Betrug im Schach ist ein gängiges Phänomen. Meist geht es um unerlaubte Computerhilfe. Der Klassiker: während der laufenden Partie auf der Toilette mit dem Smartphone analysieren. Nach einer Studie, die auf einer Umfrage unter 1924 deutschen Vereinsspielerinnen und -spielern basiert, haben etwa sieben Prozent der Schachamateure schon am Brett betrogen. In aller Regel geht es ihnen darum, besser zu spielen, als sie es ohne Hilfe könnten.
Kaum einmal stehen Fälle von „Sandbagging“ im Fokus, also das absichtliche Verlieren von Partien, um die eigene Wertungszahl künstlich zu senken. Genau das wirft die FIDE nun dem früheren chinesischen Wunderkind Li Haoyu vor – und verhängt eine sechsmonatige Sperre.

Früher Wunderkind
Der heute 36-Jährige stammt aus Tianjin, einer 14-Millionen-Metropole im Norden Chinas, unweit von Peking und einem der wichtigsten Industrie- und Hafenstandorte des Landes. In den späten 1990er-Jahren war er gemäß einem Bericht von chess.com einer der größten Hoffnungsträger des chinesischen Schachs. Bereits mit zehn Jahren erreichte er eine Elo-Zahl von 2393 – ein Niveau, das selbst heute in diesem Alter außergewöhnlich wäre.
Li gewann mehrfach die nationalen Jugendmeisterschaften (U10 1998 und 1999, U12 2001 mit 11/11) und besiegte bei internationalen Nachwuchsturnieren spätere Weltklasse-Großmeister wie Maxime Vachier-Lagrave, Sergei Zhigalko und Wang Hao. 1999 wurde er Vizeweltmeister U10 hinter Dmitry Andreikin. Trotz dieser Erfolge erhielt er nie einen FIDE-Titel und zog sich bald aus dem Profibereich zurück, um sich auf Studium und Beruf zu konzentrieren. Zwischen 2012 und 2022 spielte er überhaupt nicht.
Das verdächtige Comeback
Sein Comeback 2022 verlief zunächst spektakulär: In der Chinesischen Liga besiegte er mit den schwarzen Steinen den 2575er-GM Li Di in einer sehenswerten Partie. Ein Jahr später fiel er nicht durch Siege, sondern durch eine Serie unerklärlicher Niederlagen auf.
Zwischen August 2023 und August 2024 sank seine Elo-Zahl von 2372 auf 1979 – fast 400 Punkte Verlust in 12 Monaten. Besonders auffällig: Bei zwei Turnieren im August 2024 verlor er 13 Partien in Folge, meist gegen Gegner, die 400 bis 500 Punkte niedriger eingestuft waren, und ohne nennenswerten Zeitverbrauch. Laut Schiedsrichterbericht beendete er Partien oft mit deutlich mehr als einer Stunde Restzeit. Die FIDE-Kommission bezeichnete seine Erklärungen – er habe wie Ding Liren versucht, durch schnelles Spiel Zeitdruck beim Gegner zu erzeugen – als „unlogisch“ und stellte fest, dass diese Taktik in allen verlorenen Partien völlig wirkungslos blieb.
Die Untersuchung
Die Fair-Play-Kommission und die Ethics & Disciplinary Commission kamen zu dem Schluss, dass nur ein absichtliches Verlieren die Resultate erklären könne. Professor Kenneth Regan, einer der weltweit führenden Experten für Schachbetrug, bescheinigte in einem Gutachten eine „deutlich schwache Leistung“, die statistisch nicht mit normalem Spielverhalten vereinbar sei. Zwar basierte die Entscheidung formell nicht auf Regans Daten, sie deckten sich aber mit der Einschätzung der Kommission.
Als mögliches Motiv nennt das Urteil nicht explizit ein bestimmtes Turnier oder eine geplante Teilnahme. In der Begründung wird jedoch erläutert, dass ein künstlich gesenktes Rating im Schach klare Vorteile bringen kann – etwa um in schwächeren Ratinggruppen mit höherer Preisgeldchance zu starten oder in Ligen an hinteren Brettern gesetzt zu werden, wo schwächere Gegner warten. Für Li, der als Trainer im Chaoyue Chess Club (gegründet von den GM Li Chao und Wang Yue) tätig ist, hätte eine niedrigere Zahl die Tür zu Amateurturnieren geöffnet, in denen er trotz geringer offizieller Elo ein klarer Favorit wäre.
Das Urteil – nicht einstimmig
Nicht alle Mitglieder der Kommission stimmten zu: EDC-Mitglied Khaled Arfa sprach sich für Freispruch aus, da es keine direkten Beweise gebe und Lis zehnjährige Pause vom Turnierschach seine schwachen Leistungen erklären könne. Die Mehrheit sah jedoch die Integrität des Spiels verletzt und sperrte Li rückwirkend ab dem 31. Juli 2025 für sechs Monate. Er darf bis Anfang Februar 2026 keine FIDE-gewerteten Turniere bestreiten.
Li hat 21 Tage Zeit, Berufung einzulegen.
Naja, dies sind wenige Fakten um das Behauptete zu beweisen. Man hätte ja abwarten können und ihn bestrafen wenn er versucht hat Vorteil aus seiner schlechten Zahl zu ziehen.
Es gibt auf der anderen Seite offensichtliche Fälle wie GM Ramil Hasangatin 2004. In der FIDE-Statistik findet man den verwunderlichen Spring seiner Rating von 2500 auf 2350 und zurück auf 2500. Dabei sollte man wissen, dass in dieser Zeit das topdotierte Aeroflot-Open unter 2400 stattfand. Dummerweise hat er dort nichts gewonnen… Passiert ist ihm aber auch nichts.
„Nach einer Studie, die auf einer Umfrage unter 1924 deutschen Vereinsspielerinnen und -spielern basiert, haben etwa sieben Prozent der Schachamateure schon am Brett betrogen. In aller Regel geht es ihnen darum, besser zu spielen, als sie es ohne Hilfe könnten.“
Eben nicht. Nach dieser Studie bestand der überwiegende Teil (80 von 130) dieses vermeintlichen „Cheatings“ darin, sich vor der Partie mit dem/der Gegner*In auf das Ergebnis (vermutlich remis) geeinigt zu haben.
Für mich etwas anders als „Cheating“.
Da muss man allerdings die Frage stellen, warum die Partien überhaupt gewertet wurden, wenn Betrug vorgelegen haben soll. Das Ziel, eine niedrigere Elozahl, könnte ja leicht verhindert werden. Ansonsten muss man sich schon wundern, womit man sich bei der FIDE befasst. Die Begründung über das Motiv ist doch an den Haaren herbeigezogen. Die angeblich lukrativen Amateurturniere gibt es gar nicht. Eigentlich hätte man ja in dem Urteil schon erwartet, dass ein solches Turnier angegeben wurde, dass der Spieler erfolgreich bestritten hat. Wenn ein oder zwei Amateurturniere gewonnen werden, verbessert sich die Elo-Zahl ja wieder. Dann müsste die Elozahl wieder gesenkt… Weiterlesen »