Schacholympiade (7): Männer besiegen die Türkei 3:1, Frauen unterliegen Indien 0,5:3,5 / Jetzt warten die Usbeken
Sieg und Niederlage für die Nationalmannschaften in der siebten Runde der Schacholympiade 2026. Mit einem ungefährdeten 3:1 über die Türkei und nun 12:2 Punkten haben sich die Männer vorerst an der Tabellenspitze etabliert. Die Frauen, Außenseiter gegen das topgesetzte indische Team, hielten lange mit, aber kassierten letztlich eine 0,5:3,5-Schlappe. Mit 10:4 Punkten hat die Mannschaft den unmittelbaren Anschluss an die Spitze für den Moment verloren, aber ist weiter vorne dabei.

Sieger des Tages bei der Schacholympiade waren die Svane-Brüder Rasmus und Frederik. Beide gewannen ihre eher technisch geprägten Partien im Endspiel. Auf Seiten der Frauen gelang es einzig Elisabeth Pähtz, mit einem Remis gegen WM-Herausforderin Vaishali Rameshbabu Zählbares zu ergattern.

Jetzt gegen die usbekischen Überflieger
In der achten Runde kommt auf die Männer der womöglich dickste Brocken bislang zu. Es geht gegen die bislang durchs Turnier fliegenden Gastgeber. Team Usbekistan, mit einer 2900- und zwei 2800-Performances glänzend aufgelegt, führt das Feld nach der siebten Runde mit 14:0 Punkten an. Die Frauen treffen auf Österreich, an 33 gesetzt.
Die siebte Runde
Mit jeweils 10:2 Mannschaftspunkten waren beide deutschen Teams in die siebte Runde gegangen, eine starke Zwischenbilanz, die alle Medaillenchancen offenhält. Ein Versprechen auf Edelmetall war das aber noch lange nicht: Die Männer etwa standen 2008 und 2018 ebenfalls bei 10:2 und landeten beide Male auf Platz 13. Und doch ist ein guter Start wertvoll. Er bringt die ersehnten Vergleiche mit Spitzenteams und hilft der Wertung.
Nach der 1:3-Niederlage gegen China wollte Jan Gustafsson den Rückschlag nicht größer machen, als er war. Seine Leitlinie, auf Englisch: „Never get too high, never get too low.“ Deutschland sei nach dem Sieg gegen die USA nicht Olympiasieger gewesen, und nach der ersten Niederlage sei das Turnier ebenso wenig vorbei. Den sportlichen Druck in der siebten Runde bestritt der Bundestrainer nicht. Ein Sieg gegen die Türkei, um den Anschluss an die Spitzengruppe zu halten, sei “sehr wichtig”.
100.000 Mitglieder hier, 1,8 Millionen dort?
Deutschland gegen die Türkei, das ist auch hinsichtlich der Verbände ein interessanter Vergleich. Während der DSB unlängst 100.000 Mitglieder verkündete (und nicht mitteilte, dass die “100.000” wegen Doppel- und passiver Mitgliedschaften eher 90.000 als 100.000 Menschen repräsentieren), spricht der türkische Verband von 1,8 Millionen lizenzierten Schachspielerinnen und Schachspielern. 18-mal so groß wie der deutsche ist er deswegen nicht. Ein Grund für die 1,8 Millionen ist ein anderes System, das insbesondere Schulschach beinhaltet: Wer in der Türkei in Schulschachwettkämpfen am Brett sitzt, braucht eine Lizenz.
Auch wenn sich die Mitgliederzahlen nicht gleichsetzen lassen, verdeutlicht die 18-mal höhere türkische Wert doch, auf welch breiter Basis die Türkei ihre Schachförderung aufbaut. Das Resultat ist an den ersten beiden Brettern der Nationalmannschaft zu besichtigen: ein 15-Jähriger, daneben ein 17-Jähriger.

Eine Parallele ist, dass auch beim türkischen Verband unlängst das Spitzenpersonal ausgewechselt wurde. Dem Führungswechsel waren öffentliche Auseinandersetzungen über die Förderung und Auswahl der Nationalspieler vorausgegangen. Der Vorwurf einer finanziellen Benachteiligung der Frauen führte sogar zu einer parlamentarischen Anfrage. Am 10. September wurde schließlich auf einem außerordentlichen Kongress Enes Efendioğlu als einziger Kandidat zum Nachfolger von Fethi Apaydın gewählt. Der neue türkische Schachpräsident kündigte an, die große Breite durch spezielle Förderprogramme stärker in Spitzenerfolge zu übersetzen, die Nationalmannschaften gezielt zu unterstützen und Schach an Schulen und in Jugendzentren weiter auszubauen.
Wäre vor vier Jahren ein Vorstoß von Familie Erdogmus anders verlaufen, Yağız Kaan Erdoğmuş und Vincent Keymer könnten heute um das erste deutsche Brett wetteifern. Im September 2022 erkundigte sich der Onkel des damals elfjährigen Türken beim Deutschen Schachbund nach einem Verbandswechsel. In türkischen Medien wurde daraus die Geschichte eines deutschen Abwerbeversuchs samt arrangierter Staatsbürgerschaft und Schulplatz – Fake News, wie seinerzeit diese Seite exklusiv berichtete. Wahrscheinlich ging es der Familie in erster Linie darum, ihren Heimatverband zu intensiverer Förderung ihres hochbegabten Sohns zu bewegen. Und so saßen Keymer und Erdogmus jetzt in Samarkand nicht Seite an Seite, sondern einander gegenüber. Und das über die Mammut-Distanz von sechs Stunden und 104 Zügen.
Die Männer: 3:1 gegen die Türkei
Deutlich schneller ging es bei Matthias Blübaum am zweiten Brett. Gegen Ediz Gurel, den anderen türkischen Wunderknaben, bestand Blübaums Russe die Bewährungsprobe frei von jeglichen Wacklern. Die Partie mündete in ein Doppelturmendspiel, das sich bald in Wohlgefallen bzw. ein Dauerschach auflöste – 0,5:0,5.
Zu diesem Zeitpunkt roch es eher nach einem 2,5:1,5, da Frederik Svane sich auf dem Brett und auf der Uhr Vorteil erspielt hatte, während auf den anderen Brettern wenig los war. Aber es war sein großer Bruder Rasmus Svane, für Alexander Donchenko eingewechselt, dessen Technik- und Endspielklasse für die deutsche Führung sorgte. Was nicht nach viel aussah, wurde nach und nach immer mehr. Am Ende musste Vahap Sanal feststellen, dass das Endspiel mit Minusbauer und ungleichfarbigen Läufern, in das er sich gerettet hatte, keine Rettung bot – 1,5:0,5.
Für Frederik Svane ging es zu diesem Zeitpunkt nur noch darum, seinen Mehrbauern im Endspiel zu verwerten. Ein türkischer Springer war auf Abwege geraten, ließ sich nur unter Bauernverlust retten, und auch hier war der Rest eine Sache der Technik – 2,5:0,5.
Die war auch bei Vincent Keymer gefragt. Aus der Eröffnung heraus hatte sich die deutsche Nummer eins ein etwas besseres (Doppel-)Turmendspiel erarbeitet, und das knetete er, bis es nach der Zeitkontrolle kritisch für Erdogmus wurde: ein weißer Turm war ins schwarze Lager eingedrungen, fuhr auf der siebten Reihe hin und her und sammelte schließlich einen Bauern ein. Erdogmus fand eine ganze Reihe einziger Züge, organisierte zum richtigen Zeitpunkt Gegenspiel, indem er seinen Freibauern auf die Reise schickte, und erkämpfte sich schließlich einen halben Punkt – 3:1.
Die Frauen: 0,5:3,5 gegen Indien
Der Kampf der Frauen war der erste, in dem die Deutschen als krasse Außenseiterinnen ins Match gingen. Bundestrainer Zahar Efimenko wollte es nicht so deutlich sagen. Er sprach vor dem Match gegen die mit drei GM und einer IM besetzte indische Mannschaft von einer „objektiv unangenehmen Auslosung“. Besonders die etwa gleichstarken ersten drei Bretter pries er: Veteranin Koneru Humpy, WM-Herausforderin Rameshbabu Vaishali und Shootingstar Divya Deshmukh. Erst am vierten Brett falle Indien nach Elo etwas ab, erklärte Efimenko. Er hätte hinzufügen können, dass die international weniger bekannte Savitha Shri am vierten Brett zwar “nur” 2382 Elo aufweist, aber bis dahin jede Partie gewonnen hatte.

Wie vorbereiten auf so ein Überteam? Teil eins der Vorbereitung am Vortag bestand darin, die indische Aufstellung zu antizipieren. Das, ließ Efimenko durchblicken, ist offenbar gelungen. Mit den drei Topspielerinnen plus der 100-prozentigen Shri am vierten Brett hatten die Deutschen gerechnet. Und sie schafften es, gegen die bestmöglichen Gegnerinnen zu vermeiden, was andere Duelle gelegentlich schwieriger als nötig macht. Eröffnungspannen blieben aus.
Stattdessen gab es eine Eröffnungsidee, Hanna Marie Kleks 9.Kf1, laut Lichess-Datenbank eine Neuerung in einer oft gespielten Französisch-Stellung, eine gute. Es entstand eine strategisch komplexe, vielschichtige Stellung, in der für beide Seiten vieles möglich, aber alles andere als offensichtlich war, was der Plan ist und worum es überhaupt geht. Der Haken an der Angelegenheit: Diese Konstellation begünstigte die stärkere Spielerin. Nach und nach brachte Deshmukh ihr 200-Elo-Plus aufs Brett, bis es aus deutscher Sicht 0:1 stand.
Trotzdem war ein 2:2 noch greifbar. Lara Schulze hatte sich ein klar besseres Endspiel erkämpft. Während ihre Truppen zentral aufgestellt prächtig harmonierten, standen die weißen versprengt und unterentwickelt herum. Hier ein voller Punkt für Deutschland, dann müssten nur noch die ersten beiden Bretter überleben, und die Deutschen hätten den Inderinnen ein Unentschieden abgetrotzt.

Dann ging es bei Dinara Wagner den Bach runter. Auf den ersten Blick sah ihr Endspiel sogar angenehm aus: Läufer gegen Springer bei verteilten Bauernmajoritäten. Die Maschine war angesichts der aktiven schwarzen Türme trotzdem eher auf indischer Seite. Und behielt recht. Wagner kam ihr einziger Damenflügelbauer abhanden (gegen zwei indische), versuchte zwar, ihrerseits aktiv zu werden, aber das Endspiel war nicht zu retten. Und mit dem 0:2 auch der Mannschaftskampf nicht mehr.
Elisabeth Pähtz war gegen Vaishali gut aus der Eröffnung gekommen, aber dann war es schwarzfeldrig ein wenig löchrig rund um ihren König geworden. Vaishali gab die Perspektive auf Königsangriff auf, sicherte sich dafür einen bis auf die sechste Reihe vorgedrungenen Freibauern. Aber der entpuppte sich als bequem blockierbar, ein wenig isoliert noch dazu und insofern zahnlos. Nach der Zeitkontrolle war der weiße Druck endgültig versiegt. Pähtz fand den Weg zum Remis und hatte damit die Drohung einer Höchststrafe für die Mannschaft abgewendet – 0,5:2,5.

Mehr als dieser halbe Punkt sollte es nicht werden. Nachdem Lara Schulzes Gegnerin ihre Ruine zusammengehalten hatte, verlor die Bremer Bundesligaspielerin den Faden, erst einen Bauern, dann noch einen und schließlich die Partie – 0,5:3,5.
Alle Infos zum Verlauf der Schacholympiade stets hier.
(Titelfoto: Rafal Oleksiewicz/FIDE)








