ChessBase wird verkauft. Nach Informationen dieser Seite übernimmt der kasachische Milliardär Timur Turlov das Hamburger Unternehmen, das den Schachsport über Jahrzehnte geprägt hat. Der Verkauf ist vereinbart und beschlossen. Der formelle Vollzug steht noch aus. Auf Anfrage dieser Seite verweist ChessBase auf Vertraulichkeitsvereinbarungen und möchte sich nicht äußern. Außerdem solle der Investor das erste öffentliche Wort haben. Turlov hat die Anfrage dieser Seite nicht beantwortet.

Aus dem Umfeld der Verhandlungen war zu erfahren, dass der Standort Hamburg bestehen bleibt und alle Arbeitsplätze bis auf Weiteres erhalten bleiben. Rainer Woisin, langjähriger Geschäftsführer, soll das Unternehmen weiterführen, aber es soll im Gespräch sein, ihm einen der kasachischen Seite verpflichteten Co-Geschäftsführer zur Seite zu stellen. Auch die bisherigen Gesellschafter sollen dem Unternehmen erhalten bleiben – in beratender Funktion.
Wie und wo ChessBase demnächst Software entwickelt, ist offenbar Gegenstand einer Debatte. Aus dem Unternehmen, das gerade erst einen neuen Programmierer eingestellt hat, ist zu hören, dass Entwickler in Deutschland gesucht werden sollen. Aus dem direkten Umfeld des Deals klingt es anders. Die kasachische Seite soll Interesse haben, die technische Entwicklung selbst in die Hand zu nehmen und nach Kasachstan zu verlagern.
Unterdessen fragen sich die rund 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wie es weitergeht. Sie sind in einer Betriebsversammlung über den bevorstehenden Verkauf informiert worden, nicht über ihre konkrete Perspektive.
Die Gutenbergs des Schachs
Die Geschichte von ChessBase beginnt Mitte der 1980er-Jahre – mit Garri Kasparow, dem damals besten Schachspieler der Welt, und mit einer Idee. Der Wissenschaftsjournalist Frederic Friedel hatte den jungen Weltmeister in Hamburg kennengelernt. Gemeinsam entwickelten sie einen Plan: eine Datenbank, die Schachpartien speichert, durchsuchbar macht, analysierbar.
Friedel konnte nicht programmieren. Ein junger Physikstudent namens Matthias Wüllenweber konnte es. Wüllenweber reiste per Anhalter nach Basel, zeigte dem dort ein Match spielenden Kasparow den Prototyp – und legte damit den Grundstein für die digitale Revolution im Schach, auch für die Demokratisierung der Schachinformation. 1986 gründeten Friedel und Wüllenweber gemeinsam mit dem Hamburger Schachtrainer Gisbert Jacoby das Unternehmen ChessBase. Kasparow sagte später: Wüllenweber sei ein Genie und ChessBase die wichtigste Neuerung im Schach seit Erfindung des Buchdrucks.

Heute hat ChessBase vier Gesellschafter: Wüllenweber und sein Mitgründer Friedel, dazu Rainer Woisin sowie Florian Jacoby, Sohn des 2018 gestorbenen Mitgründers Gisbert Jacoby. Florian Jacoby ist Juraprofessor in Bielefeld, Schachspieler durchaus (DWZ 2114, Brackweder SK), aber kein Schachunternehmer. Auch bei den anderen Gesellschaftern bietet sich keine nächste Generation an, die einsteigen könnte. Das Fehlen einer Nachfolge ist dem Vernehmen nach ein wesentlicher Grund für den Verkauf.
Der Boom ging an Hamburg vorbei
Seit 2020 spielt die Welt Schach. Die Pandemie trieb Millionen Menschen an die Bildschirme, der Netflix-Hit „Damengambit“ stürmte die Serien-Charts – ein globaler Schachboom war die Folge. Lichess und Chess.com meldeten Rekordzahlen, Hunderttausende schauten Schach auf Streaming-Plattformen. Neue Berufsbilder im Schach entstanden: YouTuber, Streamer, Influencer.
Neue Firmen entstanden auch, und bestehende profitierten. Chessbase kaum. Der Umsatz des Unternehmens bewegt sich laut öffentlich einsehbaren Schätzungen seit Jahren um vier Millionen Euro. Die neuen Schachspielerinnen und Schachspieler landeten bei Lichess und Chess.com – auf dem Smartphone. ChessBase dagegen ist ein Produkt für eine andere Zielgruppe: Turnierspieler, Profis, Trainer. Diese Stammkundschaft arbeitet Schach am Desktop-PC. Wer Schach ambitioniert betreibt, kommt bis heute nicht an ChessBase vorbei.
Manche Entwicklung hat das Unternehmen verpasst, einige Zeichen der Zeit gesehen. WebApps, browserbasiertes Training, ein Account-Modell – ChessBase hat versucht, den Schritt zur mobilen, vernetzten Plattform zu gehen. Aber der Weg von der Desktop-Software zur monetarisierbaren digitalen Anwendung ist schwierig. Hinzu kommt ein strukturelles Problem. Seit Anbeginn fährt ChessBase auf zwei Schienen, dem Flaggschiffprodukt ChessBase als Datenbankprogramm für Profis und dem 1991 vorgestellten Schachprogramm „Fritz“. Eine attraktive Plattform zum Schachspielen fehlt. Der Boom der vergangenen Jahre hat diese Lücke offenbart.
Der Kassenbestand sank von knapp 985.000 Euro im Jahr 2020 auf 598.000 Euro im Jahr 2023. Während im Schach mehr Geld denn je zirkulierte, lebte ChessBase von seinen Ersparnissen. 2023 schrieb das Unternehmen erstmals Verluste: ein Minus von knapp 94.000 Euro. 2024 gelang die Trendwende mit einem kleinen Plus von rund 67.000 Euro – ein Zeichen der Stabilisierung, kein Befreiungsschlag. ChessBase eine existenzielle Krise anzudichten, wäre übertrieben. Aber es ist ein Unternehmen, das sich nicht aus eigener Kraft in eine neue Ära entwickeln kann, allein schon, weil es dafür kein Produkt hat.
Der Mann hinter dem Deal
Timur Turlov ist 38 Jahre alt, in Russland geboren, seit Jahren in Kasachstan beheimatet und Gründer der Freedom Holding Corp., ein an der NASDAQ notierter Finanzdienstleister, der in 21 Ländern operiert. Turlov ist, zumindest beim ChessBase-Deal, kein klassischer Investor, der Rendite sucht. Er ist Schachbegeisterter.
Seit Ende 2022 ist seine Freedom Holding der wichtigste Sponsor des Weltverbands FIDE. Für den WM-Kampf 2023 zwischen Ian Nepomniachtchi und Ding Liren in Astana stellte Turlov das Preisgeld von zwei Millionen Euro bereit. 2023 wurde er Präsident des kasachischen Schachverbands. Rapid- und Blitzweltmeisterschaften in Almaty und New York, das Kandidatenturnier 2026 auf Zypern – Turlov finanziert einen Großteil des FIDE-Turnierbetriebs.
Die Verbindung des kasachischen Schachs zu ChessBase reicht einige Jahre zurück. Im Dezember 2023 empfingen die ChessBase-Gründer Wüllenweber und Friedel in Hamburg eine Delegation aus Kasachstan. Die Kaissa-Stiftung, gegründet von den Unternehmern Rinat und Erlan Naimanov, unterzeichnete eine Kooperationsvereinbarung mit ChessBase. Ziel war es, Trainingsprogramme in die kasachische Sprache zu übersetzen. Turlov war zu diesem Zeitpunkt kaum im Bild. Aber die Verbindung war gelegt – und aus ihr ist, wie aus dem Umfeld der Verhandlungen berichtet wird, letztlich der jetzige Deal entstanden.
(Schach-)Politik?
Der Kauf von ChessBase sei in erster Linie eine Transaktion in der Schachszene, heißt es aus dem Umfeld des Deals. Ob das die ganze Geschichte ist?
Im Herbst wählt die FIDE einen neuen Präsidenten – oder bestätigt den alten. Amtsinhaber Arkady Dvorkovich steht unter Druck. Die EU erwägt Sanktionen gegen ihn. Ob das 20. EU-Sanktionspaket Dvorkovich einschließt, hängt unter anderem vom Ausgang der Parlamentswahl in Ungarn ab. Würde Dvorkovich sanktioniert, wäre er bei der FIDE kaum wählbar.
Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán und speziell sein Außenminister Péter Szijjártó gelten als enge Verbündete Dvorkovichs. Sie haben Sanktionsinitiativen in Brüssel bisher blockiert. Szijjártó steht seinerseits unter Druck: Abgehörte Telefonate sollen zeigen, wie er vertrauliche EU-Sitzungsinterna an den russischen Außenminister Sergej Lawrow weitergegeben hat.
Die ungarische Parlamentswahl steht unmittelbar bevor. Geopolitisch wird ihr Ausgang richtungweisend sein. Im Schach könnte bei einer Niederlage Orbans die Schutzwirkung für den als Schachpräsidenten durch die Welt reisenden Kreml-Emissär Arkady Dvorkovich wegfallen.

In dieser Gemengelage wird seit Monaten ein Name gehandelt: Timur Turlov soll, je nach Szenario, Interesse an der FIDE-Präsidentschaft haben. Offiziell bestätigt ist das nicht, aber zu hören immer wieder, und der ChessBase-Deal würde dazu passen. Kolportiert wird, dass Turlov für den Co-Geschäftsführerposten bei ChessBase jemanden aus der aktuellen FIDE-Dvorkovich-Mannschaft im Blick haben soll. Diese Seite hat dazu bei der FIDE angefragt. Eine Antwort gab es nicht.
Das neue Kapitel
Hinter ChessBase standen stets Menschen, die Schach lieben. Dem Schachsport haben sie einen evolutionären Sprung beschert.
Aber das war vor 40 Jahren.
Dass die Firma nun in andere Hände übergeht, ist in erster Linie das Ende einer Gründergeneration ohne Nachfolge – und der Beginn eines neuen Kapitels, dessen Inhalt noch nicht geschrieben ist.
Was für ein Paukenschlag. Den muss ich erst einmal verdauen.
Bin gespannt, ob es eine strategische Neuausrichtung mehr hin zu Amateurspielern gibt. Mit lichess, chess.com kommen fast alle Normalos klar. Das Chessbaseprogramm ist offenbar für FM aufwärts konzipiert. Alleine die regelmäßigen umfangreichen Anleitungen wirken einschüchternd und abschreckend.
Bin ziemlich schockiert. Ich fürchte da geht was zu Ende oder zumindest in eine Richtung, die nicht im Interesse des „normalen“ Amateur- bzw. Freizeitschachspielers ist. Das wird bestimmt nicht sofort passieren, sondern des Ende eines längeren Prozesses sein. So zumindest meine Befürchtung. Aber erst einmal gilt es diese Nachricht, die ich zunächst für einen „Aprilscherz“ gehalten habe zu verdauen!
Am 19. Februar 2026 gab es bei der zypriotischen Handelsaufsicht (Commission for the Protection of Competition) einen Hinweis auf einen kommenden Deal zwischen der ChessBase GmbH und der Freedom Holding Corp.
Notification of concentration concerning the acquisition of the share capital of ChessBase GmbH by Freedom Holding Corp:
COMMISSION FOR THE PROTECTION OF COMPETITION – News
„Die neuen Schachspielerinnen und Schachspieler landeten bei Lichess und Chess.com – auf dem Smartphone. ChessBase dagegen ist ein Produkt für eine andere Zielgruppe: Turnierspieler, Profis, Trainer.“
Offensichtlich ist der wesentliche Unterschied, dass Lichess & Co sich um alle, Chessbase sich nur um die männliche Clientel gekümmert hat. Oder hab ich da was nicht verstanden?
„Wer Schach ambitioniert betreibt, kommt bis heute nicht an ChessBase vorbei.“
Soviel Unsinn in einem Satz. Was liefert Chessbase für Turnierspieler, Profis, Trainer, was nich andere wie Chessassistant, Scid, RChess auch liefern?
Chessbase stand ohnehin nur für überteuerte Produkte mit einem ekelhaften Kopierschutz, die an den eigentlichen Bedürfnissen vorbeigehen.
Ich meine, wer ist denn wirklich so bescheuert und gibt 500€ für Chessbase „Premium“ aus oder 200 € für eine Fernschachdatenbank, wenn ein FS-Freund eine gleichwertige für 15€ anbietet? Hätten sich bei der Funktionalität mal lieber an Convekta orientiert.
RIP