„Ich dachte schon, dass ich nie wieder eine Schachpartie gewinne“, sagte Matthias Blübaum. Natürlich war es nicht so einfach, wie es der Engine-Balken aussehen lässt, aber die Zahlen waren eindeutig gewesen: plus vier gegen Erigaisi, plus fünf gegen Nguyen. Umso einfacher ist es, sich vorzustellen, wie sehr diese beiden verpassten Chancen am Selbstvertrauen und der Stabilität nagen mögen – und das vor der Schwarzpartie gegen den Weltmeister. Was macht Matthias Blübaum nach zwei Nackenschlägen? Liefert eine Galavorstellung ab.

Mit den schwarzen Steinen hat der deutsche WM-Kandidat in der neunten Runde des Tata Steel Chess Gukesh besiegt. 5 Punkte hat er nun gesammelt, liegt einen Zähler hinter dem führenden Nodirbek Abdusattorov und einen Zähler vor Vincent Keymer, der nicht nur als deutsche Nummer eins, auch als Nummer eins der Setzliste ins Superturnier an der niederländischen Küste gegangen war. Keymer handelte sich in der neunten Runde eine krachende Niederlage gegen Jorden van Foreest ein.
Blübaum hatte vor der Partie eine solche in erster Linie vermeiden wollen. „Solide sein“, sei sein Plan vor der Partie gegen den Champion gewesen, verriet er hinterher im Gespräch mit dem in Wijk als Kommentator tätigen Bundestrainer Jan Gustafsson. Ganz anders der Inder. Schon im zweiten Zug wich Gukesh Blübaums russischer Verteidigung aus, wollte jegliche Symmetrie vermeiden und war wenig später immer noch bemüht, Gewinnchancen zu erhalten, wo Schadensbegrenzung und möglichst schnelles Abmoderieren angezeigt gewesen wären.
„Er will immer unbedingt gewinnen, das ist halt sein Stil“, erklärte Blübaum hinterher. Diese Attitüde führte dazu, dass Blübaum nach rund 20 Zügen vor einer „strategischen Traumstellung“ saß, wie es Gustafsson formulierte. Diesmal zog Blübaum das Ding durch, eine Partie, die Erinnerungen an das Grand Swiss weckte: nominell überlegene Gegner, die zu viel wollen und dafür bestraft werden.
Im Hinblick auf das Kandidatenturnier im April sagt Blübaum, es sei jetzt in Wijk zweitrangig, etwaige Eröffnungsideen vor den Gegnern zu verbergen. Wichtiger findet er, in einem Weltklasseumfeld ein gutes Turnier zu spielen, um dann mit Selbstvertrauen in den Kampf gegen die sieben anderen WM-Kandidaten zu ziehen. Bislang spielt er ein so gutes Turnier, dass er schon zum zweiten Mal sein persönliches Elo-Hoch verbessert hat. Blübaum steht jetzt bei 2695,1 – und zeigt den 2750ern dieser Welt erneut, dass die Brechstange gegen diesen vermeintlich nicht sehr starken Spieler der falsche Ansatz ist.
Blübaum im „Masters“ ist nicht der einzige Deutsche, der in Wijk glänzt. Zwei Etagen darunter, im „Qualifier“, dessen Sieger 2027 ins „Challengers“ aufsteigt, steht Ausnahmetalent Christian Glöckler jetzt bei 5 Punkten aus 5 Partien. Es waren bei weitem keine klinischen, auch keine klaren Siege, aber es waren Siege, und davon fünf am Stück gegen 2400er.
Anlass, sich zurückzulehnen, hat Glöckler nicht. Vier Runden vor Schluss macht Henry Edward Tudor (14) aus Rumänien, der andere Wunderknabe im Feld, weiter Druck. Tudor hat zwar gegen Glöckler verloren, aber alle anderen Partien gewonnen. Weniger gut läuft es für den anderen Deutschen im Feld. Johannes Carow war in der vierten Runde drauf und dran, Glöckler eine strategische Lehrstunde zu erteilen, verlor noch und ziert nach fünf Runden mit einem Punkt das Tabellenende.