Seit 1955 jede Woche: Leonard Barden (96), Stimme des Schachs

Als deutsche Bomben auf London fallen, entdeckt im Keller des elterlichen Hauses in South Croydon ein elfjähriger Junge das Schach: Leonard Barden, Jahrgang 1929, Sohn eines Müllmanns. Zwischen Konservendosen und Notvorräten studiert er, wie die Figuren ziehen, wie sie zusammenarbeiten, lernt erste taktische Tricks. Während später die Codeknacker im Bletchley Park verschlüsselten Botschaften entziffern, wird für Barden Schach zur zweiten Muttersprache, die er meisterhaft beherrscht und seinem Mitmenschen zu vermitteln mag wie kaum ein anderer.

Bis heute. Leonard Bardens wöchentliche Schachkolumne „Leonard Barden on Chess“ im Guardian erscheint jetzt im 70. Jahr. Und geht weiter.

Der erste Turniersieg

Februar 1944: Als Aljechin und Menchik Weltmeister sind, erwähnt das British Chess Magazine zum ersten Mal einen gewissen L. W. Barden und dessen „very fine performance“. | via chesshistory.com

Das 1881 gegründete British Chess Magazine (das auch während beider Weltkriege monatlich erscheint) erwähnt Leonard William Barden 1944 zum ersten Mal. Als Alexander Aljechin und Vera Menchik Weltmeister sind, hat der Junge aus South Croydon sein erstes Turnier gewonnen, ein Schülerturnier. Vera Menchik stirbt kurz nach Bardens erstem Turniersieg, als im Juni eine der ersten V1-Flugbomben ihr Haus in London zerstört.

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Leonard Barden steigt in den Nachkriegsjahren zu einem der stärksten englischen Junioren auf. 1946 holt er den Titel bei der British Junior Correspondence Chess Championship. Ein Jahr später teilt er Platz eins in der British Boys’ Championship mit Jonathan Penrose, verliert aber den Stichkampf.

In Oxford studiert er Geschichte, führt die Uni-Mannschaft zum Titel in der National Club Championship und gewinnt 1954 die britische Meisterschaft gemeinsam mit Alan Phillips. Auf nationaler Ebene bleibt dieser Sieg sein größter Erfolg. International vertritt Barden England bei vier Schacholympiaden, in Helsinki, Amsterdam, Leipzig und Varna. Besonders 1962 in Bulgarien gelingt ihm ein starkes Resultat: sieben Siege, drei Niederlagen.

Leonard Barden in Hastings 1957. Da war er schon seit zwei Jahren Schachkolumnist für den Guardian. | Foto via John Saunders

70 Jahre Kolumne im Guardian

Sein eigentlicher Lebensweg führt nicht über Medaillen und Turniertabellen, sondern über Worte. 1955 übernimmt Barden die Schachkolumne des Manchester Guardian, nachdem der langjährige Autor Julius du Mont wegen Krankheit ausgefallen war. Am 8. September erscheint sein erster Text, ein Porträt des russischen Teenagers Boris Spasski, dem Barden große Meisterschaft bescheinigt.

Beinahe wäre diese erste Kolumne die letzte gewesen. Barden vertraut auf den Schachproblem-Experten seines Vorgängers Julius du Mont, „der noch nie einen Fehler gemacht hatte“, wie Barden jetzt berichtet. Doch diesmal ist das Diagramm verkehrt. Die Folgen sind dramatisch: Die Telefonzentrale des Guardian wird von Anrufen blockiert, und der Chef vom Dienst John Putz spricht eine offizielle Abmahnung aus. Monatelang erreichen den jungen Autor Briefe aus aller Welt, weil der Guardian Weekly das fehlerhafte Problem bis in entlegenste Gegenden trägt. Barden beantwortet hunderte Zuschriften – und rettet seine Kolumne.

So beginnt eine Serie, die ihresgleichen sucht. Seit nunmehr 70 Jahren erscheint Bardens Kolumne Woche für Woche – ohne Unterbrechung, ohne Aussetzer. Fast 4.000 Beiträge schreibt er, immer pünktlich abgegeben, immer zugänglich in der Sprache und präzise im Urteil. Bardens Gespür für Entwicklungen zeigt sich schon im ersten Artikel: Boris Spasski wird Weltmeister – und Barden hat schon im Blick, wer Nachfolger sein könnte. 1975 prophezeit er, dass der damals elfjährige Garry Weinstein, später Kasparow, Weltmeister wird. Allerdings verschätzt sich Barden um fünf Jahre. Den Titelgewinn erwartet er 1990.

Nicht nur im Guardian, auch im Evening Standard schreibt er 63 Jahre lang sogar eine tägliche Schachkolumne, bis 2020. Damit hält er gleich zwei Weltrekorde: die längste wöchentliche und die längste tägliche Schachkolumne eines Autors. Den für die längste wöchentliche hat er gerade erst erreicht. Bis vor kurzem hielt diesen Rekord der Ire Jim Walsh, der fast 70 Jahre lang von 1955 bis 2025 für die Irish Times eine Kolumne schrieb.

Erfolge am Brett

Auch wenn er später vor allem als Autor wirkt, bleibt Barden am Brett ein starker Spieler. In Hastings 1957/58 landet er hinter Größen wie Paul Keres, Svetozar Gligorić und Miroslav Filip auf Platz vier – seine statistisch beste Leistung. In der britischen Meisterschaft 1958 teilt er erneut den ersten Rang, verliert aber das Playoff gegen Jonathan Penrose.

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Jeff Sonas’ nachträgliche Berechnungen auf chessmetrics.com geben ihm für Januar 1958 ein Rating von 2497, Rang 187 der Welt. Titel und Großturniersiege bleiben ihm verwehrt, auch weil er früh die journalistische Laufbahn über das eigene Spiel stellt. Er selbst sagt später, dass er beim bei britischen Meisterschaften oft entscheidende Partien verloren hat, weil auf ihm die Bürde lastete, während des laufenden Turniers darüber schreiben zu müssen (bzw. wollen).

Begegnungen mit den Großen

Auch ohne Weltklassestatus sitzt Barden legendären Gegnern gegenüber. 1961 hat er gegen Weltmeister Michail Botwinnik die Chance auf ein Remis, übersieht jedoch den rettenden Zug. Als Michail Botwinnik lässig seine Krawatte richtet – sein berüchtigtes Signal, dass er die Stellung im Griff hat – , weiß Barden, es ist um ihn geschehen.

1954 trifft er auf Mark Taimanov, dem er Jahrzehnte später einen Nachruf widmet, den er selbst als seinen besten Guardian-Text bezeichnet. Intensiv in Erinnerung ist ihm seine Begegnung mit Bobby Fischer, den er 1960 in seinem Londoner Haus empfängt. Dort spielen sie ein Blitzmatch. Bobby Fischer gewinnt 12,5:1,5, doch Barden schnappt sich immerhin eine Partie und ein Remis. „English weakie, das war die letzte Partie, die du gegen mich gewinnst“, soll Fischer nach seiner einzigen Niederlage gespottet haben.

Gemeinsam mit Fischer nimmt er 1960 an einer besonderen BBC-Sendung teil: einer Konsultationspartie gegen Jonathan Penrose und Peter Clarke, die von Ex-Weltmeister Max Euwe als Remis gewertet wird. Es bleibt die einzige aufgezeichnete Konsultationspartie in Fischers Karriere. Damals sei Fischer noch bei Sinnen gewesen, erklärte Barden jetzt dem Guardian, der ihm und seiner Kolumne einen ausführlichen Beitrag gewidmet hat.

Die „Barden babes“

Als Förderer prägt Barden den Schachboom in England. Anfang der 1970er-Jahre überzeugt er den Finanzier Jim Slater, die Jugendförderung großzügig zu unterstützen. Slater rettet 1972 das WM-Match Fischer-Spasski, indem er den Preisfonds verdoppelt. Wenig später setzt er als Anreiz Prämien für englische Nachwuchsspieler aus, die es schaffen, Großmeister zu werden. Tony Miles wird der erste. Andere wie Michael Stean, John Nunn oder Jonathan Mestel folgen.

Zu den „Barden babes“ zählt zeitweilig sogar eine Deutsche. Jutta Hempel, Wunderkind aus Flensburg, erregt seit Mitte der 1960er Aufsehen, als sie schon im Vorschulalter simultan spielt und später blind gegen Erwachsene gewinnt. Bardens Kolumne trägt dazu bei, dass sie in England fast bekannter wird als in ihrer Heimat. Doch während Talente wie Nigel Short oder Tony Miles ihren Weg in die Weltspitze finden, endet Hempels Karriere abrupt: Mit 17 zieht sie sich vollständig vom Schach zurück. Zeitweise hat sie gar ihre Identität unter neuem Namen verheimlicht. Heute macht Jutta Nissen-Rix kein Geheimnis mehr aus ihrer Geschichte.

Barden organisiert Juniorenturniere, berechnet in Eigenregie Weltranglisten für Jugendliche, lädt Kinder zu Simultanveranstaltungen ein und führt sie an die schachliche Meisterschaft heran. In seinen Kolumnen preist er ihre Leistungen. Miles, Stean oder Nunn gelten deswegen als die „Barden babes“.

Auch weitere Talente wie Nigel Short, Michael Adams, Matthew Sadler, Luke McShane begleitet er auf ihren Wegen. Ohne Bardens Netzwerke, Sponsoren und beharrliche Überzeugungsarbeit hätte sich der englische Schachboom der 1970er und 1980er nicht eingestellt.

Die „Barden babes“, stets ins Rampenlicht gestellt von ihrem Förderer. | via chesshistory.com

Die längste Serie

Heute, im Alter von 96 Jahren, schreibt Barden immer noch. Jede Woche liefert er seine Kolumne beim Guardian ab. Die Rezeptur seines Schaffens erklärt er so: harte Arbeit, Angst vor Deadlines und Glück. Beim Schreiben denkt Barden zuerst an die Lesenden und vollführt wöchentlich einen Spagat: Einsteiger sollen verstehen, Experten Neues entdecken. In jedem Text steckt eine Anekdote, eine prägnante Beobachtung.

Wer Barden liest, spürt die ungebrochene Liebe zum Spiel. Und er spürt, anders als bei anderen langgedienten Kolumnisten, dass Barden am Ball ist und weiß, was läuft. Wo andere Altes immer neu aufbereiten, entgeht Leonard Barden natürlich nicht die Galavorstellung inklusive Glanzkombination von Supertalent Yagiz Kaan Erdogmus (14) beim Grand Swiss. Gestern, am 12. September 2025, hat er sie zum Thema seiner Kolumne gemacht.

Bis heute spielt er regelmäßig Blitzpartien online, 3+2 Minuten auf Lichess, mit einer Wertung über 2000. Und noch immer schaut er in die Zukunft: Kasparow nennt er den größten Spieler der Geschichte, hält aber die Tür offen für Magnus Carlsen. Sollte dieser sein Niveau weitere fünf Jahre halten, wäre der Norweger der Größte.

Sein eigenes Leben und seine Lebensleistung beschreibt Barden mit Bescheidenheit. Den „Order of the British Empire“, eine Art britisches Bundesverdienstkreuz, lehnt Leonard Barden ab, obwohl er ihm angeboten wird. Barden betont stets die Rolle anderer, etwa des früh gestorbenen Talents Gordon Crown, der ein besserer Spieler und Schreiber gewesen sei.

„Leonard Barden hat mehr für das britische Schach getan als jeder andere seit Howard Staunton“, sagt der britische TV-Moderator und Schachförderer Brian Walden. | Foto: British Chess Magazine
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Tara
Tara
4 Monate zuvor

Klasse Bericht! Wo liest man solche Artikel sonst noch?! Danke!

Walter Rädlerq
Walter Rädlerq
4 Monate zuvor

Wieder einmal eine wunderschöne, kostbare Perle, gefischt aus den Tiefen des Bodensees! DANKE!

acepoint
4 Monate zuvor

Was für eine wunderschöne Perle! Wert, in ein paar Jahren wieder hervorgeholt und nochmal gelesen zu werden.