Das Essen stand noch auf dem Tisch, teilweise verzehrt. Daniel Naroditsky hatte die Mahlzeit kurz vor seinem Tod beim Lieferdienst „DoorDash“ bestellt. Ansonsten: keine Spuren eines Kampfes, keine Verletzungen, kein Abschiedsbrief. Als der Schachgroßmeister am 19. Oktober 2025 tot auf seinem Sofa in Charlotte gefunden wird, sind keine Hinweise zu sehen, warum er gestorben ist.
Jetzt liegt der Bericht des Gerichtsmediziners vor. Dr. James Lozano aus Mecklenburg macht das Bild klarer – und nimmt der ersten, von diversen Medien verbreiteten „Drogen-Cocktail“- und „Überdosis“-Erzählung die Substanz. Wie der in North Carolina erscheinende Charlotte Observer zuerst berichtete, starb Daniel Naroditsky höchstwahrscheinlich an einer Herzrhythmusstörung. Diese wurde durch eine bislang unbekannte Vorerkrankung begünstigt. Die in seinem Körper nachgewiesenen Substanzen könnten zur Herzstörung beigetragen haben.

Da weder äußere Verletzungen noch Hinweise auf Fremdeinwirkung vorlagen, da außerdem die Familie wünschte, Naroditsky rasch zu beerdigen, hat die Gerichtsmedizin (das „Mecklenburg County Medical Examiner’s Office“) am 20. Oktober auf eine Autopsie verzichtet. Stattdessen: Leichenschau, Röntgen/Scan und eine toxikologische Untersuchung des Bluts.
Im Blut wurden Methamphetamin und Mitragynin bzw. deren Abbauprodukte gefunden. Mitragynin ist der Hauptwirkstoff von Kratom – ein pflanzliches Mittel, das in den USA frei verkauft wird und je nach Dosis anregend und schmerzlindernd wirken kann. Laut Bericht gibt es keinen Hinweis auf eine absichtliche oder unabsichtliche Überdosis von illegalen, verschreibungspflichtigen oder frei verkäuflichen Substanzen. Die gemessenen Werte seien für sich genommen nicht tödlich gewesen.
Mindestens ein Fragezeichen bleibt
Die von zwei Klatschmagazinen verbreitete und auch von Qualitätsmedien aufgegriffene Überdosis-Theorie war leicht zu glauben, da sie seit Daniel Naroditskys Ableben Gegenstand der Debatte ist. Tatsächlich hatten Freunde und Zuschauer seiner Streams in den Tagen vorher Auffälligkeiten bemerkt. Dazu passt der bislang unbekannte, jetzt im medizinischen Bericht festgehaltene Umstand, dass Naroditskys Freunde Oleksandr Bortnyk und Peter Giannatos ihrem Freund zwei Tage vor dessen Tod rund 40 Tabletten abgenommen hatten: „wahrscheinlich Adderall“, ein Medikament mit anregender Wirkung, das unter anderem zur Behandlung von ADHS eingesetzt wird.
Am Abend des Todes waren es erneut Bortnyk und Giannatos, die ihren Freund fanden. Naroditsky hatte einen Flug verpasst, deswegen waren sie in Sorge. Die von ihnen gerufenen Ermittler fanden in der Wohnung einige Tüten mit Kratom-Pulver sowie Erkältungsmedikamente aus dem Ausland in Blisterpackungen. Methamphetamin, das Naroditsky vor seinem Tod genommen haben muss, fanden sie nicht – ein Fragezeichen, das vorerst bleibt.
Der entscheidende Befund
Der Kern des jetzt vorliegenden gerichtsmedizinischen Berichts ist ein bislang unbekannter Befund: systemische Sarkoidose, eine seltene entzündliche Erkrankung, die zu knotenartigen Gewebeveränderungen in Organen führen kann. Diese Krankheit betrifft häufig die Lunge, kann aber auch das Herz befallen – oft ohne klare Symptome. Röntgenaufnahmen zeigten ausgeprägte Veränderungen von Naroditskys Lunge, darunter multiple Knoten und vergrößerte Lymphknoten, die laut Gerichtsmedizin stark für eine Erkrankung wie die systemische Sarkoidose sprechen.

Im Bericht steht als wahrscheinlichster Ablauf: eine plötzliche Herzrhythmusstörung, die unmittelbar zum Tod führte. Die Antriebswirkung von Methamphetamin und Kratom auf Herz und Kreislauf könne das Risiko einer tödlichen Rhythmus-Störung erhöht haben. Der Tod sei plötzlich eingetreten, so schnell, dass Naroditsky keine Hilfe rufen konnte.
Suizid-Untersuchung: keine Hinweise
Nicht nur wegen Naroditskys auffälligen Verhaltens in den Tagen zuvor haben die Ermittler gründlich die Möglichkeit eines Suizids geprüft. Der Bericht hält ausdrücklich fest, dass diese Prüfung aufgrund der Umstände geboten war – nicht, weil konkrete Hinweise auf eine Selbsttötung vorlagen. Die Ermittler verweisen auf erheblichen psychischen Druck, dem der 29-Jährige in den Monaten zuvor ausgesetzt gewesen war, unter anderem wegen öffentlicher Betrugsvorwürfe und der damit verbundenen Belastung. Vor diesem Hintergrund bestand aus Sicht der Behörden ein Anlass, auch der Suizid-Spur nachzugehen.
Dazu gehörte eine Durchsuchung der Wohnung. Die Gerichtsmedizin untersuchte später gezielt, ob Hinweise auf eine absichtliche oder unbeabsichtigte Überdosierung von illegalen Substanzen, verschreibungspflichtigen Medikamenten oder frei verkäuflichen Mitteln vorlagen. Das Ergebnis fällt eindeutig aus: Im Bericht heißt es ausdrücklich, es gebe keine Hinweise auf eine vorsätzliche oder unbeabsichtigte Überdosierung. Auch die Umstände am Auffindeort – keine Abschiedsnachricht, keine Vorbereitung, keine Notrufe, keine Anzeichen akuter Verzweiflung – sprechen laut den Ermittlern gegen einen Suizid.
Offiziell wurde die Todesart als „Unfall“ eingestuft.
(Titelfoto: Lennart Ootes/Saint Louis Chess)
Es wäre hilfreich, wenn Medien erst dann publizieren, wenn überprüfbare Fakten vorliegen. Weitertratscherei von Gerüchten und Vermutungen ist kontraproduktiv. Niemand tut sich damit einen Gefallen. Ein schaler Nachgeschmack hat dieser tragische Todesfall. Wer Substanzen konsumiert, die nicht in einen Körper gehören, der forciert damit einen Super-Gau. Es dann hinterher als Unfall zu bezeichnen ist falsch und heuchlerisch.Es bagatellisiert den Konsum dieser Substanzen. Wo kam das Methamphetamin her? Die nachgewiesenen und gefundenen Substanzen, die in diversen Ländern verboten sind, lassen nicht den Eindruck eines lupenreinen Anti-Dopers entstehen. Um Cheating wird im Online-Schach/Schach ein großes Trara gemacht, Doping-Kontrolle scheint eher kein Thema… Weiterlesen »
Das nachgewiesene Amphetamin & Methamphetamin steht auf der Welt-Anti-Doping-Verbotsliste. Die Verbotsliste ist ein verbindlicher internationaler Standard im Rahmen des Welt-Anti-Doping-Programms. Pharmakologisch wirksame Substanzen, die nicht durch eine staatliche Gesundheitsbehörde für die therapeutische Anwendung beim Menschen zugelassen sind (z.B. Kratom), sind zu jeder Zeit verboten. Zu der aufgefundenen Substanz Kratom ist zu sagen, dass aufgrund der erheblichen Risiken und Nebenwirkungen eindringlich vor dem Konsum solcher Substanzen gewarnt wird. Die Wirkung entsteht im Wesentlichen aus zwei enthaltenen Substanzen. Beide docken, ähnlich wie Morphin, im Gehirn an Opioidrezeptoren an und entfalten eine Wirkung, die an klassische Opioide erinnert. Wer seine Gesundheit schützen und… Weiterlesen »
Da ist einiges merkwürdig. Neben den beiden „Klatschmagazinen“ beruft sich auch das meines Wissens seriöse NBC News auf das „North Carolina Office of the Chief Medical Examiner“: https://www.nbcnews.com/news/us-news/chess-grandmaster-daniel-naroditsky-drugs-system-time-death-toxicology-rcna254983 . Wenn auch weniger reißerisch, da steht nur „had drugs in his system at time of death“. Wurde nur das anfangs kommuniziert, und der Rest – Hinweise auf eine Vorerkrankung als Haupt-Todesursache – erst später? Ich würde nicht einmal komplett ausschließen, dass letzteres quasi erfunden ist (als Reaktion auf erste Medienberichte) und so gar nicht stimmt. Zwar unwahrscheinlich von einer Behörde, aber in den USA (nicht nur dort) wird auf Behörden vielleicht… Weiterlesen »
Conrad, was fällt Dir eigentlich ein, in Deinem Artikel den Bericht des Gerichtsmediziners zu verlinken?
Hast Du sie noch alle?? Wo bleibt da der Persönlichkeitsschutz und die Pietät? Hast Du die Eltern um Erlaubnis gefragt? Hast Du Dir mal überlegt, ob das in Daniels Sinne gewesen wäre?