Ist das die Form seines Lebens? Hat er ein neues Leistungslevel erklommen? Sicher ist: Matthias Blübaum hat als dritter deutscher Spieler der Geschichte die 2700-Elo-Marke überschritten. Nach seinem Sieg am Mittwoch in der neunten Runde des Tata Steel Chess über Weltmeister Gukesh ließ Blübaum tags darauf einen Sieg über WM-Kandidat Anish Giri folgen. Mit einem Rating von 2701,2 steht er jetzt auf Rang 32 der Live-Weltrangliste. Mit Arkadij Naiditsch und Vincent Keymer bildet Blübaum das Trio der Deutschen, die diese Weltklassemarke erreicht haben.

Als Nummer elf der Setzliste ins Turnier gegangen, spielt Blübaum dank seiner 2805-Performance drei Runden vor Schluss in Wijk an Zee um den Turniersieg mit. Spitzenreiter Nodirbek Abdusattorov kam in der zehnten Runde über ein Remis nicht hinaus. Der Usbeke führt das Weltklassefeld mit 6,5 Punkte weiter an. Blübaum ist Teil eines Trios, das ihm mit einem halben Punkt Abstand im Nacken sitzt.

Vincent Keymer hat sich derweil mit einem Sieg über Arjun Erigaisi zurückgemeldet, steht jetzt bei fünf Punkten. Im Qualifiers hat Christian Glöckler seine Fabel-Serie fortgesetzt und seine Führung ausgebaut. Nach einen hart erkämpften Endspielsieg über den tschechischen IM Stepan Hrbek steht Glöckler drei Runden vor Schluss bei 6 Punkten aus 6 Partien, 1,5 Zähler vor dem einzigen Verfolger Henry Edward Tudor aus Rumänien.
Im Interview mit Fiona Steil-Antoni führte Matthias Blübaum seinen Sieg vor und gab einige Einblicke. Das Gespräch, übersetzt und redaktionell bearbeitet:
Matthias, Glückwunsch zu zwei Siegen in Folge. Gestern hast du den Weltmeister geschlagen, heute Anish Giri. Du stehst jetzt bei sechs Punkten aus zehn Partien vor dem letzten Ruhetag. Wie fühlst du dich nach diesem zweiten Sieg hintereinander?
Ja, natürlich ist das großartig. Zwei solche Partien in Folge gegen zwei solche Spieler zu gewinnen, davon hätte ich ehrlich gesagt nicht einmal geträumt. Ich wollte in beiden Partien eigentlich nur solide spielen. Aber beide Gegner haben versucht, mich zu überrumpeln – und das ist nach hinten losgegangen.
Anish hat heute mit 1…g6 eröffnet. War das schon eine kleine Provokation?
Mehr als eine kleine. Das ist nicht sein normaler erster Zug. Normalerweise ist er extrem solide und unglaublich schwer zu besiegen. Nach 1…g6 war klar: Er will mit Schwarz auf Gewinn spielen. Ich war ehrlich gesagt auch froh über den Kampf. Das passt ja eigentlich nicht zu seinem soliden Stil. Hier ist er bewusst Risiko eingegangen, und das fand ich gut.
Hast du daran gedacht, mit 2.e4 zu antworten, um zu sehen, was er vorhat?
Ich bin ziemlich sicher, dass er meine Partien kennt und weiß, dass ich nie e4 spiele. Ich bin einfach kein e4-Spieler. Davor habe ich zu viel Angst.
Heute sah es eigentlich nach einer starken Partie aus, aber als wir eben schon kurz gesprochen haben, klangst du weniger zufrieden.
Nach der Partie habe ich kurz mit Anish reingeschaut und die Enginebewertungen gesehen. Danach war ich weniger glücklich. Vorher hatte ich gedachte: Wow, ich habe ihn einfach zerlegt, eine fantastische Partie. Jetzt sehe ich: Wir haben beide die Stellung falsch eingeschätzt.
Wie kam es dazu?

Erstmal war mir nach der Zugfolge mit …c5 klar, dass er auf diese Stellung abzielt, eine sehr modische Variante. Er kennt meine Online-Partien, in denen ich fast immer 7.dxe6 spiele. Hier habe ich kurz überlegt, weil ich wusste, dass ich in Vorbereitung laufe. Aber 7.dxe6 gefällt mir prinzipiell, weil es die Stellung öffnet. Und Schwarz will es ja geschlossen halten, seinen König nach c7 fahren und sich wohlfühlen. Online spiele ich nach 7…Lxe6 fast immer 8.Tb1, das empfiehlt auch die Engine. Hier bin ich minimal abgewichen mit Ld3 und Se2.
Also bewusst nicht das spielen, was er erwartet?
Genau. Alles nach 8.Tb1 hatte er sich wahrscheinlich tief angeschaut. Darum habe ich ein wenig variiert, auch wenn es im Kern derselbe Aufbau bleibt. Im elften Zug war ich mir nicht sicher, was zu tun ist. 10.f4 sah prinzipiell aus.

Strukturell ist es problematisch, aber Läuferpaar.
Deswegen: angreifen, die Stellung weiter öffnen. Ich kann ihn ja nicht 1…g6 spielen und dann leicht gewinnen lassen. Das wäre sehr traurig. Also habe ich versucht, seine Partieanlage zu bestrafen. Später fühlte sich mein h3 und g4 logisch an. Aber vielleicht verstehe ich Schach einfach nicht richtig, der Engine gefiel diese Phase nicht so gut. Ich kann f5 spielen…

…sein Springer auf g7 ist schlecht, seine schwarzen Felder sind schwach, und wenn seine Dame auf h4 auftaucht, kann ich De1 spielen und die Damen tauschen. Die Engine mag trotzdem Schwarz lieber. Ich begreife das nicht.
15…h5 war der entscheidende Fehler?
Ja, danach wird es sehr schlecht für Schwarz. Er hatte gedacht, dass sein 20…Se7 alle Probleme löst, weil ich keine Abzüge habe. Aber ich hatte 21.Dxd6 vorhergesehen mit der Drohung Dxd7+ nebst dem Abzugsschach auf d3. Ohne dieses Detail würde es nicht funktionieren.

Nach dem Rückschlag in der achten Runde gegen Thai Dai van Nguyen bist du mit zwei Siegen gegen Gukesh und Giri stark zurückgekommen. Wie hast du den verpassten Sieg gegen Nguyen verarbeitet?
Erstmal Kompliment an meinen Gegner, der mit wenig Zeit maximal Probleme gestellt hat. Trotzdem, ich war extrem enttäuscht. Die Stellung war gewonnen, und ich hatte mehr Zeit auf der Uhr. Ich habe mich gefragt: Wenn ich nicht einmal diese Partie gewinne, welche dann? Normalerweise wird man in solchen Turnieren für verpasste Chancen bestraft. Umso erstaunlicher sind diese beiden Siege jetzt.
Du hast hier alle Partien gegen die anderen WM-Kandidaten absolviert: Sieg gegen Giri, Remis gegen Praggnanandhaa, Niederlage gegen Sindarov, 50 Prozent. Hast du jetzt ein besseres Gefühl für das, was im April auf dich zukommt?
Nicht wirklich. Ich habe genug gegen Topspieler gespielt, um zu wissen, wie gut sie sind. Und ich verstehe natürlich, dass ich heute auch gewonnen habe, weil er die Partie sehr scharf angelegt hat. Beim Kandidatenturnier wird er vielleicht ganz anders auftreten. Trotzdem, ich habe gut gerechnet. Und ich müsste jetzt die 2700-Marke überschritten haben. Das endlich zu schaffen – mit zwei solchen Siegen – , das ist etwas Besonderes für mich. Ich hing so lange um 2670 Elo fest.
Hast du schon mit der Vorbereitung auf das Kandidatenturnier begonnen?
Ein bisschen, aber das Meiste kommt nach diesem Turnier. Das dürfte für alle Kandidaten ähnlich sein. Nach Wijk aan Zee beginnt die eigentliche Arbeit.
Morgen ist Ruhetag. Hast du besondere Pläne?
Ausruhen. Das Turnier ist lang, zehn Runden sind gespielt, drei kommen noch. Ich hoffe, ich kann es gut zu Ende bringen.
Starke Leistung und Glüchwunsch!
Ein bisschen schade, dass sie trotz Engine-Check nicht auf 13…Dh4 eingegangen sind, da dort wirklich schöne Varianten entstehen, z. B.
14.g;h g,h 15.f5 Tg8+ 16.Kh2 Se5 17.Sf4 Lc6 18.Tf3 De1!! (einziger Gewinnzug), wie von Daniel King angemerkt. Auch beim Live Kommentar wurde 13…Dh4 viel diskutiert.
Aber auch völlig verständlich, dass man das selbst hinterher nicht auf dem Schirm hat, da die Varianten unmenschlich sind und Giri zudem gerade De7 gespielt hatte.
Die Variante mit dem Damenopfer, die Matthias zeigt, erinnert mich ein wenig an Vaganian – Planinc, Hastings 1974