„Vertrauen erarbeiten“: Paul Meyer-Dunker mit 116:114 Stimmen zum DSB-Präsidenten gewählt

Paul Meyer-Dunker ist neuer Präsident des Deutschen Schachbunds. Der außerordentliche Bundeskongress in Frankfurt wählte ihn am Samstag mit 116:114 Stimmen gegen den anderen Präsidentschaftskandidaten Niklas Rickmann. Nominell ist damit ein Schlusspunkt unter eine monatelange, von gegenseitigen Anfeindungen geprägte Krise gesetzt. Die verbleibenden Lager und deren (vorläufige?) Unversöhnlichkeit lassen sich aus den Zahlen nicht nur der Präsidentenwahl ablesen.

DSB-Präsident Paul Meyer-Dunker. | Foto: Finn Engesser/DSB

Lauterbach abgewählt — nicht einvernehmlich

Der Wahl zwischen Meyer-Dunker und Rickmann ging die Abwahl von Ingrid Lauterbach voraus. Mehrfache Versuche, sie zu einem freiwilligen Rückzug zu bewegen, sogar aus den eigenen Reihen, waren gescheitert. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit zeigte sich dann, dass sie nach wie vor nicht mehrheitlich, aber breit unterstützt wird. Deutlich mehr als 40 Prozent der Delegierten wollten sie im Amt behalten. 125 Stimmen entfielen für den Abwahlantrag, 99 dagegen, dazu 7 Enthaltungen.

Ingrid Lauterbach zu Beginn des Kongresses. | Foto: Finn Engesser/DSB

Ehrenpräsident Herbert Bastian hielt eine Lobrede auf die scheidende Präsidentin und dankte ihr für ihren Einsatz und Wirken. Mit Applaus und Blumen verabschiedete der Kongress sie aus dem Amt.

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Der ursprüngliche Abwahlantrag hatte das gesamte Präsidium ins Visier genommen. Noch vor der Abstimmung wurde er auf die Präsidentin allein reduziert. Jürgen Klüners als Vizepräsident Sport und Jannik Kiesel als Vizepräsident Verbandsentwicklung blieben im Amt. Diese Lösung war nicht erst im Kongress gefunden worden.

Der Vorabend

Am Freitagabend hatten sich Vertreter beider Lager zusammengesetzt, Befürworter der Abwahl und Gegner. Die Bedingung, unter der dieses Gespräch funktionierte: keine Vergangenheitsbewältigung. Was gewesen war, sollte nicht besprochen werden. Unter dieser Prämisse lief das Treffen nach Einschätzung von Teilnehmern erstaunlich konstruktiv ab.

Klüners und Kiesel wurden als Kompromiss bestätigt, die Kandidaten für den nächsten Tag bekannt. Hinter den Kulissen waren die Namen Meyer-Dunker und Rickmann schon seit Tagen kursiert. Im Raum stand bis zuletzt auch das Szenario, dass der Abwahlantrag gegen Lauterbach scheitert und sie im Amt bleibt. In diesem Fall hätte Achim Schmitt (Rheinland-Pfalz) Rickmann nicht vorschlagen müssen.

Auf eine Weise war Niklas Rickmann der Zweitkandidat des Lauterbach-Lagers. Im Sinne eines Versöhnungsprozesses wäre die Wahl des ausgleichend-sachlichen Funktionärs aus Mecklenburg-Vorpommern nicht verkehrt gewesen. | Foto: Finn Engesser/DSB

Hinter verschlossenen Türen

Mit seinem Namen für seine Entscheidungen stehen? Kaum ein Kongress oder Hauptausschuss vergeht, bei dem nicht die Neigung des Schachverwaltungsbeamten zur geheimen Wahl und zum Ausschluss der Öffentlichkeit aufs Tableau gerät. Diesmal hatte Andreas Filmann, Chef des Landesverbands Hessen, Nichtöffentlichkeit beantragt, ursprünglich für den kompletten Kongress. Dieses Ansinnen des „Hinterzimmer-Helden“ (Beobachter Holger Hank) ging nicht durch. Aber der Bericht der Präsidentin und der Abwahlantrag wurden hinter verschlossenen Türen behandelt.

DSB-Kongress: Die Mehrheit der @schachbund.bsky.social -Funktionäre wünscht sich das Hinterzimmer für die TOPs Aussprache und die Abwahl der Präsidentin. Die Flucht aus der Öffentlichkeit (und der Verantwortung) ist eine der Ursachen für die Krise im DSB. #DSBKongress www.twitch.tv/schachdeutsc…

Seitenschach (@seitenschach.bsky.social) 2026-05-16T09:00:42.187Z
Holger Hank alias „Seitenschach“.

116:114

Vor fast genau einem Jahr hatte Meyer-Dunker die Präsidentschaftswahl beim Kongress in Paderborn gegen Lauterbach verloren bzw. verstolpert: 103:116. Seinerzeit war er als leichter Favorit ins Ostwestfälische gereist, hatte aber am Vorabend weitgehend das Wahlkämpfen versäumt, während Lauterbach um Stimmen aus den Ländern warb. Endgültig drehte sich die Stimmung, als dann noch Bayerns Schachpräsident Ingo Thorn, eigentlich Meyer-Dunker-Koalitionär, zum Auftakt des Kongresses ein Anti-Lauterbach-Schreiben verlas, das viele Delegierte als ungehörig empfanden.

116:103 für Lauterbach: der Kongress vor einem Jahr.

Diesmal stand auf seiner Seite die 116, und es reichte. „So knapp war es nie, aber Mehrheit ist Mehrheit“, kommentierte Sitzungsleiter Klaus Deventer.

Kassenprüfer wird Finanzchef

Als Vizepräsident Finanzen wurde Jürgen Gersinska mit 152:75 Stimmen bei 4 Enthaltungen gewählt, deutlicher als die Präsidentenwahl, aber auch hier votierte mehr als ein Drittel dagegen. Gersinska (Baden) ist ein führender Teil des Lagers, das seit Monaten ein vorzeitiges Ende der Ära Lauterbach herbeizuführen versuchte.

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Gersinska war zuletzt Kassenprüfer beim DSB. Die Finanzlage des Verbands hat er aus nächster Nähe begutachtet. In seiner Kandidatenrede machte er seine Motivation unmissverständlich: Er habe gesehen, was er gesehen habe, und frage sich nun, ob er die Chance bekomme, die Situation zu verändern. Die geheime Abstimmung für seine eigene Wahl beantragte er selbst – er wolle niemanden in Verlegenheit bringen.

Nein, da steht nicht „DB“ wie „Deutsche Bahn“, sondern „DSB“ mit verdecktem S: (von links) Jürgen Gesinska, Jürgen Klüners, Paul Meyer-Dunker und Jannik Kiesel, das neue DSB-Präsidium. | Foto: Finn Engesser/DSB

Die Finanzen, die er übernimmt, sind nicht hoffnungslos, aber unaufgeräumt. Der Jahresabschluss weist knapp 137.000 Euro im Plus aus. Einen genehmigten Haushalt für das laufende Jahr gibt es nicht. Eine offene Flanke heißt Schachgipfel 2026: Die Finanzierung der Veranstaltung beruht in Teilen auf Verabredungen. „Schriftliche Zusagen über Zuschüsse bzw. für das Sponsoring (Stadt Dresden, UKA, Pharao, Chess960) in Höhe von insgesamt 214.950 Euro liegen nicht vor“, heißt es im Kassenprüfbericht. Dort steht auch, die Vorbereitungen seien weitestgehend ohne Mitwirken des Vizepräsidenten Finanzen erfolgt, und die Gründe dafür seien „nicht plausibel nachvollziehbar“.

Der neue Präsident

Meyer-Dunker bringt eine in der DSB-Geschichte ungewöhnliche Kombination mit: drei Jahre hauptamtlich in der Geschäftsstelle des Deutschen Schachbunds, fünf Jahre als Vizepräsident und Präsident des Berliner Schachverbands. Vor seiner Wahl verdeutlichte Meyer-Dunker, dass jetzt nicht Visionen Priorität haben, sondern Hausaufgaben: die Finanzbaustelle, der Schachgipfel, das Jubiläumsjahr 2027. Er kündigte an, die Idee eines Unterstützerkreises für den DSB aufzugreifen, ein Gedanke, den Richard Lutz in den Wochen seiner gescheiterten Präsidentschaftskandidatur eingebracht hatte.

Als Ende 2020 Paul Meyer-Dunker im deutschen Schach auftauchte.

Was die Zahlen sagen

99 Stimmen gegen die Abwahl, 114 für Rickmann – diese Zahlen lösen sich nicht in Luft auf, weil ein neues Präsidium im Amt ist. Meyer-Dunker und Gersinska sind als Vertreter der Lauterbach-Opposition klar verortet. Dass mehr als ein Drittel gegen Gersinska stimmte und nur zwei Stimmen zwischen den Präsidentschaftskandidaten lagen, ist die Ausgangslage, mit der das neue Präsidium arbeiten und Unterstützung einer großen Mehrheit erst noch gewinnen muss. Meyer-Dunker weiß das. Er sagte nach seiner Wahl: „Vertrauen ist nichts, das einfach da ist – man muss es sich erarbeiten.“

Weitere Entscheidungen

Joachim Gries erhielt die goldene Ehrennadel für sein langjähriges Engagement im deutschen Schach. Gries hatte zu Beginn des Kongresses den Wunsch geäußert, es möge ein „Zusammenraufen und ein Miteinander statt Gegeneinander“ geben. Am Ende des Tages ließe sich, unter Vorbehalt, feststellen, dass dieser Wunsch in Erfüllung gegangen war. Die silberne Ehrennadel erhielt Jürgen Müller.

Der Kongress hat jetzt offiziell beschlossen, den Schachgipfel 2027 – im Jubiläumsjahr – nach Stuttgart zu vergeben. Ausrichter: Schachverband Württemberg mit seinem Präsidenten Carsten Karthaus, parallel zu den Finals 2027 (16 Deutsche Meisterschaften, 29. Juli bis 1. August, ARD und ZDF live).

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Klaus Zachmann
Klaus Zachmann
30 Tage vor

Sollte es wider Erwarten doch nicht gut funktionieren – wovon ich aktuell allerdings nicht ausgehe – wird in zwölf Monaten ohnehin neu gewählt.
Die vier Mitglieder des Präsidiums müssen sich lediglich untereinander abstimmen beziehungsweise schwierige Entscheidungen so lange gemeinsam besprechen, bis ein Mittelweg gefunden ist, den alle mittragen können.
Und wenn es einmal besonders schwierig wird, bezieht man einfach die Verbände mit ein und lässt über die verschiedenen Optionen abstimmen.
Ein solcher Führungsansatz funktioniert erfahrungsgemäß sehr gut.
Also kein Problem, man muss es nur tun und unüberlegte Alleingänge vermeiden.

Gerhard Streich
Gerhard Streich
29 Tage vor

Ob die Wahl von Paul Meyer-Dunker gut oder schlecht, richtig oder falsch ist, möchte ich an dieser Stelle nicht bewerten. Glaubwürdig ist seine Kandidatur jedenfalls nicht und keine Grundlage für Vertrauen. Am 19.10.2025 schrieb PMD im Schachkicker zum Thema „DSB in unruhigem Fahrwasser“:   „Paul Meyer-Dunker wittert eine zweite Chance. – Nein das tue ich nicht. Ich stehe nicht zur Verfügung, für den nötigen Neuanfang wäre das völlig kontraproduktiv. Vielleicht das nächste Mal vorher fragen, anstatt einfach so etwas in die Welt zu setzen.“   Im September 2022 hatte Paul Meyer-Dunker bereits eine „Rochade rückwärts“ (O-Ton Conrad Schormann) hingelegt. „Ich… Weiterlesen »

Jim Knopf
Jim Knopf
1 Monat vor

Niklas Rickmann wäre eindeutig die bessere Wahl gewesen. Er hat schon nach seiner Wahl zum DSJ-Vorsitzenden gezeigt, dass er einen mehr oder weniger dysfunktionalen Verband wieder in die Spur bringen kann und das wird ihm auch im Landesschachverband Mecklenburg-Vorpommern gelingen. Paul Meyer-Dunker ist in den letzten Jahren auf DSB-Ebene vor allem durch provokante Wortmeldungen und schachpolitisch motivierte Anträge aufgefallen, und das nicht im positiven Sinne. Er war außerdem im Jahr 2023 Mitglied des Rosenstein-Teams als „bezahlter Vizepräsident“ und seine berufliche Vita ist nicht ansatzweise vergleichbar mit der seiner Vorgänger(innen) – von Richard Lutz ganz zu schweigen. Eine technische Frage: Wer… Weiterlesen »

Ingo Althöfer
Ingo Althöfer
1 Monat vor

Danke für den Bericht. Und dem neuen Präsidium jetzt bitte mindestens 100 Tage Schonfrist zum Einarbeiten geben – so ist es in der Politik üblich.

acepoint
acepoint
1 Monat vor

„Schriftliche Zusagen über Zuschüsse bzw. für das Sponsoring (Stadt Dresden, UKA, Pharao, Chess960) in Höhe von insgesamt 214.950 Euro liegen nicht vor“, heißt es im Kassenprüfbericht. Dort steht auch, die Vorbereitungen seien weitestgehend ohne Mitwirken des Vizepräsidenten Finanzen erfolgt, und die Gründe dafür seien „nicht plausibel nachvollziehbar“. Was sich mir immer noch nicht so ganz erschließt: Der Schachbund ist schon einmal mit Zusagen bzw. falschen Versprechungen böse auf die Nase gefallen, die vor einigen Jahren die größte Finanzkrise ausgelöst haben. Jetzt hatte man mit Alexander von Gleich – der damals mit der Aufarbeitung des Skandals beauftragt war – einen Finanzer,… Weiterlesen »

Zuletzt bearbeitet am 1 Monat vor von acepoint
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Thomas Richter
Thomas Richter
1 Monat vor

„Szenario, dass der Abwahlantrag gegen Lauterbach scheitert und sie dann selbst antritt“ – in diesem Fall hätte es doch gar keine Neuwahl gegeben, bzw. nur für die vakante Position Vizepräsident Finanzen? So war es ja Abwahl und nicht verweigerte Entlastung. Zuvor gab es auch Vorschläge bzw. Forderungen, dass Ingrid Lauterbach freiwillig zurücktreten soll – das konnte sie selbst entscheiden, dann wäre die allgemeine Stimmung „unklar“. Zur Wahl des VP Finanzen gehört auch, dass Niklas Rickmann zuvor einen anderen Kandidaten vorgeschlagen hatte (Name habe ich mir nicht gemerkt). Dieser wurde dann gefragt, ob er auch antreten will, und schüttelte offenbar den… Weiterlesen »

Kommentierender
Kommentierender
1 Monat vor

„Im Raum stand bis zuletzt auch das Szenario, dass der Abwahlantrag gegen Lauterbach scheitert und sie dann selbst antritt. In diesem Fall hätte Achim Schmitt (Saarland) Rickmann wahrscheinlich nicht vorgeschlagen.“

Das verstehe ich nicht. Wäre der Abwahlantrag gegen Lauterbach gescheitert, hätte es doch nichts gegeben, wozu sie hätte antreten können, insbesondere keine Nachwahl. Oder wäre sie bei gescheitertem Abwahlantrag dann doch von sich aus zurückgetreten, um eine sofortige Nachwahl zu ermöglichen?