um sein Vermögen in den Westen zu bringen. Der andere wiederum, Turlov, benötige den Status eines hochrangigen internationalen Sportfunktionärs, um sein Ansehen zu stärken und bei globalen Finanztransaktionen weniger angreifbar zu sein.

Aufbruchstimmung im April

Über den Verkauf der deutschen Traditionsfirma ChessBase an Turlov hat diese Seite am 9. April exklusiv berichtet, acht Tage bevor beide Unternehmen den Deal per Pressemitteilung bestätigten. Seinerzeit klang es nach Aufbruch. Turlov kündigte eine Investition von rund fünf Millionen Euro an, versprach den Erhalt aller Arbeitsplätze und bestätigte Hamburg als Firmensitz. „ChessBase ist eine außergewöhnlich starke Marke mit einer reichen Geschichte“, sagte Turlov. Rainer Woisin, seit dem 11. Juni alleiniger Geschäftsführer von ChessBase, zeigte sich ebenfalls zuversichtlich: „Einen Investor zu haben, der Schach wirklich liebt, ist vielleicht das beste Ergebnis, das man sich vorstellen kann.“

Das Geschäftskonto gekündigt zu bekommen, ist kein gutes Ergebnis. Die Haspa ist nicht die letzte Institution, die Freedom unter die Lupe nehmen wird. Wer künftig mit ChessBase Geschäfte macht, prüft automatisch auch Freedom. ChessBase selbst ist nicht sanktioniert, aber das Unternehmen bewegt sich nun in einem Umfeld, das Banken und Geschäftspartner weltweit genau beobachten.  

(Titelfoto: Michal Walusza/FIDE)

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2 Kommentare
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acepoint
1 Monat vor

Was sich mir nicht erschließt: so etwas klärt man doch im Rahmen der Übernahmeverhandlungen, also spätestens im April 26.