Wesley Sos selbsterfüllende Prophezeiung

1.f3, eine Eröffnung, die die weiße Stellung nicht besser macht: Vernachlässigt die Entwicklung (behindert sie sogar), schwächt die Königsstellung. Mit diesem Patzerzug begann Magnus Carlsen am Dienstag sein Match gegen Wesley So, das Finale der chess24-Banterserie.

Vor dem Match hatte der Weltmeister mit Freunden zusammengesessen, und die fragten, warum sie zuschauen sollen. „Ich wollte ihnen einen Grund geben dranzubleiben, darum 1.f3“, erklärte Carlsen, nachdem er So besiegt hatte. „Außerdem wollte ich Spaß haben.“

Nicht nur Magnus Carlsens Freunde haben zugeschaut, auch ich verfolgte die von Carlsen live kommentierten Partien, anstatt das Match aus der Perspektive von Wesley So zu sehen. Natürlich schätze ich den US-Amerikaner als unterhaltsamen und objektiven Kommentator, aber wenn ich die Wahl habe, entscheide ich mich für den Weltmeister.

„In Norwegen nennen wir diese Eröffnung ‚Der Grieche‘“, erläuterte Carlsen den verblüfften Zuschauern – und ließ auf 1…e5 2.Kf2?! folgen. Sein Grinsen verbarg der Weltmeister hinter seinem Zeigefinger, mit dem er seine Unterlippe verdeckte. Bei diversen Blitz- oder Bullet-Events hatten wir von ihm (oder Hikaru Nakamura) Züge dieser Art gelegentlich gesehen. Nun stellte Carlsen so einen Quatsch in einem Wettkampf aufs Brett, bei dem der Sieger 12.000 Dollar gewinnen würde. 

https://twitter.com/sethuramanchess/status/1311132571560865792
Der Grieche? Ein Untersystem des Bongcloud? Oder „Fried Fox Attack“? Wie 1.f3 nebst 2.Kf2 heißt, darüber sind sich die Fachleute noch nicht einig.

Nach seinen ersten beiden Zügen erinnerte ich mich an meine Anfängerzeiten im Schachklub. Ein Mitspieler, der uns anderen um einiges überlegen war, machte damals beim Blitzen auch mal Mätzchen wie 1…f6, 2….Kf7 und ging ungestraft mit seinem König auf dem Brett spazieren, um die eigene Stärke zu demonstrieren. Der Jugendleiter wies ihn zurecht, derartige Demonstrationen zu unterlassen. Aber wenn es sich um einen Weltmeister handelt, gibt es keinen, von dem dieser sich zurechtzuweisen ließe. Und ich gebe zu, ich musste ja schmunzeln.

„Er hat die Eier!“

Unwillkürlich dachte ich an das Halbfinale Brasilien-Deutschland bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2014, wo Bundestrainer Joachim Löw seine 5:0 führende Mannschaft anwies, den taumelnden Gegner in der zweiten Halbzeit nicht auch noch durch irgendwelche Zaubertricks zu demütigen.  

Carlsen-So nach 8.Se2.

Nach den weiteren Zügen 2…d5  3.e3 Sc6 4. Lb5 Se7 5. d4 a6 6. La4 exd4 7. exd4 Sf5 8. Se2 dachte Carlsen laut nach: „Falls jetzt 8…Ld6 kommt, werde ich wahrscheinlich auf c6 abtauschen und dann Lf4 spielen.“ Nach kurzer Pause ergänzte er: „Oder ich spiele direkt Lf4.“ Als schließlich das erwartete 8…Ld6 auf dem Brett stand, warf er seinen vorgefassten Gedanken über Bord. Carlsen erklärte, wenn er jetzt schon so provokativ begonnen habe, wäre es sinnvoll, in diesem Sinne fortzusetzen. Mit 9.c3 ließ er den nächsten Nicht-Entwicklungszug folgen (der immerhin dem im Abseits verharrenden La4 einen Weg zurück in die Partie bahnt). 

Wenig später schloss Carlsen aller Nicht-Entwicklerei zum Trotz die Entwicklung dennoch ab, glich die Partie aus und knöpfte seinem Gegner am Ende sogar den ganzen Punkt ab. Nach dieser Duftmarke gleich zum Auftakt gelang es ihm, die zweite Partie zu gewinnen. Obwohl Wesley So im weiteren Verlauf nach Kräften dagegenhielt, geriet Carlsens Matchsieg nicht mehr ernsthaft in Gefahr. 

Als das Match vorüber war (Carlsen siegte 5,5:3,5), interessierte mich die Reaktion von Wesley So auf die Eröffnungs-Provokation in der Auftaktpartie. Also schaute ich mir diese Partie noch einmal mit den Kommentaren von Wesley so an. Der bekam sich nach den ersten beiden Zügen vor Lachen kaum ein. „Er hat die Eier und spielt 1.f3 und 2.Kf2! Falls er diese Partie gewinnt, sollte ich definitiv vom Schach zurücktreten!“, sprach So in die Kamera und lachte noch eine Weile weiter.

Ich fragte mich, ob er mit seiner Anmerkung, dem Erwähnen der Möglichkeit einer Niederlage, nicht schon den Grundstein für diese gelegt hatte? Eine selbsterfüllende Prophezeiung? Ich bilde mir ein, dass einem Magnus Carlsen bei all den saloppen Sticheleien (Banter halt), die er beim Kommentieren verzapft, ein Satz dieser Art niemals rausrutschen würde. 

Zwei weitere Äußerungen von Wesley seien erwähnt. Er dachte während der laufenden ersten Partie laut darüber nach, in der nächsten Partie selbst mit 1.f3 zu beginnen, sich also auch noch den Willen des Gegners überstülpen zu lassen (er tat es dann doch nicht). Außerdem bezeichnete er Carlsen als klaren Favoriten. Hikaru Nakamrua sei der einzige, der momentan mit Carlsen im Blitzschach konkurrieren könne. Hikaru würde Magnus einen „besseren“ Kampf liefern, sagte So schon, als das Match gerade begonnen hatte. Aber statt Hikaru sei nun einmal ER sei derjenige, der sich für dieses Finale qualifiziert habe, und ER werde nun wie ein Löwe kämpfen.

„Optimismus klingt anders“, dachte ich mir.  

Negatives Denken vor einem Schachwettkampf oder Sprüche der Art „Ich hatte Vorteil, aber am Ende hat er halt doch gewonnen“ kennt jeder Wald-und Wiesen-Klötzchenschieber entweder von sich selbst oder anderen Schachfreunden. Und selbst die Koryphäen sind nicht vor selbsterfüllenden Prophezeiungen gefeit.

Denken wir nur an Kasparows berühmten Ausspruch über seinen ehemaligen Schüler Wladimir Kramnik, dieser würde einmal sein Nachfolger als Weltmeister werden. Bis vor dem WM-Match 2000 hatte Kasparow den besten Lauf seiner Karriere. 1999 erreichte er sein Elo-Allzeithoch von 2851, im selben Jahr spielte er seine „Unsterbliche“ gegen Topalow.

Im zweiten Teil unseres Kramnik-Dreiteilers geht es unter anderem um sein Match, in dem Vladimir Kramnik ebenso überraschend wie verdient Garry Kasparow entthronte.

Was dann im Jahr 2000 passierte, wissen alle Schachanhänger: Kasparow, der als klarer ELO-Favorit (2849) in das WM-Match gegen Kramnik (2770) ging, kam nicht einmal in die Nähe eines Partiegewinns. Er verlor das Match sang- und klanglos mit 6,5:8,5. Hatte er das Fundament für diese Niederlage schon Jahre zuvor gelegt, als er sagte, er sehe in Kramnik seinen Nachfolger? 

„Du musstest verlieren“

Ein weiteres zum Thema passendes Beispiel berichtete IM Frank Zeller einst freizügig hier: Als er 2006 in der Schweizer Schachliga auf den zweimaligen Vize-Weltmeister Viktor Kortschnoi traf, nahm er zur Partie ein Buch von Kortschnoi mit. Zeller hoffte, dass dieser es ihm nach der Partie signieren würde. Allerdings vermutete Zeller, dass er die Unterschrift nur bekommen würde, wenn er die Partie verliert, da Kortschnoi Niederlagen nur schwer verkraftete.

Es kam wie es kommen musste: Zeller erreichte eine Gewinnstellung – die ihm entglitt. Am Ende verlor er, bekam aber wie gewünscht sein Autogramm. „Du musstest verlieren, um dein Autogramm zu bekommen“, bekam Zeller anschließend von seiner Frau, einer Psychotherapeutin, erklärt. 

Wesley So mit Perlen-Autor Martin Hahn beim Kandidatenturnier 2018 in Berlin. | Foto: privat

Das für mich äußerst lehrreiche Buch „Schach mit neuem Schwung“ von Jeremy Silman habe zwar immer noch nicht komplett durchgeackert, aber als ich damit vor einigen Jahren begann, hat es meine Art des Schachspielens und des Denkens darüber grundlegend verändert – und mir einen Leistungssprung gebracht.

Im Kapitel „Macho-Schach/Die Kunst der Beharrlichkeit“ erläutert der Autor, wie wichtig es ist, beim Schachspielen Mantras wie „Ich finde einen Weg!“ und „Ich muss!“ zu verinnerlichen. Grundvoraussetzung dafür ist eine positive Einstellung: „Ich tue, was ich will, egal, was Du sagst“ führt oft zu einem Grad geistiger Dominanz, den Sie vielleicht nie für möglich gehalten haben.

Ob der ehemalige Weltranglistenzweite Wesley So das Buch seines Landsmanns Silman kennt? „Die innere Gier umarmen“ heißt ein weiteres wichtiges Kapital dort.

Einen Wettkampfverlauf vorher realistisch betrachten zu können, ist schön und gut. Aber hätte So sich statt seiner oben erläuterten Gedanken nicht besser positive Erlebnisse in Erinnerung rufen sollen? Seinen 2019 errungenen Sieg gegen Carlsen im Finale der Chess 960 beispielsweise? Seinen Turniersieg in Wiijk an Zee 2017 einen ganzen Punkt vor den Norweger? Seinen Partiegewinn gegen den von So selbsternannten Favoriten beim Norway Chess 2018? 

Wer weiß, vielleicht wäre Carlsen der Spaß vergangen.

„Hat mir einen Leistungssprung gebracht“: Jahre später hat Perlen-Autor Martin Hahn Silmans Strategie-Standardwerk immer noch nicht vollständig durchgeackert. Davon profitiert hat er trotzdem schon.
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