Der Vizepräsident Finanzen des Deutschen Schachbundes, Alexander von Gleich, tritt zurück. Das hat von Gleich am Samstag in einem Schreiben an die Vorsitzenden der Landesverbände angekündigt. Um eine „geordnete Übergabe im Finanzressort“ sicherzustellen, will der Hamburger Banker sein Amt mit Abschluss der laufenden Kassenprüfung niederlegen, voraussichtlich Ende März. Hintergrund ist ein seit längerem gärender Konflikt an der Spitze des Verbands: „In den vergangenen Monaten haben sich bedauerlicherweise unterschiedliche Auffassungen über Sachfragen, Arbeitsweise und Kommunikation im Präsidium gehäuft. Auch im Hinblick auf die aktuelle Termin- und Gremienplanung bestehen unterschiedliche Einschätzungen“, teilt von Gleich mit.
Mit dem 59-jährigen Volkswirt und Bankkaufmann verliert die Führungsriege des Verbands ihr in der Schachszene anerkanntestes Mitglied und die einzige Integrationsfigur. Als Co-Autor des Untersuchungsberichts Ende 2023 verantwortet von Gleich eines der wenigen DSB-Dokumente in der jüngeren Vergangenheit, die zumindest einen Teil einer Fehlentwicklung benennen und beleuchten. Seit Ende 2024 ist von Gleich das einzige von einer überwältigenden Mehrheit unterstützte Präsidiumsmitglied. „Der Mann mit den Politbüro-Wahlergebnissen“, hieß es jetzt auf der DSB-Website.

„Das Amt habe ich seit meinem Antritt im Oktober 2024 mit großem Engagement, Freude und Verantwortungsbewusstsein ausgeübt – und dies trotz meiner erheblichen beruflichen Verpflichtungen in Deutschland sowie in den Ländern des Kaukasus und Zentralasiens“, schreibt von Gleich. Nun war eine Einladung zu einem Hauptausschuss im Mai (keine drei Monate vor dem geplanten außerordentlichen Kongress) der Anlass zurückzutreten. Jetzt einen Hauptausschuss zu veranstalten, könne er „persönlich nicht vollständig nachvollziehen“, schreibt von Gleich. Er sehe sich „daher nicht in der Lage, diesen Weg mitzutragen“.
Mit seinem Rücktritt entzieht sich von Gleich endgültig einer Konfrontation, die er über Monate vermieden hat. Das längst nicht nur vom badischen Verband diagnostizierte „toxische Klima“ an der Spitze des DSB, der anhaltende personelle Aderlass, die Kampagne gegen die eigene Geschäftsführerin und einiges mehr: Die „unterschiedlichen Auffassungen über Sachfragen, Arbeitsweise und Kommunikation im Präsidium“ boten in der jüngeren Vergangenheit manche Gelegenheit, sich wohlbegründet aus der Lauterbach-Mannschaft zurückzuziehen – oder die „Sie oder Ich“-Frage zu stellen. Ein Schachverwaltungsvorgang wie das Ausrichten eines Hauptausschusses erscheint nicht wie der stichhaltigste aller Anlässe.
Ohne dass jemand vernehmbar dagegen protestiert hätte, auch nicht Alexander von Gleich, steht seit dem 27. November 2025 auf der DSB-Website: „Im Mai 2026 trifft man sich dann turnusmäßig zum Hauptausschuss.“ Von Gleich macht nun geltend, dass dieser Hauptausschuss, Kosten: rund 20.000 Euro, unnütz ist, da laut „Berliner Vereinbarung“ (siehe weiter unten) spätestens drei Monate später ein außerordentlicher Kongress stattfindet, auf dem unter anderem das Präsidium neu gewählt werden soll.
Kongress im Mai? Lauterbach: „Dann müsste ich zurücktreten“
Auf Anfrage dieser Seite widerspricht Ingrid Lauterbach. Der Hauptausschuss im ersten Halbjahr sei satzungsgemäß vorgeschrieben. Die im November in Berlin getroffene Vereinbarung enthalte keine Regelung, die diesen Termin ersetze. Das Kosten-Argument weist sie zurück. Gäbe es keinen Hauptausschuss im Mai, würde es im Herbst einen geben müssen. Die Kosten seien unterm Strich dieselben.
Statt eines Hauptausschusses im Mai einen Kongress zu veranstalten, hält Lauterbach für keine Alternative. „Dann müsste ich im Mai zurücktreten.“ Das schließt sie mit Blick auf personelle Kontinuität vor dem Dresdner Gipfel aus. Auf der Zielgeraden vor seiner größten Veranstaltung des Jahres könne der Verband nicht sein Führungspersonal austauschen. Lauterbach wird ihr Amt abgeben – nach dem Gipfel.

Knappe Wiederwahl und Feindseligkeiten im Hauptausschuss
Vor dem Hintergrund der inhaltlich nicht erklärten und mit einem Rechtsstreit verbundenen außerordentlichen Kündigung der DSB-Geschäftsführerin hat der Kongress im Mai 2025 Lauterbach und Sport-Vize Jürgen Klüners mit knapper Mehrheit in ihren Ämtern bestätigt (aber statt Klüners von Gleich zum stellvertretenden Präsidenten bestimmt). Damit war die Causa längst nicht erledigt. Im Oktober beim von Anfeindungen und Lügenvorwürfen geprägten Hauptausschuss scheiterte von Gleich aus Schachverwaltungsgründen mit seinem Ansinnen, ein Stimmungsbild einzuholen. Er hatte herausfinden wollen, ob das amtierende Präsidium noch eine Mehrheit hinter sich weiß. Ein Protokoll dieser denkwürdigen Veranstaltung ist bis heute beim DSB nicht zu finden.

Die „Berliner Erklärung“ und das Vakuum danach
Der Hauptausschuss in Hofgeismar mündete in den Antrag von fünf Landesverbänden, bei einem außerordentlichen Kongress im Februar 2026 das Präsidium neu zu wählen. Aber schon Ende Oktober kam es in einer Berliner Kanzlei zum Treffen dieser Fünf mit dem Präsidium – mit entgegengesetzten Zielen. Während die einen Lauterbach zu einem möglichst baldigen Abtritt bewegen wollten, hielt sie an ihrem Amt fest. Während die einen scheiterten, bekam sie, was sie wollte: Februar-Kongress vom Tisch, Präsidentin bis nach dem Gipfel.
Nun offenbart sich, dass die semantischen Schwächen der „Berliner Erklärung“ nicht das größte Problem sind. Es fehlte darin ein verbindlicher Fahrplan für die Wochen und Monate bis zum August. Abseits des geschriebenen Worts fehlte auch eine Abstimmung darüber, wie eine scheidende Präsidentin neben einem potenziellen Präsidenten im Wartestand die Führungsarbeit gestalten soll. Der beim DSB zur Berliner Erklärung veröffentlichte Passus von zwei Parteien, die „miteinander kommunizieren und zum Wohle des Schachsports agieren“ war nichts als eine Beschwörungsformel.
Agiert hat seitdem nur Lauterbach, nicht wie eine lahme Ente, sondern unverändert wie die alleinige Chefin, die neben sich nur bedingt Leute und neben ihrer nur bedingt andere Meinungen zulässt. Einen Kontrapunkt hat zuletzt nur ihr Vizepräsident Jannik Kiesel gesetzt. Der sagt, er hätte der Geschäftsführerin nicht gekündigt, sei aber im Präsidium überstimmt worden. Außerdem heißt Kiesel Kommunikation und Umgang des Präsidiums mit den Hauptamtlichen nicht gut.
Von Gleichs Dilemma: Kein Königinnenmörder sein
Von Gleich hat nach außen und mutmaßlich auch nach innen keine wahrnehmbaren Akzente gesetzt, weder beim Rauswurf der Geschäftsführerin noch bei den offenen Feindseligkeiten in Hofgeismar. Das dürfte mit einem Dilemma zusammenhängen: Als einer der wenigen Funktionäre im Schach mit dem dafür nötigen Format möchte er durchaus in führender Position helfen und gestalten, aber nicht als Königinnenmörder dastehen. Von Gleich teilt tendenziell Lauterbachs Diagnose, die Geschäftsstelle und die Abläufe darin gehörten gründlich reformiert, und die scharfe Kritik an ihr empfindet er als „unerhört und unnötig“. Daher trug er mit, anstatt gezielt zu opponieren.
360.000 Euro? Der Dresdner Gipfel und das Geld
Selbst als es zuletzt um sein Hoheitsgebiet ging, das Geld, blieb er stumm. Den Etat des Schachgipfels, 360.000 Euro, verkündete nicht der Finanzchef, sondern Bundesnachwuchstrainer Bernd Vökler in seiner Nebenfunktion als Gipfel-Organisationschef. Das war auch deswegen kritisch, weil, von der Öffentlichkeit unbemerkt, hinter den Kulissen längst Planung und Finanzierung Gegenstand einer Debatte geworden sind: Wackelt der Gipfel? „Wir haben tatsächlich noch einen ungeklärten Fehlbetrag für den Dresdner Gipfel, den es nun in den nächsten Wochen zu schließen gilt“, sagt von Gleich dazu auf Anfrage dieser Seite.

Lauterbach sagt, der Kernetat sei gesichert und ein strukturelles Finanzloch gebe es nicht. Nach ihrer Wahrnehmung hat zu Irritationen geführt, dass der Gipfel beim Kongress 2025 in Paderborn mit 295.000 Euro angesetzt war und nun mit 360.000 Euro geführt wird. Das erkläre sich durch zusätzliche Positionen, unter anderem ein vollständig gesponsertes Schach960-Format sowie das DSAM-Finale, dessen Zahlen an anderer Stelle im Haushalt geführt würden. Beim Sichern weiterer Mittel gehe es vor allem darum, die Veranstaltung noch aufzuwerten.
Langer: „Desaster“ / Meyer-Dunker: „Implosion“
Als in der vergangenen Woche das Präsidium tagte, setzte von Gleich einen Akzent. Es ging um den Hauptausschuss im Mai und die Einladung dazu. Von Gleich stimmte dagegen, einen Hauptausschuss auszurichten – und wurde überstimmt. Am Freitag um 22.31 Uhr verschickte der neu eingestellte Geschäftsführer Carsten Schmidt die Einladung für den 16. Mai im Maritim-Hotel in Frankfurt an die Funktionär:innen. Am nächsten Vormittag antwortete von Gleich mit seiner Rücktrittserklärung. „Überraschend“ fand das Lauterbach. Die vorausgegangene Präsidiumssitzung sei „völlig normal“ verlaufen.
Die meisten Reaktionen auf den Rücktritt fallen bestürzt aus. Michael S. Langer, Präsident des Niedersächsischen Schachverbands, und Paul Meyer-Dunker, Verbandspräsident in Berlin, fordern unabhängig voneinander, den Hauptausschuss im Mai in einen außerordentlichen Bundeskongress umzuwandeln. Beide, Langer und Meyer-Dunker, waren Teil der Gruppe, die im November in Berlin vergeblich versucht hat, Lauterbach zu einem raschen Abschied zu bewegen.
Von einem „Desaster für den DSB“ spricht Langer auf Anfrage dieser Seite: „Der Einzige, der vertrauensvollen Umgang mit Zahlen sicherstellt, geht von Bord.“ Meyer-Dunker spricht auf Anfrage von einer „Implosion der Führung“. Seine Kandidatur im Mai 2025 habe nicht umsonst unter dem Leitspruch gestanden, dafür zu arbeiten, dass Ehren- und Hauptamtliche wieder Freude an der Arbeit für den Verband finden.
Fortgesetzter Aderlass: Matthias Wolf will nicht mehr
In seiner Liste der Fehlentwicklungen unter dem gegenwärtigen Präsidium führt Meyer Dunker unter anderem „Die Kündigung zweier Leiter Öffentlichkeitsarbeit in knapp zwei Jahren“ an. Damit sind Arne Jachmann und Matthias Wolf gemeint, der ab März kein DSB-Angestellter mehr sein wird. Wahrscheinlich wird er auf Honorarbasis weiter für die DSB-Website schreiben.
In informierten Kreisen ist seit dem Jahreswechsel bekannt, dass Wolf gekündigt hat. Explizit öffentlich gemacht worden ist das nicht, sodass es Mitte Januar im sonntäglichen Schachtalk von Michael Busse und Jonathan Carlstedt zu einem Austausch über Wolf kam, als WDR-Redakteur Niklas Schenk zu Gast war. In Unkenntnis von Wolfs Kündigung preist Schenk seinen einstigen Kollegen als professionellen Ansprechpartner, der durch seine eigene journalistische Erfahrung die Kommunikation des DSB gegenüber Medien verbessert hat. Bis dahin sei der Austausch „ein bisschen steif“ und „nicht immer professionell“ gewesen.

„Nicht geschaffen für Verbandsstrukturen“
Das droht er nun wieder zu werden. Auf Anfrage dieser Seite verweist Wolf auf vervielfachte Zugriffe auf die DSB-Inhalte während seiner Zeit und betont, die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen in der Geschäftsstelle habe ihm Freude bereitet (Wolfs vollständiges Statement). Aber er habe sich nicht verwirklichen können, wie er wollte. Die Erkenntnis: „Ich bin letztlich nicht geschaffen für Verbandsstrukturen.“
Dieser Satz könnte auch für Alexander von Gleich gelten. Über Monate war er der potenzielle nächste Präsident im Wartestand. Er hätte die Machtfrage stellen können. Er tat es nicht. Nun stellt sich die Frage nicht mehr.
Ich bin jetzt seit fast 20 Jahren im organisierten Schach dabei. Damals, als ich in einen Schachverein kam, war Robert von Weizsäcker Präsident. 2011 galt er als unfähig, ungeeignet, man war unzufrieden und Herbert Bastian wurde neuer Präsident, der mit neuem Schwung alles besser machen würde. 2017 galt Herbert Bastian als unfähig, ungeeignet, man war unzufrieden und Ullrich Krause betrat die Bühne und wurde Präsident. Alle freuten sich, dass er mit neuem Schwung alles besser machen würde. 2023 galt Herr Krause als unfähig, ungeeignet, man empfand ihn als Zumutung und Ingrid Lauterbach wurde zur Präsidentin gewählt. Alle waren froh, dass… Weiterlesen »
Ach Schormann,
Jürgen Klüners ist Professor der Mathematik. Ingrid Lauterbach hat ein Studium der Mathematik erfolgreich abgeschlossen. Glauben Sie wirklich, daß Alexander Von Gleich wesentlich besser und vertauensvoller mit Zahlen umgehen kann als die beiden?
Sie haben doch wieder die Propaganda von Michael Langer einfach übernommen ohne darüber mal nachzudenken. Finden Sie das fair oder gar anständig?
Grüße Klaus Bischoff
Welches Studium und (wichtiger) welche spätere Berufspraxis einen am ehesten für „Umgang mit Zahlen“ qualifiziert ist eher ein Randthema. Ingrid Lauterbach ist/war auch Bankerin, dabei offenbar Expertin für Informationssicherheit – während Alexander von Gleich in seinem Linkedin-Profil auch auditing und budgeting erwähnt. Für ihre Rolle würde man heutzutage wohl eher Informatik studieren – gab es das in den 80er Jahren bereits flächendeckend als Studiengang? Und natürlich gibt es da auch heutzutage viele Quereinsteiger. Aber zum Artikel selbst wundert mich einiges – oder von Conrad Schormann auch nicht. Der Reihe nach: „Kampagne gegen die eigene Geschäftsführerin“ – mal abgesehen davon, dass… Weiterlesen »
Man kann nur hoffen, dass die üblichen (im Beitrag zitierten) Verdächtigen ihre Aktivitäten auf Gespräche im Hinterzimmer beschränken, um das angestrebte Ziel einer möglichst schnellen Abwahl der Präsidentin zu erreichen. Beim Deutschen Schachbund ist in der überwiegenden Anzahl der Fälle nicht der Inhalt eines Antrags entscheidend, sondern der Name des Antragstellers.
Unabhängig davon wäre es wünschenswert, wenn sich Alexander von Gleich im bereits erwähnten Hinterzimmer doch noch zu einer Kandidatur überreden lässt, ein besserer Kandidat für das Amt des Präsidenten ist weit und breit nicht in Sicht.
Ob Herr von Gleich wohl weiß, dass sein Bewerbungsschreiben offen im Netz steht?
Klaus Bischoff als Präsident?
Er könnte den DSB-Kongress so moderieren, wie die live-Übertragungen beim Schach. Und die Übergabe findet im heimischen Wohnzimmer statt. Hat doch Vorteile. 😉
Mir sind so einige Dinge unklar. Die werden in dem Artikel gar nicht erwähnt. Laut Satzung ist im ersten Halbjahr ein Hauptausschuss durchzuführen. Es wundert mich schon, dass ein Mitglied des Präsidiums dies für unnötig hält und damit den Rücktritt begründet. Es war doch von Vornherein klar, dass man bei einer solchen Meinung bei einer Abstimmung überstimmt wird. Wenn ein Finanzloch beklagt wird, sollte der Hauptausschuss doch so schnell wie möglich tagen. Ich hätte mir für die Aufarbeitung des Finanzskandals eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft gewünscht. Dann wären vermutlich die Verantwortlichkeiten klar benannt worden. Das Ergebnis der internen Untersuchung war so, dass Schadensersatzforderungen… Weiterlesen »