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Interregnum: Inside the Grueling and Glamorous Battle to Become the Next King of Chess

„Interregnum": Schach in der Ära nach Carlsen

Buchrezension im New Yorker, 26. April 2026 (Abo)

Ein junger indischer Weltmeister, eine Generation von Spielern, die mit Computern aufgewachsen sind, und die unbeantwortete Frage, was menschliche Stärke im Zeitalter der Maschinen noch bedeutet – das sind die Koordinaten von Jordan Himelfarbs neuem Buch „Interregnum: Inside the Grueling and Glamorous Battle to Become the Next King of Chess". Das schreibt The New Yorker.

Das Buch begleitet die weltbesten Schachspieler durch das Jahr 2024, während sie um das Recht kämpfen, Weltmeister Ding Liren herauszufordern. Im Mittelpunkt steht Gukesh Dommaraju, der jüngste Weltmeister der Geschichte, der in Chennai aufwuchs und als Kind davon träumte, den WM-Titel nach Indien zurückzuholen.

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Training gegen den Strom

Gukeshs Werdegang unterscheidet sich von dem seiner Altersgenossen: Sein Trainer Vishnu Prasanna verzichtete bei der Ausbildung junger Spieler auf Computerprogramme. Gukesh begann erst nach dem Erreichen des Großmeistertitels – mit zwölf Jahren, sieben Monaten und sieben Tagen, als zweitjüngster Spieler der Geschichte – mit computergestütztem Training. Ergänzt wurde die Vorbereitung durch intensive Arbeit mit einem Mentalcoach und Meditation vor den Partien.

Porträts einer Generation

Himelfarb zeichnet neben Gukesh weitere Spielerporträts: Wesley So als träumerischer Idealist, Hikaru Nakamura als Provokateur, der seinen Ruhm als Streamer höher bewertet als jeden Schachtitel, Fabiano Caruana als präziser Wissenschaftler, Anish Giri hinter einem Schleier aus Ironie, und der amtierende Weltmeister Ding Liren, der nach seinem WM-Titel 2023 in eine Depression fiel. Magnus Carlsen, der 2022 auf eine WM-Teilnahme verzichtete, überschattet das Geschehen weiterhin.

Mensch gegen Maschine – eine offene Frage

Das Buch stellt die veränderte Rolle von Computern im Schach ins Zentrum: Großmeister verbringen heute viele Stunden damit, maschinell errechnete Zugfolgen auswendig zu lernen. Gleichzeitig zeigt das Beispiel Gukesh, dass analoges Grundlagentraining eine andere Art von Spielstärke hervorbringen kann – eine, die unter Druck standhält.

Das Buch endet mit dem WM-Finale zwischen Ding und Gukesh, das in einer dramatischen Schlusspartie entschieden wird. Kaum ist Gukesh als jüngster Weltmeister der Geschichte gekürt, stellt sich seine Dominanz als fragil heraus: In der Folgezeit fiel er aus den Top Ten der Weltrangliste. Ein neuer Herausforderer ist bereits in Erscheinung getreten: Javokhir Sindarov, 20 Jahre alt, der das Kandidatenturnier mit Rekordpunktzahl gewann.

Schach und der Preis des Gewinnens

The Walrus, 21. April 2026, Jordan Himelfarb

Schach zerstört keine Geister – aber es zermürbt sie. Das schreibt das kanadische Magazin The Walrus, das jetzt einen Auszug aus  "Interregnum" veröffentlicht hat. Die mentalen Belastungen, über die Spitzenspieler zunehmend sprechen, haben wenig mit dem romantischen Bild des vom Wahnsinn getriebenen Genies zu tun. Es geht um Einsamkeit, Versagensangst und ein Berufsleben, das keinen Ausweg lässt.

Die Last des Berufs

Wesley So, einer der stärksten amerikanischen Großmeister, saß im Sommer 2023 beim World Cup in Baku über einem hoffnungslosen Stellungsbild und dachte ans Aufhören. Wochenlang hatte ihn ein rasendes Herz und kreisende Gedanken begleitet. Nach seiner Niederlage sagte er: „Sometimes my mind wanders and won't co-operate, even when I tell it to. When it turns off like that, I feel stress because I don't like to disappoint people."

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So ist kein Einzelfall. Die Struktur des professionellen Schachs macht Erschöpfung fast unvermeidlich. Es gibt keine Pause zwischen den Saisons. Die Zeitkontrollen und Turnierformate wechseln von Veranstaltung zu Veranstaltung. Und die künstliche Intelligenz hat das Vorbereitungspensum ins Unkalkulierbare gesteigert: Was heute als Eröffnungsvariante gilt, ist nach einer Partie bereits überholt. Nur etwa zwanzig Spieler weltweit verdienen pro Jahr mehr als 100.000 Dollar aus Turnieren – für alle anderen rechnet sich der Aufwand kaum.

Der ungarische Großmeister Richárd Rapport brachte es nach einer Niederlage 2022 so auf den Punkt: „I wish I had chosen something else. If I had put a similar amount of time and energy over the years, I think I would be a happier person."

Misstrauen als Systemproblem

Neben der persönlichen Erschöpfung vergiftet eine Atmosphäre des Verdachts die Schachgemeinschaft. Betrugsvorwürfe sind so alt wie das Spiel, aber sie haben sich verändert. Einst waren sie vereinzelt und meist unbelegbar. Heute sind sie systemisch.

Der Wendepunkt kam 2022, als der neunzehnjährige Amerikaner Hans Niemann den Weltranglistenersten Magnus Carlsen beim Sinquefield Cup schlug und Carlsen daraufhin das Turnier verließ – ohne Erklärung, die er durch ein Mourinho-Video ersetzte. Die implizite Botschaft war klar. Niemann räumte später ein, in zwei Online-Turnieren mit einer Engine betrogen zu haben – mit zwölf und mit sechzehn Jahren. Über einen Betrug am Brett bestritt er jede Beteiligung.

Carlsen begründete seine Haltung schließlich in einer öffentlichen Erklärung: Niemann sei trotz Betrugshistorie zu einem prestigeträchtigen Turnier zugelassen worden, was das Vertrauen in den Wettbewerb untergräbt. Betrug, schrieb Carlsen, sei „an existential threat to the game." Niemann klagte auf 100 Millionen Dollar Schadensersatz; die Klage wurde später fallen gelassen.

Chess.com veröffentlichte kurz darauf, dass das Unternehmen über die Jahre Hunderte von Spielern auf Meisterebene beim Schummeln erwischt hatte, darunter Dutzende Großmeister und vier Spieler aus den Top 100.

Eine Kampagne und ihre Folgen

Der frühere Weltmeister Vladimir Kramnik startete daraufhin eine eigene Offensive gegen mutmaßliche Online-Betrüger. Er veröffentlichte statistische Analysen und Listen mit Namen – ohne formelle Anschuldigungen, wie er betonte, aber mit der Wirkung von Anschuldigungen. Wer auf einer solchen Liste stand, litt.

Der tschechische Großmeister David Navara, allgemein als ehrlicher Spieler angesehen, schrieb öffentlich über die psychischen Folgen, die sein Erscheinen auf Kramniks Liste hatte. Er bat FIDE um Konsequenzen – ohne Ergebnis. Die Kampagne, schrieb er, habe ihn an den Rand des Suizids gebracht.

Im Oktober 2025 starb der neunundzwanzigjährige amerikanische Großmeister Daniel Naroditsky in seinem Haus in Charlotte, North Carolina. Die Behörden stellten später fest, dass eine undiagnostizierte Herzerkrankung, verschlimmert durch Drogenkonsum, die Todesursache war. Kramniks Feldzug hatte Naroditsky in den Monaten davor belastet, wie seine Mutter Elena öffentlich erklärte. Unter dem Druck der Gemeinschaft kündigte FIDE an, Kramniks Verhalten durch das Ethikkomitee prüfen zu lassen.

Das unlösbare Dilemma

Hinter dem Fall Kramnik verbirgt sich eine strukturelle Frage, auf die die Schachwelt noch keine Antwort hat. Wer Betrüger nur bei eindeutigen Beweisen bestrafen will, lässt viele ungeschoren. Wer die Beweisschwelle senkt, riskiert, Unschuldige zu treffen – mit möglicherweise schwerwiegenden Folgen für Karriere, Ruf und psychische Gesundheit. Beides zugleich zu vermeiden erscheint kaum möglich.

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