Wann, wenn nicht jetzt: ein Kandidaten-Heimspiel für Matthias Blübaum

Als WM-Kandidat Matthias Blübaum seinen Koffer nach der Rückkehr aus Samarkand öffnete, sah er Brösel und Scherben. Der Preis­teller – im Netz liebevoll „Pizzateller“ genannt – war zwischen Hemden und Hosen in mehrere Teile zersprungen, eine Transportpanne nach einer historischen Leistung: Seit Robert Hübners Roulettekugelmatch gegen Exweltmeister Wassily Smyslow 1983 ist Blübaum der erste Deutsche, der es unter die letzten Acht des WM-Zyklus schafft.  

Matthias Blübaum und der „Pizzateller“, der die Rückreise nach Deutschland nicht heile überstand. | Foto: Michal Walusza/FIDE

Ein Deutscher im Kandidatenturnier; wer weiß, wann das wieder passiert. Sollten wir jetzt nicht schnellstens erörtern, ob wir ihm ein Heimspiel verschaffen können? Erstaunlich, dass darüber nicht gesprochen wird. Womöglich steht diese Frage nirgendwo auf dem Tableau, weil die Schar der Blübaum-Freunde und -Unterstützer es noch gar nicht fassen kann. Aber es ist Eile geboten. Die Frist, bei der Weltschachverwaltung ein Ausrichter-Angebot abzugeben, läuft bis zum 15. Oktober.

Bislang hat nur Olaf Steffens in seinem Blog die Heimspielfrage auf die Agenda gehoben. Als Bremer schlägt Steffens naturgemäß Bremen als Ausrichterstadt vor, wo Matthias Blübaum für einige Jahre Bundesliga gespielt hat. Steffens hat sogar schon Zugverbindungen von Blübaums Heimatort Lemgo nach Bremen herausgesucht, sodass der ostwestfälisch-lippische WM-Kandidat pünktlich ans Brett kommt. Aber das würde keine Verspätungen oder Zugausfälle voraussetzen – ein Risiko, nun, da bei der Bahn Schachmeister Richard Lutz nicht mehr an den Schalthebeln sitzt.

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Nein, Bremen ist keine realistische Option. Schulden von knapp 24 Milliarden Euro lasten auf der Hansestadt, etwa das 15.000-Fache der gewiss nicht kleinen Summe Beitragsgeld, die Präsidium und Kongress des Schachbunds in den vergangenen Jahren verbrannt haben. Bremen, so charmant die Stadt sein mag, fehlt die wirtschaftliche Handlungsfähigkeit, um ein Kandidatenturnier aus dem Boden zu stampfen. Zumal für Leute, die keine Bremer sind.

Wenige Stadtbahn-Stationen entfernt von hier hat Matthias Blübaum Mathematik studiert. Wenige Kilometer entfernt von hier ist er zur Welt gekommen. Ein Kandidatenturnier hinter dieser repräsentativen Fassade würde sich für ihn wie ein Heimspiel anfühlen. | Foto: Christian Schulz

Wenn schon Heimspiel, dann richtig. Das Kesselhaus in Lemgo zum Beispiel ist eine urban-gemütliche Location inklusive Kessel-Wortspiel-Option für Berichterstatter. Und sollten sich die 150 Quadratmeter Veranstaltungsfläche dort als zu klein erweisen, ist die ostwestfälische Metropole Bielefeld nicht fern. Hinter seiner Jugendstil-Fassade bietet das Bielefelder Stadttheater gleichermaßen historische Pracht und moderne Technik. Für April 2026 gibt es noch keinen Spielplan. Warum nicht 22 Tage lang Schach statt Schauspiel? Und zur Not könnten die Kandidaten in die Oetker-Halle ausweichen.

Die Finanzierung inklusive der gängigen 20 Prozent Extra-Gebühr fürs FIDE-Budget wäre kein Problem. Der ostwestfälische Landmaschinenhersteller Claas könnte die Scheckübergabe an Schachfreund Dvorkovich sogar in seinem Büro in Moskau arrangieren. Darüber hinaus: Oetker und Bertelsmann oder Goldbeck und Schüco – Ostwestfalen hat etwa so viele Weltkonzerne und Hidden Champions wie Bremen Schlaglöcher.

Vielleicht schaffen sie es ja doch noch zu zweit ins Kandidatenturnier? Unrealistisch ist das nicht.

Nach diesem augenzwinkernden Exkurs ernsthaft und eindringlich:

Wir haben die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, eine ganze Reihe von schachaffinen Unternehmern, einen Ministerpräsidenten mit DWZ 1981. Organisieren können wir besser als alle anderen. Wir haben eine Landeshauptstadt, die vor vier Jahren kurz davor stand, sich für eine WM zu bewerben, und eine andere, die vor zwei Jahren eine kleine WM ausgerichtet hat. Unsere Bundeshauptstadt war 2018 Schauplatz des Kandidatenturniers (seinerzeit ging das sogar ohne Lokalmatador). Unser Sport ist populär wie nie, unser Verband einer der größten der Welt. Wir haben einen WM-Kandidaten, dem ob seiner Authentizität international die Herzen zufliegen. In acht Wochen könnte sich ein zweiter deutscher WM-Kandidat dazugesellen, auch der ein Sympathieträger. Wir haben eine Weltschachverwaltung, die sich nach westlichen Ausrichtern und Sponsoren die Finger leckt.

Besser wird es nicht. Jetzt ist die Zeit, das Kandidatenturnier nach Deutschland zu holen.

Zu Matthias Blübaum ist keinerlei Tendenz hinsichtlich einer Ausrichterstadt durchgesickert, insofern scheint das Rennen offen. Er habe „keine Ahnung“, wo gespielt wird, versicherte der 28-Jährige jetzt in der 63. und vorletzten Ausgabe des Schachglatzen-Podcasts ebenso wie im Bluhmecke-Podcast. Beide hatten Blübaum eingeladen, und beiden erzählte er manche bislang ungehörte Episode, die mit dem zerbrochenen Pizzateller zum Beispiel.

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Matthias Blübaum zu Gast bei Sonja Maria Bluhm und Katharina Reinecke.
https://youtu.be/Yz9lg4a1i90?list=PLXoFpqP9YfB3sTPHpbdoekWp2WUSo0N2U
Matthias Blübaum zu Gast bei Christof Sielecki und Georgios Souleidis.

Wir erfahren, dass es keine Siegesfeier gab, trotzdem kurze Nächte. Vor der letzten und entscheidenden Partie gegen Alireza Firouzja musste Blübaum auf Holländisch und Königsindisch vorbereitet sein und kam spät zum Schlafen. Nach dem Turnier dauerte die Siegerehrung zu lang, um noch eine Party zu starten. Die deutsche Delegation ließ die Nacht mit einer Runde „Siedler von Catan“ ausklingen.

Danach: Um drei Uhr morgens ins Shuttle zum Flughafen, gefolgt von einer strapaziösen Rückreise. Die war so anstrengend, dass die Twitch-Fans am Dienstag um 17 Uhr vergebens vor den Bildschirmen ausharrten, um „KeinSehrStarkerSpieler“ in seinem ersten Titled Tuesday als WM-Kandidat zu sehen. Blübaum beteuert aber, dass er weiterstreamen wird, so weit es nicht seine Schacharbeit einschränkt. Aber er erwägt, seinen Twitch-Namen zu ändern. Nun, da er erwiesenermaßen ein sehr starker Spieler ist, überlegt Blübaum, sich künftig „KandidatenturnierTeilnehmer“ zu nennen.

Die Schacharbeit wird womöglich nicht ausschließlich schachlicher Natur sein. Matthias Blübaum findet, er habe „kein gutes Pokerface“. Das gilt online in emotional aufgeladenen Momenten, das gilt auch am Brett. In der kritischen Partie gegen Vincent Keymer gleich zweimal. Als Blübaum Keymers vermeintlichen Gewinnzug 36.Se4 zugelassen hatte, bedurfte es keiner Schachkenntnisse, um ihm anzusehen, dass ein Malheur passiert ist. Wenig später der Moment, in dem Blübaum die letzte Falle gestellt hatte. Er sei vom Brett weggegangen, um nicht erkennbar erwartungsvoll auf den Fehler zu hoffen.

Matthias Blübaum zeigt alle elf Grand-Swiss-Partien, die ihn zum WM-Kandidaten gemacht haben.

Die erste Gratulation an den frischgebackenen WM-Kandidaten kam von Dinara Wagner. Während alle anderen die Partien mit 15-minütiger Verzögerung erreichten, hatte sie live im Spielsaal gesehen, wie Vincent Keymer, der Blübaum mit einem Sieg den Platz weggeschnappt hätte, nicht über ein Remis gegen Arjun Erigiaisi hinauskam.

So reichte Blübaum seine Punkteteilung gegen Alireza Firouzja – der als Drittplatzierter der Siegerehrung fernblieb. Blübaum zeigt Verständnis für die Frustration seines Rivalen, lässt aber klar durchblicken, dass er dieses Verhalten unhöflich findet. Der Respekt gegenüber dem Veranstalter gebiete es, zumindest fürs Foto aufzutauchen, auch wenn gerade keine fröhliche Miene möglich ist.  

Blübaum haben einige Medienanfrage erreicht, aber ein der allgemeinen Öffentlichkeit bekannter Prominenter ist er deswegen noch lange nicht. Seine Fangemeinde findet sich auf Twitch vor dem Screen, eher nicht in Form von Groupies vor der Haustür. Abseits von Turnieren sei er bislang „etwa drei Mal“ zufällig erkannt worden – typischerweise am Bahnhof.

Das Grand Swiss war nicht nur sportlich, auch finanziell ein Einschnitt. 62.000 US-Dollar stehen für Blübaum zu Buche – „mit Abstand“ das höchste Preisgeld seiner Karriere. Einen Plan, was er damit machen will, hat er (noch) nicht. Aber er geht davon aus, sich fürs Kandidatenturnier einkleiden zu müssen. In Erinnerung geblieben ist ihm das pinke Sakko, das Richard Rapport beim Kandidatenturnier 2022 trug. „Vielleicht ist das die Investition, die ich jetzt tätigen muss.“

Modisch ist Richard Rapport, hier beim Kandidatenturnier 2022, nicht das schlechteste Vorbild. | Foto: Stev Bonhage/FIDE
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Schachenthusiast
Schachenthusiast
3 Monate zuvor

Ich würde eher die Priorität dort setzen Matthias ein wettbewerbsfähiges Team und Infrastruktur zu finanzieren, als das Event an sich nach Deutschland zu holen. Das wird schon schwer genug werden, denn er hat ja anscheinend in solchen Strukturen, die für Teilnehmer des Kandidatenturniers, so sie denn erfolgreich sein wollen, notwendig sind, laut eigener Aussage noch nicht gearbeitet und wird da auch Zeit brauchen, um sich einzugrooven. Die offiziellen und inoffiziellen Zahlungen an die Fide, um den Bumms auch noch auszurichten, dürfen dann aus meiner Sicht gerne andere leisten.

Uwe Böhm
Uwe Böhm
3 Monate zuvor

Sicherlich wäre das eine Werbung für Schach in Deutschland. Allerdings bin ich mir nicht so sicher, dass es von Vorteil ist, wenn man als Spieler – übertrieben gesagt – jeden Zuschauer persönlich kennt. Das lenkt ab und erhöht den Druck ganz gewaltig. Ich nehme mal an, dass die Qualifikation am Ende auch deshalb gelungen ist, weil es kein Heimspiel gewesen ist.

Thomas Richter
Thomas Richter
3 Monate zuvor

Mal eben schnell 1,2 Millionen Euro auftreiben (das ist nur Preisgeld und FIDE-Anteil, Organisationskosten kämen dazu) UND ein geeignetes sowie repräsentatives (unterschiedliche Aspekte!) Spiellokal für drei Wochen finden, und auch ausreichende Hotelkapazitäten (der gehobenen Kategorie) vor Ort möglichst nahe am Spiellokal, trivial ist das nicht. Wenn sich Keymer im Kandidatenturnier frühzeitig abgezeichnet hätte, jedenfalls als Option mit guten Chancen, hätte man langfristiger planen können. Blübaum hat nun alle überrascht, wohl auch sich selbst. WM in München war ja nur ein Gerücht, WM in Düsseldorf war ein Projekt von Wadim Rosenstein – der gerade sein Sponsoring für den Düsseldorfer SK jedenfalls… Weiterlesen »

KurzZ
KurzZ
3 Monate zuvor

Das Turnier muss nach Bremen kommen, alles andere wäre albern. So teuer wird die Ausrichtung nicht sein und der Bund könnte sich ja beteiligen. Es ist eher die Frage, ob sich der Verband dahinterklemmt.

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Ahnungsloser
Ahnungsloser
3 Monate zuvor

Bin auch dagegen, dass das Turnier in Deutschland stattfindet. Wie andere schon sagen: Druck. Und mehr Geld für Team und Vorbereitung.

Und vor Ort wäre zu befürchten, dass der „schlechte Verlierer“ Keymer ständig als Dauerkritiker zu Wort kommt.

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Carsten Ramsel
Carsten Ramsel
2 Monate zuvor

Der Schachverband Württemberg e.V., ja ich weiß, es ist wie Ostwestfalen un d Lippe, hat für Matthias Blübaums Teilnahme am Kandidatenturnier ein Spendenaufruf (am Ende der Seite) eingerichtet: https://www.betterplace.org/de/projects/162733