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Anni Laakmann (1937–2025)

 

Nachruf: Anni Laakmann (1937–2025)
Quelle: Deutscher Schachbund – „Wir trauern um Anni Laakmann“ (20. Oktober 2025)

Anni Laakmann, eine der prägenden Persönlichkeiten des westdeutschen Schachs, ist am 18. September 2025 im Alter von 88 Jahren gestorben. Sie gehörte zu jener Generation, die das Schachspiel in Deutschland – insbesondere unter Frauen – entscheidend voranbrachte.

Laakmann begann erst mit 29 Jahren Schach zu spielen und wurde schon vier Jahre später, 1970, Meisterin von Württemberg-Hohenzollern. In den folgenden Jahren gewann sie viermal die Deutsche Meisterschaft der Frauen (1970, 1972, 1974, 1976). Zwischen 1972 und 1982 vertrat sie Deutschland sechsmal bei Schacholympiaden, darunter 1978 in Buenos Aires, wo das westdeutsche Team sensationell Bronze gewann – der erste und bis 2025 einzige Mannschaftserfolg deutscher Spielerinnen bei einem großen Turnier.

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Neben ihren Erfolgen am Brett engagierte sich Laakmann früh für den Schul- und Jugendschach im Raum Stuttgart und organisierte zahlreiche Turniere. Für ihre Verdienste erhielt sie die Silberne Ehrennadel des Schachverbands Württemberg sowie 1982 die Silberne Ehrennadel des Deutschen Schachbundes.

Die gelernte Küchenmeisterin lebte in Stuttgart und blieb bis ins hohe Alter Mitglied des Mönchfelder SV 1967. Der Deutsche Schachbund würdigt sie als „eine der zentralen Figuren des westdeutschen Schachs“ und erinnert dankbar an ihre sportlichen Erfolge und ihr Engagement für die Schachgemeinschaft.

Interview aus der "Schach heute" 


"Nicht so wichtig, daß der Mann Schach spielt"

SH – Gespräch mit der deutschen Damenmannschaft in Luzern ’82

Anni Laakmann, mehrfache Deutsche Meisterin und Olympiateilnehmerin, erzählt uns vom Rückflug aus Buenos Aires 1978, wo die deutschen Damen die Bronzemedaille errangen. „Jede von uns“, sagt sie mit belustigter Stimme, „hielt eine Tageszeitung in der Hand und guckte nach den Schlagzeilen. Wir dachten: dritter Platz – das ist eine Sensation! – darüber müssen sie ’was berichten! Aber nix in der Zeitung!“ Irgendwo stand ganz groß, daß unsere Männer den vierten Platz belegten, und dann winzig klein darunter: „Die Damen erreichten den Dritten“. Die Stuttgarterin lacht, als wollte sie sagen „Mensch, war’n wir damals noch naiv!“ Anni Laakmann ist von Beruf Küchenmeisterin – kein Wunder, daß sie so resolut wirkt! Zum Schach ist sie erst mit 29 Jahren gekommen, also vor rund 16 Jahren. Seit 1976 widmet sie sich nebenher der Jugendarbeit, um den Nachwuchs für das Frauenschach zu fördern. Zu wenig Zeit für eigenes Theoriestudium – da spielt sie lieber gleich unbefangen auf, natürlich auf Matt!

Petra Feustel, Internationale Meisterin, vor drei Jahren von „drüben“ – aus der Leipziger Gegend – gekommen, studiert Deutsch und Geschichte in Mannheim. Es ist ihre erste Olympiade, und obwohl der Bruch mit der DDR passé ist, ist sie hier in Luzern manchmal wehmütig: sie denkt oft an frühere Olympiaden, bei denen sie nicht starten durfte und traurig sein mußte, weil sie wieder einmal nicht dabei sein konnte. In Leipzig wurde sie von den Besten systematisch trainiert. Sie hat eine Vorliebe für systematische, objektive Partienverwertung. Sie baut ihre Eröffnungstheorie unter anderem auf russische Partien auf. Petra freut sich über ihren „intellektuellen Studienaufenthalt“ in Luzern: viele Exkursionen, Kultur und Umwelt – deutsch kühl, sachlich, objektiv, aber mit Herz – der Banknachbar kennt das aus der Schule.

Neben ihr sitzt die vielgefeierte deutsche Großmeisterin, die erst 23jährige Barbara Hund. Barbara sieht man an, daß das Interview, das wir vorhaben, eine Geschichte mit einer so charmanten Person zu führen, sie zunächst nervös macht. Aber wie es dann losgeht, ist das Tonband schon bald vergessen. „Wenn ich schachlich etwas mache, so mache ich es schön“, ruft Barbara und lacht. Mathematik ist für sie nicht nur Studium, sondern sie sagt ganz selbstverständlich: „Das ist für mich ein Hobby.“ Ihr scheint das Leben sonst so schwer, daß sie sich an dem leuchtenden, klaren Fach Mathematik festhält. „Fahradfahren und Schwimmen“ nennt sie als weitere Hobbys, doch ein überdurchschnittlich gutes Gedächtnis für Varianten hat sie auch im Schach entwickelt. In ihren Partien liebt sie komplizierte taktische Stellungen, weniger die technischen Endspiele. Für die SF München spielt sie in der 2. Bundesliga am ersten Brett.

Last not least, Gisela Fischdick, die häufig in einem Atemzug mit Barbara Hund genannt wird. Gisela Fischdick wirkt stiller, unauffälliger, aber ihre fachlich-kombinatorischen Fähigkeiten sind hervorragend. Schon im Büchlein über die Forschungen zur Zähigkeit des Menschen, das sie sich extra gekauft hat, kann sie sich festbeißen. Sie wirkt sehr gründlich, fleißig und konzentriert. Wenn sie eine Menge Schachwissen hat, dann mit Nachdruck: „Meine größte Schwierigkeit“, sagt sie, „ist es, mit Enttäuschungen umzugehen.“ Ihre Hauptsache ist ein umfassendes Stellungsverständnis. „Ich verabscheue“, sagt sie, „das Auswendiglernen von Varianten – die Beweglichkeit des Spiels ist eine große Ergänzung.“ Gisela Fischdick, die vier Internationale Normen erfüllt hat, spielt an Brett 2 in der 2. Bundesliga bei Rochade Bielefeld.


Interview-Teil

SCHACH-HEUTE: Nach 10 Runden auf Rang 3, die meisten starken Ostblock-Mannschaften haben Sie schon gehabt, sind Sie mit Ihrem bisherigen Abschneiden zufrieden?

FISCHDICK: Mit den großen sowjetischen Mannschaften sind wir noch gar nicht fertig geworden, aber im großen und ganzen bin ich ganz zufrieden. Ich habe in den ersten Runden schlecht gespielt, aber in den letzten Runden ganz gut, so daß ich unterm Strich zufrieden bin.

HUND: Ich bin auch ganz zufrieden. Ich habe zwar nicht so viele Gegner wie ich gern gehabt hätte, aber die Partien, die ich gespielt habe, waren im allgemeinen ganz ordentlich. Ich gewinne zwar manchmal, weil die Gegner dann noch irgendwo ’nen Fehler machen, aber im großen und ganzen habe ich das Gefühl, daß ich spielerisch nicht schlechter geworden bin. Nur die Vorbereitung ist etwas kurz gekommen, da habe ich wieder Pech gehabt. Ich habe aus dem Grunde ’n bißchen falsch angefangen.

SCHACH-HEUTE: Und Sie, Frau Feustel?

FEUSTEL: Ja… leider kann ich das nicht verhindern. Daß ich allgemein sagen muß, daß ich manchmal auf Gewinn stehen kann, aber dann doch keine Punkte mache. Da kann ich vielleicht sagen, daß ich manch­-

mal schon ganz gute Stellungen habe, die ich dann einfach irgendwie nicht führe. In der DDR bin ich es gewöhnt gewesen, wenn ich gut vorbereitet bin, zu gewinnen. Hier spiele ich z.B. gegen Crotto, wo Frau Laakmann sagte: „Da gab’s ein einzügiges Matt“, ich hab’s aber nicht gefunden. Ich habe mich auf einen ganz anderen Zug konzentriert und bin dann auch prompt in Zeitnot geraten.

SCHACH-HEUTE: Wie steht’s bei Ihnen, Frau Laakmann, in puncto Zufriedenheit?

LAAKMANN: Wer ist schon zufrieden? Das ist, glaube ich, überhaupt kein Schachspieler. Aber ich sag’s ehrlich: ich spiele sehr schlecht, weil ich keine Spielpraxis habe, keine Zeit zu Turnieren, keine Zeit zum Lernen. Ich bin berufstätig und ziemlich eingespannt.

FISCHDICK: Ich meine, daß im Prinzip eine schachliche Vorbereitung so wie ein Turnier aussehen sollte, für alle Teilnehmer mindestens ein bis zwei Wochen Trainingslager. Das wird zum Beispiel in den Ostblockländern so gemacht. In Rußland – die haben drei Wochen Trainingslager vorher gemacht. Mit einer solchen Vorbereitung würde man sicherlich besser abschneiden, das ist ganz klar. Das ist einer der Gründe, warum es für uns einfach nicht möglich war.

LAAKMANN: Wir haben das vor Malta mal gemacht…

FISCHDICK: … aber nur kurz…

LAAKMANN: … ja, nur kurz, aber trotzdem habe ich da recht gut gespielt.

SCHACH-HEUTE: Wissen Sie, wie das Trainingsprogramm für die russischen Spielerinnen aussieht?

FISCHDICK: Das ist nicht nur ein schachliches Trainingsprogramm, sondern auch ein psychologisches vor allen Dingen. Die machen Konditionstraining, und – wie ich meine – auch autogenes Training, auf jeden Fall spielen sie viel mehr.

HUND: Konditionstraining mache ich auch – das kann ja jeder freiwillig machen!

FISCHDICK: Ja – aber wenn du es im Programm hast, ist es alles viel besser.

SCHACH-HEUTE: Worauf gründet sich Ihrer Ansicht nach die Überlegenheit der Spielerinnen aus dem Ostblock hauptsächlich?

LAAKMANN: Na, so überlegen sind sie gar nicht mehr. Wir sind ihnen schon überlegen, aber die zwei können gut mithalten, da war einmal! Sehen Sie zum Beispiel auch die Franzosen oder die ganze schwedische Mannschaft, die ist mit vorne und ich finde, die sind alle ganz schön stark.

SCHACH-HEUTE: Gegen die UdSSR, Polen und Bulgarien hat Ihre Mannschaft verloren, gegen Ungarn und Rumänien unentschieden gespielt. Sind die Ostblockspielerinnen nicht doch noch theoretisch versierter?

LAAKMANN: Die haben natürlich mehr Zeit zum Lernen, wahrscheinlich auch noch mehr Zeit als unsere Studentinnen.

HUND: Die Russinnen haben zwar theoretische Kenntnisse und sind insofern besser vorbereitet zu spielen, aber man weicht halt ab und dann sind sie nicht stärker, wenn Stellungen entstehen, die sie nicht nach dem Buch gelernt haben.

FISCHDICK: Ja, das würde ich auch sagen.

FEUSTEL: Was die Anni vorhin sagte, daß die drüben mehr Zeit haben, das glaube ich nicht, jedenfalls was die Studenten angeht.

LAAKMANN: … in der DDR ist es nicht so…

SCHACH-HEUTE: Haben Sie Kontakte zu Spielerinnen aus dem Ostblock?

FISCHDICK: Zu Spielerinnen aus Rumänien und Jugoslawien, eigentlich weniger zu den Russinnen – die kapseln sich doch sehr ab.

SCHACH-HEUTE: Frau Feustel, kann man sagen, daß die Frauen in der DDR schachlich besser gefördert werden als bei uns?

FEUSTEL: Ja, auf jeden Fall – da ist es auch wirklich üblich, daß die Männer, sagen wir mal in Leipzig oder Halle, also in den Zentren, daß die sich am Trainingsabend mit den Frauen hinsetzen und sich mit ihnen beschäftigen. Die machen mit denen quasi mehr als mit sich selbst.

SCHACH-HEUTE: Das Damenschach ist allgemein im Aufschwung, aber Sie spielen im Unterschied zu den Herrenmannschaften nur an drei Brettern. Stört Sie das eigentlich?

LAAKMANN: Vor sechs Jahren, in Haifa, wurde noch an zwei Brettern gespielt.

SCHACH-HEUTE: Das war ja weniger ’ne Mannschaft als ein Tandem…

FISCHDICK: Das lag früher einfach daran, daß es wesentlich weniger Spielerinnen gab. Das wird immer mehr und vielleicht gibt es auch in Zukunft, hoffe ich, vier Bretter wie bei den Männern. Eine ungerade Zahl wirkt sich auch ungerecht bei der Farbverteilung aus.

SCHACH-HEUTE: Könnten Sie sich für gemischte Mannschaften von Männern und Frauen begeistern?

HUND: Wenn einfach nur Bretter für Frauen hinten ’rangehängt würden, so daß die Frauen hinten dranhängen und mehr oder weniger uninteressant sind, weil man eigentlich nur an den vorderen Brettern interessiert ist und nachher die Männermannschaft mit einer starken Spielerin im Vorteil wäre – da fände ich es doch besser, wie bisher zu trennen.

FISCHDICK: Es soll so etwas gemacht werden, ich glaube, Herr Kinzel hat den Vorschlag angeregt, daß zwischen den Olympiaden eine Weltmeisterschaft ausgetragen wird an zehn Brettern, darunter zwei Damenbrettern. Das fände ich schon interessant, wenn die Frauen dann auch mit integriert würden und nicht nur „mitgespielt“ wird. Die Männer haben so und so gespielt, und die Frauen werden dann nur am Rande erwähnt. So liest man es ja oft in den Zeitungen. Wenn das gleichberechtigt wäre, was die Damen machen – dann müßte man das zwangsläufig auch erwähnen!


FEUSTEL: Die haben im Jahr keine fünf Monate Ferien, wie das hier der Fall ist, so war’s bei mir damals auch. Sieben, acht Wochen im Jahr… ist das Höchste! Nur müßte man jetzt einschränken. Die gibt es drüben natürlich auch Frauen, die spielen nur Schach, z.B. in Rumänien. Wenn die eine gewisse Leistungstärke haben, dann wird ihnen eingeräumt, daß sie Schach entweder beruflich ausüben oder am Tag nur drei oder vier Stunden arbeiten müssen.

FISCHDICK: Wer da talentiert ist, der wird doch gefördert, der kriegt Geld, einen Trainer, sonstige Unterstützung, das gibt’s doch bei uns alles überhaupt nicht.

SCHACH-HEUTE: Haben Sie Kontakte zu Spielerinnen aus [dem] Ostblock?

FISCHDICK: Zu Spielerinnen aus Rumänien und Jugoslawien, eigentlich weniger zu den Russinnen – die kapseln sich doch sehr ab.

(Anm.: diese Frage–Antwort-Doppelung steht im Original so ähnlich auf Seite 22 noch einmal, ich lasse sie hier so stehen.)

SCHACH-HEUTE: Frau Feustel, kann man sagen, daß die Frauen in der DDR schachlich besser gefördert werden als bei uns?

FEUSTEL: Ja, auf jeden Fall – da ist es auch wirklich üblich, daß die Männer, sagen wir mal in Leipzig oder Halle, also in den Zentren, daß die sich am Trainingsabend mit den Frauen hinsetzen und sich mit ihnen beschäftigen. Die machen mit denen quasi mehr als mit sich selbst.

SCHACH-HEUTE: Ist das Damenschach im allgemeinen im Aufschwung, aber Sie spielen im Unterschied zu den Herrenmannschaften nur an drei Brettern. Stört Sie das eigentlich?

LAAKMANN: Vor sechs Jahren, in Haifa, wurde noch an zwei Brettern gespielt.

SCHACH-HEUTE: Das war ja weniger ’ne Mannschaft als ein Tandem…

FISCHDICK: Das lag früher einfach daran, daß es wesentlich weniger Spielerinnen gab. Das wird immer mehr und vielleicht gibt es auch in Zukunft, hoffe ich, vier Bretter wie bei den Männern. Eine ungerade Zahl wirkt sich auch ungerecht bei der Farbverteilung aus.

(Bildunterschrift Seite 22:)
ANNI LAAKMANN, PETRA FEUSTEL, BARBARA HUND UND GISELA FISCHDICK IN LUZERN


SCHACH-HEUTE: Wie ist denn der Kontakt zur Herrenmannschaft hier in Luzern, sind Sie viel zusammen?

FISCHDICK: Der Kontakt ist recht intensiv dadurch, daß wir zusammen im Hotel wohnen, zusammen essen und abends häufig zusammensitzen, also insgesamt ist eine sehr gute Harmonie.

SCHACH-HEUTE: Wie ist die Stimmung im Vergleich zur Olympiade in Malta? Da haben Sie ja im Bungalow gelebt und mußten sich selbst verpflegen. Bei den Damen soll es im Gegensatz zu den Herren kaum Probleme wegen der Abwaschordnung gegeben haben…

FISCHDICK: Ja, das wurde alles durchgesprochen – auch, wer die Eier kaufte, das war das Problem… Es hat schon Spannungen gegeben, aber das liegt einfach daran, wenn man zusammen in einer Wohnung lebt, gibt’s immer mal Probleme. Aber das ist jetzt hier nicht mehr der Fall und da sind wir alle recht froh drüber.

SCHACH-HEUTE: Haben Sie das Ziel oder den Wunsch, Schach in den nächsten Jahren professionell zu betreiben?

HUND: Ich möchte schon Schach spielen, aber ich kann es nicht so nebenher machen und gleichzeitig studieren. Ich studiere, da ist es ein bißchen schwierig. Ich möchte erst mal das Studium beenden und dann ist die Frage, ob ich danach einen Job finde. So gesehen – ich weiß es nicht! Ich habe früher immer davon abhängig gemacht, wie meine Großmutter werden, aber jetzt kann ich das davon nicht mehr abhängig machen.

FEUSTEL: Ich glaube, während des Studiums ist es wohl für jeden etwas schwierig, Schach als Profisport zu betreiben, es sei denn, daß man das Studium derartig schleifen läßt, daß es irgendwann darunter leidet. Ich glaube, daß es dann zehn Jahre dauert, bis man später im Beruf so eingearbeitet ist, daß man Schach noch nebenher machen kann. Darüber hinaus wäre für’s Schach überhaupt nichts getan.

FISCHDICK: Bei mir ist es ähnlich. Ich bin mit meinem Studium nächstes Jahr fertig und möchte dann die Zeit im Beruf am Anfang nutzen, und das ist mir wichtiger. Aber ich würde es nie richtig professionell betreiben, denn ich möchte von Schach eigentlich gar kein Profi sein. Wenn ich Schach intensiv betreiben würde, dann müßte ich reisen und an Turnieren teilnehmen. Ich bin als Studentin schon viel gereist – darauf dann gezielt Geld zu verdienen, ist unmöglich!

SCHACH-HEUTE: Spielen dabei Überlegungen mit hinein, daß es viele – vielleicht sogar mehr – familiäre Gründe gibt, warum man eine Karriere für’s Schach abbricht?

HUND: Wieso? Dann hat man ja gerade Zeit. Normalerweise hat man ja nichts zu tun…

SCHACH-HEUTE: Der Mann geht arbeiten, die Frau spielt zu Hause Schach?

FISCHDICK: Ich bin der Meinung, daß nicht so sehr die Kinder daran schuld sind, sondern der Beruf. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum viele Frauen aufhören.

SCHACH-HEUTE: Können Sie sich vorstellen, mit einem Mann zusammenzuleben, der nicht Schach spielt?

FISCHDICK: Natürlich!

FEUSTEL: Das wäre vielleicht sogar besser. Die Voraussetzung dafür wäre nur, daß er dafür Verständnis hat, daß man vielleicht wochenlang weg ist. Aber ich glaube, es kann ganz gut sein, wenn zwei Gegensätze da sind.

FISCHDICK: Man darf auf keinen Fall so denken, daß die Leute, die nicht Schach spielen, schlechtere Menschen wären, das ist absurd! Die kommen gar nicht mit Schach in Berührung. Die kommen gar nicht mit denen in Kontakt und sagen: mit denen wollen wir nichts zu tun haben.

SCHACH-HEUTE: Frau Hund, wären Sie gern mit einem Schachspieler verheiratet?

HUND: Dazu kann ich nichts sagen. Ich bin jetzt mit jemandem befreundet, der spielt zwar kein Schach, und das ist ganz gut.

SCHACH-HEUTE: Dem haben Sie’s erst beigebracht?!

HUND: Nein, der konnte schon ’n bißchen, ist nur nicht so aktiv. Ich meine, es hat viele Vorteile, wenn man mit einem Schachspieler befreundet ist. Ich kenne auch viele Probleme, die auftreten, wenn man häufig auf Schachturnieren ist – vielleicht sieht man sich dann nur relativ selten. Der Vorteil ist natürlich: wenn man einen starken Schachspieler hätte, hätte man gleichzeitig auch ’nen Trainer!

FISCHDICK: Also, ich war bisher immer nur mit Schachspielern befreundet, auch jetzt. Das hat sich so ergeben, aber ich finde eigentlich nicht, daß das so wichtig ist. Es gibt andere Dinge, die wichtig sind.

HUND: Man lernt hauptsächlich Schachspieler kennen, aber ich habe noch keinen erlebt, der überhaupt kein Schach spielt. Die Mathematiker, die ich kenne, spielen auch Schach. In diesem Nebenjob sind die meisten, und die akzeptieren es sogar, daß ich besser bin – die machen vielleicht etwas anderes besser…

SCHACH-HEUTE: Neigen Frauen im Schach stärker als Männer dazu, sich von ihren Gefühlen leiten zu lassen, analysieren sie weniger?

HUND: Ich sehe da keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Das ist allgemein: wenn ich analysiere, dann analysiere ich vernünftig und nicht emotional.

LAAKMANN: Es gibt auch Männer, die emotional analysieren, und es gibt Männer, die sehr gut analysieren.

SCHACH-HEUTE: Wer zum Beispiel?

LAAKMANN: Hecht ist einer, der sehr gut analysiert.

SCHACH-HEUTE: Emotional?

LAAKMANN: Nein, sehr gut – logisch, trocken…

SCHACH-HEUTE: Kennen Sie jemanden, der weniger emotional analysiert?

LAAKMANN: Ja, Spasski zum Beispiel. Aber ich war lange nicht mehr bei seinen Partien, ich kann nicht sagen, aber er ist gern möchte.

SCHACH-HEUTE: Das Emotionale muß ja auch nicht prinzipiell dem Logischen widersprechen.

FISCHDICK: Es ist aber ein weitverbreitetes Vorurteil, daß Frauen gar nicht logisch analysieren könnten. Wenn man zum Beispiel unsere Herrenmannschaft sieht: im Grunde genommen denken alle, die Frauen haben keine Ahnung. Wenn man Schach als Wissenschaft betrachtet, dann denken die Männer, das könnten sie damit klar kriegen. Das Künstlerische dagegen, das Kreative, wird den Frauen häufig abgesprochen. Schade, denn ich möchte mich dazu gern noch ausweiten. Vielleicht können Sie uns etwas dazu sagen, was Sie von der Frauenbewegung halten?

FISCHDICK: Ich finde es gut, daß es sie gibt, aber ich würde mich nicht selbst engagieren.

HUND: Ich sehe das auch so, ich persönlich fühle mich nicht benachteiligt.

FISCHDICK: Ich denke, es ist – wir gehören zu den Frauen, die ihren Platz und ihre Aufgabe in der Gesellschaft schon haben. Da ist die Bewegung für die Frauen da, die diesen Platz noch suchen, die vielleicht in der Gesellschaft keine Funktion oder keinen Platz haben und sich da eben diskriminiert fühlen.

SCHACH-HEUTE: Frau Laakmann, Sie haben doch diesbezüglich Ihre Erfahrung…

LAAKMANN: Warum eigentlich soll ich mich mit der Frauenbewegung befassen? Ich bin eigentlich total emanzipiert, schon immer! Ich bin selber Chef, ich nehme Männer unter mich – aber es war gar nicht so schwer, nach oben zu kommen, das muß ich schon sagen. Es ist aber auch manches noch nicht in Ordnung. Es gibt viele Männer, die ihre Frauen ausnutzen, die die gleiche Arbeit machen wie die Männer und trotzdem weniger Geld bekommen. Die ganze Bewegung hängt da irgendwo in der Luft.

FEUSTEL: Ich würde schon sagen, es hilft schon – zumindest stärkt sie das Selbstbewußtsein der Frauen!

LAAKMANN: Ja, sie hat einen gewissen Einfluß in die Kreise der Männer, aber das ist auch schon alles!

SCHACH-HEUTE: Zum Schluß noch eine Frage zum Schach: Frau Hund, werden wir möglicherweise später einmal ein großes Match von Ihnen sehen?

HUND: Das kann man nicht wissen. Meine jüngste Schwester, die jetzt schon manchmal sehr ehrgeizig und manchmal sehr gut spielt, ist eine gute Liste. Ich glaube, die wird mal stärker werden als ich. Ich weiß nicht, ob sie mich irgendwann mal im Wettkampf überholt.

SCHACH-HEUTE: Gibt es jemanden in Ihrer Familie, der kritisiert, daß zuviel Schach gespielt wird?

HUND: Ja – sicher! Manchmal meint meine Mutter, daß wir zuviel Schach spielen. Der eine Bruder hat wieder verloren, der andere spielt die ganze Zeit und dann wird gesagt: „Ihr denkt nur noch an Schach!“

SCHACH-HEUTE: Wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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