Sie arbeiten zusammen, meistens kämpfen sie Seite an Seite und schauen einander über die Schulter – in der Nationalmannschaft, früher in der Bundesliga für Deizisau. Dass sie als Konkurrenten aufeinandertreffen, kommt nicht oft vor. Zuletzt war das im Mai bei der Deutschen Meisterschaft in München der Fall. Vincent trickste Matthias taktisch aus, hatte sich damit seines einzigen Verfolgers entledigt, und wurde souverän Deutscher Meister.












Heute beim Grand Swiss ist es wieder soweit, und es geht um nicht weniger als das Größte, was ein Schachspieler erreichen kann: die Qualifikation fürs Kandidatenturnier 2026, in dem acht Supergroßmeister den nächsten WM-Herausforderer ermitteln. Nur die ersten beiden des 116-köpfigen Feldes werden WM-Kandidat. Ein Nadelöhr, durch das die in Samarkand fast komplett versammelte Weltelite zu schlüpfen versucht.
Weltmeister Gukesh spielt in Samarkand übrigens auch mit. Der indische Wunderknabe liegt nach 9 von 11 Runden auf Platz 85. Allein daran lässt sich ablesen, wie stark das ist, was Vincent Keymer und Matthias Blübaum in diesen Tagen abliefern. Matthias führt das Feld an, Vincent liegt punktgleich, aber mit schlechterem Gegnerschnitt auf dem dritten Rang.
Matthias könnte wegen seiner Superwertung eher mit einem Remis leben als Vincent. Der hat Weiß, und er hat mit den weißen Steinen bislang jede Partie gewonnen.
Heute, in seiner wahrscheinlich letzten Weißpartie des Turniers, hat Vincent keine andere Wahl, als gegen seinen guten Kollegen auf den vollen Punkt zu gehen. Und genau da wird Matthias seine Chance wittern: Kontern, sollte sich Vincent eine Blöße geben, sollte er zu viel Luft reinlassen. Genauso hat Matthias schon die Nummer 4 und 5 der Welt besiegt, und sollte ihm heute Vincent, die Nummer 7, eine solche Chance geben, wird er sie nutzen wollen.
Und zu wem halten wir jetzt? Tja. Dilemma. Ich wünsche mir ein 1:1, fürchte aber, dass das Reglement dieses Ergebnis nicht hergibt. Wie heißt es so schön? Möge der Bessere…
Fotos: Paul Meyer-Dunker, Maria Emelianova, World Chess, Ekstraliga, Jan Werner, Matthias Wolf, DSB, Michael Walusza/FIDE
Das „Größte, was ein Schachspieler erreichen kann“ soll das Kandidatenturnier sein? – Ich würde, um ehrlich zu sein, auf den Weltmeistertitel tippen 😉
Aber ich gestehe: das Größte für mich als Schachinteressierten ist das Kandidatenturnier: Jede Menge Neuerungen, nur eine kann gewinnen, Risiko, Spannung; viel interessanter als das Abtasten bei der WM, wo sich die beiden Spieler vor den Neuerungen des anderen fürchten …