Polgár for President? – Schachlegende als ungarisches Staatsoberhaupt im Gespräch

Aus der besten Schachspielerin der Geschichte könnte das Staatsoberhaupt Ungarns werden. Ungarns Ministerpräsident Péter Magyar will Judit Polgár fragen, ob sie das Amt der Staatspräsidentin übernehmen möchte. 16 bekannte Ungarinnen und Ungarn hatten die Schachlegende öffentlich vorgeschlagen. Formell nominiert ist Polgár noch nicht.

Magyar hat angekündigt, sich am Montag mit Polgár zu treffen. Er wolle sie fragen, ob sie bereit sei, ihr Land bis zur Annahme einer neuen Verfassung als Präsidentin zu vertreten. „Unser Land braucht Einheit, Frieden und einen Präsidenten, auf den jeder Ungar stolz sein kann“, schrieb Magyar am Sonntagabend auf Facebook. Das Amt sei kein Beruf, sondern der höchste Dienst am Land. Polgár verkörpere Talent, Ausdauer, Fleiß und Anstand. Sie genieße in Ungarn wie im Ausland Ansehen.

Damit greift der Regierungschef einen Vorschlag aus der ungarischen Öffentlichkeit auf. 16 Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kultur und Sport hatten Polgár in einem offenen Brief als neue Präsidentin empfohlen. Zu den Unterzeichnern (13 Männer, 3 Frauen) gehören der Erfinder des Zauberwürfels Ernő Rubik, der Astronaut Tibor Kapu, der Mathematiker László Lovász. Sie begründen ihren Vorschlag mit Polgárs Lebensleistung, ihrer weltweiten Anerkennung und ihrer Unabhängigkeit von politischen Parteien.

Ungarns Staatspräsident wird nicht direkt vom Volk, sondern vom Parlament gewählt. Für eine formelle Nominierung ist die Unterstützung von mindestens einem Fünftel der Abgeordneten nötig. Magyars Tisza-Partei allein verfügt mit 141 von 199 Sitzen über eine Zweidrittelmehrheit. Sagt Polgár zu, könnte die Regierungsfraktion sie ohne Stimmen der Opposition wählen.

Der alte Präsident muss gehen

Die Personalfrage stellt sich, weil das Mandat des bisherigen Präsidenten Tamás Sulyok vorzeitig endet. Das Parlament hat mit der 17. Änderung des ungarischen Grundgesetzes die rechtliche Grundlage dafür geschaffen. Sulyok unterzeichnete die Änderung am Samstag. Bis zur Wahl eines Nachfolgers übernimmt Parlamentspräsidentin Ágnes Forsthoffer die Aufgaben des Staatsoberhaupts.

Tamás Sulyok ist nicht mehr Präsident Ungarns. Seine Nachfolgerin könnte Judit Polgár werden.

Sulyoks Abgang ist Teil des tiefen Umbaus, den die neue Regierung nach dem Ende der Ära Viktor Orbán betreibt. Magyar wirft dem bisherigen Präsidenten vor, die Macht des früheren Regierungschefs gestützt und seine Rolle als Hüter der staatlichen Ordnung nicht erfüllt zu haben. Kritiker sehen in der Absetzung dagegen einen gefährlichen Eingriff in die Unabhängigkeit des Amtes.

Magyar hatte am Samstag erklärt, seine Partei suche eine Person ohne politische Vergangenheit und ohne Bindung an ein Lager. Parteien, Verbände und Bürger sollten Namen vorschlagen. Einen Tag später fiel die Wahl des Regierungschefs zumindest öffentlich auf Polgár. Die beiden kennen sich bereits. Anfang Juli spielten sie bei einem Empfang der US-Botschaft in Budapest eine Partie gegeneinander. Polgár gewann. Rubik sah zu.

WM-Kandidatin und Nummer acht der Welt

Judit Polgár, die am Donnerstag 50 Jahre alt wird, gilt als stärkste Schachspielerin, die es je gab. Sie führte die Weltrangliste der Frauen 26 Jahre ohne Unterbrechung an, spielte jedoch fast ausschließlich in offenen Turnieren und gegen Männer. In der absoluten Weltrangliste erreichte sie Platz acht. Sie ist die einzige Frau, die sich jemals für ein Kandidatenturnier qualifiziert hat.

Polgár wurde mit 15 Jahren Großmeisterin. Damit brach sie den damaligen Rekord von Bobby Fischer. Rund 35 Jahre lang hielt sie den U13-Elorekord mit ihrer Zahl von 2555, die sie vor ihrem 13. Geburtstag erreicht hatte. Erst im Mai 2024 gelang es dem türkischen Ausnahmetalent Yagiz Kaan Erdogmus (derzeit in Biel am Brett), diesen Rekord zu brechen.

Magnus Carlsen, mjam mjam.

Polgar besiegte die Weltmeister Garri Kasparow, Magnus Carlsen, Viswanathan Anand und Anatoli Karpow. Mit Ungarn gewann sie bei Frauen-Schacholympiaden fünf Goldmedaillen – zwei mit der Mannschaft (1988, 1990) und drei als beste Spielerin. In der offenen Konkurrenz spielte sie ab 1994 achtmal für Ungarn und holte zweimal Silber mit der Mannschaft (2002, 2014).

Nicht nur mit dem ungarischen Ministerpräsidenten, auch mit dem ehemaligen Gouverneur von Kalifornien hat sich Polgar unlängst auf eine Partie getroffen.

Seit ihrem Rückzug vom Turnierschach 2014 arbeitet sie vor allem in der Bildung. Ihre Stiftung entwickelt Lernprogramme mit Schach für Schulen und bildet Lehrer aus. Zudem organisiert Polgár jedes Jahr ein internationales Schachfestival in Budapest.

Politische Ämter hatte sie bislang nicht. Genau darin liegt für ihre Unterstützer der Charme ihres Vorschlags: Polgár steht für Ungarn, ohne einem der politischen Lager anzugehören. Gegen ihre mögliche Wahl wird allerdings bereits eingewandt, dass ihr Erfahrung mit Verfassungsrecht, Behörden und Parteipolitik fehlt. Gerade während des laufenden Umbaus des Staates sei das Präsidentenamt mehr als eine rein repräsentative Aufgabe.

Unpolitisch?

Aus der Parteipolitik hat sich Polgár bislang herausgehalten. Politisch konturlos ist sie dennoch nicht. Sie hat sich gegen staatlichen Zwang und starre Rollenbilder ausgesprochen, gleiche Chancen für Frauen gefordert und öffentliche Personen an die Verantwortung für ihre Worte erinnert. Eine klare Haltung zu Orbán, Fidesz oder Tisza ist von ihr, soweit ersichtlich, nicht belegt.

Zusammenarbeit mit den Orbán-Regierungen gab es durchaus. Über ihr Bildungsprogramm „Sakkpalota“ und verwandte Stiftungen ist Polgar seit Jahren eng in öffentlich geförderte Bildungs‑ und Kulturprojekte eingebunden. Ein Regierungsbeschluss von 2021 sah für die Jahre 2022 bis 2024 insgesamt 693,4 Millionen Forint für den Ausbau des Schulprogramms Sakkpalota vor, nach heutigem Kurs knapp zwei Millionen Euro. Als Empfängerin wurde die JPF World Kft. genannt, die Polgárs Bildungsprogramm betreibt. Diese finanzielle Verbindung ist in Ungarn bislang nicht thematisiert worden.

Ob nun aus dem Vorschlag eine Kandidatur wird, hängt zuerst von Polgár selbst ab. Eine öffentliche Antwort hat sie bislang nicht gegeben.

Schachspieler in politischen Ämtern

Sollte Polgár tatsächlich nominiert und dann gewählt werden, wäre das aus Schachsicht ein Novum. Einen früheren Schachprofi als Präsidentin oder Präsident eines souveränen Staates gab es bislang nicht. Stattdessen einen Premierminister: Zandanshatar Gombojav in der Mongolei. Allerdings war Gombojav nie Schachprofi, aber langjähriger Chef des mongolischen Schachverbands.

Ein anderes führendes politisches Amt bekleidete Kirsan Iljumschinow: Der kalmückische Meisterspieler stand von 1993 bis 2010 an der Spitze der russischen Teilrepublik Kalmückien und war zugleich Präsident des Weltschachbunds FIDE.

Vier Wochen nach dem Überfall Putin-Russlands auf die Ukraine reiste die litauische Parlamentspräsidentin (und Schach-GM) Viktorija Čmilytė-Nielsen nach Kyiv.

Tatsächlich haben einige Schachspieler:innen hohe politische Ämter bekleidet. Die Großmeisterin Viktorija Čmilytė-Nielsen wurde Parlamentspräsidentin in Litauen, die lettische Großmeisterin (WGM) Dana Reizniece-Ozola Wirtschafts- und später Finanzministerin, der indonesische Großmeister Utut Adianto stellvertretender Parlamentspräsident. Ex-Weltmeister Anatoli Karpow sitzt seit Jahren in der russischen Staatsduma.

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