Kolonnen von Zwangsarbeitern hat er auf ihrem täglichen Marsch in den Stollen begleitet. Ein alter Mann, der als Hitlerjunge beinahe zum Mörder geworden wäre. Den Schießbefehl hatte er, eine Waffe auch. Und hunderte potenzielle Opfer.
Würde er sich heute als Täter fühlen? Wir klären das nicht. Zu schwere Frage für diesen leichten Nachmittag, außerdem hört er schlecht. Die Sonne scheint, der Bodensee plätschert, das Weißbier prickelt. Eines trinkt er hier im Sommer täglich, manchmal zwei, und er ist froh, dass er damals zu jung war, um noch für Hitlers allerletztes Aufgebot rekrutiert zu werden.

Um die Rüstungsproduktion vor alliierten Bomben zu schützen, ließ Rüstungsminister Albert Speer überall im Land Stollen in den Fels treiben. In Überlingen am Bodensee bauten die Insassen einer Außenstelle des KZ Dachau den „Goldbacher Stollen“. 700 Arbeiter, Zwölf-Stunden-Schichten an sieben Tagen in der Woche, von September 1944 bis Mitte April 1945. Der Stollen wurde fertig, die unterirdische Fabrik darin nicht.
Zeppelin, Dornier, Maybach und so weiter. Entlang des Nordufers des Bodensees spannt sich ein Gürtel von Rüstungsbetrieben, das war damals so und hat sich bis heute nicht geändert. Das beschauliche Überlingen etwa wirkt auf den ersten Blick wie ein Heile-Welt-Dorf, dominiert von der Tourismusbranche. Hotels, Restaurants, Boutiquen. Wer genauer hinschaut, findet unweit der Uferpromenade „Diehl Defence“: 1.600 Mitarbeiter, Spezialist für ferngesteuerte Bomben und intelligente Munition. Den Goldbacher Stollen gibt es auch noch. Heute beherbergt er eine Dokumentationsstätte – und Boote sowie Wohnwagen, die hier außerhalb der Saison abgestellt werden.
„Ich war neun, und die haben mir eine Waffe in die Hand gedrückt“, berichtet der alte Mann. „Die“, das war die SS, die mit etwa 20 Mann das Außenlager bewachte. Beim täglichen Marsch der 700 Häftlinge zur Baustelle halfen Hitlerjungen aus. „Wenn einer aus der Reihe tanzt, sollte ich abdrücken.“
Die Perversität ihres Auftrages haben die Hitlerkinder damals nicht gesehen. Geheuer war ihnen das Bewachen halb verhungerter Häftlinge dennoch nicht. Viel lieber gingen sie Sanddorn sammeln, aus dem Krankenschwestern Tee für die Verwundeten im Hospital kochten. Was Kugeln und Granatsplitter mit menschlichen Körpern machen, sah der Neunjährige, wenn er den Sanddorn ablieferte: „Männer ohne Arme, Männer ohne Beine, so viel Leid.“
Ihren kleinen Protest gegen das Verbrechen an ihren Kinderseelen formulierten die Hitlerjungen, indem sie während der Wanderung zu den Sanddornbüschen den „Überlinger Sanddornmarsch“ schmetterten. Der bestand im Wesentlichen aus zwei Zeilen: „Leck mich am Arsch, das ist der Überlinger Sanddornmarsch.“
Während der Märsche zu den Stollen war ihnen nicht nach Singen zumute.
(Facebook-Eintrag von 2015)