Die Maskenfrage

Magnus Carlsen hat in der siebten Runde dank eines bemerkenswerten Sieges über Praggnanandhaa die alleinige Führung beim Tata Steel Chess übernommen. Darüber geredet hat kaum jemand. Im Mittelpunkt des Interesses stand und steht eine Siebtrundenpartie, die nach 1.d2-d4 mit einem kampflosen Sieg von Anish Giri über Daniil Dubov endete. Dubov trat nicht an.

Ein Begleiter Dubovs war positiv getestet worden, der dritte Positiv-Fall im Umfeld des Turniers nach Fabiano Caruanas neuem Coach Vladimir Chuchelov und Praggnanandhaas Trainer Ramesh, die vor der dritten Runde positiv getestet worden waren. Dubovs rasch anberaumter Schnelltest vor der siebten Runde war zwar negativ ausgefallen, aber die Organisatoren bestanden darauf, dass Dubov während der Partie gegen Giri Maske trägt. Das Ergebnis seines PCR-Tests stand noch aus (offenbar ist auch das im Lauf des Sonntagmorgens negativ ausgefallen).

Tata Steel Chess 2022 R7: Carlsen Grabs Sole Lead; Dubov Forfeits Game
Anish allein am Brett: Die Partie endete nach 1.d2-d4 und einer weiteren halben Stunde kampflos 1:0. | Foto: Jurriaan Hoefsmit/Tata Steel Chess

Und so saß Anish Giri allein am Brett, als er seinen d-Bauern zwei Felder vorschnellen ließ und Dubovs Uhr in Gang setzte. Wo ist Dubov? Das fragten sich nicht nur die Zuschauer, das fragte sich auch chess24-Kommentator Jan Gustafsson. Und schickte seinem Kollegen aus Magnus Carlsens Sekundantenteam eine SMS: „Daniil, bist du wach?“

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Dubovs Antwort warf ein Licht auf seine Perspektive: Ihm nun eine Maske vorzuschreiben, widerspreche den Turnierbestimmungen, die Tests, aber keine Maskenpflicht während der Spiele vorgesehen hätten, sagte Dubov. Bald darauf veröffentlichte das Tata-Team seine Erklärung:

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Die Vorkommnisse in Wijk werfen ein Licht darauf, in welchem Maße die hochansteckende Omicron-Variante das Ausrichten von Schachwettbewerben am Brett beeinträchtigt. Und darauf, wie unterschiedlich Schachspieler zum Tragen einer Maske während der Partie stehen. Praggnanandhaa zum Beispiel spielt durchgehend mit Maske. Alexander Grischuk wiederum hat laut chess24 Turniereinladungen nach Saint Louis abgelehnt, weil er dort eine Maske hätte tragen müssen.  

Pragg spielte durchgehend mit Maske, Carlsen setzte sie am Brett ab.

Wenn es die Option gibt, während der Partie auf die Maske zu verzichten, machen die meisten Profis davon Gebrauch. Das war Ende 2021 bei der Rapid- und Blitz-WM selbst dann noch zu sehen, als das Virus den Turniersaal schon erreicht hatte, und das ist jetzt in Wijk zu sehen. Die genaue Zahl der Infizierten hat die FIDE nach der Rapid- und Blitz-WM nicht genannt, laut dem spanischen Journalisten Leontxo Garcia aber eingeräumt, es seien “viele” gewesen. In Wijk steht der Zähler jetzt bei drei.

Die Maskenfrage berührt sogar die Frage, ob Schach Sport ist. Eine emotionale Debatte darüber brach aus, als der spanische GM Paco Vallejo auf Twitter seine Unterstützung für Dubov kundtat:

Und wir müssen gar nicht hinauf zum Eliteschach schauen. Auch auf Amateurebene, beim Schachbund NRW, hängen die Sport- und die Maskenfrage eng zusammen. Auf der Grundlage, dass andere Sportler bei der Ausübung ihres Sports keine Masken tragen müssen, hat der Verband fürs nordrhein-westfälische Ligaschach entschieden, dass auch beim Schach Masken keine Pflicht sind.

Die Frage, wie viele andere Sportarten in engen Räumen über mehrere Stunden von Angesicht zu Angesicht unter Beteiligung von Leuten jedes Alters und körperlichen Zustands ausgeübt werden, hat sich in NRW offenbar niemand gestellt. Wichtiger als bewusst die Ansteckungsgefahr beim Schach zu erhöhen, ist dem Verband die Attitüde solcher Schachspieler, die das Tragen einer Maske während der Partie prinzipiell ablehnen.

Zu denen zählt Daniil Dubov nicht. Ihm ging es um ein anderes Prinzip, das nämlich, dass Vereinbartes zählen sollte. Dass unter Umständen doch eine Maskenpflicht während der Partien in Wijk gelten könnte, war nach Dubovs Aufassung eben nicht vereinbart.

Dieser Auffassung allerdings widersprechen die Organisatoren. Turniersprecher Robert Moens erklärte gegenüber chess.com außerdem, warum die Partie nicht auf einen Ruhetag verschoben worden ist:

Diese spezielle Situation wurde vorher nicht besprochen, nein. Allerdings enthält der Vertrag der Spieler eine Klausel, dass die Organisatoren in unerwarteten Situationen die notwendigen Maßnahmen ergreifen können Da der Turnierarzt es für Dubov nicht ratsam hielt, ohne Gesichtsmaske zu spielen, haben wir als Organisatoren diese Anfrage an Dubov gerichtet, der unsere Entscheidung voll und ganz verstanden hat, aber entschieden hat, das Spiel aus Prinzip nicht zu spielen. Wir haben nicht daran gedacht, das Spiel zu verschieben das Spiel, weil Dubov heute hätte spielen können, wenn auch mit Gesichtsmaske. Es war seine Entscheidung, nicht zu spielen.

Naturgemäß führte der Fall Dubov zu ausufernden Debatten in den Sozialen Medien. Dort offenbarte sich unerwartet ein Alliierter, der Dubov nach der WM scharf kritisiert und wenig später die Berechtigung seinen Freiplatzes für den Grand Prix in Frage gestellt hatte. Sergej Karjakin erklärte sich zum Masken-Fundamentalverweigerer am Brett, er hatte dieses zu sagen:

Moderater äußerte sich laut chess24 WM-Herausforderer Ian Nepomniachtchi:

Es ist schwierig, die Angemessenheit der Entscheidung zu beurteilen, ohne die gesamte Situation und die Vertragsbedingungen zu kennen. Schade, dass es nicht möglich war, einen Kompromiss zu finden. Auf jeden Fall hat Daniil nach seinen Grundsätzen gehandelt und zumindest damit recht. Ich hoffe nur, dass das Turnier mit voller Besetzung zu Ende geht. 

Mit Eric Lobron schaltete sich via chess24 auch ein deutscher Großmeister ein:

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Die aktuellsten Entwicklungen vom Tata Steel Chess im Wijk-Ticker:

(Titelfoto via Gotham Chess/YouTube.)

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halbstark
halbstark
3 Monate zuvor

Die ganze Diskussion um Dubovs Entscheidung wird künstlich aufgeblasen. Es ist ja nicht so, als habe sich Dubov hinterher hingestellt und laut gejammert wie unfair die Welt ist, dass er eine Maske hätte tragen sollen.

Er hatte keine Lust mit ner Maske zu spielen, das ist alles. Es wird nach einigen Stunden halt unangenehm darunter und einige Leute beeinträchtigt das vermutlich auch einfach spielerisch mehr als andere.

Krennwurzn
Krennwurzn
4 Monate zuvor

Wahrscheinlich ist ohne Maske bei der Sportausübung auch in den Niederlanden die Rechtslage. Anderseits ist es eine schwierige Situation – auch menschlich: will ich risikieren den Gegner (das Gegenüber) anzustecken.

Für mich persönlich habe ich entschieden, dass ich mich beruflich für die Maske entscheide und privat Maskenpflichten aus dem Weg gehe. Also ist für mich klar: ich spiele kein Schach mit Maske – diesen Aufwand ist mir das Hobby nicht wert.

Aber wie soll man entscheiden, wenn Schachspielen eben der Beruf ist?

Gerhard Lorscheid
Gerhard Lorscheid
4 Monate zuvor

Dies ist wieder typisch. Man macht einen Vertrag, wo man reinschreibt wie es sein soll und mit einer Klausel, dass man bestimmen kann was man will wenn man es für nötig hält. Einseitige Verträge stinken zum Himmel.
Dann lässt man den Turnierarzt entscheiden, aber der arme Kerl hat nicht mehr Ahnung als unsereiner. Also beschließt er Maske um sagen zu können er habe etwas getan..
Wijk ist ein sehr altes Turnier, man merkt es wenn man dort ist und an diesem Vorfall. Es mieft.
Die Partie nach den PCR-Test zu verlegen war einfach und alle Seiten hätten ihre Position gewahrt.

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[…] — Perlen vom Bodensee (@Bodenseeperlen) January 23, 2022 Die Maskenfrage […]

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[…] ätzte Carlsen nach seinem Erfolg über Shakhriyar Mamedyarov. Und heizte damit in Sachen Maskenfrage die Spekulation neu an. Offenbar wäre Giri bereit gewesen, mit Maske gegen Daniil Dubov zu […]

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[…] dann noch die vergiftete Unterstützung für Dubov in der Masken-Debatte. Als Dubov gegen Giri nicht mit Maske spielen wollte, weil er das so nie vereinbart hatte, verkündete Karjakin sogleich öffentlich, er […]

Anton Schwaiger
Anton Schwaiger
4 Monate zuvor

Wird in der Diskussion nicht außer Acht gelassen, dass man in den ersten Tagen der Infektion sehr wohl negative Testergebnisse erzielen kann trotz Ansteckung und das Testergebnisse generell falsch sein können?
Aus meiner Sicht spricht das klar für Maskenpflicht auch wenn der Test negativ ist.
Insofern geht es klar auf Dubovs Kappe nicht angetreten zu sein (was ja auch OK ist).

Volker Kelch
Volker Kelch
4 Monate zuvor

Wenn das Testergebnis negativ ist, dann kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass eine möglicherweise dennoch bestehende Virenlast derart gering ist, dass der betreffende Mensch niemanden infizieren kann. Im übrigen gibt es keinen Beleg dafür, dass ein Mensch ohne Symptome infektiös ist.