Ex-Bahnchef Richard Lutz kandidiert als Präsident des Deutschen Schachbunds

Richard Lutz, langjähriger Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn AG, hat seine Bereitschaft erklärt, beim außerordentlichen Bundeskongress des Deutschen Schachbundes am 16. Mai in Frankfurt für das Amt des DSB-Präsidenten zu kandidieren. Das geht aus einem Schreiben hervor, das Lutz heute, am 19. April, an die führenden DSB-Funktionäre verschickt hat. Es liegt dieser Seite vor.

Richard Lutz, hier noch als Bahnchef. | Foto: Volker Emersleben/Deutsche Bahn AG

Bedingung: eine „kulturelle Transformation“

Lutz spart nicht mit Klartext zur Lage des Verbandes. Er diagnostiziert, dass im DSB „Misstrauen, Eigeninteressen, Spaltung und Lagerbildung“ dominierten und der Verband sich auf einem „rutschigen Abhang in Richtung Dysfunktionalität“ befinde. Der 61-Jährige sieht keine reine Führungskrise im Präsidium, sondern eine Krise, die tiefer reicht, bis in die Gremien und zwischen die handelnden Personen. Als Beleg verweist Lutz auf die Anträge für den Kongress am 16. Mai, die seit dem Wochenende einsehbar sind: Sie seien für ihn als Außenstehenden ein „klares Indiz“ für den Zustand des Verbandes.

Daraus zieht er eine persönliche Konsequenz: Er knüpft seine Kandidatur an die Bedingung, dass alle Beteiligten „die Kraft haben und die Größe aufbringen, diese Muster zu durchbrechen, eigene Befindlichkeiten oder entstandene Verletzungen hinter sich zu lassen“. Das ist, ohne Namen zu nennen und ohne Partei zu ergreifen, eine öffentliche Aufforderung an alle Lager zur Mäßigung — und zugleich ein Signal, dass er ohne erkennbare Geschlossenheit nicht antritt. Von der Schachverwaltung verlangt Lutz nicht weniger als eine „kulturelle Transformation“. Er erwartet eine „längere Reise“, bis diese vollzogen ist.

Werbung
Perlen vom Bodensee, Januar 2021. Vielleicht ja jetzt?

Eisenbahner

Lutz wurde am 6. Mai 1964 in Landstuhl geboren und wuchs in Kindsbach auf – als Kind einer Eisenbahnerfamilie: Sein Vater arbeitete im Ausbesserungswerk der Bundesbahn in Kaiserslautern, seine Mutter als Sekretärin für die Bahn. In Saarbrücken hat Lutz BWL studiert und in Kaiserslautern über „Jahresabschlussanalyse bei Einheits- und Konzernunternehmungen“ promoviert. Seit 2010 war er Vorstandsmitglied der Deutschen Bahn, seit 2017 deren Vorstandsvorsitzender. Am 14. August 2025 teilte das Bundesverkehrsministerium mit, seinen bis 2027 laufenden Vertrag vorzeitig zu beenden; Lutz übte seine Funktion noch geschäftsführend bis zum 30. September 2025 aus. Da der Vertrag vorzeitig aufgelöst wurde, versüßte ihm eine Abfindung von 3,5 Millionen Euro den Abschied.

Bericht im Spiegel zu Lutz‘ Abschied bei der Bahn.

Schachspieler

Schach hat Lutz‘ Leben geprägt, lange bevor er bei der Bahn die Weichen stellte. Für den SC Ramstein-Miesenbach saß er in der Oberliga und der 2. Bundesliga Süd-West am Brett. 1981 wurde er bei der Deutschen Jugend-Einzelmeisterschaft U20 in Bad Lauterberg Zweiter. Im selben Jahr gewann er als 17-Jähriger in Haderslev eine Partie gegen den späteren dänischen Großmeister Lars Schandorff. Mehrfach war Lutz Mitglied der bundesdeutschen Jugendnationalmannschaft.

Nach der Schule kam er in die Sportförderkompanie der Bundeswehr — dort, so sagte er später, erkannte er, dass er vom Schach nicht leben wollte, und legte seine Prioritäten auf Studium und Beruf. Die FIDE-Datenbank führt ihn heute mit einer Elo von 2250 als inaktiven Spieler. Seit 2003 ist er Mitglied beim Berliner Club SV Rot-Weiß Neuenhagen, deren Rangliste er mit einer DWZ von 2220 anführt. Zuletzt bei einer Turnierpartie am Brett gesehen wurde Lutz bei der Berliner Mannschaftsmeisterschaft 2012/13. Im Januar schaute er in Hamburg Magnus Carlsen bei dessen Bundesliga-Auftritt für den FC St. Pauli zu. Im Mai während der Deutschen Meisterschaften in München spielte er bei einem Promi-Showturnier an der Seite von Helmut Pfleger.

Die Zweitligamannschaft des SC Miesenbach in den 80ern. Stehend von links: Fred Feibert, Albert Ohnesorg, Peter Knick, Udo Osieka, Hans Janzer; am Brett: Jürgen Graf und Richard (damals: „Ricky“) Lutz. | Foto via SC Ramstein-Miesenbach

Was Schach ihm bedeutet, hat Lutz in einem DSB-Interview 2025 selbst auf den Punkt gebracht: Das Spiel habe seine Jugend „ganz entscheidend geprägt“ und ihm früh beigebracht, vorausdenken, unter Zeitdruck entscheiden und auch aus schlechter Stellung weiterkämpfen zu können. Das ist, in nuce, auch das Selbstbild, mit dem er jetzt zum DSB kommt.

Helmut Pfleger und Richard Lutz 2025 in München. | Foto via DSB

Ein Team, keine Einzelkandidatur

Lutz macht deutlich, dass er nicht allein antritt. Er habe bereits ein „Vierer-Team“ zusammengestellt. Teamarbeit sieht er als Notwendigkeit. „Es geht nicht darum, die vier besten Einzelspieler:innen zu finden, sondern das beste Team.“ Namen nennt er in seinem Schreiben nicht.

Lutz schreibt, er wolle „etwas von meiner Erfahrung im Führen von großen Organisationen in komplexen Strukturen an den Schachsport zurückgeben“. Die Kandidatur sei das Ergebnis mehrwöchiger Überlegungen, nachdem er „von verschiedenen Seiten“ angesprochen worden sei. Er betont zugleich: Nicht die Suche nach einem neuen Posten treibe ihn an, sondern die Leidenschaft für das Schach. Über den zu erwartenden Zeitaufwand ist er sich im Klaren.

Fahrplan bis zum 16. Mai

Vor dem Bundeskongress plant Lutz zwei Gesprächsrunden: Am Samstag, 25. April, lädt er die Präsidenten der Landesverbände zu einer Videokonferenz ein; in der Woche darauf sollen Referenten und weitere Kongressmitglieder folgen. Die amtierende Präsidentin Ingrid Lauterbach, die im Zuge der sogenannten Berliner Erklärung zugestimmt hatte, nicht erneut zu kandidieren, ist nach Angaben von Lutz über seine Schritte informiert und in Kopie gesetzt.

Werbung
Lutz kurz vor seinem Besuch bei den Deutschen Meisterschaften 2025.
4.7 12 Bewertungen
Beitragsbewertung
Werbung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest

22 Kommentare
Meistbewertet
Neueste Älteste
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Klaus Zachmann
Klaus Zachmann
25 Tage vor

Ich finde es gut, dass Herr Lutz vor dem Bundeskongress Gespräche mit allen Beteiligten führt und ein Team für das Präsidium zusammengestellt hat. Das ist ein vielversprechender Anfang.

Jim Knopf
Jim Knopf
25 Tage vor

Die Kandidatur von Richard Lutz ist eine ebenso überraschende wie gute Nachricht! Man kann nur hoffen, dass die Landespräsidenten diese einmalige Chance, den Laden unter der Führung eines echten Profis einmal auf links zu drehen, als solche erkennen und sich auf dem Kongress nicht wieder im Klein-Klein diverser überflüssiger Nebenkriegsschauplätze verheddern.

Bernd Schneider
Bernd Schneider
24 Tage vor

Das sich Ricky Lutz als Präsident des Deutschen Schachbundes zur Verfügung stellen würde, insofern sich die Landesverbände positiv mit einbringen würden, ist eine sehr gute Nachricht. Das hier direkt wieder Kritiker am Start sind, ist aber leider auch ein Zeichen unserer Zeit. Ich blicke jedenfalls mit Spannung auf die bevorstehenden Wahlen. Ingrid Lauterbach wird stets meinen allergrößten Respekt genießen, dass Sie sich bei der vorletzten Wahl in einer Notsituation zur Verfügung gestellt hat. Was Ingrid damit verhindert hat, lässt sich beim Blick auf Interessenlagen bei der ECU und den Vorgängen auf FIDE-Ebene (sowie der aktuellen Übernahme von Chessbase) nur erahnen.… Weiterlesen »

Daniel Hendrich
Daniel Hendrich
24 Tage vor

Klingt erstmal nicht schlecht. Aber genau wie jede und jeder vor ihm wäre er ein Präsident von Landesfürstens Gnaden. So lange er spurt, werden sie ihn unterstützen – wenn nicht, wird er abgesägt. Ob das im Einzelfall gerechtfertigt ist, hat in den letzten 10 Jahren leider nie eine Rolle gespielt, siehe Herbert Bastian, der ein ausgezeichneter Präsident war und den man trotzdem über die Planke gehen ließ.

Werbung
Thomas H
Thomas H
24 Tage vor

Da kommen ja goldenen Zeiten auf uns zu.
Der DSB – zukunftsorientiert und gut organisiert wie die Deutsche Bahn.
Nicht auszudenken!

Werbung
Picard
Picard
24 Tage vor

Er macht es nicht wegen des Geldes oder des Postens – das finde ich gut und glaube es ihm … Ich würde mich freuen, wenn es mit ihm klappt!

Agan
Agan
24 Tage vor

Ein bestens vernetzter ehemaliger Topmanager als Präsident, etwas besseres könnte dem deutschen Schach nicht passieren. Hoffe, dass das alle „Landesfürsten“ auch so sehen

Michael Kawecki
Michael Kawecki
25 Tage vor

Naja, er kennt sich ja aus mit einem rutschigen Abhang in Richtung Dysfunktionalität. Aber ob er der Richtige ist?
Wenn er von einem Team spricht, dieses aber nicht benennt, ist das jedenfalls ein schlechter Start.

joschi
joschi
24 Tage vor

Wir freuen uns über Verspätungen (nicht nur von Magnus Carlsen), Turnierausfälle, veraltetes Equipment (Stichwort Software), Schwächen in der Kommunikation nach Innen wie nach Außen und das Sinken der Imagewerte des DSB in den Keller und das baldige Auftauchen der Frage: „Wie konnte es nur so weit kommen?“

Peter
Peter
19 Tage vor

Der gesamte Diskurs um die mögliche Kandidatur von Richard Lutz zeigt ziemlich gut, wie stark sich im deutschen Schach gerade Erwartung, Hoffnung und strukturelle Skepsis überlagern – und zwar unabhängig davon, ob man ihn persönlich für geeignet hält oder nicht. Viele Reaktionen hängen sich an Lutz als Topmanager auf. Das ist verständlich, greift aber zu kurz. Der eigentliche Kern seiner eigenen Analyse ist ja gerade nicht schlechte Führung sondern ein fragmentiertes Verbandssystem mit Lagerlogik. Damit beschreibt er weniger ein Personenproblem als ein Governance-Problem. Dass er von der Deutschen Bahn kommt, wirkt für viele entweder wie Hoffnung auf Professionalisierung oder ein… Weiterlesen »