Julian Assange und der Marshall-Angriff

Seine Vorliebe für das königliche Spiel hat der Wikileaks-Gründer und hauptberufliche Enthüller Julian Assange lange vor der Öffentlichkeit verborgen. Bis jetzt. Ein Schach-Tweet von Assange beschäftigt nicht nur Denksportler.

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Was Assange uns damit sagen will? Man weiß es nicht.

Die Stellung ist jedenfalls leicht zu identifizieren, sie stammt aus einer Partie zwischen dem Kubaner José Raúl Capablanca (Weltmeister 1921-27) und dem US-Amerikaner Frank James Marshall, gespielt im Jahre 1918. Nicht irgendeine Partie, sondern die Stammpartie des “Marshall-Angriffs“, der in diesem Jahr 100 Jahre alt wird.

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Frank James Marshall (links) gegen José Raúl Capablanca

Im Beitrag “Marshall verprügeln” haben wir den ebenso furchtlosen wie erfindungsreichen Frank James Marshall ja schon als Namensgeber der “Marshall-Verteidigung” kennengelernt, einer zweifelhaften Eröffnung, der nicht einmal ihr Erfinder traute.

Der “Marshall-Angriff”, ein System der Spanischen Eröffnung, erfreut sich seit 1918 bester Gesundheit. Weil die Weißspieler ihn nur allzu gern vermeiden, ist mit dem “Anti-Marshall” ein Komplex enzyklopädischen Umfangs entstanden, ein Tribut an die ungebrochene Vitalität des Marshall-Angriffs.

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Bewährt seit 100 Jahren: 8…d7-d5, der Marshall-Angriff. Weiß gewinnt zwar nach 9.e4xd5 und 10.Sf3xe5 einen Bauern, aber Schwarz bekommt dafür eine mächtige Initiative gegen den weißen König.

Die Geburt dieser Eröffnung verlief alles andere als komplikationsfrei. Jahrelang, heißt es, habe Frank James Marshall an seiner Eröffnungsidee getüftelt, bis er damit im Oktober 1918 in New York gegen den als beinahe unbesiegbar geltenden Capablanca in die Schlacht zog. Der, überrascht von 8…d7-d5 und 11…Sd5-f6, musste sich zwar bald einer substanziellen schwarzen Initiative erwehren, neutralisierte aber nach und nach das Spiel des Schwarzen und gewann am Ende dank seines Mehrbauern.

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Frank James Marshall zog einst 11…Nd5-f6. Heute spielen die Schwarzen fast immer 11…c7-c6. Bald folgt …Le7-d6, dann wird die schwarze Dame in der Nähe des weißen Königs auftauchen, und Schwarz hat Kompensation für den geopferten Bauern.

Statt Marshalls 11…Sd5-f6 spielten die Schwarzen bald vor allem 11…c7-c6, gefolgt von …Le7-d6 nebst einer Attacke auf den weißen König. Jahrzehntelang waren die schwarzen Angriffschancen gefürchtet, aber mittlerweile ist der Marshall-Angriff mit Computerhilfe so tief analysiert, dass die Theorie bis tief ins Endspiel reicht. Heute gilt der Marshall-Angriff als eine der remisträchtigsten Eröffnungen überhaupt, und das dürfte so gar nicht im Sinne seines Erfinders sein.

Die Stammpartie des Marshall-Angriffs: José Raúl Capablanca – Frank James Marshall, New York 1918

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