Februar 2022, die russischen Truppen rückten auf Charkiw vor, und Pavel Eljanov tat, was er konnte, um Leben zu retten. Der ukrainische Großmeister half mehreren Schachfamilien aus der Stadt heraus, meist nach England. Auch für Familie Dehtiarov war alles arrangiert. Dann sagte im letzten Moment der 14-jährige Sohn ab. Er wolle seinen Vater nicht allein lassen. Also blieb er. In einer Frontstadt, die keine 40 Kilometer von der russischen Grenze entfernt liegt, die im Zweiten Weltkrieg mehrfach den Besitzer gewechselt hatte. Jetzt steht Charkiw erneut unter Beschuss.

Der Junge, der damals nicht gehen wollte und bis heute in Charkiw lebt, heißt Roman Dehtiarov. Am 19. April 2026 wurde der mittlerweile 17-Jährige in Katowice Schach-Europameister. Als Nummer 126 der Startrangliste mit Elo 2452 erzielte er eine Performance von 2780, eine Sensation. Eljanov schrieb am selben Tag: „Merkt euch den Namen: Roman Dehtiarov! Nicht umsonst nennt man unsere Stadt Charkiw Stahlbeton.“
Seit dem sechsten Lebensjahr „fast jeden Tag“ Schach
Dehtiarov wurde am 14. Juli 2008 in Charkiw geboren. Seine ältere Schwester spielte schon ambitioniert, als ihn sein Vater mit fünf Jahren ans Schachbrett setzte. Das Spiel sollte Teil des Bildungskanons für die Kinder sein, wie Dehtiarov in einem Interview mit dem ukrainischen Verband erzählte. Nach einer kurzen Pause war Schach ab dem sechsten Lebensjahr „fast jeden Tag“ Teil seines Lebens. Auch wenn es nicht immer aufwärts ging, spielte er weiter: In Jugendturnieren landete er nach eigener Erinnerung oft auf dem vierten oder fünften Platz, knapp am Podium vorbei, zu oft, um es nicht zu bemerken – aber nie so oft, dass er ans Aufhören gedacht hätte.
Als der Krieg begann, blieb Roman Dehtiarov beim Schach. Mit eingeschränkten Reisemöglichkeiten und, wie Eljanov es formuliert, „kaum Training“ arbeitete er weiter. Auch jenseits des Schach-Tellerrands. Mittlerweile studiert er im zweiten Jahr Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Karazin-Universität in Charkiw. Sein Training beschreibt er so: im Turnier vor allem Eröffnungsvorbereitung, zu Hause Endspiele, Taktik, Partieanalyse. Online spielt er unter dem Handle „GalaxyRoman„.

Die Europameisterschaft 2026: „Ein neuer Star“
Die 25. Einzel-Europameisterschaft in der Arena Katowice war das größte Kontinentalturnier der Geschichte: 501 Teilnehmer aus 43 Verbänden, darunter 93 Großmeister. Niemand nahm den international kaum bekannten Dehtiarov als Titelanwärter wahr.
Nach drei Runden hatte er dreimal gewonnen. Runde für Runde spielte er gegen stärkere Gegner. In der zehnten Runde, mit den schwarzen Steinen gegen den Franzosen Maxime Lagarde (Elo 2621), opferte er nach einem Fehlgriff des Gegners einen Läufer, brach den gegnerischen Königsflügel auf und entschied die Partie nach 46 Zügen. Der Großmeister Michael Roiz analysierte die Partie öffentlich und nannte sie ein Lehrstück.

Vor der letzten Runde führten fünf Spieler punktgleich das Feld an: der Spanier David Anton Guijarro, drei Aserbaidschaner und Dehtiarov. Von diesen fünf gewann in der Schlussrunde nur einer. Dehtiarov besiegte Anton Guijarro mit Weiß nach 42 Zügen – Roiz sprach von einem „positionellen Meisterwerk“. Das Endergebnis: 9 Punkte aus 11 Partien, alleiniger Sieger, Turnierperformance 2781. Silber ging an den ehemaligen WM-Kandidaten Nijat Abasov (Aserbaidschan, 8,5 Punkte), Bronze an den ehemaligen Jugendweltmeister Aydin Suleymanli (Aserbaidschan, 8,5 Punkte).
In den letzten 6 Runden hatte Dehtiarov 5,5 Punkte erzielt – gegen einen Schnitt von etwa 2600 Elo. Boris Avrukh, Großmeister und Eröffnungsexperte, kommentierte: „Ich habe seinen Namen bisher kaum gesehen. Ab Runde 3 spielte er Großmeister um Großmeister. Das war kein Glück – das ist ein neuer Star.“
In der 27-jährigen Geschichte des Wettbewerbs ist Dehtiarov der erste Internationale Meister, der die Einzel-Europameisterschaft gewinnt. Er ist der dritte ukrainische Europameister nach Wassyl Iwantschuk (2004) und Oleksandr Moisejenko (2013). Mit dem Titel kommt automatisch der Großmeistertitel, dazu 20.000 Euro Preisgeld und ein Startplatz beim World Cup.
Deutsche Bilanz: Donchenko holt World-Cup-Ticket
Für das deutsche Schach war Alexander Donchenko der einzige Nationalspieler im Feld. Er hatte sich die Zeit für das Turnier bewusst freigehalten. Das unmittelbar zuvor ausgetragene Grenke-Open ließ er aus; er war dort an der Seite von Peter Leko als Kommentator tätig, reiste aber einen Tag früher ab, um ausgeruht bei der EM anzutreten. Der Grund: die World-Cup-Qualifikation, die den Top 20 der Europameisterschaft winkt. Donchenko landete mit 8/11 auf dem geteilten fünften Platz . Sein Ticket ist gebucht.

Titelverteidiger Matthias Blübaum war nicht dabei. Kein Wunder, der einzige Spieler, der die EM zweimal gewann, hat gerade erst das Kandidatenturnier abgeschlossen, und so musste Blübaum an seinem 29. Geburtstag den Europameistertitel abgeben. Unter den Spielern, die Dehtiarov auf seinem Weg durch das Feld bezwang, war stattdessen mit Großmeister Leonardo Costa ein Hoffnungsträger des deutschen Schachs. Costa ebenso wie seine Landsleute rissen in Katowice eher keine Bäume aus. Einzig Alberto Atoyan aus Hof (Perlen-Profil) müsste eine IM-Norm erzielt haben (ohne Gewähr). Zwei Niederlagen zum Abschluss verhagelten dem bayerischen Talent ein besseres Ergebnis.
| Pl. | Titel | Name | Elo | ± | Pkt. |
|---|---|---|---|---|---|
| Deutschland | |||||
| 8 | GM | Donchenko, Alexander | 2642 | +2 | 8,0 |
| 69 | GM | Costa, Leonardo | 2556 | −10 | 7,0 |
| 78 | IM | Reuker, Jari | 2413 | +13 | 7,0 |
| 217 | IM | Fruebing, Stefan | 2304 | −7 | 6,0 |
| 221 | IM | Kuegel, Tobias | 2398 | −24 | 6,0 |
| 225 | FM | Atoyan, Alberto | 2342 | +36 | 5,5 |
| 232 | IM | Bracker, Frank | 2332 | −4 | 5,5 |
| 246 | FM | Holtel, Jasper | 2370 | −14 | 5,5 |
| 262 | IM | Besou, Hussain | 2427 | −23 | 5,5 |
| 277 | — | Udelnov, Valentin | 2186 | −46 | 5,5 |
| 281 | FM | Karsay, Pascal | 2412 | −36 | 5,5 |
| 334 | — | Gikas, Andreas Basilius | 2072 | −23 | 5,0 |
| 355 | FM | Baerwinkel, Tobias | 2323 | −52 | 4,5 |
| 382 | — | Lorenz, Roger | 2118 | −41 | 4,5 |
| 399 | GM | Vogel, Roven | 2524 | −18 | 4,0 |
| 400 | — | Yasmo, Daniil | 2271 | −18 | 4,0 |
| 406 | — | Latzke, Boris | 2173 | −32 | 4,0 |
| 429 | — | Stierhof, Michael | 1993 | −34 | 4,0 |
| 438 | FM | Nunez Gregoire, Daniel | 2375 | −52 | 3,5 |
| 450 | FM | Lorscheid, Gerhard | 2150 | +2 | 3,5 |
| Österreich | |||||
| 76 | IM | Dotzer, Lukas | 2469 | +7 | 7,0 |
| 85 | IM | Borrmann, Laurenz | 2391 | +11 | 7,0 |
| Schweiz | |||||
| 244 | IM | Kurmann, Oliver | 2377 | −12 | 5,5 |
| 347 | WIM | Hryzlova, Sofiia | 2278 | −52 | 4,5 |
Charkiw, April 2026
Während in Katowice die Siegerehrung stattfand, stand Charkiw unter dem üblichen Beschuss. Am 19. und 20. April meldeten ukrainische Behörden Drohneneinschläge in mehreren Stadtbezirken. Seit Kriegsbeginn gibt es in der Stadt unterirdische Klassenzimmer, damit Kinder trotz der Angriffe weiter lernen können. Die Stadt ist nicht evakuiert. Gut 1,4 Millionen Menschen leben dort, weil sie nicht anders können oder wollen.
Roman Dehtiarov will.


Für Alberto Atoyan ist es auf jeden Fall eine IM-Norm über neun oder zehn Runden. Und da die Elozahl seines ersten Gegners für Normrechnungszwecke von 1805 auf 2050 angehoben wird („rating floor“) ist es wohl auch eine IM-Norm über 11 Runden – aus TPR 2447 (knapp vorbei) wird TPR 2469. International gibt es wohl einige Spieler mit Titelnormen über neun oder zehn Runden, auch wenn es dann über 11 Runden nicht reichte. Vermutlich auch der junge Tscheche Vaclav Finek, der noch eine Norm aus einem Einzelturnier nach Schweizer System brauchte (zuvor drei Normen, zweimal Mannschaftsturniere und zuletzt das Rundenturnier Prag… Weiterlesen »