Gemeinschaftlich erklärter Quark

Die fünf Funktionäre, die jetzt in einem Berliner Büro ihre „gemeinsame Erklärung“ unterschrieben haben, sind offenbar unzureichend mit der deutschen Sprache und der Satzung des Deutschen Schachbunds vertraut. In der Erklärung steht: „Das Präsidium des DSB verpflichtet sich, bis spätestens Mitte August 2026 einen außerordentlichen Bundeskongress durchzuführen, der als Tagesordnungspunkt insbesondere eine Wahl des Präsidentenamtes beim DSB ab Abschluss dieses Bundeskongresses beinhaltet.“

Wie, bitte? Es gilt, eine Präsidentin oder einen Präsidenten zu wählen. Das Präsidentenamt steht nicht zur Wahl. Es existiert seit vielen Jahren und wird über 2026 hinaus existieren. Einen Tagesordnungspunkt „Wahl des Präsidentenamtes“ hat es in der bald 150-jährigen Geschichte unseres Verbands nie gegeben.

Nicht die einzige Ungereimtheit: Die Satzung des DSB regelt in Paragraf 29, dass während des Bundeskongresses die Delegierten das Präsidium wählen. Keinesfalls ist vorgesehen, dass nach dem Ende des Kongresses gewählt wird – logisch, wie sollte das gehen. Aber genau diese sinnbefreite Reihenfolge suggeriert die Berliner Erklärung: „…Wahl … ab Abschluss dieses Bundeskongresses…“.

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Erst einen Kongress, und wenn der abgeschlossen ist, wählen wir ein Präsidentenamt (was immer das bedeuten mag)? Natürlich meinen Michael S. Langer, Ingo Thorn und Paul Meyer-Dunker nicht, was in dem von ihnen unterschriebenen Dokument steht. Sie sind am Ende ihrer Sitzung an der Aufgabe gescheitert, in aller Klarheit aufzuschreiben, was sie beschlossen haben.

Möglich ist, dass sich Ingrid Lauterbach beim Unterzeichnen klammheimlich ins Fäustchen gelacht hat. Sie hätte Anlass, den jetzt gemeinschaftlich erklärten Quark als nichtig zu betrachten. Wenn sich der Berliner Erklärung irgendetwas klar entnehmen lässt, dann der Umstand, dass Lauterbach an ihrem Amt hängt und es, wenn überhaupt, so spät wie möglich abgeben will.

In einem Berliner Büro haben sich jetzt (von links) Michael S. Langer, Ingo Thorn, Ingrid Lauterbach, Alexander von Gleich und Paul Meyer-Dunker getroffen, um zu beraten, wie es weitergeht auf der Baustelle Schachbund-Chefetage. | Fotos via NSV, BSB, DSB

Gipfel, Kongress und lahme Ente

Alle paar Monate reisen im organisierten Schach auf Kosten der Beitragszahler ein paar Dutzend Delegierte durch die Lande, treffen sich irgendwo und richten auf Kosten der Beitragszahler, oft auch der Spitzensportler, einen Schlamassel an. „Kongress“ oder, zunehmend selten, „Hauptausschuss“ nennen sich diese Veranstaltungen. Wer – abseits diverser Peanuts – nur die nicht gewollten DSAM-Hotelprovisionen, den Mondpreis für Mitgliederverwaltung/DWZ-Berechnung und die Fennerschen Luftbuchungen addiert, landet bei einem Betrag von weit mehr als einer Million Euro, den uns das Schaffen unserer reisefreudigen Verantwortlichen in der jüngeren Vergangenheit gekostet hat.

2024, wahrscheinlich Rekord, gab es sogar drei Kongresse. Die Berliner Erklärung stellt jetzt sicher, dass auch 2026 eifrig gereist und verwaltet wird. Erst treffen wir uns im Mai in einer noch zu benennenden Stadt zum Hauptausschuss. Warum wir aus diesem Ausschuss nicht einen Kongress machen, dort ein Präsidium wählen, und dann ist endlich Ruhe – ungeklärt. Vielleicht zu einfach?

Wenig später, im Juli, treffen wir uns in Dresden zum Schachgipfel. Diese Gipfel waren von DSB-Präsident Ullrich Krause einst konzipiert als Treffen der gesamten Schachfamilie, also derjenigen, die Schach spielen, und derjenigen, die es verwalten. Die DSB-Kongresse sollten Teil des Gipfels sein, um einen Berührungspunkt zwischen Schachsport und Schachverwaltung zu schaffen.

Der Gipfel in Dresden 2026 schreit förmlich nach einem DSB-Kongress: Die Veranstaltung findet in einem Kongresszentrum statt, und sie steht unter der Überschrift „100 Jahre Schachkongress“. Warum wir trotzdem 2026 nicht in Dresden einen Kongress machen, dort ein Präsidium wählen, und dann ist endlich Ruhe – ungeklärt. Vielleicht zu einfach?

Nach dem pleitebedingten Gipfel-Aus 2023 beginnt 2026 in Dresden ein neuer Versuch, eine Gipfeltradition herzustellen.

Stattdessen wollen wir uns ein paar Wochen später, im August, schon wieder treffen, um in einer noch zu benennenden Stadt einen Kongress zu veranstalten. Wahrscheinlich werden wir dort ein neues Präsidium wählen, aber sicher ist auch das nicht. Vielleicht, siehe oben, machen wir Mitte August erst einen Kongress, und nach dessen Abschluss treffen wir uns noch einmal, um ein Präsidentenamt zu wählen? So steht es jedenfalls in der Berliner Erklärung.

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Aber gehen wir im Sinne der fünf Unterzeichner:innen davon aus, dass sie nicht meinen, was sie öffentlich erklärt haben. Dann gilt: Für bis zu neun Monate beschert uns die „Berliner Erklärung“ eine lahme Ente als Präsidentin.

Und wer soll es jetzt machen?

Nicht diese Erklärung markiert den Anfang vom Ende Lauterbachs Präsidentschaft, sondern der Hauptausschuss Anfang Oktober 2025 in Hofgeismar. Nachdem Lauterbach beim Kongress im Mai 2025 auf der Zielgeraden das Fotofinish gegen Präsidentschaftskandidat Paul Meyer-Dunker gewonnen hatte, prallten in Hofgeismar die Fronten umso heftiger aufeinander. Es ging unter anderem um Details der außerordentlichen Kündigung von Geschäftsführerin Anja Gering, die Frage, seit wann sie angebahnt war, und wer dazu welche Wahr- oder Unwahrheiten verbreitet hat. Dem Vernehmen nach führte das vergiftete Klima bei einer Mehrheit der Delegierten zur Überzeugung, dass es so nicht weitergeht.

Es geht los! Die Hauptausschuss-Sitzung des DSB findet zurzeit in Hofgeismar statt. 34 stimmberechtigte Delegierte sind vor Ort – oder online zugeschaltet. Die Sitzung ist nicht öffentlich, wir werden noch heute ausführlich über unsere Kanäle berichten.

Deutscher Schachbund (@schachbund.bsky.social) 2025-10-04T07:36:16.058Z
Vor der Aufregung über die Kündigung der Geschäftsführerin war in Hofgeismar erst Aufregung über einen DSB-Mitabreiter, der einen Clip aufnahm. Wahrscheinlich dachten viele Delegierte, die nichtöffentliche Sitzung komme jetzt im Fernsehen. Danach war Aufregung ob der Intention der DSB-Öffentlichkeitsarbeit, Zitate der Delegierten einzusammeln. Einige Landesfürsten haben (verständlich) ohnehin wenig Interesse daran, ihren Mitgliedern über ihre Arbeitsleistungen und ihr Stimmverhalten bei Kongressen oder Hauptausschüssen Rechenschaft abzulegen. Für nicht öffentliche Schachverwaltungsversammlungen gilt das umso mehr.

Seitdem lief im Hintergrund ein emsiges Strippenziehen, um einen Weg zu finden, wie es denn weitergehen könnte – und das ohne Lauterbach. Die aber hatte der Kongress gerade erst für zwei Jahre gewählt, und sie ist wahrscheinlich bis heute überzeugt, dass es am besten mit ihr weitergehen sollte. Im Laufe der folgenden Wochen geisterten so viele Namen aus der Mottenkiste des organisierten Schachs durch den Buschfunk, dass Schlimmstes zu befürchten war.

Entweder war es Lauterbachs Widerstand oder fehlende Wucht der Gegenseite – so oder so, der Versuch, möglichst bald und reibungslos einen Schnitt und Neuanfang zu machen, ist vorerst gescheitert. Da trotzdem sicher zu sein scheint, dass Lauterbach aufhört, steht ab sofort die Frage im Raum, wer es machen soll. Die stellt sich beim Schach öfters. Vor knapp fünf Jahren beschrieb diese Seite die Anforderungen an einen DSB-Präsidenten so: „Jemand, der starke Teams mit starken Leuten um sich schart, jemand, dem Selbstverwaltung nicht reicht, jemand, der kein Amt mehr braucht, jemand, hinter dem sich alle vereinen können, jemand, der von Verbands-Klein-Klein unbelastet ist und doch nach Schach riecht. Der integriert, aber nicht beliebig ist. Jemand mit Gravitas und Substanz.“

Tja.

Es gibt solche Leute im Schach, aber mit Verbandsdingen wollen sie in aller Regel nichts zu tun haben. Und wer könnte es ihnen verdenken? Der traurigste Aspekt an Bilanz und Gebaren vergangener Präsidien und Kongresse besteht darin, dass die Reihe der Fehl- und Nichtleistungen einen Schatten auf die Mehrheit derjenigen wirft, die sich auf mittleren und unteren Hierarchieebenen als Referent:innen oder Beauftragte mit Leidenschaft und Tatkraft für unseren Sport einsetzen. Draußen heißt es trotzdem „der DSB“, und der gilt in erster Linie als peinlich.

„Der DSB“, eines von unzähligen Beispielen. „Der DSB“ hat in den vergangenen Jahren so viel Geld versenkt, dass er jetzt betteln gehen muss, wenn sich unerwartet einer von uns fürs Kandidatenturnier qualifiziert. In Wirklichkeit besteht „der DSB“ mehrheitlich aus engagierten, tatkräftigen Leuten, aber in der öffentlichen Wahrnehmung haften sie mit für das, was vergangenene Präsidien und Kongresse angerichtet haben.

„Andere verantwortlich machen, wenig Selbstreflexion“ hat vor dem Berliner Treffen Michael S. Langer in einem Interview Ingrid Lauterbach vorgeworfen, wahrscheinlich nicht zu Unrecht. Der Vorwurf ließe sich auf das gesamte höchste Gremium des Verbands ausweiten. Ein Tagesordnungspunkt „Selbstreflexion und Verantwortlichkeit“ beim DSB-Kongress ist seit dem selbstgemachten Kollaps Anfang 2024 überfällig, eine grundsätzliche Reform des Konstrukts auch. Aber jetzt müssen wir erstmal einen neuen Präsidenten finden. Oder eine Präsidentin.

Juni 2021: Als klar war, so geht es nicht, aber das Personalreservoir keine Alternativen hergab.

An dieser Stelle könnten bange Erinnerungen an den Juni 2021 wach werden, als sich dem Kongress die Frage stellte, wer unter Marcus Fenner das neue Präsidium bildet. Immerhin: Die Delegierten waren sich sicher, dass es so, wie es ist, nicht geht, aber Alternativen hatten sie in monatelanger Suche nicht gefunden. Auf den Gedanken, dass der Fisch am Kopf stinkt, waren sie trotz erdrückender Indizien nicht gekommen. Am Ende wurde ein DSB-Präsidium ausgewürfelt – mit dem bekannten Ergebnis.

Diesmal könnte es besser laufen. Wer in den vergangenen Wochen das Ohr am Schachfunk hatte, weiß, dass schon ein:e Kandidat:in für die Lauterbach-Nachfolge bereitsteht, womöglich jemand, die oder der den oben aufgeführten Anforderungen gerecht wird. Da diese Seite diese Person nicht gefragt hat, um sich die Ambition bestätigen zu lassen, sei der Name verschwiegen. Dem Vernehmen nach wird er trotzdem sehr bald öffentlich. Bei einer Schachseite soll schon für die kommenden Tage eine als „Interview“ getarnte Kandidaturverkündung bestellt sein.

Neben der Präsident:innenfrage steht die nach der Geschäftsführung. In dieser Angelegenheit scheint es weniger gut zu laufen. Vier Wochen nach der Ausschreibung der Stelle seitens des Schachbunds hat Finanzchef Alexander von Gleich jetzt auf LinkedIn noch einmal nachgelegt:

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Thomas Richter
Thomas Richter
13 Tage zuvor

Ich versuche es mal mit gesundem Menschenverstand statt semantischer Wortklauberei: Die Erklärung mag kurios formuliert sein, die Beteiligten sind auch alle keine Juristen (das ist Conrad Schormann auch nicht). Aber es ist doch klar, was gemeint ist: „Wahl des Präsidentenamtes“ bedeutet nur, dass sie da nicht irgendwie gendern wollten – streng genommen machen sie es doch. Und „ab Abschluss dieses Bundeskongresses“ bezieht sich auf den Zeitpunkt, wann die (derzeit noch unbekannte) Person das Amt übernimmt und ausübt, nicht auf den Moment der Wahl – natürlich während dem Kongress (vielleicht einziger Tagesordnungspunkt, vielleicht gibt es auch wieder einige bis viele Anträge).… Weiterlesen »

Joschi
Joschi
13 Tage zuvor

Dann spekulieren wir einmal ganz eifrig: Pähtz for president. Oder Raj Tischbierek wäre auch lustig …
Bleibt nur zu hoffen, das sich keiner findet, der die kafkaeske Erklärung unterzeichnet hat. Mr. Meyer-Dunker lässt sich wohl nicht so schnell seine Ambitionen (oder Illusionen) austreiben.

Kommentierender
Kommentierender
13 Tage zuvor

Das Präsidentenamt existiert nicht „seit 1877“, sondern erst seit der in Wiesbaden erfolgten Gründung des Deutschen Schachbundes am 5. Februar 1950. 1877 wurde mit Hermann Zwanzig ein „Generalsekretär“ gewählt, sein Nachfolger Max Lange führte die Bezeichnung „Bundesverwalter“. Danach wurde der damalige DSB bis zur Gleichschaltung 1933 von einem „1. Vorsitzenden“ geleitet. Die hochtrabende Bezeichnung „Präsident“ ist eine Schöpfung der Nachkriegszeit.

Tara
Tara
13 Tage zuvor

D-A-N-K-E-!

Uwe Böhm
Uwe Böhm
13 Tage zuvor

Ich finde die Vereinbarung dubios. Ist denn der Antrag auf Einberufung eines außerordentlichen Bundeskongresses zurückgezogen worden? Wenn nein, dann wäre das ja ein Verstoß gegen die Satzung. In der steht (§ 17 Absatz 2): „Ein Bundeskongress muss einberufen werden, wenn das spätestens sechs Monate vor dem nächsten vorgesehenen Kongress der Hauptausschuss oder das Präsidium durch Beschluss oder mindestens fünf Mitgliedsorganisationen verlangen (Außerordentlicher Bundeskongress). Ein Bundeskongress auf Verlangen von Mitgliedsorganisationen ist binnen zwei Monaten einzuberufen und muss innerhalb von zwei Monaten nach der Einberufung stattfinden.“  Die Einberufung sollten nicht lediglich 5 Organisationen verlangen können. Das ist viel zu wenig. Das sollte… Weiterlesen »