Siegbert Tarrasch: die Helene Fischer der Schachpublizisten

Anderswo erfahren Meister ihres Fachs Respekt und Anerkennung. Nur die Deutschen erfreuen sich daran, Landsleute zu verspotten, die ihr Handwerk, ihr Geschäft und/oder ihre Kunst meisterhaft beherrschen und damit Erfolg haben.

Siegbert Tarrasch war Weltklasse, in mancher Hinsicht seiner Zeit voraus und hat obendrein instruktive Lehrbücher geschrieben, in denen er seine Erkenntnisse teilte. Aber der Doktor aus Breslau war eben auch ein schlechter Verlierer, der seine Feindschaften pflegte und sich schwer damit tat, die Klasse und die Erkenntnisse anderer anzuerkennen. Und darum ist Siegbert Tarrasch heute weniger ein deutscher Schach-Held und mehr die Helene Fischer der Schachpublizisten.

Düsseldorfer Seeklima

Tarraschs Errungenschaften werden selten gepriesen, aber stets wird munter auf ihn eingedroschen. Tarraschs (erfundenes?) Zitat vom “Düsseldorfer Seeklima”, mit dem er eine Niederlage gegen Emanuel Lasker entschuldigt haben soll, hängt ihm seit mehr als 100 Jahren an wie dem FIDE-Präsidenten Kirsan Iljumschinow seine vermeintliche Begegnung mit Außerirdischen.

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Emanuel Lasker

Vor einiger Zeit haben wir im Beitrag “Tarrasch und sein Lieblingsfeind” einen Kulturkampf beleuchtet, ausgefochten eingangs des 20. Jahrhunderts zwischen den “Klassikern”, angeführt von Siegbert Tarrasch, und den “Hypermodernen”, angeführt von Aaron Nimzowitsch.

Tarrasch und Nimzowitsch haben manche Beleidigung ausgetauscht (“mittelmäßige Geisteshaltung”), und doch mag unser der Titel “Lieblingsfeind” überzogen gewesen sein, weil Tarrasch seine Fehde mit Emanuel Lasker (Weltmeister 1894-1921) womöglich noch intensiver pflegte als die mit Nimzowitsch.

Tarraschs „Das Schachspiel“ (1931) hat ein wenig Staub angesetzt, funktioniert aber neben seinem historischen Wert weiterhin als Lehrbuch. Und bei weitem nicht als das schlechteste.

Nicht einmal Johannes Fischer, wahrscheinlich der kultivierteste aller deutschen Schachschreiber, kann sich gänzlich vom Tarrasch-Bashing freimachen. Aber er beleuchtet in einem lesenswerten Beitrag für Chessbase die Fehde Tarrasch-Lasker und zeigt eine viel debattierte Partie, in der Tarrasch seinen Widersacher erst vom Brett fegte und dann nach einem Bluff(?) Laskers auf mysteriöse Weise den Faden verlor.

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Johannes Fischer über die Fehde Siegbert Tarrasch vs. Emanuel Lasker.

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Ralf Mulde
Ralf Mulde
3 Jahre zuvor

Tarrasch, an dessen Doktor-Titel mindestens erhebliche Zweifel herrschen, war nicht nur mit Em.Lasker und Nimzowitsch über Kreuz, sondern auch mit einem der größten Eröffnungs-Theoretiker der Schachgeschichte, dem Rumänen Adolf Albin. Der sah ein wenig aus wie ein Zirkus-Direktor, war aber ein Meister der ersten Reihe. Die beiden Herren verabredeten ein Trainings-Match und die “Nebenabrede” (dieses Wort hat seit einiger Zeit wieder Konjunktur im deutschen Schach) kam man vielleicht überein, dass die Partien nicht veröffentlicht werden sollten, sie dienten ja der Turnier-Vorbereitung. Albin war das wohl kurz entfallen, so dass er einen netten Sieg nebst Kommentaren veröffentlichte – mit der Folge,… Weiterlesen »

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[…] WM-Match 1908, Lasker gegen Tarrasch. Die ersten vier Partien im Düsseldorfer Seeklima liefen schlecht für Tarrasch, danach zogen die Herren und ihr WM-Kampf nach München um. Als […]

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[…] große Siegbert Tarrasch hat drei dieser Schicksalsschläge hinnehmen müssen. Aus erster Ehe hatte er zwei Töchter und drei […]