Zweieinhalb Stunden Stream auf Twitch, die vorletzte Nacht im Leben von Schachgroßmeister Daniel Naroditsky. Der Anblick ist seinen gut 340.000 Twitch-Followern vertraut. Der 29-Jährige an seinem Schreibtisch in Charlotte, North Carolina, dahinter die beiden verglasten Bücherschränke, in denen sich einer seiner Monitore spiegelt. Was auf den ersten Blick aussieht wie immer, ist ganz anders als sonst, beklemmend anzuschauen. (Wer es trotzdem sehen möchte, ein Video seines letzten Streams kursiert auf YouTube.)
Am virtuellen Brett ereilt Naroditsky eine Serie von Niederlagen. Während der Partien scheint er einzunicken, die Augen fallen zu, sein Kopf sinkt nach vorn. Dann schreckt er hoch, die Augen aufgerissen, spielt doch weiter – und verliert auf Zeit. Keine Spur von der eloquenten Leichtigkeit, mit der er sonst durchs Geschehen führt, während er sich auf Augenhöhe mit den Besten der Welt misst.

Stattdessen: Monologe, teils auf Russisch. Einer der letzten Sätze, die der Sohn eines ukrainischen Mathematikers und einer aserbaidschanischen Pianistin vor laufender Kamera sagt, ist um die Welt gegangen: „Seit der Kramnik-Sache habe ich das Gefühl, dass die Leute mir die schlimmsten Absichten unterstellen, wenn ich anfange, gut zu spielen.“ Es ist die siebte und letzte Erwähnung des Exweltmeisters in den 150 Minuten von Naroditskys letztem Stream. Wenig später beendet er die Übertragung.
Naroditsky hat sich diesmal eine Frist bis 2 Uhr morgens gesetzt, um vor einem wichtigen Vier-Partien-Match am nächsten Tag ausgeschlafen zu sein: gegen Matthias Blübaum im Comet-Open, gesponsert vom AI-Unternehmen Perplexity, das chess.com mit seinen 200 Millionen Mitgliedern als Werbepartner für seinen neuen Browser gewonnen hat. Mit einem Preisfonds von 200.000 Dollar ist das Comet-Open eines der höchstdotierten Online-Turniere jemals.

Mit spürbarer Spannung spricht Naroditsky über diese Herausforderung. Es könne „sein Turnier“ werden, sagt er, und sieht eine große Chance, ein erkleckliches Preisgeld zu gewinnen. Die Zeitkontrolle 3+0 sei für ihn ideal, und das doppelte K.o.-System nehme ihm den Druck des Gewinnenmüssens. Später im Stream, während seiner Serie von Niederlagen, stellt Naroditsky fest, er werde sich gegen Blübaum gewaltig steigern müssen, sonst drohe „ein Massaker“.
Tatsächlich verliert er tags darauf die erste Partie gegen den WM-Kandidaten aus Deutschland, aber er fängt sich. Der US-Großmeister kommt mit zwei Siegen zurück. In der vierten Partie gibt er ein gewonnenes Endspiel remis, genug, um mit 2,5:1,5 in die nächste Runde einzuziehen. Dort setzt es ein 0:3 gegen Alireza Firouzja. Im Verlierer-Bracket gegen den usbekischen Großmeister Mukhiddin Madaminov erzwingt Naroditsky beim Stand von 1:2 eine Entscheidungspartie – und verliert, das Ende seines letzten Schachturniers. Ein „Debrief“, eine Analyse des Geschehenen auf Twitch, hat Naroditsky im Stream in der Nacht zuvor angekündigt. Dazu kommt es nicht mehr.
Seine letzten zweieinhalb Stunden auf Twitch werden zunehmend düster und schwermütig. Regelmäßig kommt auf, was ihm zu schaffen macht: „Ich könnte nicht leben, wenn ich wüsste, dass manche der Meinung sind, ich sei moralisch bankrott.“
Dass es ihm nicht gut geht, bleibt während des laufenden Streams in der Nacht von Freitag auf Samstag nicht unbemerkt. Abonnenten fragen im Chat, was los ist. Schon zwei Tage zuvor schien Naroditsky am Ende eines Streams nicht bei sich zu sein. Er erklärte, er habe zum Einschlafen Benadryl genommen, eigentlich ein Mittel gegen Allergien, das oft als Einschlafhilfe genutzt wird. Die Wirkung sei eher eingetreten als erwartet.
Nach einem Bericht von NBC könnte Naroditskys Ableben am Sonntag die Folge einer Überdosis von Medikamenten gewesen sein. Die Polizei in Charlotte-Mecklenburg untersucht den Fall als “möglichen Suizid”. Nach einem vorläufigen Bericht der Ermittler geht am Sonntag um 19.11 Uhr Ortszeit ein Notruf bei ihnen ein. Die Retter finden Naroditsky leblos. Wenig später wird er für tot erklärt.

Während des letzten Streams fragen sich nicht nur Zuschauerinnen und Zuschauer, was los ist. Freunde und Großmeisterkollegen versuchen, Naroditsky zum Aufhören zu bewegen, GM Benjamin Bok etwa, mit dem sich Naroditsky vor dem Blübaum-Match am nächsten Tag zu einer Trainingssession verabredet hat. Unter anderem Bok nimmt wiederholt Naroditskys an den Server gesandte Herausforderungen an – und macht keinen Zug, bis nach einer Minute der Server automatisch die Partie abbricht. Diese unausgesprochenen Aufforderungen, die Streaming-Sitzung zu beenden, verhallen. Naroditsky sucht so lange neue Gegner, bis er jemanden findet, der spielt.
Zwei seiner Freunde begeben sich in dieser Nacht während des laufenden Streams in seine Wohnung. Großmeister Oleksandr Bortnyk, der in der Nachbarschaft lebt, und Peter Giannatos, Gründer und Geschäftsführer des Charlotte Chess Centers, in dem Naroditsky als Chefcoach arbeitet, sind mehr als Freunde. Als im vergangenen Jahr die Kramnik-Kampagne gegen Naroditsky beginnt, agieren speziell diese beiden wie Anker, die ihrem angeschlagenen Mitstreiter Halt zu geben versuchen.

In dieser Nacht sind beide bei ihm. „Du musst schlafen gehen, Mann“, sagt Giannatos aus dem Off. „Ich weiß, gib mir nur noch ein paar Partien. Ich habe mir eine Frist bis 2 Uhr morgens gesetzt, was ist los?“, antwortet Naroditsky, anscheinend verärgert. „Was ist der Plan?“, fragt Giannatos ruhig. Naroditsky begehrt auf: „Bitte. Ich verstehe das Problem nicht. Lass mich bitte noch ein paar Partien spielen, dann gehe ich ins Bett.“
Plötzlich spielt Naroditsky besser, gewinnt zwei Partien, die letzte davon in großem Stil. „Danya, beende den Stream“, interveniert Giannatos einmal mehr, entschiedener diesmal. „Kann ich beim nächsten Verlust aufhören?“, lautet die Antwort. Giannatos: „Nein. Ich ziehe den Stecker, wenn du es nicht beendest.“
Dann fällt der niederschmetternde Satz, der erklärt, warum Naroditsky nach zwei Siegen nicht stoppen mag: „Das Problem ist, dass ich seit der Kramnik-Sache das Gefühl habe, dass die Leute mir die schlimmsten Absichten unterstellen, wenn ich anfange, gut zu spielen.“ Giannatos: „Diesen Leuten muss man nichts beweisen.“
Naroditsky beginnt noch eine Partie, verspricht, am nächsten Tag sein Bestes zu geben, dann endet der Stream. Keine zwei Tage später wird Oleksandr Bortnyk derjenige sein, der Naroditsky leblos auf dem Sofa findet.
„Es ist ein großer Verlust. Es ist sehr traurig für uns alle, dass jemand, der so eine Bereicherung für die Schachgemeinschaft war und ein universell respektierter Mensch, an diesen Punkt gekommen ist“, sagt Magnus Carlsen in einem Interview mit TakeTake Take. Die Nummer eins der Welt offenbart, dass Naroditsky „bei zwei der wichtigsten Momente“ seines Lebens „dabei“ war – online: „Ich spielte einige Partien gegen ihn an meiner Hochzeitsnacht und im Krankenhaus, während ich auf die Geburt meines Kindes wartete. Es sagt viel darüber, wie präsent Danya im Schachleben war.“
Wie sehr der US-Großmeister geliebt, gemocht und geschätzt wurde, dokumentiert eine nicht enden wollende Zahl von Hommagen und Nachrufen. Derweil tobt die Kramnik-Debatte, durchsetzt mit drastischen Tönen. Der Weltranglistenzweite Hikaru Nakamura, selbst von Kramnik wegen Betrugs beschuldigt, sagte: „Kramnik kann in der Hölle schmoren.“
Gegen den indischen Großmeister Nihal Sarin hat Naroditsky am 18. Oktober die neun letzten Partien seines Lebens gespielt, neun von mehr als 2000 zwischen den beiden Online-Spezialisten. Sarin geht verbal weiter als die meisten anderen, als er dem Indian Express erklärt: „Kramnik hat im wahrsten Sinne des Wortes ein Leben genommen.“
WGM Nemo Zhou, besser bekannt als Streamerin akaNemsko, fordert gar, Kramnik seine Weltmeisterschaften abzuerkennen. Kurios: Zhou selbst hat ihren WGM-Titel mutmaßlich durch Cheating in der bis 2017 operierenden „Normfabrik“ Kecskemét in Ungarn erlangt.
Magnus Carlsen, in der Causa Hans Niemann Ankläger ohne Beweise, nimmt die Naroditsky-Erschütterung zum Anlass, sich geläutert zu geben: „Ich weiß, dass manche sagen werden, ich habe wenig Glaubwürdigkeit, wenn ich in solchen Dingen spreche. Und das kann ich nachvollziehen.“ Er habe gelernt, „wie schnell ein Vorwurf zerstören kann“. Darum habe er gezögert, Kramniks Angriffe auf Daniel Naroditsky öffentlich zu kommentieren. „Ich habe Danya privat unterstützt, aber wahrscheinlich hätte ich das auch öffentlich tun sollen.“
Chess.com-Chef Daniel Rensch schreibt in einem langen Nachruf:
„Danya Naroditsky war am glücklichsten, wenn er andere unterrichtete. (…) Leider ging seine Liebe zur Ausbildung anderer mit seinem Wunsch einher, anderen zu gefallen. Wenn es ihm nicht gelang, einen seiner Helden dazu zu bringen, gut von ihm zu denken, ging sein Selbstwertgefühl mit jedem Tag, jeder Woche und jedem Monat mehr und mehr verloren, ganz gleich, was so viele ihm nahestehende Menschen sagten oder taten.
Ich sage das nicht, um noch mehr Schuld zuzuweisen, als bereits online projiziert wird. Ich weiß, dass Danya wusste, dass dieser Teil von ihm sich ändern musste. Und dass ihn niemand außer ihm selbst ändern konnte. Wir haben darüber gesprochen. Er hat zugegeben, dass dieser Teil seiner Persönlichkeit schon lange vor den Angriffen existiert hat. Dass er in sich selbst Frieden schließen und finden musste, um mit den lächerlich erfundenen, negativen Gedanken der Menschen über ihn im Reinen zu sein.“
Hilfe bei Depressionen und Suizidgedanken:
Bei depressiven Gedanken oder einer seelischen Krise ist die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 erreichbar – kostenlos und anonym. Online-Beratung unter telefonseelsorge.de.
Vielen Dank für diesen ausgezeichneten Artikel!
Ich halte Kramnik für krank. – Aber ich denke, dass es sich die Community zu leicht macht, Kramnik als den Schuldigen abzustempeln.
Es ist ein Tabu, darüber zu reden, dass (stundenlanges) Blitzen und insbesondere Bullet gesundheitsschädlich sind. Die Auswirkungen auf das Herz/Kreislaufystem, den Schlafrhythmus, das Nervensystem. Spielsucht muss nicht mit online-Casinos zu tun haben. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, sich dem Thema zu widmen!
Carlson sollte wirklich besser still sein! Ein Ruf ist inzwischen so schnell zerstört.
Es ist traurig das es im Spitzenschach soweit gekommen ist. Unabhängig davon was ich persönlich
von diesen BlitzShows halte.
Herr Carlson sollte besser still sein.
Seine Fehde gegen Herrn Niemann war auch nur eine „Hexenjagd“.