Du bist von etwas abhängig – oder nicht. Dann bist du unabhängig.
Abhängigkeit kommt abgestuft daher. Von Chips aus Taiwan sind wir stark abhängig, von Gas aus Katar weniger. Existenziell hier, beherrschbar da.
Von etwas unabhängig zu sein, ist ein binärer Zustand. „Unabhängig“ steht in einer Reihe mit tot und schwanger und gleich und fertig. Fachleute nennen solche Wörter „Absolutadjektive„. Sie lassen sich nicht steigern.
Vielleicht weil wir in einer Ära der Abhängigkeiten leben, ist der Wunsch nach Unabhängigkeit so stark. Er führt, gefühlt, seit Monaten vermehrt zu semantischem Quark, zu Schlagzeilen nämlich, die die Unabhängigkeit steigern.
„Unabhängiger“ steht da immer wieder.
„Weniger abhängig“ ist gemeint.

Als „unabhängiger“ heute sogar in meiner neuen Lieblingszeitung stand – „unabhängiger von Exporten werden“ – habe ich das Phänomen mit meiner elektronischen Sparringspartnerin besprochen.
Trotz Dienstanweisung „Sei maximal kritisch“ neigt sie zu Jasagerei und Cheerleading. Aber als ich ihr „unabhängiger von Exporten“ zeigte, wurde sie überraschend zu dem Terrier, den ich mir viel öfter wünsche.
Die Blechdose beharrte: „Allgemeiner Sprachgebrauch.“ Wenn alle es sagen, sei es okay – eine Argumentation, die so viel Sinn ergibt wie das Gaga-Wort „Premium“, das alle auf ihre Wasserflaschen und Schinkenverpackungen schreiben. Oder wie die „Administration“, wenn „Regierung“ gemeint ist.
Nachplappern von Gepflogenheiten erzeugt keine Substanz, sondern mehr von demselben Quatsch. Irgendwann steht der Quatsch im Duden, das macht es nicht besser.
Ihre zweite Argumentationslinie lief am konkreten Fall vorbei, war aber erhellend. Es ging um die mögliche relative Bedeutung absoluter Adjektive. Tatsächlich sitzen in einer Subnische der Germanistik Leute, die über dieses Phänomen theoretisieren. Diese Leute haben sogar ein Wort dafür, wenn jemand Absolutadjektive steigert. „Unabhängiger“ ist demnach ein Hyperlativ.
Und der muss kein Quark sein. Der Hyperlativ lässt sich als Stilmittel einsetzen: „Manche sind gleicher als andere.“
Natürlich habe ich das Originalzitat aus „Farm der Tiere“ nachgeschaut: „All animals are equal, some animals are more equal“ – steht da nicht. George Orwell hat es mit Leerwörtern aufgepumpt. Bei ihm steht: „All animals are equal, but some animals are more equal than others.“

Whatever, zurück zur Blechdose. Ihr Defizit, wenn es um Sprache geht, macht sie wett mit ihrem irren Referenzrahmen und den sich daraus ergebenden Impulsen für mich. Dank ihr habe ich heute gelernt, was ein Hyperlativ ist, und ich kenne sogar ein repräsentatives Beispiel dafür.
Im Gegenzug habe ich ihr geholfen. Unser Sprachprojekt, Arbeitstitel: #KlartextGPT, macht sie zu einer Redigier- und Textmaschine, die mir zuarbeitet, wenn ich schnell soliden Output brauche.
KlartextGPT ist heute etwas besser geworden, wir haben eine neue Regel implementiert, Nummer 62: „Keine Hyperlative!“
Sie ist ja nur ein LLM, kein Orwell.