Hans Niemann
US-amerikanischer Großmeister, Schützling von Vladimir Kramnik. Steht seit September 2022 im Zentrum einer weltweit beachteten Cheating-Kontroverse, die mit Magnus Carlsens begründungslosem Rückzug vom Sinquefield Cup begann und Ende August 2023 außergerichtlich beigelegt wurde. Arbeitet zugleich mit der Plattform endgame.ai an einem eigenen Angebot im Online-Schachmarkt.
Karriere
Gewann im November 2023 in Kroatien das Tournament of Peace mit 8 aus 9 und einer Performance von 2946, der besten Turnierleistung des Jahres; ein Trainingslager bei Vladimir Kramnik in der Schweiz hatte die Wende gebracht. Der Erfolg löste neue Betrugsvorwürfe aus, Belege legte niemand vor. Niemann selbst zitierte Bobby Fischer und verglich sich mit dessen Sieg beim selben Turnier 1970: zwei Amerikaner, allein gegen die Welt.
Gewann 2024 das Open des Grenke-Schachfestivals in Karlsruhe mit 8 aus 9 und einer 2813-Performance, trotz beidseitiger, nicht auskurierter Mittelohrentzündung. Gewann im Herbst 2024 in seiner Serie „Hans Niemann against the World“ sechs Matches in Folge gegen Spieler der 2700-Klasse, darunter Maxime Vachier-Lagrave, Wesley So und Anish Giri, und kletterte dadurch von Rang 39 auf Rang 16 der Weltrangliste. Erreichte im selben Herbst das Halbfinale der Speed Chess Championship, unterlag dort aber dem favorisierten Carlsen.
Zog sich im April 2025 wenige Stunden vor seinem geplanten Eintreffen vom Freestyle Chess Grand Slam in Paris zurück, wohin ihn Veranstalter Jan Henric Buettner per Wildcard eingeladen hatte – offiziell wegen persönlicher Gründe außerhalb seiner Kontrolle. Der norwegische Sender TV 2 hatte zuvor unter Berufung auf zugespielte private Nachrichten einen Zusammenhang mit neuen Anti-Cheating-Maßnahmen behauptet, was Buettner öffentlich bestritt; Nodirbek Abdusattorov rückte als Ersatz nach. Sein Mentor Kramnik blieb zu dem Vorgang öffentlich stumm.
Die Carlsen-Affäre
Besiegte am 4. September 2022 beim Sinquefield Cup mit Schwarz Magnus Carlsen, der sich danach ohne nähere öffentliche Begründung aus dem laufenden Turnier zurückzog; chess.com sperrte Niemanns Konto. Verstärkt wurde die Kontroverse durch eine von Elon Musk verbreitete, haltlose Theorie über ein technisches Betrugsgerät. Niemann klagte auf 100 Millionen Dollar gegen Carlsen, chess.com, dessen Chef Daniel Rensch und Hikaru Nakamura; das Bezirksgericht in Missouri wies die Klage im Juni 2023 in allen Anklagepunkten zurück, zum Verleumdungsvorwurf mit Verweis auf die eigene Unzuständigkeit.
Ende August 2023 legten die Beteiligten den Streit außergerichtlich bei. Niemann verzichtete auf weitere rechtliche Schritte gegen Carlsen, chess.com, Rensch und Nakamura, chess.com gab sein nach rund einem Jahr Sperre wieder freigegebenes Konto zurück, und Carlsen erkannte an, dass es keine schlüssigen Beweise für Betrug Niemanns am Brett gebe; er werde wieder gegen ihn antreten, wenn sich die Paarung ergebe. Die Bedingungen der Einigung blieben unbekannt. Nach der Einigung verlor Niemann fast 50 Elo.
Stellte sich Ende September 2023 an der Seite seines Anwalts Terrence Oved erstmals einem Interview, bei „Piers Morgan Uncensored“. Blieb dabei, dass die Darstellung von chess.com über ihn verleumderisch sei; der Bericht der Plattform wirft ihm Betrug in über 100 Partien vor. Der wahre Grund für seine Sperre sei die Übernahme der Play-Magnus-Gruppe gewesen – chess.com habe die Anschuldigungen seines neuen Botschafters bestätigen müssen. Zu seinen eingestandenen Betrugsfällen als Zwölf- und Sechzehnjähriger sagte er, es seien dumme, kindische Fehler gewesen, und Onlinepartien ohne Einsatz seien von Turnierschach am Brett zu unterscheiden.
Über Carlsen: ein aggressiver Platzhirsch, der seine Geschäftsinteressen bedroht sah. Oved nannte seinen Mandanten Opfer des größten Cybermobbingfalls der Schachgeschichte. Nach eigener Aussage führen internationale Turnierveranstalter weiterhin eine schwarze Liste gegen ihn.


