Vincent Keymer, die Heiligtümer und die 8

Die „Heiligtümer“, wie Vincent Keymer sie nennt, stehen für das, was er nicht aufgeben will: seine Familie, seine Freunde und Zeit abseits des Schachs. Im Interview mit Chessbase-India-Mitarbeiter Himank Ghosh nach dem Triumph in Chennai hat Keymer erklärt, dass er diese Heiligtümer nicht dem Schach opfern will – auch dann nicht, wenn die Karriere noch mehr verlangt: die Einsicht und Lebensplanung eines 20-Jährigen, der spätestens jetzt an der Schwelle zur absoluten Weltspitze steht und doch betont, dass es ein Leben neben dem Spiel geben muss, damit die Intensität des Spiels ihn nicht auffrisst. Schach steht auf Keymers Agenda ganz oben, das hat er so entschieden und will es nicht anders, aber Glück und Gesundheit gehen vor.

Vincent Keymer im Gespräch mit Chessbase India in Chennai. Die meisten seiner Aussagen in diesem Text sind diesem Interview unmittelbar nach dem Turniersieg entnommen.

Wenige Stunden vor dem Gespräch hatte Keymer das Quantbox Chennai Grand Masters mit einem Sieg über Ray Robson abgeschlossen, 7 Punkte aus 9 Partien, ein überlegener Triumph, 2 Punkte Vorsprung vor dem Feld. „Ich war am Anfang überrascht, wie gut es lief“, sagte er. Mit diesem Ergebnis steigt er auf eine Elo-Zahl von 2750,9 und knackt damit die nächste 50er-Marke. „Ich hatte immer das Gefühl, dass ich das schaffen kann“, sagt Keymer. Nun ein solches Durchbruch-Turnier hinzulegen, das sei großartig.

Als Vincent Keymer Anfang September 2022 ein 2700er wurde.

„Je höher man kommt, desto schwieriger wird es, überhaupt noch weiter zu steigen“, sagt Keymer. In welchem Maße die Höhenluft dünner wird, lässt sich daran ablesen, wie lange er für den nun absolvierten 50er-Sprung von 2700 auf 2750 gebraucht hat: fast drei Jahre. Anfang September 2022 war Keymer erstmals ein 2700er. Das war nicht viel mehr als ein Jahr, nachdem er erstmals die 2600 erreicht hatte und dann fix weiterkletterte. Sollte Keymer mittelfristig (und das ist alles andere als gewiss) noch einen 50er-Schritt drauflegen, er wäre der 17. Spieler in der Geschichte des Schachsports, dem es gelingt, die 2800 zu knacken.

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Der potenzielle nächste Meilenstein wird sich nicht an einer Zahl festmachen lassen, oder wenn doch, dann nur an der 8, der Zahl der Teilnehmer des Kandidatenturniers im Frühjahr 2026. Um Teil des erlesenen Zirkels der WM-Kandidaten zu werden, stehen Keymer vier Qualifikationswegen offen – theoretisch. Praktisch dürfte der eine zu vergebene Rating-Spot für die neue Nummer zehn der Welt außer Reichweite sein. Bleiben das Grand Swiss (zwei Plätze, ab dem 3. September), der World Cup (drei Plätze) und die FIDE-Turnierwertung (ein Platz).

In den Top 10 der FIDE-Turnierwertung, deren Sieger einen Platz im Kandidatenturnier bekommt, ist mit Doppel-Europameister Matthias Blübaum ein weiterer Deutscher mit von der Partie.

In der Turnierwertung („FIDE Circuit“) führt zwar mit großem Abstand der Weltranglistenvierte Praggnanandhaa, aber ist noch nicht durch. Würde Keymer etwa zwei weitere Male ein Turnier aus der Chennai-Kategorie gewinnen (und Pragg keine weiteren Punkte sammeln), der Deutsche hätte den Inder knapp überholt.

Der Turniersieg von Chennai ist Keymers dritter Titel in diesem Jahr, nach Weissenhaus (dem sportlich größten Sieg, der aber nicht für die WM-Qualifikation zählt) und der Deutschen Meisterschaft in München. Dazu der historische Kontext: Elo 2750,9, das ist deutscher Rekord, ein Rekord, den mittelfristig wohl nur Keymer selbst knacken kann. Rekordhalter ist er schon seit dem 18. November 2023, als er erstmals Arkadij Naiditschs Bestmarke von 2737 übertraf.

Mit der Losnummer zwei und als Dritter der Setzliste ging Vincent Keymer in Chennai ins Turnier. Beides sollte kein Omen für seine Platzierung in der Abschlusstabelle sein. | Foto via Chessbase India

Zwar schreibt in diesen Tagen einer vom anderen ab, Keymer sei der zweite deutsche Spieler nach Robert Hübner in den Top Ten der Welt, aber das stimmt nicht ganz. Artur Jussupow war zwar nach seinem Wechsel zum deutschen Verband 1992 sportlich nicht mehr im Zenit, schaffte es aber 1994 und 1995 unter deutscher Flagge unter die besten zehn.

Wer Erbsen zählen möchte, findet in der Juli-Liste 1991 außerdem Alexander Khalifman unter deutscher Flagge als Top-Ten-Spieler. Der Ex-FIDE-Weltmeister stellte seinerzeit fest, dass er hierzulande als sportliches Zugpferd nicht einhellig willkommen war. 1992 ging er zurück nach Russland. Wer historische Elozahlen studiert, findet in den Top Ten vom April 1968 noch Wolfgang Unzicker auf dem zehnten Platz.

Nun ist das Turnier in Indien vorbei, und niemand hat Vincent nach seinem neuen Ring gefragt.

Perlen vom Bodensee (@bodenseeperlen.bsky.social) 2025-08-17T04:00:03.086Z

Was die Elozahlen nicht zeigen, ist der Umstand, dass der Wettbewerb in der erweiterten Weltspitze nie so hart und eng und umkämpft war wie in den 2020ern. Angesichts der Konkurrenz, mit der er es zu tun hat, repräsentiert Keymers zehnter Platz in der Welthackordnung eine ganz andere Leistungskategorie als etwa der zehnte Platz von Unzicker vor 57 Jahren. Hauptberuflich Verwaltungsrichter in München sein und nebenbei Top-Ten-Spieler im Schach, das ginge heute nicht mehr.

„Schach ist bei uns keine Karriereoption von klein auf“, erklärte Keymer seinem indischen Gesprächspartner in Chennai. Deutschland unterscheide sich in dieser Hinsicht grundlegend von Indien, wo Schach längst ein nationales Projekt ist. Dagegen sei Deutschland „nicht konkurrenzfähig“, hatte Keymer schon Anfang 2024 im ZDF-Sportstudio zu Protokoll gegeben. Und den Entwicklungslandstatus an nicht ausreichender Förderung seitens Verband und Sponsoren festgemacht, dabei aber sein eigenes amateurhaftes Selbstmarketing geflissentlich ignoriert.

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Als niemand Katrin Müller-Hohenstein erklärt hatte, dass es sich bei ihrem Gast um einen veritablen Spitzensportler handelt, längst nicht mehr um ein Wunderkind.

Bemerkenswert Keymers Einschätzung der gegenwärtigen Nationalmannschaft aus dem Entwicklungsland Deutschland: „Wir haben ein sehr starkes Team. Wir können jeden besiegen.“ Matthias Blübaum und Frederik Svane als nationale Nummer 2a und 2b sieht Keymer nahe beieinander, verweist aber auf das Potenzial des ebenfalls dem 2004-Jahrgang entstammenden Svane, der genau wie Keymer nach dem Abitur beschlossen hat, auf die Karte Schach zu setzen. Blübaum hingegen hat sein Mathematik-Studium abgeschlossen.

Als WM-Sekundant des neuen Weltmeisters Gukesh glaubt Keymer, dass sein Konkurrent und Kollege vorerst keine großen sportlichen Sprünge mehr machen wird. „Es ist für ihn schwer, sich zu verbessern“, meint Keymer. Der Grund: Als Weltmeister habe Gukesh so viele Verpflichtungen, dass ihm weniger Ressourcen blieben, sich ausschließlich mit dem eigenen Schach zu beschäftigen. Offenbar beobachtet Keymer generell das Verhältnis von Arbeit, Belastung und Weiterentwicklung genau – bei sich selbst und bei anderen.

Die Freestyle-Tour 2025 wird Vincent eher nicht mehr gewinnen, aber ins Kandidatenturnier 2026 stehen ihm drei Wege offen. Ganz am Ende dieser Wege wartet als Endgegener Weltmeister Gukesh, den Keymer durchaus besiegen kann. Das zeigt er zum Beispiel in der Partie im Video.
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Chris
Chris
3 Monate zuvor

Was für ein schönes Interview. Vincent ist ausgesprochen sympatisch, man muss ihn einfach mögen. Dass er fürs Schach seine Beziehungen oder seine Liebe nicht aufgeben will, ist nicht nur vernünftig, sondern ich denke der einzig richtige Weg. Wünsche Ihm auf seinem privaten und schachlichem Weg für die Zukunft von Herzen alles Gute!

Thomas Richter
Thomas Richter
3 Monate zuvor

„In der Turnierwertung (“FIDE Circuit”) führt zwar mit großem Abstand der Weltranglistenvierte Praggnanandhaa, aber ist noch nicht durch. Würde Keymer etwa zwei weitere Male ein Turnier aus der Chennai-Kategorie gewinnen (und Pragg keine weiteren Punkte sammeln), der Deutsche hätte den Inder knapp überholt.“ Realistischerweise haben Keymer und alle, die nicht Praggnanandhaa heißen, wohl nur dann eine Chance im Circuit, wenn Pragg sich anderweitig (Grand Swiss oder Weltcup) für das Kandidatenturnier qualifiziert und Platz 2 demnach reicht. Welche „Turniere aus der Chennai-Kategorie“ gibt es denn dieses Jahr noch? Die erste Septemberhälfte ist für Grand Swiss reserviert, der komplette Monat November für den… Weiterlesen »

Wodi Hutter
Wodi Hutter
3 Monate zuvor

„Familie und Freunden und Zeit abseits des Schachs“ ist sicher eine mögliche und naheliegende Interpretation von Keymers Aussage. Allerdings glaube ich schon, dass Vincent zu noch größeren persönlichen Investitionen bereit ist, als diese Deutung nahelegt. Im Original sagte er „Sanity and Happiness“ – „Geistige Gesundheit und (persönliches) Glück“, seien die Einzigen Dinge, die vor dem Schach kämen. Ich finde, das drückt noch größere Ambition in Sachen Schach aus.

Kommentierender
Kommentierender
3 Monate zuvor

Wolfgang Unzicker war 1968 nicht „hauptberuflich Verwaltungsrichter“, sondern als Regierungsrat bei der Regierung von Oberbayern tätig. Verwaltungsrichter wurde er erst 1971.

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