Nicht lange her, da verweigerte der Geschäftsführer dem Kongress die Auskunft, wie der Schachgipfel finanziert ist und was er kostet. Er kam damit durch. Niemand bestand auf eine Antwort. So genau wollte es im höchsten Gremium des organisierten Schachs dann doch keiner wissen.
Nicht lange her, da wollten der Geschäftsführer und sein Präsident in der gemeinsamen Geschäftsstelle eine Trennwand hochziehen, um die beiden Schachorganisationen auch räumlich zu spalten. Im Kongress fand das niemand schlimm. Willfährig befassten sich die Delegierten mit einer Teeküchensperrung und der Frage, ob es dem Geschäftsführer zuzumuten ist, auf der Toilette jemandem von der DSJ zu begegnen.
Nicht lange her, da beschloss der Kongress ein Leitbild für die unmittelbare und nähere Zukunft unseres Sports, eine Agenda, was zu tun ist, welche Ziele zu erreichen sind und wer die Verantwortung trägt. Es ist ja schließlich bald Jubiläum, und bis dahin wollen wir präsentabel sein – hieß es. Seitdem setzt dieses „Verbandsprogramm“ Staub an. Keine Delegierte, keinen Delegierten interessiert noch, was sie beschlossen haben.
Die Reihe der Fehl- und Nichtleistungen der Kongresse des Deutschen Schachbunds nur seit Bestehen dieser Seite ließe sich lange fortsetzen. An Katastrophen mangelte es seit 2018 nicht, aber noch weniger an Delegierten, die es nicht kümmert. Und nun, in einer selten zugespitzten Lage, sollen diese Leute am Samstag, 16. Mai, eine kluge Entscheidung im Sinne unseres Sports und seines Spitzenverbands treffen?
Nicht lange her, da offenbarte sich, in welchem Maße sie dazu befähigt sind. 2021 hatte eine Mehrheit im Kongress etwas gemerkt, nämlich dass es so nicht geht. Monatelang lief die Suche nach einer neuen Mannschaft, um den in seiner Geschäftsführerhörigkeit gefangenen Präsidenten und dessen Vizepräsidentendarsteller abzulösen. Gefunden wurde: niemand, schon gar niemand mit Format.
Ein Glücksfall (diesmal wirklich)
Ein kaum fassbarer Glücksfall also, dass sich so jemand jetzt von sich aus gemeldet hat, jemand, der einen Konzern mit mehr als 200.000 Mitarbeitenden in 140 Ländern geleitet hat, jemand, der für andere ein personifizierter Anreiz sein könnte, sich ebenfalls zu engagieren, jemand, der kein Amt braucht, um daraus Wichtigkeit abzuleiten, und der schon gar nicht bis zum bitteren Ende an diesem Amt kleben wird wie fast alle Vorgänger:innen. Dass sich jemals so jemand anbieten würde, um den verkorksten Laden zu reparieren, war nicht abzusehen.
Ein paar Jahre ist es her, da hieß es, eine Satzungsreform sei nun aber das dringlichste aller Themen. Die DSB-Satzung mit ihren Paragrafen und Subparagrafen ist tatsächlich das einzige Thema, das die im Kongress versammelten Formalfetischisten erkennbar bewegt. Was noch lange nicht heißt, dass sie ihre angestaubte Satzung tatsächlich ins 21. Jahrhundert überführt hätten. Zwei Entwürfe landeten im Papierkorb, ein für die Satzungsreform angesetzter Kongress fand nicht statt. Trotzdem vergeht keine Versammlung, in der nicht ausufernd über Satzungsdetailfragen gestritten wird.
Komische Note eines tragischen Plots
Dass Richard Lutz‘ Präsidentschaftskandidatur jetzt auch an einer Satzungsfrage gescheitert ist, verleiht dem tragischen Plot eine komische Note. Nicht die Frage, wie wir den DSB-Präsidenten Lutz möglich machen, stand im Mittelpunkt der Debatte, sondern die Suche nach dem Haar in der Suppe. Das bestand unter anderem darin, dass die Wahl eines Teams in der Satzung nicht vorgesehen ist.
Und was wäre die Alternative zu Lutz? Darüber wurde nicht gesprochen. Es hätte Diskutanten bedurft, die zwei Züge vorausdenken.

Rund um den DSB mangelt es nicht an Leuten, die das Wirken im kauzigen Gestaltungsvakuum der Kongresse und Ausschüsse für Politik halten. Aus solcherlei Attitüde erwächst wahrscheinlich die in diesem Tagen oft vorgebrachte Analyse, Lutz habe einen Fehler gemacht, weil er nicht mit einem pragmatisch auf Wahlerfolg optimierten Team angetreten ist. Nein, Lutz hat ohne Wahlkalkül einfach nur das Team angeboten, mit dem er gerne gearbeitet hätte. Das Team war nicht gewollt, und nun ist das Angebot zurückgezogen.
Was Lutz wirklich übersehen hat
Natürlich haben die in ihrer Schrulligkeit verharrenden Leute aus NRW und Bayern zu diesem Rückzug beigetragen, aber das ist nicht die ganze Geschichte. Ein Fehler lässt sich Lutz tatsächlich vorwerfen: Wer eine „kulturelle Transformation“ angehen will, sollte die Hebel sehen, über die sich eine solche vollziehen lässt. Von diesen Hebeln gibt es im gegenwärtigen Konstrukt einen, der heißt Jannik Kiesel, und er steht zusammen mit einigen ihm gewogenen Referent:innen für den beginnenden, lange überfälligen Generationswechsel im Apparat. Diesen Faktor hat Richard Lutz bei der Nominierung seiner Mannschaft übersehen und es dann nicht in sich gefunden, von der seitenlang annoncierten Kompromisslosigkeit Abstand zu nehmen.
Warum Ingrid Lauterbach und Jürgen Klüners abgewählt werden sollten, dafür ließen sich leicht Argumente aufzählen. Warum Kiesel zugunsten eines neuen Teams abgewählt werden sollte, das vermochten die Referentinnen und Referenten nicht zu erkennen, als Lutz in der zweiten Videositzung sein Team vorstellte. Und, ja, an dieser Stelle hätte er umdisponieren können: Jemanden aus dem neuen Team, der sich mittelfristig ohnehin nicht als vizepräsidiabel erwiesen hätte, gegen das einzige allseits beliebte Mitglied des bestehenden Teams tauschen. So ein Zug hätte sich als Kompromiss im Sinne der Befriedung des aufgeheizten Ladens verkaufen lassen.
Deckel drauf
Jetzt steht der DSB-Kongress vor der gewaltigen Aufgabe, zum ersten Mal in seiner jüngeren Geschichte nicht peinlich zu sein, sondern dienlich. Der Weg zu einem Neuanfang kann nur über ein neues Präsidium führen. Um Ingrid Lauterbach herum ist spätestens seit dem desaströsen Hauptausschuss in Hofgeismar ein Klima entstanden, in dem sich Menschen darin aufreiben, einander der Lüge zu bezichtigen. Dieser Plot wird weiterlaufen, mutmaßlich Anwälte, Gerichte gar, beschäftigen. Er kann nicht zum Teil des DSB-Tagesgeschäfts werden. In der Sache lag sie oft richtig, in der Art und Weise oft nicht, und nun ist es an der Zeit, einen Deckel draufzumachen.
Neues Präsidium, das ist schnell geschrieben, aber umso schwerer zu finden. Der Schachverwaltung haben sich binnen kurzer Zeit unverhofft zwei Leute mit Format angeboten, und beide haben sich bald abgewandt. Alexander von Gleich hat der Öffentlichkeit jetzt einen Einblick gewährt, wie tief er getroffen ist. Er wird froh sein, auf Abstand gehen zu können, und sich am Wochenende kaum nach Frankfurt begeben, wo gleich die nächsten Tiefschläge warten.
Es werden jetzt Leute miteinander reden müssen. Aus dem Pool des bestehenden Personals wird sich ein neues Team, ähem, ein Quartett einzelner Personen bilden müssen, um ein Präsidium zu formieren. Dazu war aus dem Schachfunk zuletzt einiges zu hören. Vor zwei Wochen hatte sich schon ein Quasi-Präsidium gebildet – und brach sogleich auseinander. Dem Vernehmen nach gab es vor zwei Tagen ein neues, gar nicht einmal schreckliches, aber wer weiß schon, was seitdem passiert ist und noch passieren wird.
Wo waren sie damals?
Wenn am Samstag oder Sonntag die Messe gelesen ist, haben auch die im hochroten Bereich drehenden Lauterbach-Gegner Anlass, in sich zu gehen. Was zuletzt zu lesen war bzw. an den Bodensee durchgesteckt wurde, könnte vermuten lassen, dass sich unter Ingrid Lauterbach Abgründe aufgetan haben wie nie zuvor. Was bekanntlich nicht stimmt.
Nicht lange her, da mussten wir jahrelang einen fürchterlichen Sumpf durchschreiten, und am Ende standen wir vor dem Ruin. Es wäre interessant zu erfahren, wo in den dunklen Jahren die plötzlich ach so sehr um unsere Sache besorgten Schachfreunde unter anderem aus Baden und der Berliner Gesellschaft gewesen sind.
Nichts gemerkt? Oder geblendet gewesen?
Willkommen im DSB-Kongress.


PMD ist gewählt.
Ich finde eine gute Wahl.
Der Kongress wird gerade an einer Stelle spannend, die ich nicht vermutet hätte. Der Kassen-/Finanzbericht ist nicht vom Präsidium unterschrieben. Im Finanzbericht finden sich Formulierungen wie 75 T € Zuschuss Dresdner Gipfel noch nicht bestätigt.Einnahmenbestätigung per 31.12.2025 ausstehend. Und Alexander von Gleich – der gerade wohl in einer E-Mail bestätigt hat, dass es seine Berichte sind – hatte im Interview auf Chessbase mehrfach darauf verwiesen, dass er nicht aufgrund von Versprechungen buchen kann, sondern Belege braucht, die Ingrid Lauterbach nicht liefern konnte oder wollte. Die (Noch)Präsidentin hat soeben den Spieß umgedreht und schiebt ihm die Schuld zu. Jetzt ist erst… Weiterlesen »
FYI: https://m.twitch.tv/schachdeutschlandtv/home
Danke, liebe Perlen, dass ihr durchgehalten habt. Ich bin nach 10 Minuten des Livestreams zuhause eingenickt. Aha, darum ging es also.
Ja was denn nun? Vor ein paar Tagen hieß es seitens des Tickets (und anderer), die Landesfürsten hätten sich an Alexander von Gleich und Gerald Hertneck gestoßen. Du wirfst jetzt noch den dritten Namen des Quartetts in den Raum: Anna Endress bzw. Jannik Kiesel. Und dann ergehst Dich gegen Ende des – was ist der Artikel denn, ein Kommentar? – in Andeutungen zu Deinem eigenen Bund und der „Berliner Stiftung“. Wer ist denn letztere? Der Berliner Schachverband? Oder die Emanuel-Lasker-Gesellschaft, deren Vorsitzender wohl ein für den Vorsitzenden des hessischen Landesverbands so irritierendes Interview geführt hat, dass dieser auf dem Kongress… Weiterlesen »
Gegen eine vernünftige Satzung ist ja nichts einzuwenden. Die Satzung enthält zahlreiche Schwächen. Die werden aber gar nicht angegangen. 1. Die Satzung enthält keine Abwahlregen für Präsidiumsmitglieder. Dann gilt die gesetzliche Regelung nach § 27 BGB. In § 31 der Satzung des DSB ist geregelt, wer Vorstand im Sinne des § 27 BGB ist. Die Vizepräsidenten Sport und Verbandsentwicklung werden dort nicht genannt. Für ihre Abwahl gilt also § 27 BGB dann ja wohl nicht. Die Abwahlanträge dürften also unzulässig gewesen sein. 2. Für das erweiterte Präsidium gibt es keine Abgrenzungen der Ressorts und keine Berichtspflichten. 3. Die Satzung enthält… Weiterlesen »