Die Ein-Mann-Armee muss jetzt aufrüsten: WM-Kandidat Matthias Blübaum zeigt alle Partien aus dem Turnier seines Lebens

Grand-Swiss-Sieger Anish Giri dürfte es gefallen haben, dass Matthias Blübaum sich für das Kandidatenturnier 2026 qualifiziert hat. „Wahrscheinlich ist er glücklich, dass ein schwächerer Spieler dabei ist. Dadurch steigen seine Chancen“, sagt Blübaum jetzt in einem 75-minütigem Gespräch mit Sagar Shah. Und zeigte damit einmal mehr, wie nüchtern und zugleich selbstironisch er auf einen Erfolg blickt, der für ihn selbst noch kaum zu fassen ist. Der zweite Platz beim Grand Swiss in Samarkand brachte Blübaum dorthin, wo er sich nie gesehen hatte: unter die acht Kandidaten für die nächste Weltmeisterschaft.

Eine Perle: Matthias Blübaum zeigt alle elf Partien aus dem Grand Swiss, dem (bis jetzt) Turnier seines Lebens.

Seinen Erfolg nennt er „außerordentlich“ und „völlig unerwartet“. Noch beginne es erst langsam, sich zu manifestieren. Vor dem Turnier habe er „keine Sekunde lang“ über die Kandidaten nachgedacht, nicht einmal davon geträumt. Das Ziel sei bescheidener gewesen: plus eins oder plus zwei, ein paar Elo-Punkte gewinnen. Stattdessen gelang ihm das Turnier seines Lebens.

Der Europameister von 2022 und 2025 sieht die Teilnahme am Kandidatenturnier als „wahrscheinlich einmalige Chance“. Er werde Außenseiter sein, will aber alles daransetzen, später nichts bereuen zu müssen. Blübaum weiß, dass die Vorbereitung diesmal anders laufen muss: Während er im Grand Swiss eine „Ein-Mann-Armee“ war, ganz ohne Sekundanten, braucht er für das Kandidatenturnier ein Team. „Alle Gegner, alle Farben, alle Runden stehen fest. Das ist ein anderes Spiel.“ Ein Spiel, das gezielte Vorbereitung unumgänglich macht. Auch die Gegenspieler werden präpariert sein – und am ehesten den Deutschen als denjenigen ausmachen, gegen den sich volle Punkte erzielen lassen.

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Blübaum, der vor drei Jahren sein Masterstudium in Mathematik abgeschlossen hat, versteht sich selbst als Spätberufenen. Profi wollte er eigentlich nie werden, bis er bei 2600 Elo angekommen war und merkte, dass er davon leben kann. Inzwischen freut er sich, das Hobby zum Beruf gemacht zu haben – mit dem Studium in der Hinterhand, falls er doch noch einen anderen Weg einschlägt.

Über seine Eröffnungen spricht Blübaum mit einer Mischung aus Pragmatismus und Schmunzeln. Bis 2600 spielte er gegen 1.e4 fast nur Französisch, heute setzt er auf Solideres wie Russisch. „Gegen sehr starke Spieler ist es einfacher, wenn man ihnen nicht sofort Raum oder Material gibt.“ Mit Schwarz nach 1.e4 e5 fühle sich vieles schneller ausgeglichen an als im Französischen.

Fanliebling Alexander Donchenko beim Grand Swiss. | Foto: Michael Walusza/FIDE

Im Zwiegespräch mit Sagar Shah blickt Blübaum auch auf das deutsche Schach. Mit Vincent Keymer, den Svane-Brüdern, Donchenko und Kollars sei die Nationalmannschaft stark wie nie, dazu drängen Talente wie Leonardo Costa und Marius Deuer nach. „Wir sind ein junges Team“, sagt Blübaum, der sich selbst darin schon zu den Senioren zählt. Bei der Europameisterschaft Anfang Oktober wird Deutschland sogar topgesetzt sein.

Mit Sagar Shah ging Blübaum das Turnier seines Lebens Partie für Partie durch (Klick aufs Diagramm führt jeweils zur Partie):

Runde 1, Weiß gegen Alexander Predke

Der Start ins Turnier verlief unspektakulär. Mit einer Nebenvariante im Halbslawen, 6.h3, wollte Blübaum den Gegner überraschen. Doch Alexander Predke hatte genau diesen Versuch schon einmal bei ihm gesehen und war perfekt vorbereitet. Blübaum bekam keinerlei Chancen und spricht von einem „sehr trockenen“ Remis.


Runde 2, Schwarz gegen Maxime Lagarde

Auch die zweite Runde brachte kein Feuerwerk. Im Caro-Kann stellte sich Maxime Lagarde solide auf. Blübaum merkte schnell, dass sein Gegner nicht auf Kampf eingestellt war – was Lagarde später auch mit gesundheitlichen Problemen erklärte. So begnügte sich Blübaum mit sicherem Ausgleich nach …exd5 und hielt ein problemloses Remis.

16…cxd5 lässt etwas Leben in der Stellung. Nach stattdessen 16…exd5 ist vorbestimmt, wie es ausgehen wird.

Runde 3, Weiß gegen Jon Ludvig Hammer

Die erste volle Punkt kam gegen Jon Ludvig Hammer. Mit der selten gespielten Abfolge Qa4+ und Qc2 im Ragosin brachte Blübaum den Norweger aus dem Konzept. Hammer opferte noch Material, aber ohne ausreichende Kompensation. Am Ende standen zwei Mehrbauern für Blübaum, der sich über den „angenehmen ersten Sieg“ freute.

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Anstatt auf c5 zurückzunehmen und etwas schlechter zu stehen, opferte Hammer mit 13…La6 einen Bauern – und fischte vergeblich nach Kompensation. Nach 24 Zügen war es vorbei.

Runde 4, Schwarz gegen Cristobal Henriquez

In der Russischen Verteidigung testete Henriquez mit 9.Qh5 eine vermeintlich scharfe Nebenvariante, die aber ungefährlich blieb. Blübaum sah früh, dass er im Endspiel die besseren Chancen haben würde, weil der weiße Damenflügel schwächelt. Seine Technik nach der Zeitnotphase sei nicht perfekt gewesen, doch schließlich gewann er auch diese Partie.


Runde 5, Weiß gegen Rameshbabu Praggnanandhaa

Die Partie gegen Pragnanandhaa markierte den Auftakt eines kaum fassbaren Laufs. Blübaum wählte früh in der Eröffnung nicht die theoretisch beste, aber eine seiner Einschätzung scharfe und prinzipielle Gangart, um sein Läuferpaar zur Geltung bringen. Doch mit dem Zug 26.d5 stellte er alles auf den Kopf – ein Zug, den er selbst als „kompletten Fehler“ und „positionell extrem schlecht“ bezeichnet. Von da an war für ihn Überleben angesagt.

Nach 25…Df5 ist es nicht ganz einfach für Weiß. Er könne keine Figur vernünftig ziehen, ohne sich Blößen zu geben, erklärt Matthias Blübaum im Gespräch mit Sagar Shah. Trotzdem gibt es eine vernünftige Lösung: 26.c5, die Stellung öffnen, aufs Läuferpaar setzen, und Weiß sollte leichten Vorteil behalten. Blübaum hatte das gesehen, aber verfiel stattdessen auf das tendenziell antipositionelle 26.d5. Als 26…La6 auf dem Brett stand, schwante ihm sogleich, dass er nun mit dem Rücken zur Wand kämpft.

Pragg bekam die Initiative, verpasste aber, etwas daraus zu machen. Mit 36…c6 erlaubte er Blübaum eine unerwartete Ressource: Weiß gewinnt einen Bauern. „Plötzlich stand ich auf Gewinn, und ich konnte es kaum glauben“, schilderte er. Der Erfolg gegen einen der weltbesten Spieler war für ihn ein riesiger Selbstvertrauensschub. „Das war unglaublich, einer der größten Siege meiner Karriere.“

Ups, egal wie Schwarz sich dreht und wendet, es ist ein Bauer weg. Die Antwort 37.Le4 dürfte Praggnanandhaa übersehen haben, als er 36…c6 spielte.

Runde 6, Weiß gegen Abhimanyu Mishra

Überraschend griff Halbslawisch-Spieler Abhimanyu Mishra zum Grünfeld. Blübaum hatte das nicht erwartet, erinnerte sich nur vage an die Theorie und ärgerte sich im Nachhinein über mehrere Ungenauigkeiten. Insbesondere an der Stelle, an der er den theoretisch besten Zug 18.Lb5 auf dem Radar hatte, sich dann aber für 18.e5 entschied – und die Antwort 18…Sc4! übersehen hatte (um das zu verhindern war 18.Lb5 angezeigt). „Mishra verstand die Stellung tiefer, spielte „unglaublich stark“, sagt Blübaum anerkennend. Am Ende konnte er die Partie ausgleichen, ohne jemals in echte Gefahr zu geraten. Und mit plus drei auf dem Konto ein Remis gegen Mishra sei ja auch nicht schlecht.

18.Lb5 wäre der Zug gewesen. Nach stattdessen 18.e5 Sc4! hat Schwarz die meisten Probleme gelöst.

Runde 7, Schwarz gegen Arjun Erigaisi

Gegen Arjun Erigaisi hatte Blübaum im Vorjahr eine schmerzhafte Niederlage erlitten. Diesmal setzte er auf Solidität. Als Arjun den untypischen Fehler 26.Qxa7? beging, antwortete Blübaum sofort mit 26…Ba8 und gewann die Figur. Den Vorteil verwertete er souverän. Der Sieg brachte im die alleinige Tabellenführung – und neuen, ungewohnten Druck, wie er einräumte.

Für Weiß ist es schon nicht mehr leicht, die Angelegenheit zumindest in der Nähe des Ausgleichs zu halten. Es drohen Springerabzüge, und generell bieten sich Schwarz schöne Optionen wie …Sc3, …La6 oder …Lf6. Erigaisi fraß mit 26.Dxa7 einen Bauern, aber egal wohin sich die Dame nach 26…La8 zurückzieht, Weiß verliert Material.

Runde 8, Weiß gegen Nihal Sarin

Gegen Nihal Sarin merkte Blübaum früh, dass er sich in der Vorbereitung zu sehr auf andere Varianten eingestellt hatte. Statt des kritischen 13.Rc1 zog er das harmlose 13.Qd3 und vergab damit die Chance, auf Vorteil zu spielen. Sarin stand sicher, und für Blübaum war klar: „Es war leichter für Schwarz.“ Das schnelle Remis passte gleichwohl ins Turniergeschehen, ärgerte ihn aber wegen der fehlgeleiteten Vorbereitung.

Sein 13.Dd3 an dieser Stelle bewertet Blübaum im Nachhinein als harmlos.

Runde 9, Schwarz gegen Nodirbek Abdusattorov

Die Atmosphäre war geladen – Nodirbek Abdusattorov kämpfte in seinem Heimatland um die Qualifikation. Nach kleinen Ungenauigkeiten in der Eröffnung fand Blübaum den „sehr schönen Zug“ 18…Be6, der ihn wieder ins Spiel brachte. Abdusattorov verteidigte jedoch präzise, und am Ende stand ein korrektes Remis.

18…Le6! ist der klar beste Zug für Schwarz. Nun soll bald …f5 kommen, und wenn Weiß nicht aufpasst, kann Schwarz hier sehr schnell das Kommando übernehmen. 18…Le6 repariert das unmittelbare Problem einer ungedeckt herumstehenden Figur und bestreicht obendrein eine wichtige Diagonale. Ohne den Läufer auf der Diagonale a2-g8 wäre zum Beispiel Dd2-e2-c4+ für Weiß eine schöne Option.

Runde 10, Schwarz gegen Vincent Keymer

Das deutsche Spitzenduell wurde zu einem Drama. Vincent Keymer musste unbedingt gewinnen und stellte Blübaum früh vor große Probleme. Dieser sah sich nach 36.Se4 objektiv verloren. Bei Schwarz geht ein Bauer über Bord, es wird ein Endspiel mit e- und h-Isolani gegen f-g-h-Bauern entstehen, und das sei, zumal gegen einen überragenden Techniker wie Keymer, kaum zu halten.

Nach 36.Se4 sollte es aus sein. Schwarz muss seinen Springer entfesseln, und dann fällt f6 um.

Dann geschah das „verrückte Wunder“. Keymer lief mit 54.Rh7? in den letzten Trick, und Blübaum konnte sofort durch 54…Nxg3+ die Balance herstellen. „Ich war unglaublich glücklich über das Remis – das war reines Glück.“ Ohne dieses Ergebnis wäre die Qualifikation kaum möglich gewesen, sagt Blübaum.

54.Th7?, oje. Jetzt geht 54…Sxg3. Weiß behält zwar seinen Mehrbauern, aber es entsteht ein Turmendspiel mit f plus h versus e, das für Schwarzspieler, die wissen, wie das geht, technisch einfach remis ist. Gefühlte 99 Prozent der Beobachter in den YouTube- und Twitch-Chats, in den WhatsApp-Vereinsgruppen sowie auf Social Media sahen und verstanden auf Anhieb, dass 54…Sxg3 remis macht. Die deutsche Nummer eins hatte es nicht gesehen.
Vincent Keymer wird im World Cup einen neuen Anlauf nehmen, sich fürs Kandidatenturnier zu qualifizieren. Nach den starken Leistungen der vergangenen Monate wird er zu den Mitfavoriten zählen. | Foto: Michal Walusza/FIDE

Runde 11, Weiß gegen Alireza Firouzja

Im Schlussrundenkrimi griff Alireza Firouzja, der auf Sieg spielen musste, zur Holländischen Verteidigung. Blübaum blieb bewusst solide und stand zwischenzeitlich unter Druck, als Firouzja auf der f-Linie alle Kräfte sammelte. Mit der präzisen Verteidigung 25.Rb3 ließ Blübaum am Königsflügel nichts anbrennen, forcierte bald Damentausch und sicherte den halben Punkt. Damit war die Sensation perfekt: Qualifikation zum Kandidatenturnier..

…Sxg2 oder …Sh3+ lagen in der Luft, aber diesen Zahn zog Blübaum Firouzja mit dem präzisen 25.Tb3. Als nächstes wird sich Weiß über den b6 hermachen und sich auf diese Weise genug Gegenspiel sichern, um das Geschehen in der Waage zu halten.
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Tara
Tara
4 Monate zuvor

Der Mensch Blübaum macht mich sprachlos. Der Perlen-Bericht ist ein Genuss! Danke! Vielen Dank dafür!

Thomas Richter
Thomas Richter
4 Monate zuvor

„Gefühlte 99 Prozent der Beobachter in den YouTube- und Twitch-Chats, in den WhatsApp-Vereinsgruppen sowie auf Social Media sahen und verstanden auf Anhieb, dass 54…Sxg3 remis macht. Die deutsche Nummer eins hatte es nicht gesehen.“ In mehrerlei Hinsicht eine erstaunliche Bildunterschrift: 1) Auf wie vielen dieser Kanäle ist Conrad Schormann zumindest mitlesend präsent? In der WhatsApp-Gruppe meines Vereins jedenfalls nicht, da werden dabei generell nur Vereinsinterna besprochen. 2) Auf derlei Kanälen äußern sich generell nicht alle sondern vergleichsweise wenige – einige sind am schnellsten, andere können dann behaupten „ich habe es auch gesehen“ (was stimmen kann aber nicht muss), viele „schweigen“.… Weiterlesen »

Zuletzt bearbeitet am 4 Monate zuvor von Thomas Richter
Thomas Richter
Thomas Richter
3 Monate zuvor

Interessanter vielleicht: zum Schwarzsieg gegen Erigaisi sagte Blübaum praktisch dasselbe wie zuvor im 4-minütigen Kurzinterview direkt nach der Partie – nur nicht ganz dasselbe Tempo (weniger Adrenalin?) und er wurde auch mal von Sagar Shah unterbrochen. Dieser Artikel, in dem Conrad Schormann beide – Blübaum und Interviewer – tendenziell kritisiert hatte – ist nun hier „verschwunden“? Interviews direkt nach einer Partie sind eben ein anderes Thema. Das Blübaum-Interview direkt nach seinem aus seiner Sicht glücklichen und unverdienten Remis gegen Keymer hat wohl auch „Kultstatus“ und würde ihn unabhängig von der letzten Runde und Ergebnis des gesamten Turniers behalten. Blübaum gleich… Weiterlesen »