Wassily Smyslow
Zitat von Conrad Schormann am 25. März 2025, 11:10 UhrWassili Smyslow war ein Ausnahmeschachspieler, ein Künstler – und ein Phänomen. Geboren am 24. März 1921 in Moskau, aufgewachsen in einer kultivierten, schachliebenden Familie, lernte er früh die Grundbegriffe des Spiels. Sein Vater, ein starker Amateur, hatte einst bei Michail Tschigorin Unterricht genommen. Die Wohnung der Smyslows war voller Schachbücher, und der junge Wassili verschlang alles – von Aljechin über Lasker bis Capablanca.
https://bsky.app/profile/fide-chess-mirror.bsky.social/post/3ll4w55ilr42v
Doch Turniere spielte er zunächst keine. Erst mit 14 Jahren trat er erstmals öffentlich an. Zwei Jahre später gewann er bereits die sowjetische Jugendmeisterschaft, dann die Moskauer Stadtmeisterschaft. Die Sowjetunion hatte ein neues Talent, das sehr bald zu einem der bedeutendsten Spieler der Welt werden sollte.
Aufstieg in Kriegszeiten
Der Zweite Weltkrieg unterbrach Smyslows junge Karriere kaum. Aufgrund seiner starken Kurzsichtigkeit wurde er nicht eingezogen. Stattdessen spielte er weiter. Und wie: 1940 wurde er Dritter bei der UdSSR-Meisterschaft, im legendären „Absoluten Turnier“ 1941 belegte er erneut den dritten Platz – hinter Botwinnik und Keres, aber vor Namen wie Lilienthal und Boleslawski. Mit gerade 20 Jahren war Smyslow ein Weltklassespieler.
Nach dem Krieg festigte er seine Position. Beim ersten großen internationalen Turnier im niederländischen Groningen 1946 wurde er Dritter – hinter Botwinnik und dem ehemaligen Weltmeister Euwe. Zwei Jahre später war er einer der fünf Teilnehmer des Weltmeisterschaftsturniers zur Nachfolge Alexander Aljechins. Smyslow wurde Zweiter – erneut hinter Botwinnik.
Drei Anläufe zum Weltmeister
In den 1950er-Jahren reifte Smyslow zur zentralen Figur des sowjetischen Schachs. 1953 gewann er das berühmte Kandidatenturnier in Zürich mit zwei Punkten Vorsprung – gegen ein Teilnehmerfeld, das später legendär wurde. 1954 forderte er Botwinnik zum ersten Mal im direkten WM-Match heraus. Das Duell endete 12:12 – Smyslow war ebenbürtig, aber der Titel blieb beim Champion.
https://bsky.app/profile/ddtru.bsky.social/post/3lb3m5gmnev2v
1956 gewann er in Amsterdam erneut das Kandidatenturnier. Und diesmal nutzte er seine Chance: Im Frühjahr 1957 besiegte er Botwinnik mit 12,5:9,5 und wurde der siebte Schachweltmeister der Geschichte. Im Rückkampf 1958 verlor er den Titel wieder. Smyslow erklärte später, er sei während des Matches schwer krank geworden – eine Lungenentzündung schwächte ihn entscheidend.
Der leise Meister
Anders als viele Kollegen war Smyslow kein Kämpfer, der mit Härte und Willen alles niederringen wollte. Er war ein Suchender. „Ich habe mein ganzes Leben nach Harmonie gesucht“, sagte er einmal. Diese Suche durchzog alles, was er tat – nicht nur am Brett, sondern auch in der Musik. Smyslow war ein ausgebildeter Opernsänger, ein lyrischer Bariton, der beinahe eine Karriere auf der Bühne begonnen hätte. In den Turnierpausen trat er regelmäßig auf, oft begleitet vom Schachgroßmeister und Pianisten Mark Taimanow.
Am Schachbrett strebte er keine Dramen an. Seine Partien flossen – wie ein Lied. Boris Spasski nannte ihn „die Hand“, weil seine Züge wie selbstverständlich aufs Brett fanden. Smyslow selbst sagte, eine gute Partie sei wie ein Kunstwerk: Sie müsse Wahrheit enthalten. Und Wahrheit bedeutete für ihn Klarheit, Logik, Schönheit. Er wollte nicht dominieren – er wollte verstehen.
Das zweite Leben
Schon in den 1960ern galt er als Altmeister. Doch Smyslow war noch lange nicht fertig. Er spielte weiter – unermüdlich, mit Erfolg. Er nahm an insgesamt acht Kandidatenzyklen teil. Seine letzte große Blüte erlebte er 1984. Da stand er, 62 Jahre alt, im Finale des WM-Kandidatenzyklus. Gegner war der 21-jährige Garri Kasparow. Smyslow verlor, aber das Match war ein Duell der Generationen – würdevoll, fast symbolisch. Der Aufstieg des neuen Meisters war auch das Ende einer Epoche.
Berühmt wurde das Viertelfinale zuvor gegen Robert Hübner. Nach 14 Partien stand es 7:7. Alle Tiebreaks waren erschöpft. Die Entscheidung fiel – im Casino von Las Vegas. Ein Roulettekugelwurf entschied: Smyslow weiter, Hübner raus. Später sagte Smyslow: „Das war der Moment, in dem ich verstand, dass ich mein Schicksal nicht mehr beeinflussen konnte.“ Der Ball fiel erst auf Null – dann auf Rot. Rot bedeutete: Smyslow gewinnt. Wie in Puschkins „Pique Dame“.
Der lange Abschied
Smyslow blieb dem Schach verbunden. Er spielte weiter – nicht mehr auf allerhöchstem Niveau, aber immer noch stark genug, um große Namen zu schlagen. 1991 wurde er Senioren-Weltmeister. Sein letztes Turnier spielte er im Jahr 2000 – mit fast 80 Jahren. Danach hinderte ihn seine Erblindung daran, weiterzuspielen.
Er komponierte Studien, schrieb Bücher, blieb präsent. Seine letzten Jahre verbrachte er mit seiner Frau Nadeschda in Moskau, zurückgezogen, in bescheidenen Verhältnissen. Als er am 27. März 2010 starb, nur drei Tage nach seinem 89. Geburtstag, trauerte die Schachwelt um einen der ganz Großen.
Das Vermächtnis
Wassili Smyslow war Weltmeister, Endspielkünstler, Opernsänger, Komponist, Pädagoge – und ein Mann, dessen Stil Generationen prägte. Für Kramnik war er „die Wahrheit im Schach“. Für Spasski „die Hand“. Und für viele ein Vorbild an Bescheidenheit, Würde und Tiefe.
Sein Spiel war nie laut, nie erzwungen. Es war harmonisch. Es war Musik.
Quellen:
https://www.chess.com/de/players/vasily-smyslov?ref_id=43524416
https://en.wikipedia.org/wiki/Vasily_Smyslov
https://de.wikipedia.org/wiki/Wassili_Wassiljewitsch_Smyslow
https://www.fide.com/in-memory-of-vasily-smyslov/
https://ruchess.ru/en/persons_of_day/vasily_smyslov/
Klappentext:
Winner of the prestigious 2021 FIDE Book of the Year Award
Chess Journalists of America Book of the Year Award for 2021
The Life & Games of the Seventh World Chess Champion
Vasily Smyslov, the seventh world champion, had a long and illustrious chess career. He played close to 3,000 tournament games over seven decades, from the time of Lasker and Capablanca to the days of Anand and Carlsen. From 1948 to 1958, Smyslov participated in four world championships, becoming world champion in 1957.
Smyslov continued playing at the highest level for many years and made a stunning comeback in the early 1980s, making it to the finals of the candidates' cycle. Only the indomitable energy of 20-year-old Garry Kasparov stopped Smyslov from qualifying for another world championship match at the ripe old age of 63!
In this first volume of a multi-volume set, Russian FIDE master Andrey Terekhov traces the development of young Vasily from his formative years and becoming the youngest grandmaster in the Soviet Union to finishing second in the world championship match tournament.
With access to rare Soviet-era archival material and invaluable family archives, the author complements his account of Smyslov's growth into an elite player with dozens of fascinating photographs, many never seen before, as well as 49 deeply annotated games. German grandmaster Karsten Müller's special look at Smyslov's endgames rounds out this fascinating first volume.
[This book] is an extremely well-researched look at his life and games, a very welcome addition to the body of work about Smyslov... - from the Foreword by Peter Svidler
About the Author
St. Petersburg native Andrey Terekhov is a FIDE Master, an ICCF International Master (correspondence chess) and holds a Ph.D. in Computer Science. His best results at the board were victories in the 2008 Munich Open and the 2012 Nabokov Memorial. He currently resides in Singapore. This is his first book for Russell Enterprises.
Wassili Smyslow war ein Ausnahmeschachspieler, ein Künstler – und ein Phänomen. Geboren am 24. März 1921 in Moskau, aufgewachsen in einer kultivierten, schachliebenden Familie, lernte er früh die Grundbegriffe des Spiels. Sein Vater, ein starker Amateur, hatte einst bei Michail Tschigorin Unterricht genommen. Die Wohnung der Smyslows war voller Schachbücher, und der junge Wassili verschlang alles – von Aljechin über Lasker bis Capablanca.
https://bsky.app/profile/fide-chess-mirror.bsky.social/post/3ll4w55ilr42v
Doch Turniere spielte er zunächst keine. Erst mit 14 Jahren trat er erstmals öffentlich an. Zwei Jahre später gewann er bereits die sowjetische Jugendmeisterschaft, dann die Moskauer Stadtmeisterschaft. Die Sowjetunion hatte ein neues Talent, das sehr bald zu einem der bedeutendsten Spieler der Welt werden sollte.
Aufstieg in Kriegszeiten
Der Zweite Weltkrieg unterbrach Smyslows junge Karriere kaum. Aufgrund seiner starken Kurzsichtigkeit wurde er nicht eingezogen. Stattdessen spielte er weiter. Und wie: 1940 wurde er Dritter bei der UdSSR-Meisterschaft, im legendären „Absoluten Turnier“ 1941 belegte er erneut den dritten Platz – hinter Botwinnik und Keres, aber vor Namen wie Lilienthal und Boleslawski. Mit gerade 20 Jahren war Smyslow ein Weltklassespieler.
Nach dem Krieg festigte er seine Position. Beim ersten großen internationalen Turnier im niederländischen Groningen 1946 wurde er Dritter – hinter Botwinnik und dem ehemaligen Weltmeister Euwe. Zwei Jahre später war er einer der fünf Teilnehmer des Weltmeisterschaftsturniers zur Nachfolge Alexander Aljechins. Smyslow wurde Zweiter – erneut hinter Botwinnik.
Drei Anläufe zum Weltmeister
In den 1950er-Jahren reifte Smyslow zur zentralen Figur des sowjetischen Schachs. 1953 gewann er das berühmte Kandidatenturnier in Zürich mit zwei Punkten Vorsprung – gegen ein Teilnehmerfeld, das später legendär wurde. 1954 forderte er Botwinnik zum ersten Mal im direkten WM-Match heraus. Das Duell endete 12:12 – Smyslow war ebenbürtig, aber der Titel blieb beim Champion.
In 1954 Smyslov played the first of three World Championship matches with Botvinnik. The match started terribly (0.5:3.5) but Smyslov regrouped, scored 3 wins in a row and even went ahead after game 11!In the end the match was drawn, 12:12, and Botvinnik retained the title.
1956 gewann er in Amsterdam erneut das Kandidatenturnier. Und diesmal nutzte er seine Chance: Im Frühjahr 1957 besiegte er Botwinnik mit 12,5:9,5 und wurde der siebte Schachweltmeister der Geschichte. Im Rückkampf 1958 verlor er den Titel wieder. Smyslow erklärte später, er sei während des Matches schwer krank geworden – eine Lungenentzündung schwächte ihn entscheidend.
Der leise Meister
Anders als viele Kollegen war Smyslow kein Kämpfer, der mit Härte und Willen alles niederringen wollte. Er war ein Suchender. „Ich habe mein ganzes Leben nach Harmonie gesucht“, sagte er einmal. Diese Suche durchzog alles, was er tat – nicht nur am Brett, sondern auch in der Musik. Smyslow war ein ausgebildeter Opernsänger, ein lyrischer Bariton, der beinahe eine Karriere auf der Bühne begonnen hätte. In den Turnierpausen trat er regelmäßig auf, oft begleitet vom Schachgroßmeister und Pianisten Mark Taimanow.
Am Schachbrett strebte er keine Dramen an. Seine Partien flossen – wie ein Lied. Boris Spasski nannte ihn „die Hand“, weil seine Züge wie selbstverständlich aufs Brett fanden. Smyslow selbst sagte, eine gute Partie sei wie ein Kunstwerk: Sie müsse Wahrheit enthalten. Und Wahrheit bedeutete für ihn Klarheit, Logik, Schönheit. Er wollte nicht dominieren – er wollte verstehen.
Das zweite Leben
Schon in den 1960ern galt er als Altmeister. Doch Smyslow war noch lange nicht fertig. Er spielte weiter – unermüdlich, mit Erfolg. Er nahm an insgesamt acht Kandidatenzyklen teil. Seine letzte große Blüte erlebte er 1984. Da stand er, 62 Jahre alt, im Finale des WM-Kandidatenzyklus. Gegner war der 21-jährige Garri Kasparow. Smyslow verlor, aber das Match war ein Duell der Generationen – würdevoll, fast symbolisch. Der Aufstieg des neuen Meisters war auch das Ende einer Epoche.
Berühmt wurde das Viertelfinale zuvor gegen Robert Hübner. Nach 14 Partien stand es 7:7. Alle Tiebreaks waren erschöpft. Die Entscheidung fiel – im Casino von Las Vegas. Ein Roulettekugelwurf entschied: Smyslow weiter, Hübner raus. Später sagte Smyslow: „Das war der Moment, in dem ich verstand, dass ich mein Schicksal nicht mehr beeinflussen konnte.“ Der Ball fiel erst auf Null – dann auf Rot. Rot bedeutete: Smyslow gewinnt. Wie in Puschkins „Pique Dame“.
Der lange Abschied
Smyslow blieb dem Schach verbunden. Er spielte weiter – nicht mehr auf allerhöchstem Niveau, aber immer noch stark genug, um große Namen zu schlagen. 1991 wurde er Senioren-Weltmeister. Sein letztes Turnier spielte er im Jahr 2000 – mit fast 80 Jahren. Danach hinderte ihn seine Erblindung daran, weiterzuspielen.
Er komponierte Studien, schrieb Bücher, blieb präsent. Seine letzten Jahre verbrachte er mit seiner Frau Nadeschda in Moskau, zurückgezogen, in bescheidenen Verhältnissen. Als er am 27. März 2010 starb, nur drei Tage nach seinem 89. Geburtstag, trauerte die Schachwelt um einen der ganz Großen.
Das Vermächtnis
Wassili Smyslow war Weltmeister, Endspielkünstler, Opernsänger, Komponist, Pädagoge – und ein Mann, dessen Stil Generationen prägte. Für Kramnik war er „die Wahrheit im Schach“. Für Spasski „die Hand“. Und für viele ein Vorbild an Bescheidenheit, Würde und Tiefe.
Sein Spiel war nie laut, nie erzwungen. Es war harmonisch. Es war Musik.
Quellen:
https://www.chess.com/de/players/vasily-smyslov?ref_id=43524416
https://en.wikipedia.org/wiki/Vasily_Smyslov
https://de.wikipedia.org/wiki/Wassili_Wassiljewitsch_Smyslow
https://ruchess.ru/en/persons_of_day/vasily_smyslov/
Klappentext:
Winner of the prestigious 2021 FIDE Book of the Year Award
Chess Journalists of America Book of the Year Award for 2021
The Life & Games of the Seventh World Chess Champion
Vasily Smyslov, the seventh world champion, had a long and illustrious chess career. He played close to 3,000 tournament games over seven decades, from the time of Lasker and Capablanca to the days of Anand and Carlsen. From 1948 to 1958, Smyslov participated in four world championships, becoming world champion in 1957.
Smyslov continued playing at the highest level for many years and made a stunning comeback in the early 1980s, making it to the finals of the candidates' cycle. Only the indomitable energy of 20-year-old Garry Kasparov stopped Smyslov from qualifying for another world championship match at the ripe old age of 63!
In this first volume of a multi-volume set, Russian FIDE master Andrey Terekhov traces the development of young Vasily from his formative years and becoming the youngest grandmaster in the Soviet Union to finishing second in the world championship match tournament.
With access to rare Soviet-era archival material and invaluable family archives, the author complements his account of Smyslov's growth into an elite player with dozens of fascinating photographs, many never seen before, as well as 49 deeply annotated games. German grandmaster Karsten Müller's special look at Smyslov's endgames rounds out this fascinating first volume.
[This book] is an extremely well-researched look at his life and games, a very welcome addition to the body of work about Smyslov... - from the Foreword by Peter Svidler
About the Author
St. Petersburg native Andrey Terekhov is a FIDE Master, an ICCF International Master (correspondence chess) and holds a Ph.D. in Computer Science. His best results at the board were victories in the 2008 Munich Open and the 2012 Nabokov Memorial. He currently resides in Singapore. This is his first book for Russell Enterprises.
Zitat von Conrad Schormann am 25. März 2025, 11:12 UhrWassili Smyslow – der Suchende
Im Jahr 1983 saßen sich zwei Männer gegenüber, die unterschiedlicher kaum sein konnten: der kühle Rationalist Robert Hübner, ein deutscher Philologe, der sich im Schach nie mit weniger als mathematischer Präzision zufriedengab – und Wassili Smyslow, Weltmeister von 1957, ein alter Herr mit sanfter Stimme, Opernsänger, gläubiger Christ, ein Mann der Harmonie. Beide kämpften um den Einzug ins Kandidatenfinale – und damit vielleicht um einen letzten Weg zurück auf den Thron.
Es war dieses Match, auf das sich FIDE-Präsident Kirsan Iljumschinow Jahre später bezog, als er in einem Interview beiläufig behauptete, Smyslow habe ihm einst im Vertrauen von einer Begegnung mit Außerirdischen berichtet. Laut Iljumschinow sei Smyslow 1974 – wohlgemerkt: das Match gegen Hübner fand 1983 statt – plötzlich krank geworden, habe das Licht im Hotelzimmer nicht angeschaltet, als sich wie von Geisterhand die Figuren aufstellten. Eine fremde Stimme habe ihm Züge diktiert. Tags darauf habe Smyslow dieselben gespielt – und gewonnen.
Die Geschichte ist so absurd wie unterhaltsam, und ihre Fakten stimmen nicht: 1974 spielte Smyslow gar kein Kandidatenmatch gegen Hübner. Die Partie, auf die Iljumschinow anspielt, fand 1983 statt. Und in der Tat: Smyslow, bereits über 60 Jahre alt, gewann damals eine Partie mit feiner Technik, die auch ohne Hilfe vom Sirius erklärbar ist.
Doch gerade deshalb wirkt Iljumschinows Erzählung wie eine Karikatur jener Aura, die Smyslow umgab – und die viele auch ganz ohne UFOs als "nicht von dieser Welt" empfanden.
Der letzte Romantiker
Smyslow war der letzte Weltmeister der alten Schule. Botwinnik, sein großer Rivale, nannte ihn „den Musiker unter den Schachspielern“. In der Tat: Smyslow sang professionell Oper, verfolgte Zeit seines Lebens die Idee, dass auch auf dem Schachbrett Harmonie entstehen könne – durch Intuition, durch ein Gespür für Balance. Er bewunderte die Leichtigkeit Capablancas, die Klarheit Morphys. Er verachtete das seelenlose Rechnen der Maschinen.
In einem Interview sagte er:
„Capablanca hatte ein Gefühl für Melodie. Ein perfektes Schachgehör. Das ist ein Talent: die Fähigkeit, in der Stellung die Harmonie zu erkennen. Wer das kann, ist näher am Himmel.“
Er war kein Asket wie Lasker, kein Kämpfer wie Spasski, kein Machtpolitiker wie Karpow. Smyslow glaubte, dass Schach ein Mittel zur seelischen Vervollkommnung sei. Und das machte ihn unter den Meistern seiner Zeit zu einer Ausnahmeerscheinung.
Der Kampf mit Hübner – und dem Zufall
Das Match gegen Hübner endete kurios: Nach zwölf Partien stand es unentschieden. Auch die vier Tiebreaks brachten keine Entscheidung. Es folgte etwas, das dem spirituellen Smyslow zutiefst zuwider war: die Entscheidung durch Los.
Das Los wurde im Casino von Las Vegas geworfen. Rot bedeutete Sieg für Smyslow, Schwarz für Hübner. Beim ersten Versuch landete die Kugel auf Null. Niemand gewann. Erst beim zweiten Wurf fiel sie auf die rote Drei – und Smyslow zog weiter.
Er selbst sah darin kein Glück, sondern ein Zeichen:
„Der Teufel kämpft gegen Gott – auf dem Schachbrett, aber auch im Herzen der Menschen. Im Casino wurde ein Urteil gesprochen.“
Für Hübner blieb diese Episode eine Farce. Für Smyslow war es ein Gleichnis.
Ein Lehrer der Harmonie
In den 1980er Jahren gründete Smyslow – inspiriert von Botwinniks Modell – seine eigene Schachschule. Junge Talente wie Michail Krasenkow, Evgeni Barejew, Alexej Drjew wurden dort geformt. Aber wichtiger als das Wissen war für Smyslow das Miteinander:
„Wettbewerb unter Freunden, das war unser Prinzip. Wer Schach wirklich liebt, muss es mit anderen teilen.“
Sergej Schirow, selbst ein Schüler Smyslows, erinnerte sich später:
„Er sprach nie von Varianten. Er sprach von Schönheit.“
Capablanca, Computer und der Kosmos
In Interviews sprach Smyslow oft über die geistige Dimension des Spiels. Die Reduktion auf Computeranalysen lehnte er ab:
„Der Computer zeigt, dass Schach von mathematischen Gesetzen bestimmt wird. Aber wer hat diese Gesetze erschaffen?“
Er war überzeugt: Die größten Spieler – Capablanca, Morphy, vielleicht auch er selbst – hätten eine Verbindung zu einem „universellen Informationsfeld“. Er sprach von Intuition als göttlicher Eingebung.
Leben und Abschied
Smyslow starb 2010, im Alter von 89 Jahren. Die Schachwelt verlor mit ihm mehr als einen Weltmeister. Sergej Schipow, ein Weggefährte, sagte:
„Mit Smyslow ist eine ganze Epoche gestorben. Die Epoche der Harmonie.“
Mit ihm gingen Erinnerungen an das Turnier von Moskau 1935, wo er als Jugendlicher Lasker und Capablanca sah. An die Kämpfe gegen Botwinnik, die Gespräche mit Fischer, die Partien gegen Karpow. Und vielleicht auch an die Nacht im Hotel, in der jemand – oder etwas – die Figuren aufstellte.
Ob es Aliens waren oder nur die Stimme der Intuition: Smyslow hätte beides für möglich gehalten. Denn für ihn war das Schachbrett nicht nur ein Spielfeld – es war ein Spiegel des Kosmos.
Basierend auf:
https://www.chessintranslation.com/2011/01/remembering-smyslov/
Wassili Smyslow – der Suchende
Im Jahr 1983 saßen sich zwei Männer gegenüber, die unterschiedlicher kaum sein konnten: der kühle Rationalist Robert Hübner, ein deutscher Philologe, der sich im Schach nie mit weniger als mathematischer Präzision zufriedengab – und Wassili Smyslow, Weltmeister von 1957, ein alter Herr mit sanfter Stimme, Opernsänger, gläubiger Christ, ein Mann der Harmonie. Beide kämpften um den Einzug ins Kandidatenfinale – und damit vielleicht um einen letzten Weg zurück auf den Thron.
Es war dieses Match, auf das sich FIDE-Präsident Kirsan Iljumschinow Jahre später bezog, als er in einem Interview beiläufig behauptete, Smyslow habe ihm einst im Vertrauen von einer Begegnung mit Außerirdischen berichtet. Laut Iljumschinow sei Smyslow 1974 – wohlgemerkt: das Match gegen Hübner fand 1983 statt – plötzlich krank geworden, habe das Licht im Hotelzimmer nicht angeschaltet, als sich wie von Geisterhand die Figuren aufstellten. Eine fremde Stimme habe ihm Züge diktiert. Tags darauf habe Smyslow dieselben gespielt – und gewonnen.
Die Geschichte ist so absurd wie unterhaltsam, und ihre Fakten stimmen nicht: 1974 spielte Smyslow gar kein Kandidatenmatch gegen Hübner. Die Partie, auf die Iljumschinow anspielt, fand 1983 statt. Und in der Tat: Smyslow, bereits über 60 Jahre alt, gewann damals eine Partie mit feiner Technik, die auch ohne Hilfe vom Sirius erklärbar ist.
Doch gerade deshalb wirkt Iljumschinows Erzählung wie eine Karikatur jener Aura, die Smyslow umgab – und die viele auch ganz ohne UFOs als "nicht von dieser Welt" empfanden.
Der letzte Romantiker
Smyslow war der letzte Weltmeister der alten Schule. Botwinnik, sein großer Rivale, nannte ihn „den Musiker unter den Schachspielern“. In der Tat: Smyslow sang professionell Oper, verfolgte Zeit seines Lebens die Idee, dass auch auf dem Schachbrett Harmonie entstehen könne – durch Intuition, durch ein Gespür für Balance. Er bewunderte die Leichtigkeit Capablancas, die Klarheit Morphys. Er verachtete das seelenlose Rechnen der Maschinen.
In einem Interview sagte er:
„Capablanca hatte ein Gefühl für Melodie. Ein perfektes Schachgehör. Das ist ein Talent: die Fähigkeit, in der Stellung die Harmonie zu erkennen. Wer das kann, ist näher am Himmel.“
Er war kein Asket wie Lasker, kein Kämpfer wie Spasski, kein Machtpolitiker wie Karpow. Smyslow glaubte, dass Schach ein Mittel zur seelischen Vervollkommnung sei. Und das machte ihn unter den Meistern seiner Zeit zu einer Ausnahmeerscheinung.
Der Kampf mit Hübner – und dem Zufall
Das Match gegen Hübner endete kurios: Nach zwölf Partien stand es unentschieden. Auch die vier Tiebreaks brachten keine Entscheidung. Es folgte etwas, das dem spirituellen Smyslow zutiefst zuwider war: die Entscheidung durch Los.
Das Los wurde im Casino von Las Vegas geworfen. Rot bedeutete Sieg für Smyslow, Schwarz für Hübner. Beim ersten Versuch landete die Kugel auf Null. Niemand gewann. Erst beim zweiten Wurf fiel sie auf die rote Drei – und Smyslow zog weiter.
Er selbst sah darin kein Glück, sondern ein Zeichen:
„Der Teufel kämpft gegen Gott – auf dem Schachbrett, aber auch im Herzen der Menschen. Im Casino wurde ein Urteil gesprochen.“
Für Hübner blieb diese Episode eine Farce. Für Smyslow war es ein Gleichnis.
Ein Lehrer der Harmonie
In den 1980er Jahren gründete Smyslow – inspiriert von Botwinniks Modell – seine eigene Schachschule. Junge Talente wie Michail Krasenkow, Evgeni Barejew, Alexej Drjew wurden dort geformt. Aber wichtiger als das Wissen war für Smyslow das Miteinander:
„Wettbewerb unter Freunden, das war unser Prinzip. Wer Schach wirklich liebt, muss es mit anderen teilen.“
Sergej Schirow, selbst ein Schüler Smyslows, erinnerte sich später:
„Er sprach nie von Varianten. Er sprach von Schönheit.“
Capablanca, Computer und der Kosmos
In Interviews sprach Smyslow oft über die geistige Dimension des Spiels. Die Reduktion auf Computeranalysen lehnte er ab:
„Der Computer zeigt, dass Schach von mathematischen Gesetzen bestimmt wird. Aber wer hat diese Gesetze erschaffen?“
Er war überzeugt: Die größten Spieler – Capablanca, Morphy, vielleicht auch er selbst – hätten eine Verbindung zu einem „universellen Informationsfeld“. Er sprach von Intuition als göttlicher Eingebung.
Leben und Abschied
Smyslow starb 2010, im Alter von 89 Jahren. Die Schachwelt verlor mit ihm mehr als einen Weltmeister. Sergej Schipow, ein Weggefährte, sagte:
„Mit Smyslow ist eine ganze Epoche gestorben. Die Epoche der Harmonie.“
Mit ihm gingen Erinnerungen an das Turnier von Moskau 1935, wo er als Jugendlicher Lasker und Capablanca sah. An die Kämpfe gegen Botwinnik, die Gespräche mit Fischer, die Partien gegen Karpow. Und vielleicht auch an die Nacht im Hotel, in der jemand – oder etwas – die Figuren aufstellte.
Ob es Aliens waren oder nur die Stimme der Intuition: Smyslow hätte beides für möglich gehalten. Denn für ihn war das Schachbrett nicht nur ein Spielfeld – es war ein Spiegel des Kosmos.
Basierend auf:
Zitat von Conrad Schormann am 27. März 2025, 10:41 UhrDie Wahrheit als Ideal – Die Geschichte von Wassili Smyslow
„Die Schönheit und Harmonie, die Anmut und Intuition sowie perfektes Beherrschen der Technik – das sind meine Ideale.“ – Wassili Smyslow
Ein Gentleman zwischen den Welten
Am 24. März 1921 wurde Wassili Smyslow in Moskau geboren. Er sollte der siebte Weltmeister der Schachgeschichte werden – und zugleich einer ihrer leisesten Vertreter. Kein Exzentriker, kein Lautsprecher. Smyslow war der Inbegriff eines kultivierten Gentlemans. Seine Stimme? Ein Bariton. Seine zweite Leidenschaft? Der Operngesang. In jungen Jahren stand er vor der Entscheidung zwischen Musik und Schach – und entschied sich, wie er später ironisch sagte, „für das Schach, weil ich dort weniger schlecht war“.
Doch gerade diese musikalische Ader, sein Streben nach Harmonie und innerer Logik, prägten auch seinen Stil am Brett. Kein anderer Weltmeister hat die klassische Klarheit des Spiels so sehr verkörpert wie er. Sein Credo lautete:
„Wenn es absolute Gesetze im Schach gäbe, gültig in allen Phasen des Spiels, würde das Schach seinen Reiz und seinen unerschöpflichen Charakter verlieren.“
Ein Champion ohne Mythos
Trotz seiner Erfolge blieb Smyslow zeitlebens unterschätzt. Von 1953 bis 1958 gehörte er zur absoluten Weltspitze, bestritt vier WM-Kämpfe, darunter drei direkte Duelle mit Michail Botwinnik, die er mit 18 Siegen, 34 Remis und 17 Niederlagen absolvierte. 1957 krönte er sich selbst zum Weltmeister – doch 1958 verlor er den Titel im Revanchematch wieder an Botwinnik.
Ein Jahrzehnt lang war Smyslow unbestreitbar einer der stärksten Spieler der Welt, und doch wurde er in späteren Rückblicken oft übergangen. Selbst Mihail Marins Buch Learn from the Legends würdigt die Sowjetmeister Botwinnik, Tal, Petrosjan und Karpow – lässt aber Smyslow und Boris Spasski außen vor. Smyslow blieb ein Champion ohne Mythos.
Eine glanzvolle Karriere in Zahlen
Smyslow gewann das berühmte Kandidatenturnier 1953 in Zürich. Drei Jahre später triumphierte er erneut in Amsterdam und schlug Paul Keres sowie Efim Geller auf dem Weg zu einem weiteren WM-Kampf. Seine Partiequalität war durchweg hochklassig – auch in späteren Jahren.
1984, mit 63 Jahren, eliminierte er im Kandidatenzyklus Robert Hübner (nach Gleichstand entschied das Los!) und Zoltán Ribli, bevor er gegen Garry Kasparow im Finale ausschied. Allein diese Qualifikation galt als Sensation: Ein Mann über 60 unter den vier besten Spielern der Welt!
Das Jahrhundertduell mit Botwinnik
Über 100 Partien spielte Smyslow gegen Botwinnik – eine Rivalität, die in ihrer Dichte nur mit dem späteren Duell Karpow–Kasparow vergleichbar ist. Anders als Botwinnik war Smyslow kein Taktiker oder Theoretiker, sondern ein Spieler, der auf Intuition, Positionsgefühl und Endspielkunst setzte. In den Worten von Georges Bertola:
„Er war ein Mann der Wahrheitssuche, nicht der Show. Vielleicht erklärt das, warum so wenig über ihn geschrieben wurde.“
Der Ästhet am Brett
Smyslow verstand Schach als Kunstform. Seine Partien waren selten explosiv, aber stets durchdacht. Ein Beispiel dafür ist seine legendäre Partie gegen Vladimir Liberzon beim sowjetischen Mannschaftsmeisterschaftsturnier in Riga 1968 – eine Partie, in der er seine klassische Bildung mit taktischem Scharfsinn verband. Dort sagte er zu einem jungen Gegner nach der Partie:
„Langsam, junger Mann – in meinem Alter braucht man etwas mehr Zeit, um die Stellung zu erfassen.“
Die Partie wurde vom Informator als „beste Partie des Turniers“ ausgezeichnet. Doch Smyslow selbst war bescheiden – seine größte Freude war die Harmonie auf dem Brett, nicht der Applaus.
Vom Opernhaus ans Brett
Seine Liebe zur Musik blieb zeitlebens bestehen. Jean Py, Organisator des Kandidatenturniers 1985 in Montpellier, erinnert sich, wie Smyslow eine Einladung zu einem Opernabend mit Begeisterung annahm – nur um nach zehn Minuten höflich das Theater zu verlassen. Statt Operngesang lief eine TV-Probe, und Smyslow zog sich enttäuscht ins Hotel zurück.
Ein Stil wie ein Spiegel der Meister
Smyslow war kein Revolutionär, sondern ein Vollender. Seine Einflüsse waren Lasker, Capablanca, Aljechin, Rubinstein, Nimzowitsch, Tarrasch – er vereinte deren Stile zu einem harmonischen Ganzen. Seine Partien glänzten durch tiefe strategische Klarheit, seine Endspiele gelten bis heute als Lehrmaterial für Generationen von Schachspielern.
Die große Partie gegen Liberzon
In der Partie gegen Liberzon in Riga 1968 zeigte Smyslow, wie Schach zu Poesie werden kann. Mit dem seltenen Zug 5.Tb1 bereitete er einen Vorstoß am Damenflügel vor – eine Idee, die er bereits in der Olympiade von Lugano 1968 erfolgreich angewandt hatte.
Im späteren Verlauf opferte er mit 27.Sxf5!! eine Dame – und leitete damit eine taktische Abwicklung ein, die sowohl Kasparow als auch zahlreiche Großmeisterkollegen staunend analysierten. Über den entscheidenden Zug 29.Txf5!! schrieb ein zeitgenössischer Kommentator:
„Was ist los mit Smyslow – dieser so ruhige, positionelle Mensch kämpft hier wie ein wilder Tiger!“
Es war eine Partie voller Tiefe, Harmonie und klassischer Eleganz – ein wahres Meisterwerk. Auch wenn moderne Engines heute kleinere Verbesserungen aufzeigen, bleibt sie ein Juwel der Schachgeschichte.
Der vergessene Weltmeister?
Trotz all seiner Erfolge blieb Smyslow ein Mann ohne große Lobby. Er spielte selten in Frankreich, trat öffentlich zurückhaltend auf, und galt vielen als zu unauffällig, um als Ikone zu dienen. Doch wer seine Partien kennt, seine Aussagen liest, erkennt schnell: Hier sprach ein Denker des Schachs, ein Mann, dem es nie um Ruhm, sondern um Wahrheit ging.
Sein eigenes Fazit bringt das auf den Punkt:
„Ich bin überzeugt, dass Schach die Suche nach Wahrheit sein sollte – der einzigen möglichen Wahrheit.“
Werke von und über Smyslow
Wer tiefer in Smyslows Denken eintauchen möchte, dem seien folgende Werke empfohlen:
125 Selected Games – V. Smyslov (Pergamon Press, 1983)
Endgame Virtuoso – V. Smyslov (Cadogan, 1997)
Smyslov’s Best Games (1935–1957 und 1958–1995) – Moravian Chess
Smyslov on the Couch – G. Sosonko (Elk and Ruby, 2018)
The Early Years 1921–1948 – A. Terekhov (Russell Enterprises, 2020)
Ein leiser Abgang
Smyslow starb im Jahr 2010. Bis zuletzt war er dem Schach verbunden. Er spielte, sang, analysierte – stets mit Würde, stets mit Stil. In einer Ära der Rechenschieber und Theorieexplosionen bleibt er der Mahner für eine andere Seite des Spiels: Die Suche nach Schönheit, Wahrheit und Menschlichkeit auf 64 Feldern.
Quelle: Georges Bertola, „Les grandes parties du passé“, Europe Échecs (März 2021)
In his third full-length memoir about one of the world’s greatest ever chess players Genna Sosonko portrays a warm picture of the seventh world champion Vasily Smyslov, with whom he spent considerable time over the board, during tournaments and while meeting at each other’s homes.
Smyslov the man was far more balanced and spiritual than most of his contemporaries, capable of a relaxed and yet principled approach to life. Unlike most top players he was able to reach a very high standard in his chosen hobby – in his case, classical singing – even while playing chess at the very top. His natural inclination to see the best in people was, however, challenged as the world around him underwent fundamental changes late in his life.
The new freedoms of the post-Soviet era also engendered one of the most extraordinary polemics in chess history – David Bronstein’s article ‘Thrown’ Games in Zurich (2001) – bringing accusations against Smyslov that forced him to defend himself at the age of eighty, by which time many witnesses to the events in Zurich were already deceased. In this book, Genna focuses in particular on that polemic, places it in the wider context of the so-called Soviet Chess School, and asks whether Bronstein’s hurt and accusations were justified.
Pressestimmen
"The book is itself a pleasant read, because Sosonko clearly liked and respected Smyslov....you will spend a few pleasant hours with one of the nicer, more humane figures of the Soviet era. Warmly recommended for those who are interested in the history of the game" - FIDE Master Dennis Monokroussos, The Chess Mind blog, 21 January 2019
"In recent years, Sosonko has published three beautiful books about great chess players from the Soviet Union whom he knew very well. First David Bronstein, then Viktor Kortchnoi and now Vasily Smyslov." - Grandmaster Hans Ree, Dutch Treat blog, 2 January 2019
"I mentioned Genna Sosonko before in this review, so you won't be too surprised to learn that I also enjoyed his Smyslov on the Couch (Elk and Ruby) greatly. It's a book that once again captures the personality of a great player, the era in which he lived and - just as poignantly as with Bronstein - the struggle of growing old, to which the whole of the third section ('The Final Years') is dedicated...a short but really interesting book about Sosonko's interaction with a great of chess history. Recommended!" - Grandmaster Matthew Sadler, New in Chess magazine, March 2019
"...a gold mine of information on the real Vasily Smyslov, shining a bright light on one of the lesser-chronicled kings of chess." - Sean Marsh, CHESS Magazine, April 2019
Über den Autor
Genna Sosonko (born 1943, Troitsk, Russia) is a Soviet-born Dutch Grandmaster who is widely recognized as the number one writer on the history of Soviet chess. Playing career Once ranked among the world's top twenty chess players, Genna acted as second to ex-World Champion Mikhail Tal and to ex-World Championship Challenger Viktor Korchnoi during world championship candidates matches. He emigrated from the Soviet Union to the Netherlands in 1972, where he continues to live. He won the Dutch Championship in 1973 and 1978 (jointly). His tournament record includes 1st at the Barcelona Zonal Tournament 1975, 1st at Lugano 1976, 1st at Wijk aan Zee 1977, 1st at Nijmegen 1978, 3rd at Amsterdam 1980, 1st at Wijk aan Zee 1981, 3rd at Tilburg 1982 and 4th at Haninge 1988. He also drew a match with Jan Timman (+1 =0 ¿1) in 1984. Genna played for the Dutch team at the Chess Olympiads eleven times, in 1974-84, and 1988-96. He won two individual medals: gold at Haifa 1976 and bronze at Nice 1974, and two team medals: silver at Haifa 1976 and bronze at Thessaloniki 1988. FIDE, the World Chess Federation, awarded Sosonko the International Master (IM) title in 1974, the GM title in 1976 and the FIDE Senior Trainer title in 2004. Literary career Sosonko has authored seven non-technical chess books in English centering heavily on his chess life in the Soviet Union and his relationships with and memories of both leading Soviet players and lesser-known characters in chess history.
Die Wahrheit als Ideal – Die Geschichte von Wassili Smyslow
„Die Schönheit und Harmonie, die Anmut und Intuition sowie perfektes Beherrschen der Technik – das sind meine Ideale.“ – Wassili Smyslow

Ein Gentleman zwischen den Welten
Am 24. März 1921 wurde Wassili Smyslow in Moskau geboren. Er sollte der siebte Weltmeister der Schachgeschichte werden – und zugleich einer ihrer leisesten Vertreter. Kein Exzentriker, kein Lautsprecher. Smyslow war der Inbegriff eines kultivierten Gentlemans. Seine Stimme? Ein Bariton. Seine zweite Leidenschaft? Der Operngesang. In jungen Jahren stand er vor der Entscheidung zwischen Musik und Schach – und entschied sich, wie er später ironisch sagte, „für das Schach, weil ich dort weniger schlecht war“.
Doch gerade diese musikalische Ader, sein Streben nach Harmonie und innerer Logik, prägten auch seinen Stil am Brett. Kein anderer Weltmeister hat die klassische Klarheit des Spiels so sehr verkörpert wie er. Sein Credo lautete:
„Wenn es absolute Gesetze im Schach gäbe, gültig in allen Phasen des Spiels, würde das Schach seinen Reiz und seinen unerschöpflichen Charakter verlieren.“
Ein Champion ohne Mythos
Trotz seiner Erfolge blieb Smyslow zeitlebens unterschätzt. Von 1953 bis 1958 gehörte er zur absoluten Weltspitze, bestritt vier WM-Kämpfe, darunter drei direkte Duelle mit Michail Botwinnik, die er mit 18 Siegen, 34 Remis und 17 Niederlagen absolvierte. 1957 krönte er sich selbst zum Weltmeister – doch 1958 verlor er den Titel im Revanchematch wieder an Botwinnik.
Ein Jahrzehnt lang war Smyslow unbestreitbar einer der stärksten Spieler der Welt, und doch wurde er in späteren Rückblicken oft übergangen. Selbst Mihail Marins Buch Learn from the Legends würdigt die Sowjetmeister Botwinnik, Tal, Petrosjan und Karpow – lässt aber Smyslow und Boris Spasski außen vor. Smyslow blieb ein Champion ohne Mythos.
Eine glanzvolle Karriere in Zahlen
Smyslow gewann das berühmte Kandidatenturnier 1953 in Zürich. Drei Jahre später triumphierte er erneut in Amsterdam und schlug Paul Keres sowie Efim Geller auf dem Weg zu einem weiteren WM-Kampf. Seine Partiequalität war durchweg hochklassig – auch in späteren Jahren.
1984, mit 63 Jahren, eliminierte er im Kandidatenzyklus Robert Hübner (nach Gleichstand entschied das Los!) und Zoltán Ribli, bevor er gegen Garry Kasparow im Finale ausschied. Allein diese Qualifikation galt als Sensation: Ein Mann über 60 unter den vier besten Spielern der Welt!

Das Jahrhundertduell mit Botwinnik
Über 100 Partien spielte Smyslow gegen Botwinnik – eine Rivalität, die in ihrer Dichte nur mit dem späteren Duell Karpow–Kasparow vergleichbar ist. Anders als Botwinnik war Smyslow kein Taktiker oder Theoretiker, sondern ein Spieler, der auf Intuition, Positionsgefühl und Endspielkunst setzte. In den Worten von Georges Bertola:
„Er war ein Mann der Wahrheitssuche, nicht der Show. Vielleicht erklärt das, warum so wenig über ihn geschrieben wurde.“
Der Ästhet am Brett
Smyslow verstand Schach als Kunstform. Seine Partien waren selten explosiv, aber stets durchdacht. Ein Beispiel dafür ist seine legendäre Partie gegen Vladimir Liberzon beim sowjetischen Mannschaftsmeisterschaftsturnier in Riga 1968 – eine Partie, in der er seine klassische Bildung mit taktischem Scharfsinn verband. Dort sagte er zu einem jungen Gegner nach der Partie:
„Langsam, junger Mann – in meinem Alter braucht man etwas mehr Zeit, um die Stellung zu erfassen.“
Die Partie wurde vom Informator als „beste Partie des Turniers“ ausgezeichnet. Doch Smyslow selbst war bescheiden – seine größte Freude war die Harmonie auf dem Brett, nicht der Applaus.
Vom Opernhaus ans Brett
Seine Liebe zur Musik blieb zeitlebens bestehen. Jean Py, Organisator des Kandidatenturniers 1985 in Montpellier, erinnert sich, wie Smyslow eine Einladung zu einem Opernabend mit Begeisterung annahm – nur um nach zehn Minuten höflich das Theater zu verlassen. Statt Operngesang lief eine TV-Probe, und Smyslow zog sich enttäuscht ins Hotel zurück.
Ein Stil wie ein Spiegel der Meister
Smyslow war kein Revolutionär, sondern ein Vollender. Seine Einflüsse waren Lasker, Capablanca, Aljechin, Rubinstein, Nimzowitsch, Tarrasch – er vereinte deren Stile zu einem harmonischen Ganzen. Seine Partien glänzten durch tiefe strategische Klarheit, seine Endspiele gelten bis heute als Lehrmaterial für Generationen von Schachspielern.
Die große Partie gegen Liberzon
In der Partie gegen Liberzon in Riga 1968 zeigte Smyslow, wie Schach zu Poesie werden kann. Mit dem seltenen Zug 5.Tb1 bereitete er einen Vorstoß am Damenflügel vor – eine Idee, die er bereits in der Olympiade von Lugano 1968 erfolgreich angewandt hatte.
Im späteren Verlauf opferte er mit 27.Sxf5!! eine Dame – und leitete damit eine taktische Abwicklung ein, die sowohl Kasparow als auch zahlreiche Großmeisterkollegen staunend analysierten. Über den entscheidenden Zug 29.Txf5!! schrieb ein zeitgenössischer Kommentator:
„Was ist los mit Smyslow – dieser so ruhige, positionelle Mensch kämpft hier wie ein wilder Tiger!“
Es war eine Partie voller Tiefe, Harmonie und klassischer Eleganz – ein wahres Meisterwerk. Auch wenn moderne Engines heute kleinere Verbesserungen aufzeigen, bleibt sie ein Juwel der Schachgeschichte.
Der vergessene Weltmeister?
Trotz all seiner Erfolge blieb Smyslow ein Mann ohne große Lobby. Er spielte selten in Frankreich, trat öffentlich zurückhaltend auf, und galt vielen als zu unauffällig, um als Ikone zu dienen. Doch wer seine Partien kennt, seine Aussagen liest, erkennt schnell: Hier sprach ein Denker des Schachs, ein Mann, dem es nie um Ruhm, sondern um Wahrheit ging.
Sein eigenes Fazit bringt das auf den Punkt:
„Ich bin überzeugt, dass Schach die Suche nach Wahrheit sein sollte – der einzigen möglichen Wahrheit.“
Werke von und über Smyslow
Wer tiefer in Smyslows Denken eintauchen möchte, dem seien folgende Werke empfohlen:
125 Selected Games – V. Smyslov (Pergamon Press, 1983)
Endgame Virtuoso – V. Smyslov (Cadogan, 1997)
Smyslov’s Best Games (1935–1957 und 1958–1995) – Moravian Chess
Smyslov on the Couch – G. Sosonko (Elk and Ruby, 2018)
The Early Years 1921–1948 – A. Terekhov (Russell Enterprises, 2020)
Ein leiser Abgang
Smyslow starb im Jahr 2010. Bis zuletzt war er dem Schach verbunden. Er spielte, sang, analysierte – stets mit Würde, stets mit Stil. In einer Ära der Rechenschieber und Theorieexplosionen bleibt er der Mahner für eine andere Seite des Spiels: Die Suche nach Schönheit, Wahrheit und Menschlichkeit auf 64 Feldern.
Quelle: Georges Bertola, „Les grandes parties du passé“, Europe Échecs (März 2021)
In his third full-length memoir about one of the world’s greatest ever chess players Genna Sosonko portrays a warm picture of the seventh world champion Vasily Smyslov, with whom he spent considerable time over the board, during tournaments and while meeting at each other’s homes.
Smyslov the man was far more balanced and spiritual than most of his contemporaries, capable of a relaxed and yet principled approach to life. Unlike most top players he was able to reach a very high standard in his chosen hobby – in his case, classical singing – even while playing chess at the very top. His natural inclination to see the best in people was, however, challenged as the world around him underwent fundamental changes late in his life.
The new freedoms of the post-Soviet era also engendered one of the most extraordinary polemics in chess history – David Bronstein’s article ‘Thrown’ Games in Zurich (2001) – bringing accusations against Smyslov that forced him to defend himself at the age of eighty, by which time many witnesses to the events in Zurich were already deceased. In this book, Genna focuses in particular on that polemic, places it in the wider context of the so-called Soviet Chess School, and asks whether Bronstein’s hurt and accusations were justified.
Pressestimmen
"The book is itself a pleasant read, because Sosonko clearly liked and respected Smyslov....you will spend a few pleasant hours with one of the nicer, more humane figures of the Soviet era. Warmly recommended for those who are interested in the history of the game" - FIDE Master Dennis Monokroussos, The Chess Mind blog, 21 January 2019
"In recent years, Sosonko has published three beautiful books about great chess players from the Soviet Union whom he knew very well. First David Bronstein, then Viktor Kortchnoi and now Vasily Smyslov." - Grandmaster Hans Ree, Dutch Treat blog, 2 January 2019
"I mentioned Genna Sosonko before in this review, so you won't be too surprised to learn that I also enjoyed his Smyslov on the Couch (Elk and Ruby) greatly. It's a book that once again captures the personality of a great player, the era in which he lived and - just as poignantly as with Bronstein - the struggle of growing old, to which the whole of the third section ('The Final Years') is dedicated...a short but really interesting book about Sosonko's interaction with a great of chess history. Recommended!" - Grandmaster Matthew Sadler, New in Chess magazine, March 2019
"...a gold mine of information on the real Vasily Smyslov, shining a bright light on one of the lesser-chronicled kings of chess." - Sean Marsh, CHESS Magazine, April 2019
Über den Autor
Zitat von Conrad Schormann am 20. Dezember 2025, 17:30 UhrWassily Smyslow – ein Leben zwischen Schach, Oper und Glauben
Quelle: Blog „Quienes jugaron ajedrez“ – „Quienes jugaron ajedrez... Vasili Vasílyevich Smyslov. Entre el ajedrez y la música“, Gabriel Capó Vidal, 15. Oktober 2018Er lebte zwischen Schach und Musik. So beschreibt Vasily Vasílyevich Smyslov selbst sein Leben.
Geboren wurde Vasily Vasílyevich Smyslov am 24. März 1921 in Moskau. Sein Vater, Vasily Osisovich Smyslov, Ingenieur und leidenschaftlicher Schachspieler, brachte ihm das Spiel bei und förderte ihn von früh an. Die Mutter, Ekaterina Mikhailovna, war Jüdin. Neben dem Schach prägte die Musik seine Jugend. Smyslov besaß eine ausgebildete Baritonstimme und betrachtete die Musik nie als Nebensache.
Schon früh zeigte sich sein Talent. Mit 16 gewann er die gesamtunionische Juniorenmeisterschaft. Mit 17 teilte er den Sieg bei der Moskauer Stadtmeisterschaft mit Sergey Belavenz. Mit 19 wurde er Dritter bei der Meisterschaft der UdSSR – vor Mikhail Botvinnik. 1942 gewann er erneut die Moskauer Meisterschaft, 1949 wurde er sowjetischer Meister.
Zeitgenossen beschrieben sein Spiel als trügerisch einfach. Smyslov sammelte kleinste Vorteile, spielte mit Klarheit, Intuition und außergewöhnlicher Endspielkunst. Schon 1938 schrieb eine sowjetische Schachzeitschrift, sein kreativer Weg habe gerade erst begonnen, sein Spiel wirke aber bereits reif und künstlerisch. Er spiele am besten, wenn seine Stellung schlecht sei – dann finde er in scheinbar einfachen Positionen verborgene Ressourcen.
Mikhail Botvinnik nannte ihn scharfsinnig und universell begabt. Tigran Petrosian hob sein harmonisches Gleichgewicht aus Prinzipien und Berechnung hervor. David Bronstein erklärte Smyslovs Endspielstärke mit den Hunderten von Grundstellungen, die er seit der Kindheit studiert hatte.
Zwischen 1954 und 1972 gewann Smyslov als Mitglied der sowjetischen Nationalmannschaft zehn Schacholympiaden und fünf Europameisterschaften für Mannschaften. 1970 besiegte das Team den „Rest der Welt“. 1985 triumphierte er bei der Mannschaftsweltmeisterschaft.
Weltmeister war Smyslov nur ein Jahr. 1957 besiegte er Mikhail Botvinnik und wurde der siebte Schachweltmeister. Ein Jahr später verlor er den Revanchekampf – geschwächt durch Krankheit, erschöpft von Ehrungen, Interviews und Verpflichtungen. Danach gewann er zahlreiche Turniere, unter anderem in Amsterdam, Havanna und Monte Carlo. Noch mit 61 Jahren erreichte er das Finale eines Kandidatenturniers und verlor dort gegen Garry Kasparov.
Neben dem Brett blieb die Musik ein zweites Leben. Smyslov studierte Gesang, trat öffentlich auf und nahm Opernarien auf. Ein Traum mit Enrico Caruso prägte seine Gesangstechnik dauerhaft. Er sang bis ins hohe Alter, sogar auf der Bühne des Bolschoi-Theaters.
Smyslov dachte über Schach philosophisch. Für ihn war jede Partie eine Suche nach Wahrheit, der Sieg nur deren Bestätigung. Schach war Kunst, nicht bloß Sport. Er glaubte an Harmonie, Intuition, Kreativität – und an etwas Mystisches im Spiel. Er sprach vom Dämonischen des Schachs, von menschlichen Fehlern, vom Kampf zwischen Geist und Materie. Computer sah er kritisch: Sie rechneten, aber sie schöpften nicht.
https://twitter.com/dgriffinchess/status/2003767033008373909
Privat war seine Ehe mit Nadezhda Andreevna zentral. Sie unterstützte ihn bedingungslos, begleitete ihn überallhin und rettete ihm nach eigener Aussage manche Partie. „Ich spiele kein Schach, aber ich verstehe die Stellung“, sagte sie einmal.
Im Alter zog sich Smyslov zunehmend zurück. Er verlor fast vollständig sein Augenlicht, arbeitete dennoch weiter an Studien und Kompositionen – oft im Traum. Schach blieb für ihn Poesie. Die Ästhetik, sagte er, liege in der Wahrheit einer Idee und ihrer klaren Logik.
Vasily Vasílyevich Smyslov starb am 27. März 2010 nach schwerer Krankheit. In Moskau, im Zentralen Schachklub am Gogol-Boulevard, verabschiedete man sich von ihm mit einem Requiem.
Wassily Smyslow – ein Leben zwischen Schach, Oper und Glauben
Quelle: Blog „Quienes jugaron ajedrez“ – „Quienes jugaron ajedrez... Vasili Vasílyevich Smyslov. Entre el ajedrez y la música“, Gabriel Capó Vidal, 15. Oktober 2018
Er lebte zwischen Schach und Musik. So beschreibt Vasily Vasílyevich Smyslov selbst sein Leben.
Geboren wurde Vasily Vasílyevich Smyslov am 24. März 1921 in Moskau. Sein Vater, Vasily Osisovich Smyslov, Ingenieur und leidenschaftlicher Schachspieler, brachte ihm das Spiel bei und förderte ihn von früh an. Die Mutter, Ekaterina Mikhailovna, war Jüdin. Neben dem Schach prägte die Musik seine Jugend. Smyslov besaß eine ausgebildete Baritonstimme und betrachtete die Musik nie als Nebensache.
Schon früh zeigte sich sein Talent. Mit 16 gewann er die gesamtunionische Juniorenmeisterschaft. Mit 17 teilte er den Sieg bei der Moskauer Stadtmeisterschaft mit Sergey Belavenz. Mit 19 wurde er Dritter bei der Meisterschaft der UdSSR – vor Mikhail Botvinnik. 1942 gewann er erneut die Moskauer Meisterschaft, 1949 wurde er sowjetischer Meister.
Zeitgenossen beschrieben sein Spiel als trügerisch einfach. Smyslov sammelte kleinste Vorteile, spielte mit Klarheit, Intuition und außergewöhnlicher Endspielkunst. Schon 1938 schrieb eine sowjetische Schachzeitschrift, sein kreativer Weg habe gerade erst begonnen, sein Spiel wirke aber bereits reif und künstlerisch. Er spiele am besten, wenn seine Stellung schlecht sei – dann finde er in scheinbar einfachen Positionen verborgene Ressourcen.
Mikhail Botvinnik nannte ihn scharfsinnig und universell begabt. Tigran Petrosian hob sein harmonisches Gleichgewicht aus Prinzipien und Berechnung hervor. David Bronstein erklärte Smyslovs Endspielstärke mit den Hunderten von Grundstellungen, die er seit der Kindheit studiert hatte.
Zwischen 1954 und 1972 gewann Smyslov als Mitglied der sowjetischen Nationalmannschaft zehn Schacholympiaden und fünf Europameisterschaften für Mannschaften. 1970 besiegte das Team den „Rest der Welt“. 1985 triumphierte er bei der Mannschaftsweltmeisterschaft.
Weltmeister war Smyslov nur ein Jahr. 1957 besiegte er Mikhail Botvinnik und wurde der siebte Schachweltmeister. Ein Jahr später verlor er den Revanchekampf – geschwächt durch Krankheit, erschöpft von Ehrungen, Interviews und Verpflichtungen. Danach gewann er zahlreiche Turniere, unter anderem in Amsterdam, Havanna und Monte Carlo. Noch mit 61 Jahren erreichte er das Finale eines Kandidatenturniers und verlor dort gegen Garry Kasparov.
Neben dem Brett blieb die Musik ein zweites Leben. Smyslov studierte Gesang, trat öffentlich auf und nahm Opernarien auf. Ein Traum mit Enrico Caruso prägte seine Gesangstechnik dauerhaft. Er sang bis ins hohe Alter, sogar auf der Bühne des Bolschoi-Theaters.
Smyslov dachte über Schach philosophisch. Für ihn war jede Partie eine Suche nach Wahrheit, der Sieg nur deren Bestätigung. Schach war Kunst, nicht bloß Sport. Er glaubte an Harmonie, Intuition, Kreativität – und an etwas Mystisches im Spiel. Er sprach vom Dämonischen des Schachs, von menschlichen Fehlern, vom Kampf zwischen Geist und Materie. Computer sah er kritisch: Sie rechneten, aber sie schöpften nicht.
Pictured in his final years - the 7th World Champion, Vasily Vasilievich Smyslov (1911-2010), together with his wife Nadezhda Andreevna (1918-2010) and their cat Belka ('squirrel'), at their home in central Moscow.
(📷: https://t.co/cgGLciADny.) #chess pic.twitter.com/uSJMvElvX1— Douglas Griffin (@dgriffinchess) December 24, 2025
Privat war seine Ehe mit Nadezhda Andreevna zentral. Sie unterstützte ihn bedingungslos, begleitete ihn überallhin und rettete ihm nach eigener Aussage manche Partie. „Ich spiele kein Schach, aber ich verstehe die Stellung“, sagte sie einmal.
Im Alter zog sich Smyslov zunehmend zurück. Er verlor fast vollständig sein Augenlicht, arbeitete dennoch weiter an Studien und Kompositionen – oft im Traum. Schach blieb für ihn Poesie. Die Ästhetik, sagte er, liege in der Wahrheit einer Idee und ihrer klaren Logik.
Vasily Vasílyevich Smyslov starb am 27. März 2010 nach schwerer Krankheit. In Moskau, im Zentralen Schachklub am Gogol-Boulevard, verabschiedete man sich von ihm mit einem Requiem.

