Frauen sollten auf dem Klo spielen, hat Anni Laakmann einmal von Robert Hübner zu hören bekommen. Gemeint war, weil sie so schwach seien. Während der Schacholympiade 1978 in Buenos Aires revidierte der Großmeister sein Urteil. Zumindest was das deutsche Frauenteam betrifft.
Damals spielte Laakmann am ersten Brett. Barbara Hund und Gisela Fischdick waren wahrscheinlich schon stärker, doch die Stuttgarterin pochte auf ihre Erfahrung und ihre vier deutschen Meistertitel. Ihre Taktik, „vorne remis abklammern, damit die jungen Wilden hinten siegen“, ging auf. Das Frauenteam wurde Dritter.

Barbara Hund erinnert sich, wie sie nach der Landung in Deutschland zusammen zum Zeitungsladen gingen. Da würde doch sicher über ihren sensationellen Erfolg berichtet. Von wegen. Nur in einer Zeitung war es erwähnt – als Nachsatz zum Abschneiden der deutschen Männer, die Vierter wurden. Die Nationalspielerinnen sahen sich wieder zu einem Schaukampf gegen Schachcomputer. Laakmann riet Hund, möglichst ruhig und solide zu spielen, dann würde sie ihre Partie sicher gewinnen. Hund hat nicht auf sie gehört.
Anni Laakmann war im Schach eine Spätstarterin. Erst mit Ende zwanzig blieb sie durch einen einige Jahre älteren Bekannten an dem Spiel hängen. (Der Name des Mannes soll hier ungenannt bleiben, Anm.d. Red.). Der seit kurzem verwitwete Besitzer einer kleinen Baufirma war begeistert, dass eine Frau sich für Schach interessierte und ermutigte sie, dass sie Talent habe und es weit bringen könne. Gemeinsam verbrachten sie ganze Wochenenden am Brett. Sie spielten nicht nur, sondern gingen auch Lehrbücher durch und studierten Eröffnungsvarianten. Bald war sie genau so stark wie er. Um diese Zeit, 1967, gründete ihr Schachpartner zusammen mit anderen früheren Mitgliedern der Stuttgarter Schachfreunde im Norden der Stadt den Mönchfelder Schachverein. Laakmann ließ sich ein wenig Zeit, bis sie ein paar Monate später beitrat. Ein Jahr darauf war sie Vereinsmeisterin. Später scherzte sie, dass sie ja einen Verein brauchte, um deutsche Meisterin werden zu können.

Ihr Schachpartner fuhr sie nun oft zu Turnieren am Wochenende. Manchmal spielte er selbst mit, manchmal schaute er ihr zu. Die Leute tuschelten über das unverheiratete Paar. Aber sie verband tatsächlich nur die Leidenschaft für das Spiel. Beide dachten später gern und viel an diese Zeit zurück. 1970 wurde Laakmann das erste Mal deutsche Meisterin. Sie wurde das Gesicht des Mönchfelder Vereins, der sich bald in der Landesliga etablierte.
Ihr Schachpartner sorgte mit Zuwendungen dafür, dass es dem Verein an nichts fehlte. Dass er SS-Untersturmführer gewesen und nach Kriegsende erst einmal untergetaucht war, wussten seine Angehörigen, aber nicht die Schachfreunde. Als er seine spätere zweite Frau kennenlernte, begann er, sich langsam vom Schach zurückzuziehen.

Auch Anni Laakmann hatte mit ihrer Vergangenheit gebrochen, aber auf andere Weise. Ihre Wissbegier war in ihrem Elternhaus am Niederrhein nicht gefördert worden. Weil sie mehr wollte als Landarbeit und Heiraten, zog sie jung aus. Einige Jahre tourte sie mit einem Lebensabschnittsgefährten quer durch die Bundesrepublik und lebte vom Verkauf von Briefkästen. Weil die Bundespost die Zustellung gewöhnlicher Versandsachen an der Haustür beendete, war die Nachfrage groß. Sesshaft wurde sie in Stuttgart, wo sie eine Stelle im Ausschank der Straßenbahner-Kantine annahm. Sie lernte kochen, bestand die Meisterprüfung und arbeitete sich über die Jahre bis zur Kantinenleiterin hoch.
Die Arbeit, sie blieb dort bis zur Rente, gab ihr Sicherheit. Schach eröffnete ihr die Welt. Sie kam weit herum, hatte Freundinnen in der ganzen Bundesrepublik und quer durch Europa. Sechs Schacholympiaden spielte sie. Als sie vor zwei Jahren von der Tochter ihres verstorbenen Schachpartners angerufen wurde, schwärmte sie über die tolle Zeit, die sie damals hatte.

Nach der Kantinenarbeit gab Laakmann den Kindern der Straßenbahner Schachunterricht. Eines der Kinder war Harald Hahn. Durch seine Schachlehrerin kam auch er zum Mönchfelder Verein. Den gäbe es nach seinen Worten ohne sie längst nicht mehr. Sie holte aus ihren Schachgruppen den Nachwuchs heran, anfangs von den Straßenbahnern, später vom Eschbach-Gymnasium. Für die Kinder erfand sie das „Pfannkuchen-Turnier“. Während der Spiele backte sie auf einer Crêpe-Platte, bis die Kids abwinkten. Außer allen unter zwölf lud Laakmann auch Mütter und andere Frauen dazu ein. Ein anderes Mönchfelder Event, „Schach-in-den-Mai“, versorgte sie noch bis ins hohe Alter mit selbstgemachten Kartoffelsalat für die meist rund achtzig Teilnehmer.
Für Harald Hahn war Laakmann wie ein Familienmitglied. Sie bestärkte ihn, studieren zu gehen. Er machte sich als Steuerberater selbständig. Als seine Tochter zur Welt kam, wurde Laakmann ihre Patin. Eigene Kinder hatte sie nicht und blieb ledig. Sie hielten auch noch Kontakt, als ihr das Spielen zu beschwerlich wurde. Vor ein paar Jahren zog sie ins betreute Wohnen. Zuletzt war sie fast blind. Ihre geliebten Bücher, 3000 waren es zuletzt, konnte sie nicht mehr lesen. In den letzten Wochen besuchte Hahn sie so gut wie täglich im Krankenhaus. Am 18. September ist Anni Laakmann mit 88 Jahren gestorben. Am 20. Oktober begleiteten sie ihre Schachfreundinnen und Schachfreunde auf ihrem letzten Weg.
Stefan Löfflers Recherchen zu diesem Beitrag haben ein ausführliches Interview mit der Frauen-Nationalmannschaft von 1982 zutage gefördert. Es zeigt, wie unterschiedlich die Bedingungen für Spielerinnen in Ost und West waren, wie tief gesellschaftliche Rollenbilder im Schach verankert waren (sind?) und wie selbstverständlich Interviewer und Spielerinnen damit umgingen. Vieles wirkt heute befremdlich, die Frage zu „emotionalem Analysieren“ etwa. Gleichzeitig sprechen die Spielerinnen nüchtern über strukturelle Nachteile, fehlende Förderung und ihre Position im internationalen Vergleich – ungefilterte Eindrücke, lesenswert.