Schade, MVL

Ende 2018 wird Magnus Carlsen seinen Weltmeistertitel verteidigen. Gegen wen, das klären acht potenzielle Herausforderer Anfang 2018 beim Kandidatenturnier in Berlin. Seit diesem Wochenende steht das Achterfeld fest. Einer, der Magnus ernsthaft in Schwierigkeiten bringen könnte, wird nicht dabei sein. Beim Grand-Prix-Turnier in Palma de Mallorca verpasste der Franzose Maxime Vachier-Lagrave seine letzte Chance, noch auf den Kandidatenzug aufzuspringen.

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Stets kompromisslos: Der französische Großmeister Maxime Vachier-Lagrave kann frühestens 2020 Schachweltmeister werden. (Foto: Le Parisien)

Schade eigentlich. Mut und Angriffslust kennzeichnen MVLs Spiel. Der abseits des Brettes scheue Franzose hätte das Kandidatenturnier belebt. Aber nun ist auch die vierte und letzte Möglichkeit, sich zu qualifizieren, passé:

  • Für die Qualifikation per Jahres-Durchschnittsrating hat es nicht gereicht, geschuldet einem Formtief in 2015/16, durch das er viele Weltranglistenpunkte verloren hatte und zeitweise sogar aus den Top 10 gerutscht war. Ende 2017 steht MVL wieder ganz oben, aber es zählt halt der Jahresdurchschnitt.
  • Den Ausrichter-Freiplatz bekam nicht er, sondern Ex-Weltmeister Vladimir Kramnik, geschuldet dem russischen Hauptsponsor des Turniers, der, logisch, einen Russen am Brett sehen möchte.
  • Beim World Cup hätte MVL das Finale erreichen müssen, scheiterte aber in einem hart umkämpften und bis zum Schluss auf der Kippe stehenden Halbfinale am Armenier Levon Aronian, dem überragenden Spieler des Jahres 2017.
  • Zu guter Letzt hätte MVL beim finalen Grand-Prix-Turnier mindestens alleiniger Zweiter werden müssen. Das war bis zur letzten Partie gegen den Russen Dimitri Jakovenko möglich, aber die hätte er gewinnen müssen. MVL drückte, hatte Chancen, aber am Ende überzog er und verlor gar.

Wer das Kandidatenturnier 2016 verfolgt hat, der weiß, dass auch 2018 die Teilnehmer eher risikoscheu agieren werden, weil so viel auf dem Spiel steht. Nur einer der acht Matadore wird um den höchsten Titel kämpfen dürfen, und diese Perspektive wird niemand verlieren wollen, indem er vorzeitig Brücken hinter sich abbricht und sich mit offenem Visier auf den Gegner stürzt.

„Geduldig auf Chancen warten“, wird die Devise sein. Insbesondere mit den schwarzen Steinen wird es für die meisten, womöglich alle Beteiligten zuvorderst darum gehen, solide zu stehen und nichts anbrennen zu lassen. Wenn 1.e4 auf dem Brett steht, werden wir 1…e5 sehen, gefolgt von unkaputtbaren Berliner Mauern oder drögem italienischen Herumgeschiebe. MVL wäre bei 1…c5 geblieben, hätte seinen geliebten Najdorf-Sizilianer angesteuert und auch mit Schwarz Siegchancen gesucht.

Schluss jetzt mit der MVL-Trauer, schauen wir nach vorne. Auch ohne den Franzosen wird sich in Berlin ein formidables Feld finden, um Magnus‘ Herausforderer zu küren. Mit dem aserbaidschanischen Edelzocker Shakhriyar Mamedyarov bleibt zumindest ein Spieler, dessen Risikofreude den Laden ordentlich aufmischen könnte. Sportlich ist in Abwesenheit von MVL der Favorit offensichtlich: Der seit Monaten in Galaform spielende Levon Aronian aus Armenien wird schwer zu stoppen sein.

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