Karlsruhe, Ostermontagabend, kurz vor halb neun, gegen Ende des Grenke-Turniers. Nur noch vereinzelt laufen Partien, die Halle leert sich langsam. Der Schreiber dieser Zeilen steht zwischen dem Bücherstand der Chess Tigers und der „magischen“ Tür, die in den Backstage-Bereich hinter der Bühne führt, auf der die großen Stars spielen – als er unvermittelt vom vorbeieilenden Schachjournalisten Stefan Löffler (FAZ, Schachkalender) angesprochen wird: „Magst du mitkommen hinter die Bühne? Ich mach mit Hartmut Metz zusammen gleich das Sieger-Interview mit Vincent Keymer!“
Dieses außergewöhnliche Angebot, welches wohl (auch) vielen anderen Schachfans den Atem stocken lassen würde, kam völlig unerwartet, ohne Vorbereitung, und war kaum auszuschlagen. Wie es hinter der Bühne weiterging, dazu später mehr.

Seit 2016 jedes Jahr
Das Grenke-Turnier in Karlsruhe habe ich bereits ab der Erstauflage 2016 jedes Jahr an mindestens an einem der viereinhalb Turniertage zum Kiebitzen besucht. Dort selbst ans Brett hatte ich mich bislang nur im Jahr 2018 gewagt, als ich aus dem kalten und windigen Berlin, wo ich unmittelbar davor für mehrere Tage das Kandidatenturnier besucht hatte, eine saftige Erkältung ins Badische mitgebracht hatte. Spielen wollte ich damals trotzdem unbedingt, musste meine Unvernunft allerdings nach vier Runden mit dem krankheitsbedingten Turnierabbruch bezahlen.
Acht Jahre später waren die persönlichen Voraussetzungen deutlich besser. Die Übernachtung im auf der Turnierseite empfohlenen und nur wenige hundert Meter vom Spielort gelegenen ‚Motel One‘ war bereits weit im Voraus gebucht. Dort traf man jeden Morgen auf allerlei Schachprominenz wie beispielsweise GM Loek van Wely oder IM Jonny Carlstedt. Der Kampf um einen Platz am Frühstücksbuffet wirkte gleich wie ein Aufwärmtraining für die nachfolgenden Stunden am Schachbrett. Ab dem zweiten Morgen wirkte die Lage leicht entspannter, womöglich, weil mancher weitsichtige Schachfreund ab dann schon früher frühstückte.
Alles toll – bis aufs viele Schachspielenmüssen
Mein eigener Turnierverlauf (B-Turnier, klassisches Schach spielend, also nicht Freestyle) lässt sich knapp zusammenfassen. Es war alles toll – bis auf das viele Schachspielen müssen. ; – )
Neunrundige Turniere mit zwei Partien pro Tag sind eindeutig nichts für Spieler mittleren Alters, die es gern etwas ruhiger angehen lassen, zwischendurch entspannen und vielleicht noch mit anderen Schachfreunden abends um die Häuser ziehen möchten. Stattdessen traf der Schreiber dieser Zeilen auf zahlreiche hochmotivierte junge Spieler, die aus aller Herren Länder angereist waren (ich hatte Gegner/-innen aus Italien, Bulgarien, der Türkei und Norwegen) und alle riesigen Kampfgeist ans Brett brachten. Entsprechend musste Tribut gezollt werden: zwei Niederlagen, lediglich ein Sieg und sechs Unentschieden bei einem Zügeschnitt von 27 sind nicht gerade berauschend. Dazu noch die verlorenen Wertungspunkte
Davon abgesehen war aber wie gesagt eigentlich alles toll und ich kann dem in Karlsruhe vielgehörten Satz „wenigstens einmal im Leben sollte man beim Grenketurnier mitspielen“ nur beipflichten! Außerdem hat mein Notizblock am Brettrand wieder zahlreiche Inspirationen für neue Schachgedichte erhalten.
Schachgedichteschreiber Schreiner
Schachgedichteschreiber Schreiner
Zerrt und nestelt am Jackett;
Grübelt, brütet über einer
Schweren Stellung auf dem Brett.
In ihm flimmern Springerrouten.
Plötzlich wirft’s ihn aus dem Sitz,
Denn er hat ihn, einen guten
Schachgedichte-Geistesblitz!
Schreiner mag ihn rasch notieren
In den Block im Rucksackfach –
Doch er stoppt, ist am Sinnieren,
Will nicht mit dem Schiri Krach
kriegen, der mit finst‘rer Miene
Hinter seinem Spieltisch steht.
Schreiner nimmt ’ne Nektarine
Aus dem Rucksack, Schiri geht.
Schachspiel geht den Bach hinunter -
Schreiners Kopf ist nicht mehr frei;
Doch er ist vergnügt und munter,
Sein Verlust fast einerlei;
Was in diesem Fall bedeutet:
Schreiner hat sein Ziel erreicht,
Hat ein Schachgedicht erbeutet!
Schreiner schreibt’s und lächelt leicht.
Auch wenn es leider das komplette Osterwochenende zu opfern galt – es fühlte sich schon ziemlich cool an, unter einem Dach gemeinsam mit aktuellen Schachgiganten wie Magnus Carlsen, Vincent Keymer, Nodirbek Abdusattorow und lebenden Legenden wie Artur Jussupow und Gata Kamsky die Klötze zu schieben.
Rock, Pop und Noppes
Jeder Rundenbeginn wird in Karlsruhe traditionell mit lauter Rock- und Popmusik (bevorzugt aus den 80er- und 90er-Jahren) eingeleitet. Anschließend spricht Turnierdirektor Sven Noppes zu den Teilnehmenden, sowie auch immer zahlreich anwesenden Zuschauern. Danach trägt Fiona Steil-Antoni Svens Ansprache noch einmal auf Englisch vor. Im Anschluss folgt in der Regel die Vorstellung eines Ehrengastes (und manchmal folgen auch noch ein paar Worte von diesem oder dieser), bevor schließlich die Ausgangsstellung der Freestyle- bzw. Chess-960-Runde per Kugel-Entscheid im Stil einer Lotto-Ziehung ausgelost wird.
Es entwickelte sich zu meinem persönlichen Ritual, dass ich jedes dieser Rundenbeginn-Spektakel in der Schwarzwaldhalle mitfilmte bzw. Fotos machte und dann umgehend in meinen Handy-Status stellte.
Dann ging es durch die stark frequentierte Halle und den ebenso belebten Übergang zwischen den beiden Hallen, wo sich zahlreiche Schachfreunde bewegten, direkt zum eigenen Schachbrett rüber in die angrenzende Gartenhalle.
Auch dort wurde der Rundenbeginn für uns Otto-Normalspieler noch einmal zelebriert, sodass der Start im Vergleich zur vorderen (Schwarzwald-)Halle stets einige Minuten später erfolgte.
Steffens, Zeller und Pizza
Das eigenen Schachspielenmüssen habe ich ja bereits thematisiert. Nach dem Spielen standen zum Glück abendliche Restaurantbesuche mit anderen Turnierteilnehmern auf dem Programm. Am zweiten Abend ging‘s gemeinsam mit IM Frank Zeller (letztes Jahr dort zufällig kennengelernt) zum Italiener. Frank nahm auch FM Olaf Steffens ins Schlepptau, den in Schachkreisen als „vegane Schachkatze“ bekannten Blog-Betreiber, der erstmals für dieses Turnier aus dem fernen Bremen angereist war. (Er war zudem langjähriger Manager von Werder Bremens Schachbundesliga-Team und ist ebenso wie Frank ein angenehmer Zeitgenosse.)

Im „Il Teatro“ wurde noch vor der Bestellung gleich Franks kleine Holzschachbrett aufgebaut. Anschließend wurden abwechselnd Partien demonstriert – vor allem von den beiden Meistern (IM Zeller, FM Steffens). Auch in den stets gut gefüllten anderen Restaurants waren an den anderen Abenden viele Grenke-Turnierteilnehmer zu sehen. Aus Platzgründen kam man gar nicht überall hinein. Ganz Karlsruhe schien an diesen Abenden Schach zu atmen.
Beim Anblick des Holzbretts und der Schachfiguren erwähnte der Kellner, der am Samstagabend unsere Bestellung aufnahm, nebenbei, an welchem Platz U N S E R E S Tisches einst Magnus Carlsen gesessen und Pizza gegessen habe. Wow!
Besonders eingebrannt hat sich Frank Zellers Nimzoindisch-Bekämpfungs-Partie aus der fünften Runde, die sich schon nach wenigen Zügen mit weit aufgerissenem weißen Königsflügel fast wie ein Königsgambit anfühlte und im Nachhinein auch von Frank als sein „schachlicher und abendlicher Höhepunkt“ bezeichnet wurde.

Auch in einer Schach-WhatsApp-Gruppen des Autors dieser Zeilen machte sich das Schachfieber bemerkbar – durch kuriose Bilder, wie einem zufällig entstandenes Aufzug-Selfie mit Ian Nepomniachtchi.
Im Allerheiligsten der Schach-Titanen
Jetzt geht es endlich, wie bereits weiter oben angekündigt, durch die – für Nicht-Akkreditierte eigentlich undurchdringliche – Tür direkt hinter die Bühne. Eingeschleust von Stefan Löffler! Auch Olaf, der zufällig die Einladung mitbekam, durfte sich der kleinen Gruppe anschließen und somit ebenfalls ins Refugium der Schachtitanen eintreten.
Hinter der „heiligen Tür“ führte zunächst eine kurze Treppe nach oben, auf der uns die Schachlegende Peter Leko entgegenkam. Er war als Trainer von Vincent Keymer sowie als Partienkommentator für das Internet vor Ort im Einsatz. Stefan Löffler und Peter Leko kamen kurz ins Gespräch und rätselten, ob Vincent Keymers Feinwertung am Ende wohl tatsächlich für den Turniersieg vor Magnus Carlsen reichen würde.
Vom Verlauf des Freestyle-Turniers hatte ich – außer dem bereits erwähnten Runden-Eröffnungs-Brimborium – nur wenig wirklich mitbekommen, aber dass Vincent mit sechs aus sechs wie eine Rakete ins Turnier gestartet war, war selbst bis zu mir irgendwie durchgedrungen. Genau dieses Wissen brachte ich nun ein, verbunden mit der naheliegenden Mutmaßung, dass ein solcher Start sicher eine entsprechend herausragende Wertung nach sich ziehen müsse. Wow – ich hatte gerade tatsächlich mit Peter Leko gesprochen!
Tja – professionelle journalistische Distanz lässt sich aus meinen letzten Worten wohl nicht unbedingt herauslesen. Aber in diesem Moment fühlte ich mich ohnehin eher als Schachfan denn als Schachschreiber.
Schließlich erreichten wir den kleinen Raum hinter der Bühne, den ich bis dahin nur aus Videos der Karlsruher Mediencrew oder dem ebenfalls in Karlsruhe anwesenden Team von Chessbase India kannte. Ich konnte Maxime Vachier-Lagrave und „Nepo“ erspähen, sowie Turnierchef Sven Noppes und einige (weitere) Pressevertreter, unter anderem Katharina Reinecke. Und Vincent Keymer – dessen Turniersieg zu ebendiesem Zeitpunkt nun auch offiziell feststand!
Denn genau hierzu wurde er von der bereits weiter oben erwähnten Fiona-Steil-Antoni, unterstützt durch einen Kameramann, in englischer Sprache direkt vor meinen Augen interviewt. Ich lauschte gebannt, fotografierte fleißig mit und bestaunte gleichzeitig Fionas (für die offizielle Kamera nicht sichtbare) unkonventionelle Positionierung ihres linken Fußes.

Nach Fionas Interview mit Vincent waren auch schon wir an der Reihe – also eigentlich Stefan Löffler und der ebenso renommierte Schachjournalist Hartmut Metz, ergänzt durch Schachkatze Olaf und den Schreiber dieser Zeilen. Wir versammelten auf zwei Sesseln und einem Sofa um einen Tisch, in der Mitte des Sofas nahm Turniersieger Vincent Keymer Platz, eingerahmt von Stefan und Hartmut.
Ein bisschen war ich ja schon geflasht, plötzlich inmitten dieser hochkarätigen Runde dabei sein zu dürfen und hörte zunächst einfach nur still genießend zu, wie die beiden Reporter-Profis Vincent zu dessen Turniersieg löcherten. Auch Schachkatze Olaf brachte sich (nachdem er und ich von uns gegenseitig erst einige „Beweisfotos“ gemacht hatten ; -) nun ein und fragte Vincent gemäß meiner Erinnerung einige clever durchdachte Chess-960 betreffende Fragen. („Gemäß meiner Erinnerung“ deshalb, weil ich in all dem Trubel natürlich gar nicht erst auf die Idee gekommen war, irgendwas davon aufzuzeichnen.)

Schließlich wurde auch der bis dahin eher schweigsame Perlen-Schachschreiber von Stefan Löffler zum Fragenstellen animiert. Da ich von Vincents Karlsruhe-Partien kaum wirklich etwas mitbekommen hatte, fragte ich ihn stattdessen lieber, wie er der bisherigen Verlauf des gleichzeitig stattfindenden Kandidatenturniers auf Zypern und den sensationellen Start von Javokhir Sindarov beurteilen würde.
Meine Frage führte das Interview in diesen neuen Themenbereich, Stefan Löffler fügte als Folgefrage an, wie dass denn nun wirklich gelaufen sei mit den Trainingspartien zwischen Vincent und Matthias Blübaum im Vorfeld von Blübaums Teilnahme beim Kandidatenturnier. Nach meiner Einschätzung lächelte Vincent leicht schelmisch und drückte sich ein bisschen um eine klare Antwort.
Vincents Antwort auf MEINE EIGENE FRAGE habe ich mir hingegen nicht so genau gemerkt. Aber Hartmut hat sie bestimmt per Tonband aufgezeichnet – wie auch alles weitere dort besprochene. Und Stefan hat ohnehin fleißig mitstenografiert. Einer der beiden wird Vincents an mich gerichteten Antwort schon für einen eigenen Artikel verwendet und damit „gerettet“ haben. Oder die vegane Schachkatze Olaf für seinen Blog.
Nochmals vielen herzlichen Dank an Stefan Löffler fürs Einschleusen hinter die Bühne!
Und ein großes Kompliment an Sven Noppes und seine gesamte Crew fürs Stemmen dieser bombastischen Schachveranstaltung.
Nächstes Jahr werde ich bestimmt wieder am Start sein – mal sehen ob als Spieler oder als Zuschauer. Wer einmal hinter der magischen Tür war, kommt so schnell nicht mehr heraus.


Danke für diesen sehr persönlichen Einblick! „wenigstens einmal im Leben sollte man beim Grenketurnier mitspielen“ … hmm, das steht nun spätestens seit diesem Text auf meiner Bucket List! , BG, René
Tolles Turnier – schöner Bericht
Alles toll – bis aufs viele Schachspielenmüssen!
Hehe, da sagst Du was. Danke für den supertollen Bericht, Martin, der führt mich glatt noch einmal wieder zurück in den Turniersaal und alle aufregenden Tage dort. Und in die Pizzerien!
Grüße auch aus dem Norden an den ehrenwert mit sich ringenden Schachgedichteschreiber Schreiner, und seine Schiedsrichter-Nektarine!
Schachkatze Steffensen